Das Arbeitsleben des V-Manns Mevlüt Kar in Deutschland

Alle bekannten Informationen über den Mann an der Schnittstelle zwischen Kriminellen, Geheimdienstlern, Islamisten und Neonazis und den Kulminationspunkt in Heilbronn, als die Polizistin Kiesewetter ermordet wurde

Nach dem Selbstmord der beiden NS-Terroristen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt kommen immer mehr erschreckende Details über das Treiben der Neonazis und ihrer Freunde und Helfer bei den deutschen (Un-)Sicherheitsdiensten ans Licht. Der Mord an der Polizeibeamtin Michèle Kiesewetter am 25. April 2007 im beschaulichen Heilbronn wird zu einem Kulminationspunkt für das Treiben von Faschisten, Islamisten, Polizisten, Mafiosi und Geheimdienstlern in Deutschland. Im Mittelpunkt steht dabei der türkisch-amerikanische V-Mann Mevlüt Kar.

Über das Privatleben von Mevlüt Kar gibt es eigentlich nichts Interessantes zu berichten: Er ist türkischer Staatsbürger und wurde am 25. Dezember 1978 in Ludwigshafen geboren. Als er von zu Hause auszog, nahm er sich zunächst eine Wohnung in Ludwigshafen-Pfingstweide (Brüsseler Ring).

Im Jahre 2001 wohnte er vorrübergehend in Freiburg, zog dann aber nach Ludwigshafen zurück. Während dieser Zeit lebte seine Ehefrau Adile noch in der Türkei. Von Beruf ist Mevlüt Kar eigentlich Schweißer, aber in diesem bürgerlichen Beruf war er lange Zeit arbeitslos. Zum Glück ging Mevlüt Kar noch einer lukrativen Nebentätigkeit nach, für die er allerdings mehrere Decknamen benötigte: "Abu Obeida" alias "Sut" alias "Ubeyde".

Im Jahr 2002 verließ Mevlüt Kar die Bundesrepublik, tauchte aber später zumindest vorrübergehend hier wieder auf, so z. B. in den Jahren 2006 und 2007.

Nach seinem Umzug nach Freiburg besuchte er eine der beiden Moscheen in der Habsburger Straße. So kam er in Kontakt mit Yahya Yusuf, der in den neunziger Jahren als einer der Kader von Al-Qaida in Deutschland galt, zugleich aber für das Landesamt für Verfassungsschutz in Stuttgart arbeitete.

Unter dem Einfluss von Yahya Yusuf schloss sich Mevlüt Kar der türkischen Gruppierung Beyyiat El-Imam (deutsch: Imam-Einheit) an, die ihrerseits in Verbindung zur Al-Qaida stand. So soll Mevlüt Kar Kurierdienste für Al-Qaida übernommen haben; außerdem beschaffte er gefälschte Pässe für Kämpfer der Al-Qaida, die vom Iran nach Deutschland geschleust wurden. Eine Zeitlang hielt sich Mevlüt Kar selbst im Iran auf, wo er u. a. mit "Abu Musab al-Zarqawi" alias Ahmad Fadil Nazal al-Khalayleh, und Louai Sakra zusammentraf. Im Dezember 2001/Januar 2002 stand er in Kontakt mit Mohammed Ghassan Ali Abu Dhess, der eine dreizehnköpfige Zelle der al-Tawhid anführte, die am 23. April 2002 von den deutschen Sicherheitsbehörden zerschlagen wurde.

Durch seine Kontakte zur Al-Qaida geriet Mevlüt Kar ins Visier der deutschen Sicherheitsbehörden. Schon frühzeitig wurde er von einer 50-köpfigen Sonderkommission des Bundeskriminalamtes, die sich nach einem von Mevlüt Kar gebrauchen Codewort EG SCHOKOLADE nannte, überwacht. Im Herbst 2001 führten die deutschen Sicherheitsbehörden bei Mevlüt Kar eine Hausdurchsuchung durch.

