Das Baerbock-Dilemma

Annalena Baerbock mag nicht besser sein als Joschka Fischer. Aber wer hätte von dem Nacktfotos gefälscht? Foto: © Stefan Kaminski / CC-BY-SA-4.0

Sexistische Fouls im politischen Meinungskampf sind unter anderem Nötigung zur Solidarität mit einer Kanzlerkandidatin, deren Partei ich nicht wählen werde. Ein Kommentar

Wer es gewohnt ist, die Grünen eher von links zu kritisieren - weil sie zum Beispiel ihren friedenspolitischen Gründungskonsens über Bord geworfen haben, weil sie in einer "rot-grünen" Koalition auf Bundesebene die Hartz-IV-Gesetze abgenickt haben und in Koalitionen mit der CDU auf Landesebene auch in der Umweltpolitik Federn lassen - kann auch deren Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock nicht als Hoffnungsträgerin sehen. Allerdings wird sie von rechten Spießbürgern gerade nicht für die traurige Realität ihrer Partei angegriffen, sondern für einen angeblichen Ökosozialismus, den sie gar nicht vertritt - und auch ganz wesentlich dafür, dass sie eine Frau ist.

"Slutshaming" wie die Verbreitung des Nacktfotos einer jungen Frau, die leichte Ähnlichkeit mit ihr hat, und dem Spruch "Ich war jung und brauchte das Geld" ist jedenfalls nichts, womit Männer auf der politischen Bühne rechnen müssen - höchstens indirekt, wenn auch ihre Partnerinnen im Rampenlicht stehen. Unter aufgeklärten Menschen des 21. Jahrhunderts kann so etwas eine Politikerin zwar nicht ernsthaft diskreditieren - es kommt schließlich eher darauf an, dass sie ihre Seele nicht verkauft hat, was bei Berufspolitikern leider nicht selbstverständlich ist.

Auf die "Echtheit" kommt es nicht an

Wer heute noch versucht, Frauen mit Nacktfotos zu diskreditieren, lässt damit selbst die Hosen viel weiter herunter, als er wahrhaben will. So sehen das jedenfalls Menschen, die nicht zurück zur Sexualmoral der 1950er Jahre wollen.

Leider glauben aber immer noch Teile der Gesellschaft, die tatsächlich oder vermeintlich abgebildete Frau müsse sich für erotische "Jugendsünden" schämen - und genau diese Leute sind die Zielgruppe, wenn solche Bildchen verbreitet werden. Das besagte Nacktbild, das in Wirklichkeit ein russisches Model zeigt, teilten aber im Internet auch Nutzer, die sich nicht als rechts verstehen und vehement bestreiten würden, dass sie damit auf reaktionäre Moralvorstellungen setzen.

Das Ausmaß dieser sexistischen Dummheit zwingt auch politische Gegnerinnen, Betroffene zu verteidigen, denn das Klima, das dadurch geschaffen wird, schadet allen Frauen. Selbst das Outing einer AfD-Politikerin als zeitweilige Hobby-Prostituierte durch das Rechercheportal Correctiv im Jahr 2017 wurde daher auch von Linken scharf kritisiert.

Auf das Parteibuch und die "Beweislage" kommt es nämlich in solchen Fällen nicht an. Es ist auch nicht von öffentlichem Interesse, welcher Schlipsträger im Bundestag sich abends im Latex-Anzug verhauen lässt oder an Orgien teilnimmt, wenn alle Beteiligten erwachsen sind und freiwillig mitmachen.

Gerüchte über Aktfotos von Annalena Baerbock schaden politisch nicht in erster Linie den Grünen, denn deren Zielgruppe will nicht zurück zur Sexualmoral der 1950er Jahre. Es schadet aber politisch engagierten Frauen ganz unterschiedlicher Parteien und Bewegungen, wenn sexistische Fouls im politischen Meinungskampf alltäglich sind, denn sie können jede Frau treffen. So sehr die Grünen politisch durchleuchtet werden müssen, wenn es um Anspruch und Wirklichkeit, Inhalte und Glaubwürdigkeit geht, so wenig sollte eine Politikerin mit Blicken ausgezogen werden.

Wenn ich mich in diesem Punkt zur Solidarität gezwungen sehe, dann nicht, weil plötzlich alles vergessen ist, was mich davon abhält, die Grünen zu wählen. Politisch verteidige ich nicht Frau Baerbock, sondern höchstens den aufgestellten "Strohmann" Ökosozialismus. Die Grünen nenne ich wegen ihrer Affinität zur Nato auch gerne olivgrün und mache mir keine Illusionen, dass diese Partei Klimaschutz und soziale Gerechtigkeit unter einen Hut bringen kann.

Aber all das spielt keine Rolle, wenn ihre Chefin aus den falschen Gründen und mit völlig inakzeptablen Methoden angegriffen wird. Denn das zerstört ja gerade den Raum für sachlich berechtigte Kritik. "Slutshaming" und sexistische Attacken - egal gegen wen - gehören im politischen Meinungskampf genauso geächtet wie ABC-Waffen im militärischen Bereich. (Claudia Wangerin)