Das Dilemma der Lockdown-Politik

Das Leben eines größeren und im Schnitt jüngeren Teils der Bevölkerung steht gegen das einer älteren Minderheit. Wäre es moralisch legitim, das Wohl der einen für das Wohl der anderen zu opfern?

Der Ausnahmezustand dauert nun schon länger als vielen lieb ist. Doch nun ist Licht am Ende des Tunnels. Die Zahlen laufen langsam zurück, die Lockdown-Strategie scheint aufzugehen. Anfang Mai soll es zu ersten Lockerungen der Ausgangsperren kommen.

Trotzdem ist Vorsicht geboten: Die Epidemie steht erst am Anfang und eine zweite Welle könnte kommen. Doch bereits jetzt droht eine humanitäre Katastrophe sondergleichen und das führt zu einer dilemmatischen Situation.

Ostern ist vorbei. Die gute Stimmung hielt sich in Grenzen. Daran konnten auch die vielen Schokohasen und bemalten Eier in den Regalen der Supermärkte wenig ändern. Der Grund dafür hat einen Namen: Corona. Doch es ist weniger das Virus selbst, sondern es sind die sich daraus ableitenden Phänomene, die diese Krise anheizen.

Hierfür hat man schöne Kunstwörter fabriziert, die diese Phänomene recht treffend bezeichnen: Coronakratie und Coronaphobie sind nur zwei der rezent entstandenen Neologismen, über die man nun häufiger in der Medienlandschaft stolpert. Daneben gibt es auch den Corona-Leugner auf der einen und den Corona-Chauvinisten auf der anderen Seite des Meinungsspektrums. Je nach Sichtweise nimmt der andere Corona entweder zu ernst oder nicht ernst genug. Ein Mittelweg ist nicht erwünscht - es gilt das Entweder-oder. Der sachliche Diskurs bleibt unterdessen außen vor. Das Klima zwischen den Parteien ist vergiftet - konstruktiv ist das wenig.

Doch unabhängig davon, wie man zu Corona steht, eines dürfte klar sein: Diese Epidemie wird erst dann enden, wenn entweder ein Impfstoff gefunden oder Herdenimmunität erreicht wird. Beides scheint momentan nicht in Reichweite: Ein Impfstoff wird vermutlich nicht vor 2021 erhältlich sein und eine suffiziente kollektive Immunisierung wird mit den jetzigen Maßnahmen laut Modellen erst in 1-2 Jahren eintreten. Ein probates Medikament steht auch noch aus. Die famose Reproduktionszahl R0 auf unter 1 zu drücken kann auch nur ein temporäres Ziel sein. Die Epidemie wäre dann keineswegs vorbei, sondern nur wieder überschaubar. Die Drohung einer zweiten Welle stünde dann immer noch im Raum. Also, was tun?

Dass der Lockdown so schnell als möglich beendet werden muss, lässt sich nicht mehr wegargumentieren. Die gesellschaftlichen und ökonomischen Schäden sind bereits immens. Experten sprechen schon jetzt von der schlimmsten Weltwirtschaftskrise seit 1929. Viele bangen bereits um ihre Existenz - auch in wohlhabenden Ländern. Die Caritas verbucht einen steilen Zulauf.

In vielen ärmeren Ländern sind Menschen verstärkt durch den Hungertod bedroht aber auch in Europa wird bereits gehungert. In Süditalien wurden schon jäh nach Krisenbeginn Supermärkte geplündert, um sich mit Lebensmitteln zu versorgen. Die Täter waren jedoch keine Kleinkriminellen, sondern ganz normale Bürger. All dies geschieht aus finanzieller Not, wie es heißt.

Dass es so nicht geht, daran zweifeln nur noch wenige, wiewohl es auch nur wenige wagen, daraus langfristige Konsequenzen zu ziehen. Immerhin macht Österreich den ersten Schritt. Die Wirtschaft soll wieder hochgefahren werden - stückweise versteht sich. Zuerst öffnen kleinere Geschäfte sowie Bau- und Gartenmärkte. Der Rest soll schrittweise folgen. Anfang Juni soll alles wieder so sein wie vor der Krise - zumindest für eine Zeit lang, denn eine zweite Welle ist wahrscheinlich. Aber was dann?

Die "Stotter-Taktik" und die zweite Welle

Eine Möglichkeit, die auch von den meisten Staaten derzeit erwogen werden dürfte, ist die sogenannte Stotter-Taktik. Die Idee dahinter ist einfach: Man fährt die Wirtschaft hoch und fährt sie gegebenenfalls wieder hinunter, sollten die Zahlen dafür Anlass geben. Man fährt sozusagen auf Sicht.