Als er am 8. August 2002 von Frankfurt nach Ankara flog, um seine Ehefrau nach Deutschland zu holen, gab das BKA der türkischen Polizei einen Tipp, dass an Bord der Maschine ein Terrorist sei, man möge ihn unauffällig beobachten. Daraufhin nahmen die türkischen Behörden Mevlüt Kar am 8. August 2002 fest. Angeblich hatte Kar beabsichtig, gefälschte Pässe zur Al-Qaida nach Afghanistan zu schmuggeln. In diesem Zusammenhang wurden auch drei weitere Personen festgenommen: Mehmet Ince, Mehmet Karaca und Serkan Oktem. Mevlüt Kar selbst wurde bis November 2003 inhaftiert.

Aber es blieb nicht nur bei der polizeilichen bzw. nachrichtendienstlichen Überwachung. Anscheinend wurde Mevlüt Kar spätestens während seiner Untersuchungshaft vom türkischen Geheimdienst Millî İstihbarat Teşkilâtı (MIT) als V-Mann (Deckname: "Ubeyde") angeworben. Der MIT bestätigte, dass Mevlüt Kar einer seiner V-Leute gewesen sein, allerdings habe man die Zusammenarbeit 2002 beendet, hieß es offiziell. Anscheinend stand Mevlüt Kar auch mit der amerikanischen Central Intelligence Agency (CIA) in Kontakt bzw. seine Hinweise wurden vom MIT an die CIA weitergegeben.

Für Mevlüt Kar blieb es aber nicht beim bloßen Auskundschaften klandestiner Terrorverbindungen im behördlichen Auftrag, vielmehr gründete er nach dem Gladio-Modell eine eigene Zelle, verriet sie aber sogleich wieder: Am 17. Februar 2003 nahm die GSG 9 die angebliche Terrorzelle aus. Neben Mevlüt Kar als agent provocateur gehörten noch zwei weitere Personen der Truppe an: Mutlu A., Mohamed El-A. und Issam El-S.. Erstaunlicherweise kamen alle Beschuldigten noch am selben Tag wieder frei. Im Focus hieß es dazu: "Er soll der Anführer der jetzt aufgescheuchten mutmaßlichen Terrorgruppe sein und letztlich zu ihrer Enttarnung beigetragen haben." Allerdings wurde der Fall damals von der Presse nicht weiterverfolgt und so sind keine weiteren Informationen über diese Operation verfügbar.

Später gründete Mevlüt Kar dann noch eine weitere Terrorzelle in Bad Harzburg, die sich aus mehreren Serben zusammensetzte: Dzavid B., Nedzad B., Ahmed H., Bekim T. und Blerim T. Hinzu kam der Somalier Ahmed Mani Hamud. In diesem Zusammenhang wurde bekannt, dass Mevlüt Kar auch Verbindungen zu serbischen Schwerstkriminellen aus dem Bereich der Organisierten Kriminalität unterhielt.

Nach den gescheiterten Zellenprojekten bot sich ein Jahr später eine bessere Möglichkeit: Im Sommer 2004 lernte Mevlüt Kar in Istanbul Fritz Martin Gelowicz kennen, der zu diesem Zeitpunkt eine Möglichkeit suchte, nach Tschetschenien zu reisen. Außerdem lernte Mevlüt Kar Mitte 2005 Attila Selek kennen. Er machte seinen beiden neuen "Freunde" miteinander bekannt und legte damit einen Baustein zur Gründung einer weiteren Terrorzelle, die später als "Sauerland-Gruppe" bekannt wurde.

Im August 2007 beschaffte "Sut" alias Mevlüt Kar für die Sauerland-Gruppe einmal sechs und dann noch einmal zwanzig Sprengzünder (Verbindung zwischen rechter Terrorzelle und Sauerland-Gruppe?). Die sechs Zünder serbischer und bulgarischer Produktion besorgte Mevlüt Kar am 23. Juli 2007 aus dem Kosovo über seine serbische Islamistengruppe in Bad Harzburg. Mevlüt Kar übergab die Zünder am 3. August 2007 in Mannheim an Fritz Gelowicz. Die übrigen zwanzig Zünder tschechischen Typs beschaffte er in der Türkei und übergab sie unter dem Tarnnamen "Abu Obeida" dem Verbindungsmann Aladin T. aus Wolfsburg, der sie schließlich am 26. August 2007 in Braunschweig an Fritz Martin Gelowicz weiterleitete. "Ohne Kar hätte ich es nicht geschafft, die Zünder nach Deutschland zu bringen", erklärte Attila Selek in seinem Prozess vor dem Düsseldorfer Oberlandesgericht.

