Das Cyberwar-Virus breitet sich aus

Während die deutsche Politik mit ersten Szenarien rund um den Krieg im und über das Netz liebäugelt, denkt der Erfinder des Begriffs "Cyberwar" längst in neuen Bahnen

Nun ist also auch Deutschland endgültig vom Cyberwar-Virus befallen. Dem "Spiegel" sei's gedankt. Das Magazin enthüllte in seiner Online-Ausgabe am Samstag, dass in diesem Jahr auch hier zu Lande virtuell Krieg gespielt werden soll. Das Szenario: Um die Bundesrepublik zu zwingen, "ihre militärischen Kontingente aus dem Kosovo zurückzuziehen", hackt sich dem enthüllten Strategiepapier zufolge eine "mafiose, international operierende Gruppe" in die Rechner eines Berliner Stromversorgungsunternehmens ein und legt "für mehrere Stunden das gesamte Stromnetz lahm". Die Folge: "Die Ereignisse lösen den vorübergehenden Zusammenbruch des wirtschaftlichen und öffentlichen Lebens aus." Verkehr und Telefonnetz brechen zusammen, die Flugsicherung fällt aus.

Viel Phantasie haben die Autoren des Szenarios - der "Spiegel" verschweigt, warum dieses überhaupt noch "durchgespielt" werden soll, wo doch das Ende bereits klar ist - nicht an den Tag gelegt. Vor über drei Jahren publizierte Wired, die gute alte Hauspostille der digitalen Revolution, kurz nach ihrem fünften Geburtstag (Wired feiert) ein ähnliches, aber in seinem Detailreichtum deutlich "schrecklicheres" Planspiel.

In dem auf 15 Seiten ausgebreiteten Ausblick auf den "großen Cyberwar 2002" fängt das Unheil mit dem Crack mehrerer Nachrichtenseiten im Netz durch eine Gruppe an, die sich "People for a Free World" nennt. Das dort verbreitete Ultimatum zum Abzug aller amerikanischen Streitkräfte aus dem Ausland nimmt zunächst kaum jemand ernst. Doch plötzlich fällt - man beachte die Parallelen zu dem vom "Spiegel" bekannt gemachten Szenario - im gesamten Westen der USA der Strom aus.

Doch "Wired" scheint seinen Lesern mehr zumuten zu wollen, als der "Spiegel" bzw. die von der Bundesregierung beauftragten Planer: Mit gephotoshopten Fotos zeigt das Magazin, wie Flugzeuge kollidieren und eine Mikrowellenbombe im Pentagon fast die gesamte Elektronik zerstört. Die Spur der Cyberterroristen kann erst in eine kleine asiatische Republik verfolgt werden, nachdem das US-Verteidigungsministerium die Sicherheitsvorkehrungen bei einem Kernkraftwerk bewusst herunterfährt, um den im asiatischen Niemandsland zwischen den Großmächten sitzenden Angreifern eine Falle zu stellen. Die Rebellen werden durch ein rasch in die Region entsandtes Einsatzkommando gefasst, auch wenn das Ausweichen einer nuklearen Wolke aus dem "geopferten" Reaktor nicht verhindert werden kann. Auch der Eklat mit China und Russland, denen die amerikanische Führung kurzerhand aufgrund getürkter Lagemeldungen inoffiziell den Cyberkrieg erklärt hatte, lässt sich nicht vermeiden.

Der Autor des bunten Szenarios ist John Arquilla. Der freundliche Mann im besten Alter, der mit seiner sanften, pastorenhaften Stimme keineswegs wie Terroristenjäger wirkt, hat den Begriff "Cyberwar" bereits 1990 erfunden. Zusammen mit seinem Kollegen David Ronfeldt überlegte der Vordenker damals im Auftrag der Rand Corporation, einem Think Tank des Pentagons im sonnigen Santa Monica bei Los Angeles, wie sich die moderne Informationstechnik auf das Militär auswirkt.

