Das Anrollen

Kampfradler im Frühling 2012

Beim Thema Straßenverkehr kochen die Gemüter bekanntlich hoch, und die Internet-Foren werden gefüllt mit Kommentaren hoch emotionaler Menschen, die Ihre Sicht der Dinge ausführlich darstellen müssen. Da stört auch nicht, dass nebenbei die eigene Währung zusammenbricht und die Rettungspakete immer größer werden - beim Thema Straßenverkehr muss wild diskutiert und geschimpft werden. Und wenn dann der deutsche Verkehrsminister im April 2012 auch noch den Begriff "Kampfradler" in den Medien platziert, erreicht des Volkes Fieberkurve ein neues All-Time-High. Ein kleiner Blick ins Archiv genügt, um festzustellen, dass Herr Dr. Ramsauer und seine PR-Strategen praktisch die gleiche Aussage fast auf den Tag genau 1 Jahr zuvor schon in einer anderen mittelgroßen regionalen Tageszeitung platzierten. Der Verdacht einer gewissen Methodik, rechtzeitig zu Beginn der Fahrradsaison mahnend den Zeigefinger zu heben und sich öffentlichkeitswirksam in den Vordergrund zu schieben, drängt sich auf - aber so ist nun mal die Politik.

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Das mediale Nachbeben war 2012 jedoch größer denn je. Zahlreiche Berichte in TV, Radio und Print, ergänzt um unzählige Kommentare und Forenbeiträge im Internet. Die Meinungen schwankten in der Regel zwischen pauschal 100% gegen Radfahrer oder pauschal 100% gegen Autofahrer. Allein die Fokussierung auf diese zwei Gruppen von Verkehrsteilenehmern zeigt die beschränkte Sicht des durch Dr. Ramsauer emotionalisierten Volkes. Alle Radfahrer fühlten sich scheinbar gewaltig auf den Schlips getreten, selbst die, die sich ja selbst immer an alle Verkehrsregeln halten. Herr Ramsauer wurde als "stets chauffierter Autolobbyist" verschrien, der eine "gemeine Hetzjagd" startete, obwohl er bei den Kampfradlern stets von einer leider wachsenden Minderheit sprach - sprich: die Mehrheit der regeltreuen Radfahrer hatte keinerlei Grund, sich zu echauffieren.

Sigmund Freud hätte wahrscheinlich seine wahre Freude daran gehabt, derart defensives Abwehrverhalten zu analysieren - man könnte zum Schluss kommen, viele haben sich offenbar ertappt gefühlt. Man war nicht mehr der kluge LOHAS und Gutmensch. Man war nicht mehr nur das raffinierte Cleverle, das sich einfach schneller durch die Stadt wieselt, weil man ja überall schnell durchkommt weil mehrere Augen öfters zugedrückt werden und im Zweifelsfall ohnehin stets anonym bleibt.

Besonders die Fahrradaktivisten des ADFC taten sich hervor, die Empörung zum Ausdruck zu bringen. Da wurde auf die allesamt bösen Autofahrer gezeigt, es wurde die schlechte Rad-Infrastruktur in den Städten (teilweise zurecht) beklagt und sich vor allem an dem Begriff Kampfradler gerieben. Das eigentliche Thema, die geringe Regelakzeptanz, das nicht vorhandene Unrechtsbewusstsein und die teilweise anzutreffende Aggressivität vor allem gegen Fussgänger wurde dabei komplett ausgespart. Eine Sprecherin des ADFC Hamburg erklärte in einem Fernsehbeitrag des NDR die Neigung zu Regelverstößen unabsichtlich sehr anschaulich "…da sind so viele Hindernisse, da will man nicht immer anhalten, und dann hat man eben die Schnauze voll und fährt einfach so drüber".