Allerdings kam im Prozess vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf heraus, dass nur ein Teil der Zünder tatsächlich funktionsfähig war. Der Spiegel berichtete dazu:

Spezialisten des BKA haben sie getestet, nur drei waren voll funktionsfähig, die übrigen feucht geworden oder sowieso ungeeignet. Zufall oder Sicherheitsmaßnahme von K.s V-Mann-Führern? Ein beteiligter Ermittler zieht einen in jedem Fall beunruhigenden Schluss: "Drei hätten gereicht."

V-Mann Mevlüt Kar unterstützte aber nicht nur die "Sauerland-Gruppe", er warnte sie zugleich auch davor, dass sie bei den Nachrichtendiensten längst aufgeflogen sei. "Ich war davon überzeugt, dass er auf unserer Seite war", erklärte Fritz Gelowicz im seinem Prozess vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf. Dazu berichtete der Spiegel:

Gelegentlich, so Selek, sei er bei Zusammenkünften für eine Stunde verschwunden, offenbar, um Ermittler zu treffen. Einmal sei K. nach einer Unterbrechung zurückgekehrt und habe plötzlich gewusst, dass die deutschen Behörden gegen eine Gruppe von Islamisten ermittelten. Dabei seien auch die Namen der Verdächtigen, ihre Namen gefallen. "Dann sagte er mir, dass er diese Informationen vom Geheimdienst klauen würde", gab Selek zu Protokoll. Obwohl das Geständnis Mevlüt K. schwer belastet, zögert die Bundesanwaltschaft noch, einen Haftbefehl gegen den in Ludwigshafen geborenen Türken zu beantragen.

Mevlüt Kar war aber nicht nur auf die Mitglieder der Sauerland-Gruppe angesetzt; zu seinen weiteren Aufgaben gehörte die Ausspähung des Somaliers Ahmed Mani Hamud, der ungefähr seit 1992 ebenfalls in Ludwigshafen lebte und den er in seine Bad Harzburger Terrorzelle integrierte, um ihn besser überwachen zu können. Ahmed Mani Hamud wiederum stand in Verbindung mit einem weiteren V-Mann des LKA Mainz, Talib O.. Beide machten später durch einen Dreifachmord an georgischen Autohändler. Schlagzeilen.

Talib O. ist deutscher Staatsbürger irakischer Abstammung. Im Jahre 1996 reiste er mit seiner Ehefrau in die Bundesrepublik ein. Sein Asylantrag wurde abgelehnt, dennoch wurden die Eheleute nicht in den Irak abgeschoben. Im Jahr 2007 wurde Talib O. eingebürgert. Er arbeitete als Autohändler, allerdings spricht er nur gebrochen Deutsch. Er beging mehrere Straftaten (Diebstahl, Raub, Körperverletzung): So hatte er im Februar 1999 bei einem Ladendiebstahl zwei Polizisten angegriffen und ihre Waffen geklaut. Der Richter attestierte ihm daraufhin eine "unvergleichliche Kraft und Aggression". Im Jahr 2004 zeigte ihn seine Frau wegen Körperverletzung an. Außerdem handelte Talib O. mit gefälschten irakischen Pässen und versuchte die Fahrschulprüfer zu bestechen, um an einen Führerschein zu gelangen. Nicht zuletzt war Talib O. spielsüchtig und daher hochverschuldet.

Talib O. war seit Dezember 2001 ein V-Mann des Polizeipräsidiums in Ludwigshafen in der Islamisten-Szene. Zwei Jahre später heuerte ihn das LKA Rheinland-Pfalz an. Insgesamt 250 Mal trifft er sich mit seinem V-Mann-Führer. Für ein Dossier über Islamisten erhielt er im Mai 2007 eine Prämie von immerhin 4.500 Euro. Seit 2006 war er insbesondere auf den somalischen Islamisten Ahmed Mani Hamud angesetzt. Möglicherweise wurde Talib O. auch gegen die Islamisten-Szene in Ulm und Heilbronn eingesetzt.

