Das Ding in sich

Alle Bilder: Universal Pictures

"The Thing" und die monströse Genetik des Horrorfilms

Es gibt eine Handvoll Horror- und Science-Fiction-Stoffe, die seit den 1950er-Jahren durch die Filmgeschichte geistern und stetig neu adaptiert werden: Don Siegels "The Body Snatchers" (1956), Byron Haskins "War of the Worlds" (1953) oder Christian Nybys "The Thing from another World" (1951) haben etliche Neuadaptionen erfahren - daneben gibt es zahlreiche andere Filme dieser Genres, die es auf mindestens ein Remake gebracht haben (etwa "Village of the Damned", "The Day the Earth stood still"). Neben der Tatsache, dass die in den Filmen metaphorisierten Cold-War-Motive jeweils zeitgenössische Aktualisierungen erfahren haben, zeigen sich aber immer auch Versuche, die bedrohlichen Fiktionen irgendwie zu einem sinnvollen Schluss zu erzählen oder nachträglich narrativen Lücken zu füllen. Das Prequel "The Thing" von Matthijs van Heijningens zeigt dies besonders eindrucksvoll.

Es beginnt wie der alte Film von Christian Nyby, seinerzeit populär produziert von Howard Hawks: Irgendwo unter dem ewigen Eis der Antarktis finden Wissenschaftler ein "Konstrukt" - ein riesiges, kreisrundes Ufo, das offenbar bereits 100.000 Jahre dort feststeckt. Nahe der Fundstelle ist eine fremdartige Kreatur im Eis eingeschlossen. Der US-amerikanische Wissenschaftler Sander Halvorson (Ulrich Thomsen) und seine Studentin Kate Lloyd (Mary Elizabeth Winstead) fliegen zu der norwegischen Forschungsstation, deren Leute den Fund gemacht haben, und bergen das Alien im Eisblock.

Dieser beginnt in der Station jedoch zu schmelzen und das Wesen entkommt. Es infiziert jeden Organismus mit seinen Zellen, die daraufhin eine Metamorphose des infizierten Körpers auslösen. Nach einiger Zeit bricht dieser regelrecht auseinander, verwandelt sich in ein fremdartiges Monster und fällt andere Lebewesen an, um sich auf diese Weise zu vermehren. Kate Lloyd und ein paar der norwegischen Stationsbewohner merken bald, dass sie mit allen Mitteln verhindern müssen, dass das Wesen die Station verlässt - dieses hat aber genau das vor und versucht es auch mit allen Mitteln.

John Carpenter hatte 1982 ein viel beachtetes Remake des Cold-War-Klassikers "The Thing from another World" in die Kinos gebracht - markanterweise unter dem abgekürzten Titel "The Thing", ganz so, als sei die Bedrohung eben nicht mehr "from another world", die da über die US-amerikanischen Forscher hereinbricht, nachdem sie ein aus der nahegelegenen norwegischen Forschungsstation entflohener Schlittenhund erreicht, der das Virus in sich trägt.

Der Titel deutet seine Vorlage sozusagen durch Auslassung bereits als Kalte-Kriegs-Paranoia. Van Heijningens Film endet genau dort, wo Carpenters beginnt - in die Schlusstitel einmontiert sieht man beinahe einstellungsgenau jene Hubschrauberjagd nach dem Hund. Der Verdacht liegt also mehr als nahe, dass der neue Film das Prequel zu Carpenters Werk darstellt. Und dennoch zeigen sich in ihm ebenso viele Anspielungen an den Nyby-Film, wie schon beim 1982er-Remake. Wir haben es hier also offensichtlich mit einem Hybrid zu tun.

Dass der Film dieses Thema auch in seinem Inhalt verhandelt, in dem es um Hybridwesen aus irdischen und außerirdischen Zellen und Körpern sowie um die Rekombination von tierischem/menschlichem Erbgut mit dem von außerirdischem geht, ist eine interessante Verdopplung zwischen Struktur und Plot. Die im Film entstehenden Monster tragen immer (noch) Züge ihrer menschlichen Abstammung, oft ins Groteske verzerrt durch die außerirdische Physiognomie und Anatomie.

Ähnlich der schon beachtlichen Schleimigkeit und Splattrigkeit in Carpenters Film (man erinnere sich allein an die atemberaubende Defibrilations-Sequenz!), spart auch die 2011er-Version nicht an grotesken Monster-Darstellungen. Der Charme des Originals aus dem Jahre 1951, in dem das Ding einfach ein übergroßes, anthropomorphes Pflanzenwesen war, schien schon in den 1980er-Jahren nicht mehr angemessen für Darstellung einer derartigen Bedrohung.

Welche Bedrohung ist das aber eigentlich? Die allen drei Filmen zugrunde liegende Erzählung "Who goes there?" von John W. Campbell aus dem Jahr 1938 gibt schon von ihrer Entstehungszeit her einen möglichen Deutungsansatz. Geschrieben und veröffentlicht in der Zeit des (stalinistischen) Großen Terrors insinuiert die Story eine sich epidemisch ausbreitende Gleichschaltung, die aus gefühlvollen Patrioten (in Nybys Film überdeutlich militärisch konnotiert) emotionslose Monster macht (bei Nyby sich asexuell fortpflanzende Blutsauger).

