Das Cabinet des Doctor Gilliam

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Von Caligari zu Tony Blair: Terry Gilliams durchgeknallter Fantasyfilm "The Imaginarium of Doctor Parnassus

Terry Gilliam ("Brazil", "Twelve Monkeys", "Münchhausen") ist der Don Quixote, der Lügenbaron und der Märchenerzähler des Kinos in einem. In seinem neuen Film erweckt dieser Kinomagier jetzt sogar Tote zum Leben: Denn dies, sein neuester Film mit dem barocken Titel "The Imaginarium of Doctor Parnassus", ist der letzte Film mit Heath Ledger, der vor knapp zwei Jahren während der Dreharbeiten starb. Ein sehr typischer Gilliam-Film, der alle Themen des Regisseurs vereint und vieles zeigt, was man schon länger von Gilliam kennt. Etwas Neues zeigt er dagegen nicht wirklich, aber nach der etwas mühsamen ersten zähen halben Stunde ist dies ein schöner und sehr unterhaltsamer Film.

Was für ein absurder Abgang: War es nun Selbstmord, Drogenrausch oder irgendetwas dazwischen - als der Schauspieler Heath Ledger vor knapp zwei Jahren, am 22. Januar 2008, überraschend starb, befand er sich mitten in den Dreharbeiten zu diesem Film. Teile waren bereits abgedreht, Millionensummen investiert, nun schien auch der Film zusammen mit seinem Hauptdarsteller gestorben zu sein - und sein Regisseur Terry Gilliam endgültig zum Pechvogel der Branche geworden zu sein. Denn schon im Jahr 2000 ging sein langgehegtes Don Quixote-Projekt "The Man who killed Don Quixote" mitten im Dreh in einer Unwetterkatastrophe unter.

Doch Gilliam, geboren 1940 und als einziger Amerikaner - der wegen des Vietnam-Krieges nach Großbritannien emigriert war - seit 1969 Mitglied der britischen Komikertruppe "Monty Python", ist seit jeher nicht nur einer der besten, sondern auch einer der einfallsreichsten Regisseure des Kinos. Gleich drei Kollegen übernahmen Ledgers Rolle - da der Film sowieso über weite Passagen in einer Parallelwelt spielt, fällt das dem Zuschauer auch gar nicht weiter auf. "Natürlich: Zuerst dachten wir, wir müssten aufhören. Wir hatten so ein Glück im Unglück: Denn nur weil "Doctor Parnassus" eine derart phantastische Geschichte ist, gab es überhaupt die Möglichkeit, dass so ein Aussehenswechsel glaubwürdig war. Man sieht also mal wieder: Die Phantasie rettet uns!", kommentierte Gilliam selbst diese Vorgänge.

Und so ist "The Imaginarium of Doctor Parnassus" nicht einfach ein stinknormaler Fantasyfilm und typisch quietschbuntes Giliam-Kino geworden, sondern ein ungewöhnliches Kinostück.

Karl Marx bemerkte in seinem Essay "Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte" im Anschluss an Hegel, dass alle großen weltgeschichtlichen Personen sich sozusagen zweimal ereignen: Das eine Mal als Tragödie, das andere Mal als Farce. Dieser Film ist die Farce zur Tragödie von Heath Ledgers allzu frühem Tod.

Die Anfangstitel sind in Spiegelschrift geschrieben, und es geht los mit "London, England", dem Blick auf Obdachlose und eine altmodische Kutsche. So könnte gut und gern eine Geschichte von Dickens beginnen, doch dann hört man Techno-Klänge, sieht moderne Autos und begreift: Die Handlung spielt in der Gegenwart. Die Kutsche transportiert eine fahrende Bühne und von diesen ersten Minuten an ist der Film auch eine Feier des Kinos als Jahrmarktsvergnügen, seiner Ursprünge in billigen Sensationen, starken Reizen, dreisten Tricks, in der Bezauberung und Überwältigung des Publikums.

