"Das Brüssel, das wir heute kennen, ist eine Festung!"

Yanis Varoufakis: "Wir müssen Europa aufhalten, in einen rassistischen Abgrund zu stürzen."

Yanis Varoufakis über die EU, das Programm von DIEM25, die Umweltkrise und die Demokratisierung der Wirtschaft

Yanis Varoufakis war Finanzminister, Cambridge-Dozent, arbeitete am "Counterstrike"-Game mit - als EU-Wahl-Spitzenkandidat des internationalen Aktivisten-Netzwerks DIEM25 wird er nun unterstützt von Bernie Sanders, Antonio Negri, Fernando Haddad, Richard Sennett, Ken Loach und Pamela Anderson.

Europa ist zutiefst gespalten - der Vatikan trat auch diesmal nicht beim ESC an. Eine wirkliche Spaltung in der EU zwischen Nord und Süd, Arm und Reich aber gab es 2015 in der Euro- und Griechenland-Krise, als es im Europäischen Rat der EU-Regierungschefs und bei den Finanzministertreffen in Brüssel zu finalen shoot-outs kam, die mit der nächtlichen Grexit-Drohung Angela Merkels nach dem "Oxi"-Referendum endeten und mit sozialen Sparmaßnahmen nach dem "agreekment" (EU-Ratspräsident Donald Tusk). Der damalige Finanzminister Wolfgang Schäuble fasste die Diskussionen mit Varoufakis am Finanzminister-Konferenztisch in Brüssel in der US-TV-Doc "Inside Europe" später so zusammen: "Er erklärte uns lange, dass wir alle Idioten sind. Und vielleicht hatte er Recht."

2016 gründete Varoufakis mit Dutzenden von Wissenschaftlern, Gewerkschaftern, Aktivisten, Künstlern und Politikern aus fast ganz Europa das international ausgerichtete Netzwerk Democracy in Europe (DIEM25), unterstützt von der spanischen Podemos-Bewegung. Gründungsmitglieder und Unterstützer sind unter anderem Antonio Negri, Noam Chomsky, Ken Loach, Slavoj Zizek, Naomi Klein ("No Logo"), Jean-Michel Jarre, Srecko Horvat, Brian Eno, Baltasar Garzon, Elif Shafak, Benoit Hamon, Eyal Weizman, Julian Assange, Jeremy Corbyn und Pamela Anderson.

"Die Europäer denken, sie seien auserwählt als Hort des Humanismus"

Donald Rumsfeld bezeichnete vor einigen Jahren das westliche Europa als old europe. Die westlichen Staaten der EU stellen sich heute gerne als Kraft der Zukunft dar, ökonomisch wie moralisch. Allerdings wird oft Kritik an unsozialer Politik damit beantwortet, das sei ja alles Schwarzmalerei, Angstmacherei und Schlechtrederei - nach dem rabiaten US-Sprichwort: our way or highway. Warum ist es heute leider so uncool, sozial zu sein?
Yanis Varoufakis: Die große Täuschung besteht darin, dass nichts so ist, wie es scheint. In der Software-Entwicklung nennt man so etwas "mock" … In Europa liebt man es geradezu, vieles Großes auf die Amerikaner zu projizieren - man hält die USA für außergewöhnlich in Spiegelung dessen, was die Amerikaner von sich selbst halten: in ihrem Glauben an die eigene Großartigkeit, an den fast schon schicksalhaften Auftrag, die Welt zu erobern. Es gibt einen Begriff, der aus der Geschichtsschreibung der USA herrührt: Exceptionalism - in sinnstiftender Weise.
Aber betrifft dieses vermeintliche oder tatsächliche Dominanzgehabe denn nur Amerika?
Yanis Varoufakis: Europa leidet unter einer ähnlichen gesellschaftlichen Lebenslüge. Die Europäer denken, sie seien auserwählt als Hort des Humanismus: Man glaubt in Europa, unser Erbe der Aufklärung wird uns genuin schützen vor den Pathologien, dem Wahnsinn, den diese Gesellschaft global hervorgebracht hat in den letzten Jahren und der sich anschickt, die Welt tatsächlich zu verwüsten. Doppelmoral und Verlogenheit, die Angst vor dem Fremden und Ungewohnten - und, ja, Armut, Ausbeutung, Herrschaft über andere.
Die Wahrheit über Europa liegt nicht mehr in der Komfort-Zone. Um die Wahrheit über den jetzigen Zustand der Welt zu erfahren, müssen wir uns unseren Blick nicht in die Ferne richten - es reicht der Blick bis hin zum Mittelmeer, nicht weiter … Die Europäische Union nimmt für sich in Anspruch, die auserwählte Heimat großer Prinzipien und Ansprüche der Zivilisation zu sein, sie verletzt aber jeden Tag ihre eigene Existenzgrundlage der großen Prinzipien. Abertausende sind im Mittelmeer elendig verrreckt - und die, die die EU repräsentieren, sehen ihnen beim Sterben von den Patrouillenbooten aus zu.
Es ist jetzt die Zeit, unsere Menschlichkeit zu retten - vor diesen Abgründen der Vernichtung, diesem Abyss. Es ist jetzt die Zeit, das Versprechen Europas an sich selbst und die Welt einzulösen. Dieses europäische Projekt muss die Welt in der Realität, nicht nur in den Versprechungen auf einen sozialeren und demokratischen Weg führen, die Gesellschaft zu organisieren.