Heute ist Arquilla Professor für Information Warfare und Special Operations an der Naval Postgraduate School im kalifornischen Monterey. Stefan Krempl traf den Pentagon-Berater kürzlich während der Recherche für eine am Montag in einer Woche im Magazin Geo Wissen erscheinende Geschichte rund um den Cyberwar-Hype. Telepolis veröffentlicht das komplette Interview im englischen Original und fasst die wichtigsten Punkte auf Deutsch zusammen.

Be Prepared: Cyberwar is Coming - Or Maybe Not. Das vollständige Interview mit John Arquilla

Der Begriff Cyberwar wird heute inflationär gebraucht. Häufen sich Crackereinbrüche auf Server, finden die Medien in der Regel recht schnell einen "Experten", der von einem "Krieg" im Netz spricht. Das ist nicht ganz im Sinne der Erfinder, wie John Arquilla klarstellt. Als der Rand-Forscher vor über zehn Jahren den Begriff seinem Kollegen David Ronfeldt eines Abends vorschlug, philosophierten die beiden gerade über die Auswirkungen der Informationstechnologie auf die Gesellschaft und das Militär. Dementsprechend, erläutert Arquilla, "bezog sich unser Verständnis von Cyberwar auf militärische Handlungen." Dabei hatten die beiden Vordenker vor allem die im Golfkrieg praktizierte Idee im Hinterkopf, dass eine gegnerische Streitmacht nicht funktionieren kann, wenn man ihre Informations- und Kommandoflüsse kontrolliert.

Einbrüche in die Computersysteme des Gegners "sind ein kleiner Teil davon", sagt der Sohn einer deutschen Mutter und eines italienischen Vaters. Letztlich könnten Cracker sogar die lebenswichtigen Infrastrukturen eines Landes im Visier haben, wie Arquilla es auch in seinem Cyberwar-Szenario für "Wired" dargestellt hat. Doch das ist für den Pentagon-Berater inzwischen nur noch eine Seite der Medaille - und nicht gerade die Spannendere.

"Ihre Hacker-Aktien können sie verkaufen", scherzt der Stanford-Absolvent. Beim Hacken drehe sich alles um das Medium und um die Zerstörung von Informationsskanälen. Wichtiger sei es jedoch oft, die Kommunikationsinfrastrukturen offen zu halten und über sie die eigentliche Botschaft von freien Märkten und freien Menschen, die Amerika und die westlichen Demokratien zu verkaufen hätten, zu verbreiten. Mit dieser Message habe man das Potenzial in Händen, die gesamte Welt zu formen, glaubt Arquilla in einer Umkehrung der Kernthese des Medientheoretikers Marshall McLuhan. "Noopolitik" haben er und Ronfeldt diese Form der Informationsdoktrin in ihrem jüngsten Buch getauft, in Anklang an die Evolutionstheorien des Jesuiten Teilhard de Chardin, der von der Entwicklung einer "Noosphäre", eines Lebensraums des Geistes, schwärmte.

Doch ob die Welt wirklich am amerikanischen Liberalismus genesen will? "Als wir zum ersten Mal eine Kurzversion unseres Buchs veröffentlichten, kritisierten einige Akademiker, dass ‚Arquilla und Ronfeldt nun eine Formel für die amerikanische Weltbeherrschung gefunden haben'", erinnert sich der Militärtheoretiker. Doch es gehe nicht um Dominanz, sondern um das beispielhafte Vorangehen.

Noopolitik sei eine Chance, die Macht der Informationstechnologien zum Guten zu wenden, beharrt Arquilla auf der Idee. Erstmals bestehe damit die Möglichkeit zur Verbreitung von Werten weltweit, auf denen sich ein System aufbauen ließe, das über die alte "Hard-Power"-Politik von Sanktionen und Drohungen hinaus reiche und die Kraft von Ideen dagegen setze. Amerika, dessen Stärke nun einmal im Bereich der Informationsindustrien rund um Software und Medien liege, könne dabei die Führung übernehmen.