Das Problem daran ist, dass wenn die zweite Welle schnell kommt und ein neuer Lockdown kommt, der wirtschaftliche Schaden sich potenziert. Es würde dann noch länger dauern bis man wieder hochfahren kann. Und dies würde sich bei jedem weiteren Ausbruch weiter nach hinten verschieben. Es droht eine repetitive Schleife, die erst dann endet, wenn die Mehrheit der Bevölkerung mit dem Erreger Kontakt hatte oder, wie eingangs erwähnt, der Impfstoff da ist. Darauf kann man hoffen, sollte man aber nicht - noch nicht jedenfalls.

Auch die psychische Belastung weiterer Ausgangssperren für eine just entlassene Gesellschaft sollte nicht unterschätzt werden. Wer einmal den Duft der Freiheit riecht, lässt bekanntlich ungern davon ab. Abgesehen davon ist es nicht gänzlich unwahrscheinlich, dass eine zweite Welle noch schwerer verliefe. Trifft diese Befürchtung zu, wäre das Menetekel bereits an die Wand gemalt.

Die Industrie würde erneut auf unbestimmte Zeit lahmgelegt. Handel, Dienstleistungen, Transportwesen und Baugewerbe würden wieder suspendiert. Aber auch die Kulturindustrie würde nach wie vor leiden. Besonders hart könnte diese Up-and-Down-Strategie den Tourismussektor treffen. Nach partieller Rekonvaleszenz des Hotellerie- und Gastrowesens, müsste man bei einer Wiedererstarkung des Virus die Gäste abrupt vergraulen. Die Verunsicherung würde dann noch größer und hinterließe noch nachhaltigere Schäden wie eh schon. Zukunftsträchtige Investitionen würden zurückgestellt, die Rentabilität der Betriebe fiele praktisch wieder auf null. Die Revitalisierung von Handel und Gewerbe würde dann jedes Mal betulicher.

Die Stotter-Lösung scheint daher wenig praktikabel. Denn der Name ist Programm - der ökonomische und gesellschaftliche Motor gerät ins Stottern und das darf nicht (mehr) passieren. Doch es nährt sich zunehmend der Verdacht, dass diese Strategie in den meisten Ländern bereits beschlossene Sache ist. Man will der Bevölkerung mit den geplanten Lockerungen vermutlich eine kurze Verschnaufpause gönnen, bevor dann der nächste Lockdown ansteht.

Leider gibt es noch erstaunlich wenig offizielle Bestrebungen, die tatsächlichen sozioökonomischen Folgen weiterer Lock- und Shutdowns abzuschätzen. Der Mangel an solchen extrapolierenden Analysen ist besonders deswegen misslich, weil man sich ja gerade emsig daran macht, alle notwendigen Vorkehrungen zu fixieren, um in die nächste Phase überzuleiten. Daran, wie es aber im Falle einer zweiten oder dritten Welle weitergehen könnte, will derzeit scheinbar niemand so recht denken. Die Debatte darüber ist aber gerade jetzt unverzichtbar.

Lösung ohne erneuten Lockdown?

Freilich besteht immer Hoffnung, dass vielleicht doch noch ein medizinisches Wunderpräparat die Krise vorzeitig beenden wird. Das kann aber lediglich ein Trumpf im Ärmel der Staatsstrategen sein aber niemals die Prämisse, auf deren Grundfesten eine Exitstrategie aufbaut.

Was aber, wenn man einen weiteren Lockdown unbedingt vermeiden möchte? Würde das automatisch eine höhere Opferzahl bedeuten? Nun vielleicht, aber nicht unbedingt. Das hängt vor allem davon ab, wie schnell man jetzt reagiert und wie effizient man die Zeit bis zum nächsten "Outbreak" nutzt, um medizinisch und personell aufzurüsten.

Flächendeckende Antikörpertests bei Asymptomatischen und Stichproben würden dabei helfen, den tatsächlich Durchseuchungsgrad der Bevölkerung genauer abschätzen zu können. Je höher dieser ausfällt, desto breiter ist klarerweise auch die kollektive Immunität gegen das Virus. Jene, die bereits immun sind, könnten dann in verschiedensten Bereichen zum Wohl der Risikogruppen eingesetzt werden. Dass ältere Menschen sowie Menschen mit Vorerkrankung noch länger isoliert bleiben müssen, dürfte inzwischen klar sein. Doch nicht aus Diskriminierung, sondern zu Ihrem eigenen Schutz.