Zusammen mit Hamud tötete er am 30. Januar 2008 drei georgische Autohändler (Spartak Arushanov, Pavle Egadze und Giorgi Babroshvili) in Heppenheim (Hessen). Anschließend schafften die beiden Täter die Leichen der drei Georgier mit einem weißen Ford Escort Kombi mit eingebautem GPS-Sender, der dem LKA gehörte, weg. Die beiden Täter versuchten, die Leichen im Rhein bei Mannheim-Sandhofen verschwinden zu lassen. Während Talib O. angab, Hamud habe die Georgier aus religiösen Gründen ermordet, sagte Ahmed Mani Hamud aus, Talib O. habe die Georgier aus Habgier ermordet. Die Beute betrug lediglich zwischen 9.000 und 12.000 Euro. Anfang Februar 2008 wurde Talib O. festgenommen.

Rechtsanwalt Stefan Allgeier, der Verteidiger von Talib O., sagte im Prozess aus: "Das LKA muss befürchten, nicht in günstigem Licht zu erscheinen. (...) Trotz der bekannten Spielleidenschaft meines Mandanten wurde er ganz bewusst in Spielcasinos geschickt und wurde offenbar mit fehlerhaften Überwachungsmitteln geführt." Auch Rechtsanwalt Gerhard Härdle, der Verteidiger von Ahmed Mani Hamud, beklagte sich darüber, dass das rheinland-pfälzische Innenministerium die einschlägigen Akten des LKA über seinen V-Mann gesperrt hatte: "Das LKA hält damit eindeutig Beweise zurück", sagte Härdle.

Zwar behauptete das LKA, man habe Talib O. nur einen Monat lang als V-Mann geführt, allerdings stellt sich dann die Frage, warum Talib O. noch Jahre später über ein Fahrzeug des LKA verfügte. Das Landgericht Frankenthal verurteilte beide Täter im Februar 2009 zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe. In welchem Umfang Mevlüt Kar in den Dreifach-Mord verwickelt war, wurde nicht bekannt.

Am 4. November 2011 begingen die beiden Bankräuber Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt im thüringischen Eisenach Selbstmord. Mehrere Stunden später sprengte ihre Komplizin Beate Zschäpe in Zwickau die gemeinsame Wohnung in die Luft, um Spuren zu vernichten. Anschließend stellte sie sich der Polizei. Das Trio bildete den "harten Kern" des "Nationalsozialistischen Untergrundes" (NSU), zu dem weitere Unterstützer und Kontaktpersonen aus der Neonazi-Szene gehören: Max B., Holger D., Matthias D., André E., Susann E., André Kapke, Ralf L., Kai S., Mandy S., Jan W. und Ralf Wohlleben.

Mindestens drei V-Leute hatte die Geheimdienste im Umfeld des Trios platziert, darunter V-Mann-Nr. 2045 "Otto" alias Tino Brandt vom Thüringer Heimatschutz (THS), Marcel D. von Blood and Honour (B&H) und "Piato" vom Potsdamer LfV.

Mit dem Selbstmord der Hauptverantwortlichen konnte die Serie der so genannten "Döner-Morde" im Nachhinein teilweise aufgeklärt werden. Zwischen dem 9. September 2000 und dem 6. April 2006 waren acht türkische und ein griechischer Kleinunternehmer im gesamten Bundesgebiet von den NSU-Neonazis erschossen worden: Enver Şimşek (Nürnberg), Abdurrahim Özüdoğru (Nürnberg), Süleyman Taşköprü (Hamburg), Habil Kılıç (München), Yunus Turgut (Rostock), İsmail Yaşar (Nürnberg), Theodoros Boulgarides (München), Mehmet Kubaşık (Dortmund) und Halit Yozgat (Kassel). Wenigsten beim letzten Anschlag in Kassel 2006 war ein V-Mann des LfV Wiesbaden, Andreas T., der auch unter dem Spitznamen "Kleiner Adolf" bekannt wurde, zumindest zufällig anwesend. Außerdem werden die Neonazis für mindestens drei Sprengstoffanschläge in Köln-Mülheim, Jena und Saarbrücken und vierzehn Banküberfälle (Arnstadt, Chemnitz, Eisenach, Stralsund und Zwickau) seit 1999 verantwortlich gemacht.