Letztlich seien Noopolitik und Cyberwar aber zwei Seiten derselben Story. Denn wenn die USA dem Rest der Welt nicht klarmachen könnte, dass es die Informations- und Medienrevolution nicht allein zu ihrem eigenen sozialen, politischen und ökonomischen Vorteil verfolge, könnten Länder, die eine Vormachtstellung Amerikas fürchten, ihre strategische Chance in Netzattacken sehen. Arquilla unterfüttert so die im US-Kongress viel beschworene Angst vor der "asymmetrischen Bedrohung".

Seiner Meinung nach "gibt es so gut wie keinen Zweifel daran, dass einzelne Nationalstaaten Cyberspace-gestützte Angriffe fördern" würden. China komme dabei durchaus in Frage, so Arquilla, auch wenn den dortigen Machthabern die für die Durchführung eines Cyberwar benötigten Fähigkeiten momentan noch fehlen würden. Andererseits seien die entsprechenden Technologien "nicht schwer zu erwerben und zu implementieren", so dass derartige Konzepte schon bald Realität werden könnten.

Letztlich kann sich der Professor, der in seinem schmalen Büro Bücher rund um "Sieg und Täuschung", "Die Codebrecher" oder "Die Mongolen" auf jedem freien Flecken stapelt, selbst nicht ganz entscheiden zwischen Noopolitik und Cyberwar. "Der Cyberwar kommt, er ist schon da", murmelt der Freund des "Perception Management". Natürlich sei es besser, den Cyberkrieg zu vermeiden: "Aber vorbereitet sein müssen wir auf alle Fälle."

Trotz seiner Nähe zum Pentagon übt Arquilla während seinen Überlegungen rund um drohende Auseinandersetzungen auch Kritik an Regierungsentscheidungen. Die von Ex-Präsident Bill Clinton vorangetriebene Idee, ein zentrales, vom FBI betreutes National Infrastructure Protection Center zum Schutz vor Cyberschlägen zu errichten, hält er für den falschen Weg. Zumindest das Militär müsse seine eigenen, dezentralen Schutzmechanismen entwickeln.

Indirekt widerspricht der Experte auch den angeblichen Plänen der Bush-Regierung, für rund 30 Milliarden Dollar eine Art "virtuelles Raketenabwehrsystem" aufzubauen. Diesen Gedanken ließ sich der Geheimdienst-Berater James Adams, der in einem 1998 erschienen Buch den Informationskrieg als den "nächsten Weltkrieg" ausrief, in einem Interview mit dem Handelsblatt jüngst mehr oder weniger in den Mund legen. Letztlich verbirgt sich dahinter allerdings nur der entstaubte, bereits von Clinton vorangetriebene Gedanke zur Errichtung eines Federal Intrusion Detection Network (Fidnet). (Ein virtuelles NMD?)

Arquilla plädiert dagegen dafür, den Schutz der kritischen Infrastrukturen weitgehend der Privatwirtschaft zu überlassen: Der Markt könnte sich seiner Ansicht nach noch eher als alle Planung von oben "als ein mächtiges Instrument erweisen, um die Informationssicherheit zu verbessern." Zumindest in Amerika - "aber vielleicht sogar weltweit." Die Voraussetzung dazu sei die freie Verfügbarkeit von Kryptographie. Dass sich just das FBI, das nun die kritischen Infrastrukturen überwachen soll, so lange gegen die Freigabe von Verschlüsselungstechniken gesträubt habe, ist für Arquilla eine der größten Ironien der jüngsten Geschichte.

In Berlin findet vom 29. Juni bis 1. Juli eine internationale Konferenz zum Thema "Arms Control in Cyberspace" statt. Organisiert wird sie von Heinrich Böll Stiftung, FoG:IS, FIfF, IFSH, HSFK, Netzwerk Neue Medien.

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