Selbstverständlich müsste auch das Ärzte- und Pflegepersonal regelmäßig getestet werden, um das Virus nicht unbemerkt weiterzuverbreiten. Am besten wäre es vermutlich Covid-19-Patienten in einer eigenen Struktur oder Abteilung zu behandeln, um das Infektionsrisiko für die restlichen Patienten möglichst gering zu halten. Senioren- und Altersheime sollten besonders gut ausgerüstet werden und auch die Hygienemaßnahmen könnten weiterhin gelten. Je nach Zahlenentwicklung und Gefahrenlage sind auch föderal-regionale Lösungen denkbar.

Freilich, diese Ideen sind nicht originell. Im Netz kursieren bereits Myriaden von Vorschlägen für die "Zeit danach" - die Zeit nach dem gesellschaftlichen und ökonomischen Stillstand. Die kreative Palette reicht von innovativen Kontroll-Apps, die biometrische Bewegungsprofile erstellen bis hin zu "Quarantäne-Inseln" für Infizierte. All diese Präventionsmaßnahmen in den "Zwischenphasen" könnten einen weiteren Lockdown unnötig machen. Doch was, wenn all diese Maßnahmen nicht ausreichen, um das Virus im Zaum zu halten?

Wirtschaft vs. Gesundheit?

Wer dieser Tage gegen den Lockdown und für die Rehabilitierung des ökonomischen und gesellschaftlichen Lebens plädiert, sieht sich prompt vehementen Vorwürfen ausgesetzt. Die Gesundheit habe jetzt oberste Priorität. Wirtschaftliche Interessen müssten nun hintenanstehen, die individuelle Freiheit ebenso. Das klingt plausibel, doch so einfach ist es nicht.

Vermutlich ist den meisten das Ausmaß der ökonomischen und gesellschaftlichen Schäden nicht mal ansatzweise klar. Massenarbeitslosigkeit, Hunger, häusliche Gewalt, Psychopathologien, Suizid, der Anstieg von Drogenmissbrauch und ein sich abzeichnender Generationenkonflikt sind nur einige der kollateralen Effekte, die eine zyklische Lockdown-Strategie haben wird.

Wer glaubt, dass ein Hilfspaket hier und eine Finanzspritze da diese Katastrophe abwenden werden, der irrt. Die von den Staaten und der EU geschnürten Geldpakete können den Schaden zwar lindern, aber vermieden wird er dadurch nicht.

Dazu kommt, dass das Leistungspotenzial eines Gesundheitssystems in erheblichem Maße von der Wirtschaftsleistung eines Staates abhängt. Das würde im Umkehrschluss bedeuten, dass wenn die Wirtschaft stirbt, eine hinlängliche Gesundheitsversorgung nicht mehr gewährleistet werden kann. Spätestens wenn sich dieser Kreis schließt, sollte klar sein, weshalb gesundheitliche und ökonomische Folgen sich nicht entkoppeln lassen - Gesundheit und Wirtschaft bedingen einander, denn nicht nur das Virus, sondern auch der Lockdown produziert Tote.

Auch die subversive Potenz der totalitären Maßnahmen für liberale Demokratien sollte nicht unberücksichtigt bleiben. Die Hemmschwelle für eine erneute Setzung einschränkender Maßnahmen könnte zukünftig gefährlich sinken. Denn Anlass dafür wird sich immer finden lassen, ob es nun Terroristen sind oder eine neue Epidemie, die in Afrika schwelt, spielt dabei keine Rolle. Es wird ausreichen, um die Reaktivierung der Kontrollmaßnahmen zum Schutze der Bevölkerung zu legitimieren. Zudem könnte sich das Volk dann bereits an den staatlichen Rigorismus gewöhnt haben. Doch die Debatte über diese Gefahren wird bereits geführt - und das ist gut so.

Moralisches Dilemma

Diese Epidemie hat bereits viele Opfer gefordert und viele werden noch folgen. Besonders ältere Menschen und Menschen mit Vorerkrankungen laufen Gefahr, am Virus zu sterben. Wie viele es am Ende sein werden, ist noch unklar. Bisher hat Covid-19 knapp 120.000 Menschen weltweit das Leben gekostet - das ist nicht wenig. Aber auch die Logik der Lockdown-Strategie ist lebens- und existenzbedrohend.