In Zuge der Ermittlungen wurde bekannt, dass auch der Mord an der deutschen Polizeimeisterin Michèle Kiesewetter am 25. April 2007 in Heilbronn der NSU zugeschrieben werden muss. Die Polizeibeamtin war am 25. April 2007 auf dem Parkplatz Theresienwiese am Heilbronner Hauptbahnhof getötet worden; ihr Kollege, Polizeimeister Martin Arnold, wurde durch einen Kopfschuss schwer verletzt. Die Polizeibeamtin stammte aus dem thüringischen Oberweißbach, wo auch NSU-Unterstützer Ralf Wohlleben verkehrte. Behauptungen des BKA-Präsidenten Jörg Ziercke, Michèle Kiesewetter sei mit ihren Mördern persönlich bekannt gewesen, wurden mittlerweile dementiert. Dennoch stellt man sich die Fragen, warum die NSU-Mörder die 300-km-lange Fahrt von Zwickau nach Heilbronn unternommen haben, um Kiesewetter zu töten, und woher die Attentäter wussten, wo sich die Polizeibeamtin aufhielt, da diese nur kurzfristig für einen Kollegen eingesprungen war.

Schon 2010 schrieb der Stern-Journalist Rainer Nübel in dem Sammelband "Der Taschenspieler" von Josef-Otto-Freudenreich unter Berufung auf "hochrangige Sicherheitskreise" über den Kreis der Tatverdächtigen (S. 102f):

Die immense Brutalität und Kaltblütigkeit, gezielte Kopfschüsse, das Entwenden von Waffen und Polizei-Einsatzutensilien nach dem Mord, und dies alles am helllichten Tag, immer mit dem Risiko, in der nächsten Sekunde entdeckt werden zu können - all dies seien deutliche Hinweise. "Die Killer können eigentlich nur aus zwei Bereichen stammen: Sie sind der Organisierten Kriminalität, also Mafia, zuzurechnen, oder sie hatten eine paramilitärische Ausbildung und arbeiten für extremistische oder terroristische Gruppierungen. Wobei Verbindungen zwischen beiden Bereichen nicht auszuschließen sind.

So sollen sich zum Zeitpunkt des Polizistenmordes zwei Araber mit Verbindungen zu islamistischen Kreisen in der Nähe des Tatortes (zufällig) aufgehalten haben. Davon soll einer Mitglied der Hamas gewesen sein; außerdem stand einer der beiden in Kontakt mit Mevlüt Kar und dem Somalier Ahmed Mani Hamud. Die namentlich nicht bekannten Araber wurden damals von der Polizei als Zeugen vernommen. Außerdem wurde damals bei einer Heilbronner Bank ein Betrag in zweistelliger Millionenhöhe in bar durch Islamisten eingezahlt. Entgegen den gesetzlichen Vorschriften verzichtete die Bank auf eine Geldwäscheanzeige, berichtete Rainer Nübel. Wurde damals ein größeres (Waffen-)Geschäft durch Islamisten in Heilbronn abgewickelt? Wer war der "Geschäftspartner"?

In diesem Zusammenhang wurde bekannt, dass sich auch der V-Mann Mevlüt Kar am Tag des Attentats in Heilbronn aufgehalten haben soll. Gerüchte besagten, er habe dort ein Waffengeschäft mit einer (georgischen) OK-Gruppierung abgewickelt.

In diesem Zusammenhang ist aufschlussreich, was der Stern am 13. September 2010, dreieinhalb Jahre nach dem Mord an Michèle Kiesewetter, im Gegensatz zu den staatlichen Vertuschungsversuchen berichtete:

Mevlüt K., der "Chef" der radikal-islamistischen Zelle in Ludwigshafen, stehe für jene Liaison, die es laut Sicherheitsbehörden in Deutschland nicht gebe - für die Verbindung von Mafia und islamistischem Terror. Der "Sauerländer" Terrorist Attila Selek, der in der Türkei in engem Kontakt mit ihm stand, habe K. in einer BKA-Vernehmung als radikalen Islamisten mit Mafia-Bezug beschrieben, der stets eine Pistole mit sich führe und von brutalen Liquidationen von "Verrätern" berichtet habe. Im Frühjahr 2007, so Seleks Aussage, habe Mevlüt K. zwei Männer im Umgang mit Sprengstoff ausbilden lassen wollen. Es sei um Anschläge gegangen. Das Ganze habe "etwas mit Georgien" zu tun, habe Mevlüt K. gesagt.