"Es geht um das Überleben Europas"

In Italien, in Spanien, in Portugal oder Griechenland und der Türkei gab es seit über 100 Jahren immer eine starke, auch undogmatische Linke, die eine "Massenbasis" in der Bevölkerung hatte. DIEM25 verfolgt ja nun einen transnationalen Ansatz. Ist denn ganz Europa bereit für einen linken Aufbruch, irgendwo zwischen den damals schon paneuropäischen Ideen von Antonio Gramsci bis Helmut Kohl?
Yanis Varoufakis: Nun ja, unser Netzwerk DIEM25 ist nicht entstanden aus einem radikalen Ansatz. Wir möchten einen common sense erreichen: die Haushaltspoltik der Austerität, also die Sparpolitik, funktioniert einfach nicht. Das sinnlose Leiden der Armen und Ärmsten, der Verletztlichsten, durch diese Spar- und Anti-Schulden-Politik wird nicht wirklich Wohlstand produzieren für alle die, denen es bisher besser ging, also vor allem in den nördlichen Nachbarländern Europas. Prosperität entsteht anders!
Mit Austerität ist ja wirtschaftswissenschaftlich eine "protestantische" Politik der ausgeglichenen Haushalte gemeint, wie sie vor allem in Nordeuropa historisch vorherrschte, im Gegensatz zu einer optimistischen Investitionspolitik, wie sie der prominente Ökonom Keynes propagierte und die in Südeuropa, aber vor allem den USA seit gut 200 Jahren quasi zur Staatsräson gehört, besonders von republikanischer und konservativer Seite, verkehrt zum Rechts-Links-Schema in Europa. In der Alltagspolitik in Deutschland bekannt geworden ist die Austeritätspolitik durch den Begriff der "schwarzen Null", wie Kanzlerin Merkel und Finanzminister Schäuble ihn prägten. Aber was sind denn Ihre Vorstellungen für Europa?
Yanis Varoufakis: DIEM25 richtet sich an alle Europäer! Wir gehen mit unserem Vorschlag in den politischen Wettbewerb um die beste Idee zur Zukunft Europas: Also, vor allem gibt es einen Grundirrtum in dem, was gerne dargestellt wird in den ganzen Diskussionen zur EU und der Entstehung des Wohlstandes.
Die verschiedenen Menschen müssen sich verbünden, um dagegen zu mobilisieren. Der wirklich schädlichste Mythos dabei ist einer, der in ganz Europa gerne wiederholt wird, nämlich dass die Arbeiter und Angestellten in Deutschland ihren Profit machen würden durch die große Armut in Griechenland. Aber was ist die Wirklichkeit? Das genaue Gegenteil ist der Fall. In Deutschland ist die Armut in den letzten fünfzehn Jahren gewachsen. Und Millionen von Deutschen und Menschen in Deutschland - auch in den Familien, deren Erwachsene Arbeit haben - geht es wirtschaftlich schlechter als vor der gesamten Euro-Krise und Griechenland-Debatte.
Wir von DIEM25 machen mit unserem Programm ein politisches Gegenangebot. Es ist simpel, praktisch und bietet notwendige Lösungen. Wir möchten einen breiten Zusammenschluss gegen diese bisherige Politik zustandebringen. Dabei geht es nicht um die Frage: Ist Europa bereit dafür? Mittlerweile geht es um das Überleben Europas und darum, wie ganz Europa diese gesamte Krise überleben wird, wenn es nun nicht aufwacht durch eben genau diese Krise.