In Großbritannien leiden bereits über 3 Millionen Menschen an Hunger, weil ihnen aufgrund des Lockdowns das Geld für Nahrungsmittel fehlt oder die Regale bereits leergekauft wurden. Und das könnte erst der Anfang sein.

Doch was, wenn die Schäden, die der wirtschaftliche und soziale Stillstand produzieren, die Schäden durch das Virus übersteigen? Sind die Maßnahmen dann überhaupt verhältnismäßig? Dürfte man in diesem Fall den Tod weniger zugunsten des gesellschaftlichen Wohls in Kauf nehmen? Ist der gebotene Schutz für das Leben absolut? Wie verhält es sich, wenn das Leben jüngerer Menschen gegen das Leben älterer steht? Spielen gewonnene oder verlorene Lebenszeit bei diesen Erwägungen auch eine Rolle?

Diese Fragen sind unbequem. Doch man wird angesichts der Lage kaum umhinkommen, sie sich zustellen, auch wenn das Resultat schmerzhaft sein könnte.

Die philosophische Ethik spricht in diesem Zusammenhang von moralischen Dilemmata. Ein moralisches Dilemma zeichnet sich dadurch aus, dass, egal für welche Option man sich entscheidet, man sich in jedem Fall mit einer moralischen Schuld belasten wird. Im Augenblick scheint die dilemmatische Ausgangslage folgende zu sein: Das Leben eines größeren und im Schnitt jüngeren Teils der Bevölkerung steht gegen jenes einer im Schnitt älteren Minderheit. Wäre es nun moralisch legitim, das Wohl der einen für das Wohl der anderen zu opfern?

Pflichtethiker wie Kant sagen Nein. Konsequentialisten behaupten Gegenteiliges. Doch wie werden diese unterschiedlichen Antworten begründet?

Kant ist bekanntlich Vertreter einer deontologischen Pflichtethik. Deontologische Ethiken bewerten eine Handlung per se, aber nicht (!) die sich daraus ergebenden Konsequenzen. Der Konsequentialismus hingegen, bewertet ausschließlich die Folgen einer Handlung. Genauer: Kant qualifiziert eine Handlung dann als moralisch, wenn sie mit dem Sittengesetz, das er im kategorischen Imperativ materialisiert sieht, vereinbar ist. Das bspw. Lügen nicht dazugehören kann, dürfte klar sein, da man vernünftigerweise nicht wollen kann, dass das Lügen zu einem allgemein akzeptierten Standard wird.

Utilitaristen hingegen können ein Recht zu lügen dann zugestehen, wenn es in einer gegebenen Situation mehr Nutzen als Schaden produziert. Standardgemäß lässt sich das Credo des Utilitarismus mit der Formel "das größte Glück für die größte Zahl" einigermaßen gut zusammenfassen.

Im bekannten Gestapo-Beispiel, einem Lieblingsbeispiel der angewandten Ethik, verbietet Kant dem Schutzbietenden die Geheimhaltung des Judenverstecks mit Hinweis auf das kategorische Lügenverbot. Auch wenn Kant annehmen muss, dass die Preisgabe des Verstecks mit großer Wahrscheinlichkeit den Tod der Juden zur Folge hat, darf er diese Erwägung jedoch nicht in sein moralisches Urteil einfließen lassen und tut es auch nicht.

Kant unterstreicht diese Sichtweise in seinem Aufsatz "Über ein vermeintes Recht aus Menschenliebe zu lügen", wo er selbst bei "Gefahr von Leib und Leben" ein Recht zu lügen nicht zugesteht. Dies daher, weil er, wie erwähnt, ausschließlich auf die Handlung selbst und nicht auf die Folgen abstellt.

Das scheint nicht nur kontraintuitiv, sondern ist es auch. Denn wer würde einem Menschen moralisches Fehlverhalten zur Last legen wollen, der mit dem Aussprechen einer Unwahrheit Menschen vor dem Tod bewahrt?

Allerdings können auch konsequentialistische Ethiken häufig zu fragwürdigen Ergebnissen führen. So würden wir es niemals billigen, einen Straßenjungen zu entführen und auszuweiden, um mit seinen Organen fünf anderen Menschen das Leben zu retten. In den Augen der meisten Menschen und Rechtssysteme wäre das Mord - nichts weiter.

Doch wie lassen sich diese Überlegungen auf die Dilemmasituation der jetzigen Krise übertragen?