Ein weiterer Sprecher der Fahrrad-Lobbyisten ging sogar in die totale Verweigerungshaltung und äußerte, es gebe überhaupt keine Kampfradler. Nun bevor man sich dieser Frage sachlich widmet, wäre zunächst zu klären: Was ist denn ein Kampfradler überhaupt ? Eine wissenschaftliche Definition existiert nicht, deshalb hier ein erster Versuch: Ein Kampfradler ist ein Fahrradfahrer, welcher v.a. im Stadtgebiet seine Wegstrecke und seine Geschwindigkeit rein egoistisch und fahrzeitoptimierend wählt, ohne Rücksicht auf andere Verkehrsteilnehmer sehr häufig die Verkehrsregeln, insbesondere Vorfahrtsregeln, Ampelschaltungen, Nutzungsge- und Verbote missachtet, und dabei fahrlässig, grob fahrlässig oder gar vorsätzlich das Unfallrisiko für sich und für andere Verkehrsteilnehmer unnötig erhöht und im Fall verbaler Äußerungen anderer Verkehrsteilnehmer äußerst aggressiv und schwer beleidigend regiert.

Gibt’s es solche Radfahrer nun ? Natürlich gibt es sie - und zwar eine ganze Menge. Sie missachten sämtliche Regeln der Straßenverkehrsordnung und des zivilisierten menschlichen Miteinanders im Allgemeinen. Sie fühlen sich als gefährdete Unterdrückte im Straßenverkehr und gleichen dies durch einen militanten Opferstolz aus - zum Leidweisen anderer, noch schwächerer Verkehrsteilnehmer wie z.B. Fußgängern auf Gehwegen, die ja gerne zum Abkürzen oder zum Ampel-Umfahren ungebremst mitgenutzt werden. Kurt Tucholsky hatte sicher die Situation von 2012 im Sinn, als er den Begriff der Radfahrer-Mentalität als Metapher für besonders opportunistisches Verhalten prägte: Nach oben buckeln und nach unten treten. Im Internet gibt es seit Februar eine ausführliche Sammlung von Artikeln, Beiträgen und Unfallberichten zu allen Fragen der Kampfradler-Seuche. Auf der Facebook-Seite und via Twitter wird dort regelmäßig der "Kampfradler des Monats" ausgezeichnet. Eine Preisverleihung, die darunter leidet, dass die Preisträger gerne §142 StGB ziehen (unerlaubtes Entfernen vom Unfallort) und lieber anonym bleiben möchten. Nun, ein Blick auf die Preisträger lohnt sich trotzdem:

Die erste Auszeichnung zum Kampfradler des Monats wurde im April nach Aalen in Baden-Württemberg vergeben. Dort spazierte ein 27-jähriger mit seiner hochschwangeren Freundin gerade über die kleine Kocherbrücke neben dem Stadtgarten. Gleichzeitig fuhr ein Radfahrer aus der Gegenrichtung kommend über die Brücke in den Stadtgarten ein. Obwohl die Brücke durch das Paar bereits in der Breite ausgeschöpft war, musste sich der Radfahrer beharrlich zwischen den beiden durchzwängen. Der 27-jährige brachte sein darauf Missfallen über die rücksichtslose Aktion zum Ausdruck. Die weckte scheinbar stark aggressives Verhalten beim Radfahrer aus. Er schlug den Fussgänger unvermittelt und wortlos mehrfach mit der Faust ins Gesicht.

Die Frau rief laut um Hilfe, worauf der Prügelritter vom Opfer abließ und radelnd das Weite suchte. Dem Opfer blieben Verletzungen am Auge, eine gebrochene Nase und eine erschrockene Hochschwangere. Die Polizei suchte aufgrund der Täterbeschreibung nach dem Täter. Ohne genau zu wissen, wie schnell der Radler war und wie der Weg ausgeschildert war (nur für Fussgänger freigegeben oder wahrscheinlicher eher ein gemeinsamer Geh-/Radweg) fällt ein endgültiges Urteil über das ursprüngliche Passieren der Fussgänger schwer.

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Dass aus einer solch alltäglichen Situation und einem Ansprechen durch den Fussgänger dann aber gleich ein dermaßen brutaler Gewaltakt werden muss, ist mehr als unverständlich und lässt tief blicken, was die Einstellung des Täters angeht. Die Flucht in die Anonymität rundet das Bild des unverantwortlichen und feigen Täters endgültig ab und repräsentiert die wachsende Minderheit der aggressiven Kampfradler hervorragend und liefert einen stellt einen würdigen Rüpel-Einstieg in die Frühsaison dar.