"Demokratisierung der Wirtschaft muss das Herz jedes ökonomischen Masterplans gerade bei der Bekämpfung der Umweltkrise sein"

Im Moment ist die Umweltbewegung ja wieder mal in Mode. Im Gegensatz zu Ansätzen in der Ökologie-Bewegung der 80er allerdings ohne gesellschaftskritischen Ansatz. In Deutschland wurde ja oft kritisiert, dass die Klimawende auf Kosten der Ärmsten geht, z.B. über die EEG-Umlage in den Stromrechnungen. Nun wird gar eine CO2-Steuer diskutiert. Lassen sich denn überhaupt vernünftige Ökologie und vernünftige Sozialpolitik vereinen? In for a penny - in for a Dollar, wie die Kalifornier sagen?
Yanis Varoufakis: Es ist unglaublich inspirierend zu sehen, wie die Diskussionen um den Klimawandel in letzter Zeit die politische Agenda erobert haben. Wir sind hier mit einer existenziellen Krise konfrontiert - und es erfordert dringend notwendige und rasche Schritte, um diesem großen Leiden gegenüber unserem Planeten und allen Lebewesen auf ihm entschlossen entgegenzutreten. So oder so, die breite gesellschaftliche Anerkennung des Klima-Problems zwingt alle Beteiligten zum Handeln - auch europäische Konservative, die sich dem über Jahrzehnte verweigert haben.
Es ist schön, es ist gut, dass der bisherige EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker der Klima-Aktivistin Greta Thunberg so massiv den Rücken stärkt in der Öffentlichkeit - ja, und es ist schön, und es ist gut, dass auch Michel Barnier angekündigt hat, so etwas wie einen "EU Green New Deal" zu unterstützen.
Aber das kann nicht alles sein in diesen Zeiten, denn genau jetzt müssen wir darauf achten, dass dieses neue Interesse auch der European People Party (EPP) - also dem konservativen Parteienbündnis im Europäischen Parlament, dem u.a. auch die CDU und die CSU angehören - an den ach so "grünen" Themen nicht nur von den Interessen der Wirtschaft geleitet wird, also in reine Monetarisierung und "Finanzialisierungen", in mehr Privatisierung, in mehr wirtschaftliche Ungleichheit.
In Kalifornien, in New York City, im Schwabenländle, in Berlin ist Öko chic - aber die Gelbwesten aus den Pariser Vororten formulierten auf Plakaten: "Ihr redet vom Ende der Welt, wir reden über das Ende des Monats!" Ist dieser Einwand nicht berechtigt?
Yanis Varoufakis: Das ist das Problem, wegen welchem wir so hart für einen wirklichen Green New Deal für Europa kämpfen als DIEM25. Unser Vorschlag: die Demokratisierung der Wirtschaft. Das muss das Herz jedes ökonomischen Masterplans sein, gerade jetzt und bei der Bekämpfung der Umweltkrise. Der Notfall Klima ist eben beides - eine große Gefahr und eine große Chance für einen "radical shift" in der Art und Weise: Wir haben jetzt verstanden, wie diese Wirtschaft funktioniert, und wir wissen, wer den Benefit hat, wir wissen, wer davon profitiert. Es wäre verschwendete Zeit - wenn wir das jetzt nicht nutzen, um wirklich etwas zu ändern in der Wirtschaft.

"We will fight! - das ist die einzige Wahl, die wir haben"

