«Das Buchuniversum muss sein Verhältnis zur elektronischen Schiene noch finden»

Ein Gespräch mit Hartmut Winkler über Diskursökonomie, Bücher als PDF und die Medienwissenschaft

In seinem im Sommer erschienenen Buch "Diskursökonomie" stellt Hartmut Winkler Überlegungen zur "Inneren Ökonomie" der Medien an. Er vergleicht die Netze des Warentauschs mit den Netzen der Medien und stellt erstaunliche Parallelen - aber auch Differenzen fest. Nun hat der an der Universität Paderborn lehrende Medienwissenschaftler Winkler das Buch in Absprache mit dem Verlag Suhrkamp im Volltext im Netz publiziert - als erster Suhrkamp-Autor überhaupt. Im Gespräch mit Telepolis erläutert er die Beweggründe für die Netzveröffentlichung, den Verlag und sein Buch "Diskursökonomie".

Ist das jetzt eine offizielle oder inoffizielle Publikation im Netz?
Hartmut Winkler: Durchaus offiziell. In meinen Vertragsverhandlungen wurde festgelegt, dass die elektronischen Rechte zunächst bei mir bleiben. Ich wollte dies aus verschiedenen Gründen: Ich arbeite selbst mit dem Netz viel, ich habe über das Netz geschrieben und bin immer daran interessiert, seine spezifischen medialen Möglichkeiten auszuloten. Mit dem Netz verbunden ist die Utopie eines schrankenlosen Zugangs, und diese Utopie würde ich teilen.
Wie teilt man diese Utopie als Wissenschaftler ganz praktisch?
Hartmut Winkler: Ich versuche die Sachen auf meiner eigenen Page so zu organisieren, wie ich sie bei anderen, möglichst allen anderen, Kollegen gerne vorfinden würde: Aufsätze zu recherchieren, ist kein Spaß, und ideal ist, wenn man sie gleich, geordnet, möglichst vollständig und vor allem zitierbar, maschinenlesbar und durchsuchbar finden kann. Meine Page betreibe ich seit acht Jahren, das Feedback ist ziemlich gut und die Page ist Drehscheibe für viele meiner fachlichen Kontakte.
Die Veröffentlichung eines vollständigen und bereits erschienenen Buches über die Website ist allerdings neu. Welche Vorgeschichte gibt es hierzu?
Hartmut Winkler: Im Fall meines Buches Docuverse gab es folgende Debatte: das Buch war vergriffen und der Verlag bot eine PDF-Version für acht Euro an. Einige Mailinglist-Leute - unter anderem auf Rohrpost - begrüßten dies, während andere meinten, Informationen sollten, egal wie und was, grundsätzlich und immer umsonst sein. Ich warb für Verständnis für den Verlag und den Verleger, ein Ein-Mann-Unternehmen, der sehr viel für das Buch und für mich getan hatte. Ich selbst bin an den - ohnehin sehr übersichtlichen - Einkünften nicht beteiligt.
Nun ist Ihr neues Buch bei Suhrkamp erschienen. Das ist ein größerer Verlag, der zumindest bei neuen Publikationsmodellen bislang eher nicht zur Avantgarde zählte. Wie kam dieser Sinneswandel bei Suhrkamp zustande?
Hartmut Winkler: Auch bei Suhrkamp habe ich die allerbesten Erfahrungen gemacht. Bernd Stiegler, der Lektor, der STW (Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft, Anm. d. Aut.) verantwortlich betreut, ist ein sachlich äußerst kompetenter, professioneller und angenehmer Partner. Was die Sache angeht, ist das Verhältnis zwischen Print und elektronischer Veröffentlichung hier ein anderes, weil es sich um ein Taschenbuch zu äußerst erschwinglichen elf Euro handelt. Wir haben uns verständigt, dass kaum jemand den Text einfach ausdrucken wird, weil es sich schlicht kaum lohnt. Ich denke, dies war der Hauptgrund für Suhrkamp, meinem Wunsch zuzustimmen. Insofern ist dieser Fall nicht auf alle anderen übertragbar.
Man wird insofern auch nicht einfach von einem 'Sinneswandel' sprechen können. Ich denke, für den Verlag ist dies ein Experiment - und zwar ziemlich am Rande. Man guckt mal, was dabei rauskommt, und viel Furchtbares kann nicht passieren, weil das Taschenbuch kaum beschädigt werden kann. Und allgemeiner, denke ich: das Buchuniversum muss ähnlich wie die Musikindustrie sein Verhältnis zur elektronischen Schiene noch finden.
Als Diskursökonomie erschien, gab es in 'Rohrpost' die Rückfrage - durchaus in polemischem Ton -, wo denn die kostenfreie Onlineversion bliebe. Wie sehen Sie diese Art der Kritik?
Hartmut Winkler: Ich denke, so schlicht geht's nun doch nicht. Es gibt kein Menschenrecht auf die elektronische Verfügbarkeit aller Texte, und selbst wenn man das prinzipielle Ziel teilt, sollte man etwas Hirn reinstecken, wie die verschiedenen Medien am produktivsten zusammenarbeiten können. Auch Bücher wird es nur so lange geben, wie ihre Herstellung irgendwie zu finanzieren ist.
Georg Franck formulierte 1998, dass die Aufmerksamkeit nun in der Ökonomie als neue Form das Einkommen bilden würde. In "Diskursökonomie" beobachten Sie die Entwicklung des Geldes als Austauschmittel und kommen zur These, dass Kommunikation in Form von Medien einerseits und die Ökonomie andererseits in ihrer Zirkulation voneinander abhängig und koevolutionär sind. Ist die neue Aufmerksamkeitsökonomie aus Ihrer Sicht nun ein Ersatz für materielle Werte oder nur ein weiteres Tauschgut neben dem Geld?
