Das Ende der Arbeit ohne Ende?

Die Geschichte von der Re-Absorption

Die These vom Ende der Arbeit ist nach wie vor heiß umstritten. So sagt der Mediziner Ulrich Renz in einem Interview auf Telepolis: "Die These, dass der technische Fortschritt menschliche Arbeit tendenziell überflüssig mache, trifft allenfalls auf die klassische industrielle Produktion zu. Aber selbst in diesem Bereich ist das oft prognostizierte "Ende der Arbeit" nicht eingetreten. Denn die Nachfrage nach Waren ist ja nicht auf einem Niveau stehen geblieben."

Die These vom "Ende der Arbeit" von Jeremy Rifkin aus seinem gleichnamigen Buch war nie zu verstehen als ein Ende wie bei einem Film. Klack, jetzt wird das Licht ausgemacht. Es geht um einen irreversiblen kontinuierlichen Strukturzerfall im privatwirtschaftlichen Arbeitsmarkt, der formal und rechtstaatlich selbstverständlich bis in alle Ewigkeit Gültigkeit haben kann. Die Erwerbsarbeitsgesellschaft für den privaten Sektor gibt es - um es heuristisch zu sagen - rechtlich und institutionell gesehen auch mit einer Arbeitslosigkeit von 90%. Es gibt die Erwerbsarbeitsgesellschaft hypothetisch auch mit einer Arbeitslosigkeit von 0%, in der jeder für ein Appel und ein Ei seine Arbeitskraft zu Markte tragen muss.

Die Frage ist nur; macht es Sinn an der formalen Hülle einer Institution festzuhalten, die auf der praktischen Ebene langsam und stetig ihre Funktionsweise und damit ihre zentrale Aufgabe einbüßt?

Das "Ende der Arbeit" findet, wie auch von Herrn Benz fälschlicherweise vorgetragen, nicht nur in der klassischen industriellen Produktion ihren Niederschlag, sondern auch im Dienstleistungssektor werden durch den technischen Fortschritt Arbeitskostensenkungspotenziale gesucht und dezimiert.

Die westliche Welt schreckte auf, als Mitte der 80er Jahre der Automobilkonzern Toyota den alten Hasen der Großindustrie die lange Nase auf dem Weltmarkt zeigte. Die Japaner hatten mit ihrem hauseigenen Produktionssystem einen Managementansatz entwickelt, der aus einer Kombination von effektivem Prozessmanagement, neuen Technologien und flachen Hierarchien bestand. Kaizen war in aller Munde. Und damit kauften die Japaner den westlichen Industriepatriarchen den Schneid ab. Die hatten seitdem nichts weiter zu tun als die erfolgreicheren Produktivitätsmodelle der Japaner nachzuahmen.

Seitdem erlebt die Diskussion, um die Optimierung von Geschäftsprozessen rund um den Globus kein Ende. Lean Management, Total Quality Management, Simultaneous Reengineering, Workflow Management, Business reengineering oder die viel beschworene kennzahlengestützte Balanced Scorecard sind alles Managementansätze, die in den letzten Jahren das Licht der Welt erblickten. Ihr kleinster gemeinsamer Nenner ist die perfekte Abstimmung und Neuausrichtung aller Geschäftsprozesse, sodass

  1. Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit erhöht werden,
  2. Arbeitskraft auf das Nötigste zusammengestutzt wird,
  3. die Arbeitskraft als teure Fehlerquelle minimiert
  4. und die Gewinnmarge vergrößert wird.

Und mit jedem neuem technischem Durchbruch in der Informationstechnologie werden die Ansätze von neuem aufgegriffen und weiterentwickelt. Und der Dienstleistungssektor nimmt dankbar diese Organisationstechniken auf. Das Absurde dabei ist, dass die Umstrukturierung der Unternehmen in Echtzeit gar nicht so schnell gelingt, wie neue Optimierungskonzepte auf den Markt kommen.