But cut to the chase - oder wie wir in Hamburg sagen: Nu ma Budda bei die Fische: Haben Sie überhaupt noch Vertrauen in die positive Kraft der Menschheit, das "Gute im Menschen"? Denn bedrohlicherweise votieren Menschen historisch wie aktuell aus freien Stücken ja auch für das Autoritäre und haben "Furcht vor der Freiheit" (Erich Fromm) ...
Yanis Varoufakis: Of course - to borrow a phrase: Auch, wenn mein Verstand mich pessimistisch werden lässt, so werde ich das Optimistische immer mit meinem Willen aufrechterhalten. Es gab sie schon immer, es wird sie wohl immer geben - diese Schwindler, die nur, um ihren eigenen persönlichen Interessen zu dienen, die Interessen der Bevölkerung, der Mehrheit, die diesen Personen vertrauen, auf's Schändlichste verraten.
Da denkt man an die 62 Prozent im Oxi-Referendum vom Sommer 2016 und was in einer Nacht später dann in Brüssel geschah ...
Yanis Varoufakis: Und das ist der Grund, warum wir heute nicht in unseren ach so gemütlichen Schreibtisch-Sesseln sitzen - wie luxuriös auch immer so mancher wohl sein muss. Wir werden kämpfen! Für die Elemente der Zivilisation, die wirklich zivilisiert sind. Wir werden kämpfen! Auf dass eine Welt alsbald entsteht, die das Wort Menschlichkeit verdient. "We will fight!" - das ist die einzige Wahl, die wir haben.
Wie jeder vernünftige Mensch sind Sie Kosmopolit. Aber auch Menschen, die nicht rechtspopulistisch sind, verstehen oft nicht, wie die EU in Brüssel so funktioniert, Beispielsweise beschäftigen die dortigen Institutionen nach eigener Auskunft über 60.000 Angestellte alleine in den Kernbehörden. Nun laufen in Deutschland ja große Werbekampagnen für die EU vor der Europa-Wahl … Aber was hat ein Hartz-IV-Empfänger in Rostock oder Dortmund davon, dass in Brüssel so viele Leute "für ihn" arbeiten? Soll der sich in seiner mehr als verständlichen Verzweiflung an ein melancholisches Sprichwort aus dem schönen, aber genauso benachteiligten Spanischen Viertel Neapels halten: non e vero … ma io credo - Ich weiß, dass es nicht stimmt, aber ich glaube trotzdem daran? Wie stellen Sie sich die EU der Zukunft across the board vor - eine, von der jeder Europäer etwas hat?
Yanis Varoufakis: Die konkrete Idee, die wir als Zusammenschluss im DIEM25 haben, wäre eine radikale Veränderung der EU und des Systems von Brüssel - und eine radikale, eine wirkliche Umverteilung der Macht überall in Europa!
Das hatten schon einige Politiker angekündigt - und selbst ein zutiefst liberaler, gar nicht linker Intellektueller wie Ralf Dahrendorf ist in seinen Reden am undemokratischen Zustand der EU und Europas verzweifelt …
Yanis Varoufakis: Das Brüssel, das wir heute kennen - das ist eine Festung! Und die Frage stellt sich: Wo hat der Mensch, der Bürger denn seine Bedeutung in diesem System der Bürokraten? Die 35.000 Lobbyisten, die es in Brüssel gibt etwa, die kennen das Layout dieser Struktur so gut wie ihre eigenen Hände. Aber für alle anderen, die normalen Leute, die nicht in diesen Strukturen arbeiten, für die Menschen ist es völlig undurchsichtig, was dort vor sich geht. Eins ist klar: so kann es nicht bleiben!
Brüssel - das könnte, das könnte(!) ein Fest der Demokratie sein, ein wahrlich schönes Fest, a beautiful celebration! Brüssel - das könnte eine offene Stadt sein, die mit offenen Armen alle Bürger empfängt, sich ihre Geschichten anhört, ihre persönlichen Geschichten anhört.
… ein urdemokratisches story-telling wie im Ur-HipHop oder im leidklagenden Gospel, eine kollektive speaker's corner wie dereinst in London …
Yanis Varoufakis: Es könnte eine Plattform sein, die den Bürgern hilft, die sich alle ihre Sorgen anhört. Und auf diese Weise könnte dann die Zukunft des Kontinents Europa entwickelt werden. Wir von der DIEM25 möchten den Vorschlag einbringen, dazu ganz neue Instrumente zu schaffen, um den Einfluss mächtiger Lobby-Gruppen und Lobbyisten einzuschränken. Diese Drehtür muss geschlossen werden - stattdessen müssen wirklich "normale" Bürger Zugang zu den innersten Prozessen der EU-Entscheidungen bekommen.
Aber wir müssen weit über Brüssel hinausdenken. So, wie es jetzt ist, damit können wir nicht weiter machen: Immer mehr und immer mehr Macht geht an einen geschlossenen Kreis von Leuten über, den "decision-makers", den sogenannten Entscheidungsträgern in Brüssel. Zum Beispiel: Dieser Green New Deal, den wir als DIEM25 vorschlagen, dieser Vorschlag sieht so aus, dass eine Art öffentliche Agentur ohne verschlossene Türen entsteht, die dann wiederum Bürger in Bürgerversammlungen an allen wichtigen Entscheidungen beteiligt, wohin dann staatliche Investitionen fließen sollen. Die Bürger sollen in direkter und konkreter Demokratie an der Entscheidung beteiligt werden, wohin die Gelder fließen, worin investiert wird. Die Zentralisierung muss umgekehrt werden. Das lokale Level muss gestärkt werden - die Städte, die Communities, sollen selber entscheiden, wie sie leben möchten: So muss Regieren in Europa gehen.