Einmal fällt im Film der Satz: "Three rules: First: There is no such thing as black magic. Only cheap tricks. And I forgot the other two." Terry Gilliam erzählt insofern in seinem ersten eigenen Storyboard seit "Münchhausen" natürlich in aller Bescheidenheit auch unbedingt viel über sich selbst, von einem alten Geschichtenerzähler, dessen besondere Begabung darin liegt, jedem genau das zu bieten, was er sucht und bekommen will.

So wie jener Doctor Parnassus, der hier sein Imaginarium vorstellt. Ein Gilliam-Doppelgänger, dem zuletzt der rechte Erfolg fehlte, aber der immer noch ein paar Tricks auf Lager hat. Und darum könnte "The Imaginarium of Doctor Parnassus" auch gut und gern "The Imaginarium of Doctor Gilliam" heißen. Dieser Parnassus, so stellt sich heraus, ist unsterblich, er erzählt nicht irgendeine Geschichte, sondern "the eternal story". Und sein ständiger Gegenspieler ist Nick, der Teufel. Gespielt von einem wunderbaren Tom Waits als zigarrenkauendem, melonetragendem Chicago-Boy will er den Erzählfluss des Doctors unterbrechen und damit an und für sich das "Ende der Geschichte" bewirken.

Wer das nicht auch als Metapher auf den Neoliberalismus und Gilliams private Geschichtsphilosophie begreift, unterschätzt Terry Gilliams Interessen, wie seine Intelligenz. So ist dies auch eine politisierte Fantasyversion des "Faust", nur dass der Kampf zwischen Parnassus und Teufel, zwischen poetischem Geschichtenerzähler und prosaischem Bilanzenverkünder - zwischen "The story stopped!" und "You can't stop stories beeing told." - ein ewiger ist.

Auch des Parnassus' geheimnisvolles "Imaginarium" ist übrigens nicht ganz von dieser Welt, inmitten des kunterbunten, schrillen Jahrmarktsklimbim verbirgt sich vielmehr ein Spiegel, der das Eingangstor in ein Zauberreich bildet. Wie beim "Wizard of Oz", wie bei "Alice in Wonderland", der Gilliam mit seinem Film "Tideland" schon eine wunderbare Hommage gewidmet hat.

Nun: Auftritt Heath Ledger. Ausgerechnet als Gehenkter, an einem Seil unter einer Themse-Brücke baumelnd, sieht man ihn zuallererst. Er wird wiederbelebt, oder besser: gerettet, und belebt nun auch die abgetakelte Theatertruppe des Parnassus, zu der dessen jungfräuliche Tochter, ein Zwerg, und der Jüngling Anton gehören. Was es genau aber mit diesem Tony auf sich hat, weiß keiner, man weiß nur, dass er von der Russenmafia verfolgt wird. Während Parnassus und seine Tochter ihn ins Herz schließen - Die Tochter, das sollte unseren Verdacht wecken, hat allerdings eine Tendenz, vom Spießerglück zu träumen -, gilt er den anderen nur als fiese Klapperschlange, auch weil er vor allem ein Marketing-Mann ist.

Mit Marketing wird schließlich tatsächlich der Teufel besiegt, ein paar ältere Frauen werden dabei geopfert, selbst schuld muss man sagen, weil sie doch die Eitelkeit, die älteste Todsünde, in den Abgrund des Spiegelkabinetts hineinreißt. Auch hier bedient sich Ledger aller "Joker"-Tricks, doch wie in der dunklen Nacht des letzten "Batman"-Films wird er und sein virtuelles Universum besiegt von der Old School, der analogen Väterwelt.

Was für ein letzter Auftritt, dieser, nun wirklich allerletzte von Heath Ledger - nach Todd Haynes "I'm not there" und dem Joker in Christopher Nolans "Batman"-Spektakel "The Dark Knight" -, jedenfalls bevor es üblich wird, Darsteller per Animation wieder zum Leben zu erwecken, und Ledger dann vielleicht auch einmal mit Marilyn Monroe knutschen darf...

