Das Altern der Jungfrau

Copyright Filmwelt Verleihagentur

Make the world Greta? Nicht der letzte Dokumentarfilm über Greta Thunberg: "I am Greta"

Die Religion selbst findet keineswegs im Jenseits statt.

Niklas Luhmann

Greta Thunberg ist ein unverstandenes globales Phänomen und zugleich ein Spiegel, in dem sich unsere Gegenwart in ihrer ganzen Ignoranz, ihrer Brutalität und, auch das, in ihrer Lernfähigkeit erkennen kann.

Thomas Assheuer, Die Zeit, 15.10.2020

Als das Kind Kind war, wußte es nicht, daß es Kind war, alles war ihm beseelt, und alle Seelen waren eins.

Peter Handke

Letztendlich ist Greta Thunberg ein "no nonsense girl". Wer das nicht glaubt, kann sich mal das neueste Interview mit dem Klima-Weltstar in den Tagesthemen vom vergangenen Donnerstag, dem 16. Oktober, ansehen. Man erlebt da eine Greta, die nicht fanatisch wirkt, sondern ruhig und gelassen. Die aber auch nie lacht, sondern so ernst ist, wie es das Thema erfordert - wie eine Klosterschülerin. Nicht von dieser Welt. Schließlich geht die ja auch bald unter.

Copyright 2020 B-­_Reel Films AB

In Nathan Grossmanns Dokumentarfilm "I'm Greta" ist das anders. Es war nur eine Frage der Zeit, wann es den ersten Dokumentarfilm über das schwedische Schulmädchen geben würde, dessen "Schulstreik fürs Klima" zum Auslöser der globalen Fridays for Future-Bewegung wurde und sie selbst zu deren Gesicht. Jetzt gibt es ihn, aber Grossmann bietet neben Allzubekanntem, auch interessante ungewöhnliche Bilder und intime Einblicke.

Zugleich hat der Film heute einen ungewöhnlichen Effekt, der für die Wahrnehmung von Greta Thunberg und der globalen Klima-Bewegung noch sehr wichtig werden wird: Das gute halbe Jahr in dem Greta corona-bedingt unter dem Radar der Öffentlichkeit lebte, sind für ein pubertierendes Mädchen eine sehr lange Zeit. Greta hat sich körperlich verändert, das kindliche Püppchengesicht, das perfekt das Welpen-Schema bediente, ist länglich geworden und schlanker, erwachsener. Greta wirkt nicht mehr "süß" und kindlich.

Insofern ist "I am Greta", weil er das alles nicht mehr zeigt, bereits veraltet.

"Private" Momente sind nicht privat

Dafür war dieser Film von Anfang an dabei. Schon an einem der ersten Tage im August 2018, als Greta Thunberg ihren "Schulstreik fürs Klima" begann - die Kamera zeigt sie von fern, aber ein Mikrophon lauscht ganz nahe mit, als Greta sich mit einer älteren Dame unterhält, die ihr rät, doch besser in die Schule zu gehen, als zu streiken.

Kurz darauf sieht man ein anderes, besonders schönes Bild: Sie sitzt da wirklich allein - oder scheinbar allein - auf den Straßen Stockholms und winkt einem kleinen Mädchen zu, das sie anguckt.

Scheinbar allein - denn die Kamera ist immer dabei. Schon dieser frühe Moment der Anfänge der öffentlichen Karriere von Greta Thunberg, die sie zum Weltstar der Klimaretter-Bewegung machten, zeigen die Ambivalenz, die diesen guten, sehr interessanten Dokumentarfilm im weiteren Verlauf durchzieht: Einerseits lernt man hier eine Greta kennen, die man bisher nicht kannte. Nämlich ein fröhliches Kind von gerade mal 15 Jahren, das ihre Hunde liebt, das in freien Minuten gern tanzt, das sehr viel lacht und ausgelassen sein kann und auch ihrer medialen Präsenz und der öffentlichen Greta gegenüber ironische Distanz wahrt.

Copyright Filmwelt Verleihagentur

Auf der anderen Seite sieht man die mediale Inszenierung. Denn so authentisch Greta hier auch sein mag, so sind diese "privaten" Momente eben nicht privat, sondern immer von einer Kamera begleitet, und von Greta und ihren Eltern für die globale Öffentlichkeit freigegeben. Das mag ohne böse Absicht geschehen sein - aber bestimmt nicht zufällig.

Wir sehen gerade in diesem Film nämlich auch, wie intelligent Greta ist, wie wach und selbstbewusst. Sie selbst beschreibt ihre Auftritte in der UNO und anderen Orten sehr schnell als "Rollenspiel" und als "fake". Sie durchschaut die Mechanismen der Öffentlichkeit. Und das offenbar von Anfang an. Denn Mikrophon und Kamera waren ja schon an den ersten Tagen dabei.

Propaganda und demokratische Defizite

Dies ist ein gut gemachter Propagandafilm. Nathan Grossmanns Film macht von Anfang an klar, wo er steht. Deshalb kann man sich hier als Zuschauer auch selber platzieren: Denn über die Grundhaltung von Greta der Welt gegenüber kann man mit guten Gründen streiten.