Wer denkt denn aber heute noch, dass diese ganze Entwicklung im Sinne eines Gemeinwohls passiert? Arbeitskraft ist nach wie vor ein Produktionsfaktor, der Kosten verschlingt. Wie sonst lässt sich erklären, dass immer wieder von Rekordgewinnen berichtet wird und zugleich zig Tausende von Arbeitskräften entlassen werden?

Sicherlich, Unternehmen die noch Marktpotenziale geortet haben, brauchen neue Arbeitskraft. Die saugen sie dankbar auf. Die Textilindustrie zum Beispiel suchte händeringend billige Mitarbeiter und graste den Planeten ab nach günstigen Arbeitskräften. Und diese fand sie. Mittlerweile hat der technische Fortschritt, der ja selbst als Zulieferermarkt betrachtet werden muss, die Maschinen in der Textilindustrie dermaßen produktiv gemacht, dass selbst die Textilunternehmen anfangen Ihre billigen Lohnarbeiter durch diese Maschinen zu ersetzen.

Das ist eine ganz einfache Kalkulation. Sind die Anschaffungs- und Betriebskosten eines neuen produktiveren Maschinenparks günstiger als die Lohnkosten der Arbeitskräfte, die ersetzt werden sollen? Wenn ja, dann werden Tausende von Näherinnen entlassen. Niemanden auf politischer Ebene kümmert es bis heute nennenswert, dass der technische Fortschritt nicht nur Wachstumsimpulse freisetzt durch Fixkostendegressionen, sinkenden Lohnstückkosten und steigenden Absatz, sondern immer auch eine Schwächung und Umstrukturierung der Nachfrage zur Folge hat.

Es ist immer die gleiche Geschichte und auf lange Sicht wird trotzdem behauptet, dass in Zukunft genug Arbeitskraft benötigt wird. Klar, genug zu tun gibt es immer. Aber gibt es denn auch genug privatwirtschaftliche Erwerbsarbeit am Arbeitsmarkt, die einen steigenden Arbeitsaufwand in der Produktion voraussetzt, obwohl überall daran getüftelt wird, die Arbeit als Fehler- und Kostenquelle möglichst zu minimieren?

Ulrich Renz begründet den steigenden Arbeitsaufwand der künftigen Arbeitsmärkte mit dem folgenden Argument: "Menschen haben offenbar einen nimmersatten Hang zu mehr, neueren, und besseren Produkten. Das "Prinzip Genug" ist in der menschlichen Natur nicht verankert, weil es in der Geschichte unserer Spezies nie einen Evolutionsdruck in diese Richtung gegeben hat - sondern im Gegenteil den Druck zur permanenten Optimierung der verfügbaren Ressourcen. Man kann es auch so sagen: Von unserer Grundausstattung her sind wir auf Mangel gepolt - und nicht auf Überfluss. Wir meinen deshalb, selbst im Überfluss noch immer mehr haben zu müssen."

Daraus erklärt sich dann auch seine Ablehnung der These vom "Ende der Arbeit". Wer unendlich viele Dinge möchte zur Befriedigung seiner unendlichen Bedürfnisse, der muss schlicht und einfach auch unendlich arbeiten, um sie herzustellen.1

Aus dem gleichen Horn blies auch Meinhard Miegel bei einer Diskussion auf einem Zeit-Symposium zu Ehren des Sozialdemokraten Helmuth Schmidt von 1994 und begründete die Unendlichkeit der Arbeit so: "Der Arbeitsplatz ist nicht Arbeit, sondern der Arbeitsplatz ist das Ergebnis von Arbeit. Es muss jemand gearbeitet haben, um einen Arbeitsplatz geschaffen zu haben. Die Kernfrage lautet also: Wird die Arbeit (…) ausreichend erbracht? Oder noch schärfer formuliert: Arbeiten wir genug, um arbeiten zu können?"