Kant und die Menschenwürde

Kant lehnt moralische Dilemmata gemeinhin ab. Doch das dürfte kein Auswuchs einer persönlichen Präferenz sein, sondern ergibt sich ganz einfach aus dem statischen Wesen seiner Ethik. Ein Utilitarist hingegen würde im Falle, dass der ökonomische und gesellschaftliche Lockdown mehr Menschen schadet als er nutzt, für die Aufhebung des Ausnahmezustandes plädieren.

Wer hat nun recht? Gibt es überhaupt ein allgemeines, letztgültiges ethisches Prinzip, das uns stets sagt, was in einer gegebenen Situation zu tun ist?

Dass Kant die Abwägung von Leben kategorisch ablehnt, hat noch einen weiteren Grund: Sein Prinzip der Menschenwürde. Das Leben hat hiernach einen absoluten intrinsischen Wert, der für eine Verrechnung nicht bemüht werden kann. Kant konkretisiert die Menschenwürde in seiner berühmten "Selbstzweckformel". Der Mensch, so der ungefähre Wortlaut, dürfe niemals bloß als Mittel, sondern müsse immer auch als Zweck an sich betrachtet werden. Aus dieser Formel lässt sich ableiten, dass jede Verrechnung von Leben automatisch einer Verzweckung der Person gleichkäme. Und das ist für Kant nicht tragbar.

Was ist damit aber gewonnen? Zunächst nicht viel, denn das heißt nur, dass Kant in Dilemmasituationen nicht befragt werden kann. Dieses Instrumentalisierungsverbot liefert zusammen mit seiner handlungszentrierten Ethik den Grund dafür, warum Kant moralische Dilemmata zwangsläufig ablehnen muss (!).

Was aber, wenn sich das Dilemma nicht mehr vermeiden lässt?

Man könnte argumentieren, dass in einer bestehenden Dilemmasituation, wie der jetzigen, auch Kant zugestehen müsste, den Schaden so gering wie möglich zu halten. Abgesehen davon ist es fraglich, ob man Kants Sakralisierung der Menschenwürde für bare Münze nehmen kann, denn, wenn dem Leben ein unantastbarer absoluter Wert beigemessen wird, ist nicht zu sehen, wie dieser plötzlich abhandenkommen soll. Es mag deshalb erstaunen, dass gerade Kant sich für die Todesstrafe ausspricht. Scheinbar ist Kant der Auffassung, dass die Todesstrafe die Menschenwürde nicht tangiert.

Das Hauptproblem mit der Menschenwürde dürfte jedoch sein, dass sich nicht überzeugend darlegen lässt, welche konkreten Individualrechte aus ihr folgen und welchen modalen Status diese besitzen würden. Solange dies nicht gelingt, bleibt das Konzept der Menschenwürde ohne verbindlichen normativen Gehalt. Daran ändert auch der erste Absatz des deutschen Grundgesetzes wenig.

Dass der Versuch einer ethischen Letztbegründung insgesamt gescheitert ist, wissen wir spätestens seit Wittgenstein. Denn irgendwann "biegt sich der Spaten eben zurück" und man muss die Suche danach abbrechen, will man nicht der Tücke des Münchhausen-Trilemmas auf den Leim gehen.

Wonach sollen wir unser Handeln aber ausrichten, wenn es ein solches letztgültiges Prinzip nicht gibt?

Leben wird immer schon verrechnet

Dass sich die Menschenwürde nicht in Form einer ethischen Letztbegründung gewinnen lässt, heißt nicht, dass es sie nicht gibt. Es heißt lediglich, dass ihr modaler Status nicht gesichert ist, aber nicht, dass sie keinen besitzt. Das Prinzip der Menschenwürde entfaltet durchaus eine moralische Verbindlichkeit. Allerdings speist sich diese nicht aus dem Prinzip per se, sondern aus den alltäglichen vortheoretischen Selbstverständlichkeiten unserer lebensweltlichen Praxis. Der Philosoph Nida-Rümelin beschreibt das so: "Jede Begründung endet in den Selbstverständlichkeiten einer geteilten Lebensform."

Die Genese der Menschwürde ist damit keine sakral-metaphysische, sondern eine weltlich-praktische. Und genau deshalb kann der Wert des Lebens gleichwenig absolut sein wie der dafür gebotene Schutz. Auch der deutsche Ethikrat scheint diesem Befund stattzugeben. In einer Stellungnahme zur Coronakrise schrieb er unlängst: "Auch der gebotene Schutz des Lebens gilt nicht absolut. (…) Alle an solidarischen Praxisformen beteiligten Personen sollten sich fragen, welche Einbußen und Kosten man wem mit Gründen ansinnen darf - im aktuellen Fall also etwa, wem welche Einbußen in der politischen, sozialen, wirtschaftlichen oder kulturellen Lebensweise zugemutet werden dürfen."