"Weg von zentralisierten Banken, hin zu public domains!"

In den politischen Diskussionen von heute geht es aber vor allem um Wohlstandswachstum, -bewahrung, -verteidigung. Unter Bildung versteht man heute vor allem die Vorbereitung auf die Karriere, unter Entspannung das Ausruhen, um wieder für die Arbeit fit zu sein. Über die Zukunft der Arbeitsgesellschaft wird viel diskutiert, real aber wird vor allem auf den Mehrwert und den Benefit gesetzt. Wie sollte sich die Arbeitsgesellschaft verändern, wenn es nach DIEM geht? Ist das bedingungslose Grundeinkommen eine Lösung, denn auch linke Ökonomen kritisieren es als unbedachte Umverteilung mit der Gießkanne?
Yanis Varoufakis: Um die Frage nach dem Grundeinkommen genauer zu machen. Naja, also wir erwähnen das BGE/UBI zwar in unserem Programm, aber es ist kein Allheilmittel, und wir behaupten auch nicht, dass wir nur wie Zauberer einfach mit dem Finger schnipsen könnten und dann über Nacht ergießt sich ein Regen von Geld über alles und jeden.
Unser Vorschlag dazu ist Teil eines wohl durchdachten Plans zur Demokratisierung der gesamten Wirtschaft. Es geht darum, langfristig das Eigentum, genauer: das große Vermögen in einen anderen Besitz, einen Besitz für jeden zu überführen. Geistige Errungenschaften - wem gehören sie? Anteile an großen Unternehmen, Beteiligungen an Banken - all das muss doch jedem nutzen. Weg von zentralisierten Banken, hin zu public domains! Diese bis jetzt ungenutzten "Reserven des Vermögens", wie man sie nennen könnte, durch sie könnten wir alle sozial wachsen.
Der Wohlstand Europas muss umverteilt werden auf alle Bürger Europas: durch eine universale Basis-Dividende für jeden Bürger! Es wäre ein Plan, der diese Wirtschaft nach einem ganz anderen Modell ausrichtet: einem Post-Kapitalismus, eine Post-Extraktion - eine Art von Wirtschaft, die keinen ausschließt! Denn das müssen wir hinter uns lassen.
Philsophisch kann man dem Kapitalismus ja Absurdität unterstellen, aber realiter ist er doch durchaus auch ein funktioneller Kreislauf aus Arbeit, Zerstörung und Wiederaufbau, von dem immer irgendjemand profitiert, während ein anderer zahlt: Die Wellness-Industrie floriert gleichzeitig mit steigenden Krankschreibungen, der Kokainimport auf der Linie Südamerika-Europa ist laut DEA und BKA auf einem Höchststand, die Kartelle wollen die Märkte fluten, sogar Präsident Trump musste einräumen, dass Drogen nun ein Problem der middle class seien. Aber auch der "war on drugs" in den USA ist ein Riesenmarkt, von dem viele profitieren: privatisierte Gefängnis-Industrie, Armeen von Sozialarbeitern, Therapeuten - der "Mehrwert des Verbrechens" (Marx). Könnte man also nicht auch sagen: Der Kapitalismus funktioniert eigentlich ganz gut - er produziert permanent Wohlstand durch das Umsetzen von Gütern und Diensten jeder Art?
Yanis Varoufakis: Der Kapitalismus wird wohl nie aufhören, uns mit seiner Kreativität zu imponieren, zu beeindrucken, aber am "beeindruckendsten" wird der Kapitalismus wohl immer darin bleiben, immer neue Wege zu finden, Profit zu machen - und zwar aus der Armut anderer.
Um noch einmal in der geistigen Hängematte frei das Eigentum Bertolt Brechts umzuverteilen: "Wär' ich nicht arm, wär' der nicht reich!" Psychisch Kranke, Wohnungslose, Heimkinder, Arme, Opfer von Gewalt - viele kommen in den Twitter-Debatten von heute gar nicht mehr vor, in der Politik und der Rechtspraxis spielen wirkliche Minderheiten keine Rolle, das EU-Parlament debattierte jahrelang über das Recht auf einen kostenlosen Anwalt für jeden, bisher ohne reales Ergebnis. In Rumänien, Bulgarien und Ungarn leben Hunderttausende Roma in einer Armut, die an Barbarei erinnert - von der Welt vergessen, "born dead", um es mit einem klugen Song-Titel von Ice-T zu sagen. Wenn man Europa "von unten" betrachtet, dann ist die Zivilisation auch in Europa ganz weit weg!?
Yanis Varoufakis: Das Konzept von einer Demokratie in Europa wurde leider völlig runter reduziert - hin zu einem nur noch pathetischen, wenn auch fühlbaren Akt: der Stimmabgabe. Was wir nun zu tun haben, das ist die Rettung der wahren, der wirklichen Demokratie - in seiner ganzen fantastischen, herrlichen Radikalität. Diese Radikalität - damit meine ich den Glauben an die Idee, dass wir alle als menschliche Wesen gleichberechtigt sind von Natur aus. Den Glauben daran, dass ein jeder von uns die Kraft und die Macht haben muss, über die Zukunft dieser Gesellschaft zu entscheiden - denn es ist unsere Gesellschaft, sie gehört uns! Den Glauben daran, dass jeder von uns das naturgegebene Recht hat auf die eigene Freiheit - frei von der Herrschaft, der Tyrannei der Mächtigen und der Starken.
Das ist es, warum ich mich selbst als einen "libertären Marxisten" bezeichne. Denn das wichtigste, das es im Leben gibt, das ist die Freiheit. Aber der Wert der Freiheit ist nicht zu erspüren, wenn nicht jeder die Chance hat auf ein Leben in Würde, auf ein erfülltes Leben, ein reiches Leben.