Die schwerstkriminelle Gruppierung, die Mevlüt K. laut umfangreichen BKA-Unterlagen für seine Aktionen wie die Zünderbeschaffung einsetze, sitze in Serbien - genau in dem Balkan-Land, wo das Stuttgarter LKA im Zusammenhang mit dem Heilbronner Polizistenmord eine "heiße Spur" vermutete. Eine serbische Sonderstaatsanwaltschaft für Organisierte Kriminalität ermittele seit Jahren gegen sie, unter anderem wegen Betrugsdelikten, Körperverletzung, geplanten Sprengstoffanschlägen und Terrorplanungen. Insider würden derweil berichten, dass es in Zusammenhang mit Heilbronn einen Waffendeal gegeben habe, mit dem Mevlüt K. in Verbindung stehen soll. Mit dem Polizistenmord sei er von Behörden nie in Verbindung gebracht worden.

Wie im Rahmen der Ermittlungen gegen die NSU nun bekannt wurde, waren am 25. April 2007 nicht nur Polizeibeamte, Neonazis, Islamisten und Mafiosi im beschaulichen Heilbronn unterwegs, auch Agenten eines Special Investigation Team (SIT) des amerikanischen Militärgeheimdienstes Defense Intelligence Agency (DIA) aus Stuttgart beobachteten das Treiben. In einem geheimen "Contact Report" (SECRET NOFORN) berichteten die US-Agenten: "Observation ops ended due to shooting incident involving BW ops officer with right wing operatives and regular police patrol on the scene": Und an anderer Stelle ist von "2 (two) ops ofc. LfV BW or Bavaria" die Rede.

Wie der "Stern" in seiner letzten Ausgabe berichtete, beobachteten die US-Agenten, wie ein "M. K." einen Betrag von 2,3 Millionen Euros bei der Bank Santander in Heilbronn einzahlte und dann in Richtung Theresienwiese ging. Möglicherweise traf er dort auf die beiden Neonazis Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt und möglicherweise war er an dem Mordanschlag auf die beiden Polizeibeamten beteiligt. Direkte Tatzeugen für den Mordanschlag gibt es nicht, allerdings berichtet das Hamburger Magazin:

Eine halbe Stunde nach der Schießerei beobachteten Augenzeugen zudem einen Mann, der sich blutverschmiert durch die etwa 1500 Meter entfernten Wertwiesen am Neckar schleppte. Schließlich stieg er in einen blauen Audi 80, in dem ein Mann wartete, der ihm auf Russisch etwas zugerufen hatte. Radfahrer, die der Mann behinderte, hatten das gehört und gemeldet. Mevlüt K., der viel mit Tschetschenen und Serben zu tun hatte, spricht Russisch.

Nun stellt sich die Frage, ob die amerikanischen oder deutschen Agenten den Mordanschlag auf die beiden Polizeibeamten Michèle Kiesewetter und Martin Arnold beobachteten oder nicht. Jedenfalls hat niemand von ihnen einen Rettungswagen alarmiert. In welcher Beziehung steht Mevlüt Kar zur Defense Intelligence Agency? Gibt es eine zumindest geheimdienstliche Verbindung zwischen der islamistischen Sauerland-Gruppe und der neonazistischen Zwickauer-Gruppe? Und welche Kontakte unterhält eigentlich der türkische Geheimdienst Millî İstihbarat Teşkilâtı (MIT) zu deutschen Neonazis, die wiederum türkische Staatsbürger in Deutschland reihenweise umbringen?

Was die Terrorismusbekämpfung in Deutschland anbelangt hat die Affäre um den Neonazistischen Untergrund (NSU) eines deutlich gemacht: Das deutsche Konzept "Bekämpfen durch Unterstützen" hat nicht funktioniert. Die Quintessenz kann nur lauten: Verfassungsschützer in die Produktion!

Auf Grund der verschiedenen Vorwürfe gegen Mevlüt Kar leitete die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe ein Ermittlungsverfahren (Aktenzeichen: 2 BJs 66/07-4) gegen ihn ein und erließ bereits am 13. August 2009 Haftbefehl. Sie wandte sich mit einem Rechtshilfeersuchen vergeblich an die türkischen Behörden. Mevlüt Kar lebt heute unbehelligt in Istanbul in der Türkei. Sein Vater soll ein hochrangiger Beamter bei der Polizei in Istanbul sein.

Der Autor ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Berliner Informationszentrum für Transatlantische Sicherheit.

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