Doch wer dem Leben dieser Tage seinen absoluten Wert absprechen will, sollte auf der Hut sein. Denn man sieht sich schnell mit dem Vorwurf menschenverachtender Rhetorik konfrontiert. Dabei wird jedoch vergessen, dass wir es waren, die sich für die Relativierung des Lebenswertes entschieden haben und zwar schon seit je her. Dies nicht deswegen, weil wir das menschliche Leben etwa geringschätzen würden, sondern weil die Verrechnung und Relativierung von Leben immer schon Teil einer von uns geteilten und allseits akzeptierten lebensweltlichen Praxis ist.

Man denke dabei an die Allokation medizinisch knapper Ressourcen in der Notfallmedizin oder an kostspielige medizinische Eingriffe, die womöglich deshalb unterlassen werden, weil sie sich für die betroffene Person "nicht mehr rentieren". Man denke aber auch an die Risikoanalysen im Versicherungswesen und Bausektor, das Kosten-Nutzen-Kalkül für Sicherheitsmaßnahmen in der Automobilindustrie oder die Kriterien für die medizinische Forschung nach Impfstoffen. Es gibt Berufe, wo Menschen sich zum Schutze "wichtigerer" Personen notfalls in die Schussbahn werfen, um ihr Leben zu retten.

Diese Liste ließe sich beliebig in die Länge ziehen. Wer dies unterschlägt, verkennt, dass solche Praktiken schon längst ein konsolidierter Bestandteil unseres gesellschaftlichen lebensweltlichen Geflechts sind und immer waren - und das ganz unbeeindruckt von Luftsicherheitsgesetzen und anderen Artikeln des Grundgesetzes.

Und eben deshalb kann es nicht moralisch verwerflich sein, wenn man vielen gegenüber wenigen und Jüngeren gegenüber Älteren den Vorzug gibt. Denn wer würde es nicht verstehen, wenn wir beispielsweise diejenigen vor der Katastrophe bewahren, die ihr Leben noch vor sich haben? Und es geht hier nicht um utilitaristische Nutzenmaximierung, sondern um etwas nur allzu Natürliches, das wir als Gesellschaft - zumindest größtenteils - akzeptieren und immer schon akzeptiert haben.

Freilich ist eine solche Entscheidung schmerzhaft und niemand, der sie treffen muss, ist zu beneiden. Denn auch ältere Personen sind jemandes Vater oder Großvater und haben der Gesellschaft einen Dienst erwiesen. Doch es kann niemals eine akzeptable moralische Regel sein, junge Menschen zugunsten Älterer und Viele zugunsten Weniger zu opfern. Denn wir haben gute Gründe das nicht zu tun, mag es für Angehörige der älteren Person auch noch so schmerzlich sein. Dies auszusprechen ist nicht inhuman, im Gegenteil ist es geradezu allzu menschlich - es ist der Lauf der Dinge und hat mit einer kategorialen Abwertung der Person nichts zu tun.

Natürlich bleibt zu hoffen, dass diese Krise es nicht erforderlich macht, solche Abwägungen zu tätigen. Doch wenn der Moment kommt und eine zweite Welle anrollt, sollte ein erneuter Lockdown vermieden werden, denn sonst wird die Zahl jener, die den Folgen des Lockdowns zum Opfer fallen, jene der Virus-Opfer ungleich übersteigen.

Diese Diagnose ist hart, aber vermutlich verheißt sie das geringere Übel, auch wenn dies einzusehen nicht leicht fällt.

Über den Autor:

Valentin Widmann hat Geschichte und Philosophie an der Universität Wien und Innsbruck studiert. Daneben studierte er an der Karl-Franzens-Universität in Graz "Political, Economic and Legal Philosophy (PELP)". Seine Diplomarbeit "Die Aktualität des aristotelischen Seelenbegriffes für die moderne Körper-Geist-Debatte" verfasste er im Bereich der analytischen Philosophie des Geistes und der theoretischen Ethik. Er war drei Jahre lang Gymnasiallehrer für Geschichte und Philosophie am Humanistischen Gymnasium "Walther von der Vogelweide" in Bozen und arbeitet nun an Forschungsprojekten zur Humanismus-Transhumanismus-Debatte und zur Thematik "Künstliche Intelligenz und Ethik". Daneben publiziert er verschiedenste Beiträge zu gesellschaftspolitischen und ethischen Themen.