Über Yanis Varoufakis

Yanis Varoufakis, der zur Zeit in Berlin lebt und dort mit Initiativen gegen Zwangsräumungen kooperiert, stammt aus einer linken Familie. Während der faschistischen Militärdiktatur saß sein Vater vier Jahre im Gefängnis. Als promovierter Volkswirtschaftler und Statistiker mit dem Schwerpunkt mathematisch-empirischer Variantentheorie lehrte Varoufakis in Cambridge sowie als Professor unter anderem an Universitäten in Schottland, Australien, Griechenland und Texas.

Einer weltweiten Öffentlichkeit bekannt wurde der Ex-Punk als Finanzminister Griechenlands während der Euro-Krise 2015 unter dem Syriza-Ministerpräsidenten Alexis Tsipras - CNN zählte ihn zu "meinungsstärksten Politikern der Welt". Für Verärgerung innerhalb des EU-Establishments sorgten unter anderem seine Geheim-Mitschnitte der EU-Finanzministertreffen zum Schuldenerlass. Nach massiven Morddrohungen standen auch seine Familienangehörigen in Griechenland und Australien unter polizeilichem Personenschutz.

Bereits vor seiner Ernennung zum Finanzminister galt er als namhafter Finanzexperte mit Auftritten unter anderem bei Bloomberg und Gastbeiträgen als Wirtschafts-Experte z.B. für die New York Times, LeMonde und das Wall Street Journal, zudem als Unternehmensberater der internationalen IT-Firma Valve. Zu seinen bekanntesten Büchern zählen vor allem "Der globale Minotaurus" (2011), Time for Change" (2013) und "Die ganze Geschichte" (2017, über die EU-Verhandlungen in 2015). Varoufakis ist verheiratet mit der Künstlerin und Polit-Aktivistin Danae Stratou .Heute folgen ihm auf seinem Twitter-Account fast eine Million Nutzer.

DIEM25 gründete zusammen mit Bernie Sanders, der als Kandidat der Demokraten gegen Trump für die US-Präsidentenwahl 2020 antritt, den transatlantischen Verbund Progessive International, dem auch Brasiliens Oppositionsführer Fernando Haddad angehört.

Im Gegensatz zu den Medien in Deutschland rief nicht nur die Gründung von DIEM25, sondern auch die diesjährige Varoufakis-Kandidatur für das EU-Parlament in der internationalen Presse ein breites Echo hervor - unter anderem der Guardian und Independent luden ihn zu ausführlichen Gastbeiträgen ein, um seine Positionen für eine moderne EU zu präsentieren, es gab lange Features z.B. in der BBC, für Reuters, im Figaro, in El Pais oder im Fortune.