Der Preis für den Kampfradler des Monats April ging nach Nordrhein-Westfalen, nach Witten in den Stadtteil Bommern. Eine 43-jährige Smart-Fahrerin wollte vom Garagenhof eines Hauses nach links über den Gehweg auf die Straße abbiegen. Weil eine Mauer ihr die Sicht verstellte, tastete sich die Autofahrerin langsam aus der Ausfahrt. Trotz aller Vorsicht war ein Unglück jedoch schon vorprogrammiert. Auf dem Gehweg näherte sich ein 52-jähriger Radfahrer auf einem Mountainbike mit hoher Geschwindigkeit. Das hohe Tempo erreichte der Radler einerseits wegen der stark abschüssigen Strecke, andererseits wurde er durch seine 2 Huskies unterstützt, die das Rad zogen. Die Hunderasse wird häufig als Schlittenhund eingesetzt und braucht bekanntlich viel Auslauf.

Um nun einen Zusammenprall mit dem Smart zu vermeiden, musste der rauschende Gespannführer abrupt und kräftig bremsen und kam dadurch zu Fall. Die Hunde schleiften weiter fleißig das Mountainbike gen Tal und wurden erst gestoppt, als das Bike an einem Baum hängen blieb. Der Hunderadsportler selbst verletzte sich schwer am Kopf und musste ins Krankenhaus gebracht werden. Ob ein Fahrradhelm die Verletzungen gemindert hätte, ist hier nicht eindeutig zu beantworten - auf jeden Fall trug er keinen.

Auch wenn sich die Krankenkasse die Kosten für die grob fahrlässig herbeigeführte Behandlung sicher gerne gespart hätte, man darf froh sein, dass der Radler sich nicht schwerer verletzt hatte und die laufstarken Tiere keinen Schaden davontrugen. Ein Verwandter des verunglückten Radfahrers kümmerte sich nach dem Unfall um die Hunde. Warum der Herrchen mit hoher Geschwindigkeit ausgerechnet auf dem Gehweg fahren musste, ist wohl allein sein Geheimnis. Was passiert wäre, wenn ein Kind auf den Gehweg gelaufen wäre, will man sich besser nicht en detail ausmalen.

Ein besonderes Exemplar der Kampfradler-Spezies erfuhr sich den "Preis Kampfradler des Monats Mai" bereits am Tag der Arbeit in Armberg. Mit hoher Geschwindigkeit radelte der Protagonist durch die Fußgängerzone. Diese ist zwar seit 3 Jahren endgültig für Radfahrer freigegeben, aber eben mit der üblichen Vorgabe, maximal Schrittgeschwindigkeit zu fahren. Radfahrer sind somit Gäste in der Fußgängerzone und haben den Vorrang der Fußgänger zu achten. Zum Opfer wurde ein 2-jähriger Junge, der dort mit seiner Mutter gerade zu Fuß unterwegs war.

Der schnelle Radler erfasste das Kind mit seinem Fahrrad. Das Kind wurde durch die Luft geschleudert und landete auf dem Kopfsteinpflaster. Der Unfallverursacher fuhr jedoch einfach weiter, ohne sich um den Verletzten zu kümmern. Weit konnte er jedoch nicht radeln. Ein mutiger Passant, der den Vorfall beobachtet hatte, riss den Flüchtigen beherzt vom Rad, konnte ihn jedoch nicht festhalten. Der ehemalige Pedalritter wurde nun auch zum Fussgänger, rannte davon, und ließ sein Rad vor Ort liegen. Das Kind wurde schnell ärztlich versorgt, außer Prellungen waren glücklicherweise keine weiteren Blessuren festzustellen.