Hartmut Winkler: In meinem Buch kommt Franck nur am Rande vor, weil ich nicht glaube, dass die Aufmerksamkeit tatsächlich an die Stelle der Geld- und Sachökonomie tritt. Konzepte wie dieses gehören in den weiteren Korridor jener 'Immaterialisierungs'-Thesen, die suggerieren, alle materiellen Bedürfnisse seien erfüllt und die Gesellschaft wende sich jetzt wichtigeren Dingen zu. Das war 1998, dann kam die Krise, die Verlängerung der Arbeitszeiten und Hartz IV. Zudem ist jede Ökonomie, die auf das Geld fokussiert, schon von Marx verhöhnt worden. Was möglicherweise wirklich vergleichbar ist, ist die Tatsache von Tausch und Austausch selbst. In der Ökonomie zirkulieren die Waren, in den Medien die Zeichen, und das Buch versucht diese Parallele zu prüfen und auszubauen.
Lassen sich beide Zirkulationen voneinander trennen? Heutzutage werden immaterielle Zeichenpakete als Waren verkauft - mit zunehmendem Erfolg...
Hartmut Winkler: Ja, selbstverständlich haben Sie Recht, beide Sphären überlappen sich, und gerade diese Überlappungen sind interessant. Im Buch frage ich zum Beispiel ganz basal, wieso und unter welchen Bedingungen Zeichenpakete Warencharakter annehmen. Hier kann man sagen, dass die Zeichen quasi Huckepack fahren: sie benutzen die ökonomische Zirkulation mit, um ihre eigene Verteilung zu organisieren. Verfügt die Ökonomie also über ein überlegenes Verteilungssystem?
Und ebenso wichtig sind die Gegenbeispiele. Welche Zeichenpakete nehmen nicht Warencharakter an? Wwarum werden bestimmte Zeichenpakete 'verschenkt'? Das ist gerade für die Analyse des Internet relevant, wo man - vielleicht vorschnell - über 'Geschenkökonomie' spricht, ohne zum Beispiel die Theorien zur 'Gabe' und ihrer Dialektik einzubeziehen.
In "Diskursökonomie" kritisieren Sie an mehreren Stellen die Praxis der Medienwissenschaft. Muss sich die Medienwissenschaft, oder genauer der Teil, der sich mit dem Netz beschäftigt, nach dem Hype neu finden und erfinden?
Hartmut Winkler: Anders als in meinem letzten Buch ist diese Kritik nicht zentral. Ich verfolge ein eigenes Projekt und bin dankbar für Parallelprojekte, die mir begegnen. Mit zunehmendem Alter wird man friedlicher. Dennoch gibt es den Bruch, den Sie ansprechen: ein bestimmter Hype ist mit der Dotcom-Krise tatsächlich zusammengebrochen, und das ist sicher heilsam fürs Fach. Was inhaltlich hieraus zu folgern ist, ob es eine Neuausrichtung braucht, und wenn in welche Richtung, wird gegenwärtig breit diskutiert. Ich denke, dass vor allem solche Theorien revidiert werden, die die Medien über Gebühr aufgebläht haben und sie - ohne Abgleich mit anderen gesellschaftlichen Systemen - zum gesellschaftlichen 'Apriori' erklären, und daneben alle konstruktivistischen Ansätze, die 'Simulation', die angesprochene 'Immaterialisierung' und ähnliches mehr. Im realen Leben hat uns die Ökonomie gezeigt, dass dies Kopfkinder sind. Die Medienwissenschaft wird ihre Allergie gegen sozialwissenschaftliche Ansätze ablegen müssen und erkennen, dass auch Luhmann alleine nicht weiterhilft. Die Besinnung auf die Ökonomie, denke ich, ist ein Mittel, hier weiter zu kommen...
Kommen wir noch einmal auf die Geschenkökonomie zurück und nehmen wir eine PDF-Datei als Ware und Zeichenpaket an. Welchen ökonomischen Nutzen kann die zusätzliche, entgeltfreie Publikation eines Buches im Netz - im alltäglichen Sprachgebrauch ein Geschenk - für Wissenschaftler bilden?
Hartmut Winkler: Einen direkten ökonomischen Nutzen hat dies nicht, und wahrscheinlich nicht mal als 'Werbung'. Der Verlag, vermute ich, wird weder mehr noch weniger Bücher verkaufen. Mir geht es darum, die spezifischen Möglichkeiten des Netzes zu nutzen. Dass Suchmaschinen das Buch finden können, dass man mit cut and paste direkt zitieren kann, Stichworte und Namen wiederfinden, Kapitel zum Beispiel für die Lehre verwenden, ohne zum Kopierer zu laufen und so fort. Längere Texte am Bildschirm zu lesen dagegen finde ich schwierig, und Bücher sind eine schöne und clevere Medientechnologie. Deshalb ist mir auch wichtig, dass die Netzveröffentlichung seitengleich mit der Druckausgabe ist. Nicht ein aufgepopptes HTML-File, sondern Faksimile, und gleichzeitig eben - die ausgezeichnete Acrobat Character Recognition macht es möglich - maschinenlesbar.
Zudem ist es mit der Ökonomie in der Wissenschaft sowieso eine eigene Sache. In der Wissenschaft, sagen manche, sei die eigentliche Währung das Renommee. Und die Pointe dieser Währung ist, dass man sie selbst - durch 'Geschenke' oder Strategie - nicht vermehren kann. Über das eigene Renommee entscheiden immer die anderen.

Hartmut Winkler: Diskursökonomie - Versuch über die innere Ökonomie der Medien. Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft; 258 Seiten, 11 Euro

(Falk Lüke)