Es ist nämlich ein bisschen zu einfach, wenn sich eine 15-jährige hinstellt und behauptet, dass alle anderen von nichts eine Ahnung haben, nur sie selbst. Niemand verstehe irgendwas. Man begreift hier auch, dass Greta mit Demokratie nicht so viel am Hut hat. So sagt sie:

"Menschen sind Herdentiere und ich muss die Herde führen, ich muss die Herde warnen."

Copyright Filmwelt Verleihagentur

Sätze wie "We will not stop until we are done" kann man noch unschuldig verstehen. Den hohen Ton ihrer Reden und Gretas Rechthaberei mag man noch als normale Arroganz der Jugend abtun, obwohl der heilige Ernst und die tragische Gewissheit, das Sendungsbewusstsein bei Greta auch immer wieder Züge des Fanatismus annehmen.

Es ist die Unbedingtheit einer Hypermoral, die die Gewissheit in sich trägt, an einer tieferen Wahrheit teilzuhaben und Botschaften höherer Mächte zu verkünden. Dazu kommen der Puritanismus des Entweder-Oder und der naive Glaube an einfache Lösungen.

Greta hat eine Mission, sie duldet keinen Widerspruch - das fasziniert die Erwachsenenwelt - aber mehr als ästhetisches Phänomen, denn als politisches: Ein Flair von Sadomasochismus, Hauch von Klima-Diktatur, das ist ein Thrill, einen solchen Menschen mit fanatischem Glauben hat man lange nicht erlebt.

"Gewiss sind Emotionen unvermeidbar"

Auch sonst behält der Dokumentarfilm des Schweden, der Thunberg sogar auf ihrem berühmten Segeltörn über den Atlantik persönlich begleitete, immer den Sinn für die Ambivalenzen seines Themas: Etwa wenn er das Plakat eines Greta-Fans zeigt, auf dem zwar "It's time to rebel" geschrieben steht, dann aber das dazugehörige Bild Greta mit einer Krone zeigt - Rebellen, die neue Königinnen krönen.

Mitunter ist sich dieser Film auch ein bisschen zu sicher, was gut und richtig ist - das macht ihn nicht besser, sondern schlechter.

Umgekehrt ist es ja nicht falsch, was Vladimir Putin über Greta sagt, auch wenn dieses Statement im Film eingesetzt ist, um die Heldin auf einen noch höheren Sockel zu stellen, und Putin zum bösen Wolf zu machen:

"Niemand hat Greta erklärt, dass die moderne Welt komplex und vielfältig ist, und sich schnell entwickelt. Dabei wollen Menschen in Afrika und in vielen asiatischen Ländern auf dem gleichen Wohlstandsniveau leben, wie in Schweden. Wie lässt sich das machen? Soll man sie zwingen Sonnenenergie zu nutzen... Hat ihr jemand erklärt, wie viel Geld das kostet? ... Gewiss sind Emotionen unvermeidbar. Aber wenn wir dennoch effizient sein wollen, müssen wir professionell sein. Ich bin mir sicher: Greta ist ein gutherziges und sehr aufrichtiges Mädchen, aber Erwachsene müssen alles Mögliche tun, um Kinder nicht in extreme Situationen zu treiben. Wir müssen sie vor übermäßigen Emotionen schützen, die ihre Persönlichkeit zerstören können."

Es gibt dann diesen einen Moment, der von Putins Statement eingeleitet wird, an denen die Bösen oder die sogenannten Bösen der Welt aufmarschieren Trump, Bolsonaro, und andere der üblichen Verdächtigen. Auch schmieren die Filmemacher - oder waren es die Fernseh-Redakteure? - oft zu viel Kitschmusik unter die Bilder, die diese nicht nur nicht nötig haben, sondern die ihnen schaden.

Copyright Filmwelt Verleihagentur

Greta erzählt, dass sie jahrelang eine Außenseiterin war. Manchmal fragt man sich hier, ob das ganze Klima-Ding nicht auch eine Form der Rache Greta Thunbergs an der Welt ist, in der sie zuvor als Außenseiterin gemobbt wurde. Oder eine Form der Therapie.

Models for Future?

Nur über seine Bilder, nie über seine Texte, verrät dieser Film aber einiges. Zum Beispiel, dass Fridays for Future ganz und gar ein Phänomen eines ganz bestimmten Typus junger Mädchen ist. Es ist immer der gleiche Typ junger Frau (nie ein Mann), der FdF-Sprecherin ist: Sehr bürgerlich, sehr gebildet, sehr hübsch, sehr charmant, geradezu mit Model-Appeal: Anuna De Wever, Adélaïde Charlier Jasmijn Defize, Jada Kennedy, Lola Segers, Kallan Benson, Anna Taylor, Nike Mahlhaus, Hilda Flavia Nakabuye, Genesis Butler und die Deutsche Luisa Neubauer.

Greta ist die Ausnahme. Sie ist nicht modeltauglich, sie ist nicht charmant, sie ist nicht witzig und einnehmend. Als sie noch ein Kind war, war das ihr Trumpf. Aber Greta ist jetzt älter.

In jedem Fall wusste hier jemand von Anfang an: Das wird ein ganz großes Ding - und begann den Film. So gesehen ist die ganze Greta-Sache vielleicht doch wieder nicht ganz so unschuldig, wie man es gerne hätte. (Rüdiger Suchsland)