Das zurückgelassene Fahrzeug war ein Mountainbike der Marke MIG. Auch wenn der Markenname nicht mit dem russischen Kampfjet zusammenhängt, so hebt sich das Mountainbike durch auffällige Totenkopfventilklappen und einen Reliefaufkleber "RS" von der Masse ab. Der Fahrrad-Hooligan selbst war auffallend groß, schlank, und hatte eine Glatze. Er soll eine sportliche Figur unter dem weißen Trägershirt haben und wurde auf etwa 25 Jahre geschätzt. Martialisches Äußeres, ein militanter Fahrstil in der Fußgängerzone, gepaart mit besonderer Rücksichtslosigkeit gegenüber einem Kleinkind und unerlaubtes Entfernen vom Unfallort sicherten diesem Amberger letztlich den ersten Rang in der Monatswertung. Die bundesweite Konkurrenz im Mai war wohlgemerkt nicht zu verachten. In Schramberg wurde ein Fussgänger auf dem Gehweg niedergetreten; in Mannheim setzte ein Radfahrer einen Teleskopschlagstock gegen einen Jogger ein und in Memmingen zerstörte ein Pedalritter gar einen Blindenstock und flüchtete.

Unfälle und haarige Situationen mit zu schnellen Radfahrern in Fußgängerzonen gibt es wohl in nahezu jeder deutschen Stadt. Die Wahrscheinlichkeit, als Radfahrer dafür belangt zu werden, ist einfach extrem gering - das Verschwinden in der Anonymität ist die kostengünstigste und bequemste Lösung. Für die Mutter des kleinen Amberger Jungen klingen die Worte des Bürgermeisters im Rahmen der endgültigen Freigabe der Fußgängerzone für Radfahrer sicher wie blanker Hohn: "Das Vertrauen, das der Verkehrsausschuss in die vernünftigen Fahrradfahrer setzte, hat sich bewährt".

Niemand hat pauschal etwas gegen Radfahrer - auch Herr Ramsauer nicht. Diese und andere Fälle zeigen jedoch, dass es ein Problem gibt, das auf den ersten Blick ohne massive Erhöhung der Kontrolldichte und Erhöhung der teilweise läppischen Bußgelder nicht gelöst werden kann. Es gibt aber sicher auch andere Wege. In Berlin und Freiburg gibt es Aufklärungs-Kampagnen für mehr Rücksicht, in Frankfurt wurden immerhin die Geisterradler gezielt angesprochen.1

Doch auch die Gemeinschaft der Radfahrer selbst kann etwas für den eigenen Ruf tun. Solange die Radlobbyisten dermaßen in die Defensive gehen und die Existenz des Problems Kampfradler vollständig verweigern, wird man als Verkehrsexperte sicher niemals erst genommen werden. Es wäre doch viel mehr angebracht, innerhalb der eigenen Klientel eine klare Trennlinie zu ziehen und für realistische Aufklärung und Erziehung zu sorgen. Stattdessen wähnt man sich lieber weinerlich in der Ecke des unterdrückten Gutmenschen der völlig zu Unrecht pauschal verurteilt wird und arbeitet lieber weiter an seiner Revolution von unten.

Das Verkehrsmittel Fahrrad bietet zahlreiche Vorteile und ist in der Verkehrsplanung 100% ernst zu nehmen. Der Radverkehrsanteil in deutschen Städten wird sicher wachsen auf Niveaus zwischen 20% und 25%. - In Kopenhagen sind es aktuell gar 35%. Doch dann muss sich auch das Verhalten, die Geisteshaltung und die Aufklärungsarbeit ändern. Neben den sinnvollen Codierungsaktionen, Fahrradtouren und Einsatz für bessere Infrastruktur wäre doch ein Aufruf zu rücksichtsvollerem Verhalten und bevölkerungsverträglichen Radverkehr ein Muss für jeden Fahrradaktivisten. Ziel muss es doch sein, den Anteil der Kampfradler wieder zu senken. Auch damit Jugendliche nicht zu viele falsche Vorbilder haben und sich beim nächsten lockeren Rotlichtverstoß unter die Straßenbahn und ins Krankenhaus legen müssen. Damit ein Flanieren auf Gehwegen, Grünanlagen und Fußgängerzonen, ein Betreten der Straße an grünen Fußgängerampeln und Zebrastreifen ohne permanenten Stress wieder möglich ist. Erst dann kann man sagen: Kampfradler gibt es nicht (mehr). (Johannes Maletz)

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