Diese später als Paranoia-SF bekannt gewordenen Storielines finden sich in allen drei "The Thing"-Adaptionen lupenrein wieder. Bei Carpenter und jetzt auch bei van Heijningens hat sich der ideologisch-kritische Subtext jedoch forciert. Ging von Nybys "Ding" noch keine Ansteckungsgefahr aus (wohl aber eine epidemische Streuung der "Samen des Bösen" - wie kurz darauf 1962 noch einmal von den "Triffids" wiederholt), so haben das Remake und sein Prequel den McCarthyismus quasi im Blut: Das Böse könnte sich längst in unseren Nachbarn und Freunden eingenistet haben, ohne dass wir es ihnen ansehen können. Und dann bricht es plötzlich heraus und zerstört unsere heile Welt.

Was in der Psychiatrie als Capgras-Syndrom einen recht ernsten Hintergrund hat, feiert in Filmen wie "The Thing", der "Body-Snatchers" - und der "Stepford"-Reihe fröhlich (science-)fiktionale Urgründe als Horrorstoff. Carpenter und van Heijningens bemühen sich, diese Bedrohung wissenschaftlich so exakt wie möglich zu erklären.

1982 schreibt der Arzt auf der US-Station, Dr. Blair, sogar eine Computersimulation, die den Infektionsprozess verbildlicht; im neuen Film gibt es eine eindrucksvolle Mikroskopie-Szene (im Trailer bei 1:23 Minuten kurz zu sehen), in welcher die Alien-Zellen die menschlichen regelrecht überfallen und kopieren.

Solche mikrobiellen Infektionsmotive scheinen den Cold-War-Diskurs zu verlassen und sich in Richtung anderer, etwas fassbarerer Bedrohungen als dem Kommunismus zu bewegen (als HIV-Parabel kommt Carpenters Film allerdings etwa ein Jahr zu früh - nach Susan Sontag finden sich jedoch immer wieder Krankheiten, die kulturell metaphorisch werden können).

Die Veräußerlichung des Inneren ist die Grundidee des Splatterfilms, in dessen Hoch-Zeit gerade Carpenters "The Thing" gefallen ist - und den sein Film ganz maßgeblich ästhetisch beeinflusst hat. Die Spezialeffekte, mit denen die menschlichen Körper hier regelrecht umgekrempelt werden, stellen sich bei Carpenters wie auch bei van Heijningens "The Thing" so sehr in den Vordergrund, dass für kaum etwas anderes genug Platz bleibt, könnte man meinen.

War die Figurenzeichnung in Nybys Film noch das Wesentliche (allem voran natürlich die Love-Interest-Story der Helden) und das Monster lediglich ein Abziehbild des Bösen, so ist dies bei Carpenter genau umgekehrt: Die Männer der Forschungsstation stellen lediglich "Typen" dar (der Wissenschaftler, der Held, der Sidekick, der Bösewicht). Van Heijningens Film geht hier noch einen Schritt weiter.

Die Norweger bleiben ausnahmslos gesichtslose (sozusagen von ihren Bärten kaschierte) "ten little niggers", die Protagonistin Kate und ihr Chef Sander entwickeln sich zum zentralen Konfliktpaar, sind dabei aber allenfalls funktionale Elemente, um die Story voranzutreiben - kaum mehr. In beiden Neuadaptionen ist es das Monster, das quasi unendlich komplex und fein gezeichnet ist, scheinbar fraktale Körpergrenzen besitzt, die sich immer weiter ausdehnen und ausstülpen und damit sowohl das Zentrum des Bildes wie auch des Plots einnehmen.

Man wartet nach dem ersten Anklingen des Soundtrack-Zitates von Ennio Morricones 1982er-Score förmlich darauf, dass van Heijningens "The Thing" dort ankommt, wo Carpenter eingesetzt hatte. Dass der neue Film diese Erwartung dann auch erfüllt, ja als zwischen die Schlusstitel montiertes Scharnier förmlich wie ein nachgeschobenes "na gut, da hab ihr‘s!" inszeniert, bestätigt, dass das Prequel doch vielleicht mehr von seinem Vorgänger abhängt, als es ihm als eigenständigem Werk gut täte.

Und dennoch lässt sich nicht leugnen, dass von den ausnahmsweise einmal nicht mit CGI hergestellten Monstern, die ausnahmsweise einmal nicht in 3D von der Kinoleinwand springen, eine besondere Retro-Faszination ausgeht, eine schon beinahe warme Erinnerung an den Splatterfilm, der um des Effekts willen alles mögliche vergessen hat. (Man denke hier allein an all die italienische Filme, die heute als Meisterwerke gelten!).

"The Thing" ist deshalb ein Film, den man gerade solchen, die an kreativer Monster-Darstellung gefallen finden und die sich dafür interessieren, wie sich die "Who goes there?"-Story einmal mehr durch die Jahrzehnte aktualisiert, dringend empfehlen kann.

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