Das Auto hat seine Zukunft hinter sich

Über einen Besuch im Mercedes-Benz-Museum-Stuttgart

"Kathedralen der Moderne" wurden die großen Bahnhöfe oft genannt, die Ende des 19. oder Anfang des 20. Jahrhunderts in Deutschland entstanden. Davon würde man bei dem neuen Berliner Hauptbahnhof oder "Stuttgart 21" nicht mehr reden, aber Kathedralen der Moderne gibt es immer noch. Eine davon steht in Stuttgart: Ihr Gott ist das Auto.

Seit 2006 ist diese Kathedrale als Mercedes-Benz Museum Teil der Mercedes-Benz Welt - die gut und gern als eigenes kleines Stadtviertel angesprochen werden kann - und zieht seitdem Gläubige der Autoreligion aus nah und fern an. Schon das Gebäude selbst ist eine Wucht: 210.000 Kubikmeter umbauter Raum, 17.000 Quadratmeter Ausstellungsfläche, ein architektonisches Konzept, das noch lange Nachahmer finden wird und den Besuchern ein ausgefeiltes museales Spektakel bietet, wie man es in dieser Perfektion selten findet.

Die gigantische Empfangshalle, ein luftiges Monument umbauter Leere, gibt den Ton für das ganze Museum vor: Größe, Erhabenheit und Modernität sind hier zu Hause. Die Wunder beginnen sofort, denn der Besucher wird mit Aufzügen, die sehr an Verkehrsmittel aus "Minority Report" erinnern, ins oberste Stockwerk entführt. Dort markiert ein lebensgroßes, ausgestopftes Pferd den Anfang der Tour - der unperfekte Vorfahr des perfekten Fortbewegungsmittels. Und von dort aus steigt man spiralförmig hinab, zurück zur Jetztzeit, die in Bodennähe stattfindet.

Die ausgestellten Fahrzeuge sind teilweise von atemberaubender Schönheit. Man kann verstehen, wo die Begeisterung für sie herrührt. Die Geschichte der Firma wird durch Infotafeln geschickt mit der Weltgeschichte verknüpft. Man gibt zu, was an Tiefen nicht zu leugnen ist, um die Höhen besser feiern zu können.

Kriegsgewinnlertum im Ersten und Zweiten Weltkrieg, die Ausbeutung von Arbeitssklaven im Nationalsozialismus, der grauenvolle Unfall in Le Mans 1955 und ähnliche Unschönheiten werden so zu Kollateralschäden eines Feldzugs für die automobile Perfektion, der schon ein paar Menschenleben wert ist.

Dabei beweist die Darstellung immer überlegenen Geschmack. Alle Grellheiten hat man vermieden; mit auffälligen Effekten wird zugunsten einer alles durchdringenden Seriosität gespart, und der Charakter der modernen Kathedrale bleibt bis in die Details gewahrt: In der Halle, die dem Rennsport gewidmet ist, hängen die Rennfahrerkombis wie Messgewänder oder Heiligenreliquien.

Ad maiorem Dei gloriam. Der Weg durch das Museum vom Himmel zur Erde ist auch eine historische Erzählung, die als geschickte Herleitung der aktuellen Mercedes-Modelle aus dem ewigen Gesetz der Mobilität dient: Nur Individualverkehr schafft Freiheit.

Warum scheitert das Museum dennoch? Die Utopie, die hier gefeiert wird, ist eine rückwärtsgewandte, und zwar auf allen Ebenen: politisch, gesellschaftlich, moralisch, und, das ist das Entscheidende, logistisch. Das Auto blockiert die Straßen, durch die es fahren soll. Das Leben mit dem Auto ist gekennzeichnet durch eine sklavische Abhängigkeit von Benzinpreisen, Staumeldungen und der Verfügbarkeit von Parkplätzen, aus einem Fahrzeug ist ein Stehzeug geworden, weil es zu viel Fahrzeuge gibt. Freiheit sieht anders aus.

Und damit sind andere Absurditäten so fest verbunden, dass sie nur durch krasse Leugnung aus dem Gesamtbild herausgefiltert werden können. Ein gegenwärtiges Auto braucht durchschnittlich nur 1 Prozent seiner Motorleistung, um den Fahrer zu bewegen, 99 Prozent wendet es dafür auf, um selbst vom Fleck zu kommen. Seit Beginn des automobilen Zeitalters sind 40.000.000 Menschen durch Autounfälle umgekommen, allein in Deutschland seit dem Zweiten Weltkrieg 800.000.

Zwar ist die jährliche Zahl der Unfalltoten seit den Siebzigern deutlich gesunken - aber welches andere Verkehrsmittel würde toleriert, das allein in Deutschland ca. 4000 Tote pro Jahr hervorruft, also ein Mehrfaches der Anzahl, die dem Konsum harter Drogen geschuldet ist?

Aber das Auto wird doch zumindest immer ökologischer, nicht wahr? Mitnichten. Die Ökologiedebatte hat nichts daran geändert, dass die durchschnittliche Motorleistung, das Gewicht, der Verbrauch immer weiter steigen, und selbst wenn alle nur noch elektrisch betriebene Kleinwagen fahren würden (was der automobilen Freiheitsideologie diametral widerspricht), würde das nichts daran ändern, dass eine Gesellschaft, deren Wirtschaftssystem naturnotwendig den Verbrauch maximiert, Ökologie nur als Ideologie betreiben kann. Wie man es auch dreht und wendet: Das Auto ist ein gescheitertes Verkehrsmittel.

Das Mercedes-Benz Museum, gibt in gewisser Weise darüber Auskunft - wenn auch nur unfreiwillig, über Umwege. Die ganze Veranstaltung dient der religiösen Verklärung des Autos, aber trotz des durchdesignten Museumserlebnisses, das jedem Besucher geboten wird, trauen die Veranstalter ihren eigenen Anstrengungen nicht recht über den Weg. Das Auto allein als Kunstwerk und Gottheit reicht nicht - und deswegen versucht man, die Show mit einem Trick zu nobilitieren, der auch aus der Klamottenkiste der Religionen stammt: Man bemüht die Kunst.

Durch das ganze Museum sind, von grünen Erklärtafeln begleitet, Kunstwerke verstreut, die in irgend einer Weise auf die Exponate Bezug nehmen wollen. In nahezu allen Fällen scheitern sie jämmerlich daran. Die seriellen Zeichnungen Warhols von Produkten der Firma mögen ihren eigenen Wert haben; in einem Museum, das die gleichen Produkte ausstellt, denunzieren sie die Fetische nur als Massenware. Ein zugespachteltes Exemplar der Baureihe 190 oder ein paar gleichgültig in einer Nische angeordnete Neonröhren wirken, als kämen sie direkt vom preisreduzierten Grabbeltisch der modernen Kunst, und was eine Ausstellung von Op-Art ohne jeden Bezug zum Auto im Mercedes Benz Museum soll, bleibt völlig scheierhaft.

Alle Bilder: Marcus Hammerschmitt (Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Mercedes Benz Museum)

Weil man natürlich nicht zugeben kann, dass das Auto seine Zukunft hinter sich hat, versucht man die ganze Sache mit solchem Beiwerk noch edler zu machen - ein ebenso verräterisches wie müßiges Unterfangen.

Und so ist das Mercedes-Benz Museum in seiner gegenwärtigen Gestalt ein ebenso schönes wie schön verlogenes Museum. Der Besuch kann uneingeschränkt empfohlen werden.

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