So bizarr es auch ist, hat Ledgers Tod, inmitten des Drehs dazu, man muss das so sagen, das Seine getan und dem Film zusätzlich genutzt, indem er ihm eine weitere Wendung gibt - ins sozusagen postmoderne, ausgerechnet beim ganz und gar modernen Surrealisten Gilliam. Denn die "physischen Transformationen" der Tony-Figur, die in den "Imaginarium"-Passagen des Films durch Johnny Depp, Jude Law und Colin Farrell gespielt werden, geben allem ein zusätzliches phantastisches Element.

Nach der Erfahrung mit James Camerons nicht wirklich geglücktem neuen Film kann man auch sagen: Depp, Law und Farrell wirken hier als analoge Avartare Ledgers und saugen aus ihrem Ausgangsmaterial alle Energie und alles Leben. Was schon als Beschwörung des klassischen Jahrmarktskinos von Georges Méliès begann, wird hier gerade durch den Tod des Stars zum Triumph des analogen Erzählens, des Verstandes und der Phantasie - beide sind kein Widerspruch - und des Regisseurs über die Macht des Stars. Eine bewegende Meditation über das Weiterleben des Kinos angesichts des Todes. The Show will go on. Eine Ode auf die Magie des Mediums.

Es ist makaber, wie sehr Ledger diese Rolle mit Todes- und Vergänglichkeitsmotiven spielt: ein Überspannter, Todesnaher, der noch zwei weitere Male in diesem Film gehenkt wird, und wieder aufersteht - bevor Tony endgültig sterben muss. Johnny Depp, der künftige Don Quixote, falls Gilliam sein Traumprojekt doch noch verwirklicht, ist hier, nebenbei gesagt, ganz eindeutig viel viel besser als Ledger. Auch dies darf man hier sagen: Heath Ledger ist, gar keine Frage, tendenziell überschätzt. Aus Pietät. Aber das macht nichts. Denn darum geht es im Kino.

Stilistisch ist der Film von Anfang bis Ende überbordend. Eine verkitschte LSD-Phantasie, ein wild-chaotisches Spiel mit Referenzen, Zitaten und Versatzstücken, überraschend nahe an der Seventys-Ästhetik der Monty-Pythons. Auch filmhistorisch wird hier mit allerlei gespielt: Außer mit dem "Monty Python"-Universum, auch mit, sogar der deutsche Verleih hat's erkannt, Robert Wienes bahnbrechendem "Das Cabinet des Doctor Caligari", einem expressionistischen Stummfilm von 1920 und Orson Welles' "Lady of Shanghai" wird zitiert.

Zugleich ist "The Imaginarium of Doctor Parnassus" aber noch etwas ganz anderes: Eine Satire aufs "Cool Britannia"-London der "New Labour"-Ära Tony Blairs: Es geht um Materialismus, der Film macht sich über saufende Yuppies genauso lustig wie über Desperate Housewives in den Shopping-Malls. Vor allem aber über Blair selbst. Denn Tony wird im letzten Drittel entlarvt als "Tony the Liar", als Millionär, der die Medien verzaubert, der sich gern mit dem Dalai Lama photographieren lässt - "Tony saves Tibet" -, und über eine Kinderhilfsstiftung ein Wohlfahrts-Charity-Business betreibt, das ihm vor allem viel Geld in die eigene Tasche spielt.

Hätte dieser Film nicht ein etwas arg konformistisches Ende voller Spießerglücks-Phantasien und wäre die Kamera ähnlich phantasievoll wie der Rest, wäre er richtig groß. So ist es immer noch ein sehr guter Film, eine schrille Reflexion darüber, wie uns die Phantasie aus den Finanz- und anderen Krisen retten kann. Aber auch - "Back to work." lautet der letzte Satz - Moritat und Metapher für die Gnadenlosigkeit des Unterhaltungsgewerbes, mit seinen lebenden Toten, in dem andererseits Tote nicht sterben dürfen, das über Leichen geht, und sie, wo nötig, sogar fleddert.

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