Das Ende der Enterprise

Die TV-Serie, die Debatten um Moral und die Werte des zeitgenössischen Amerika auf den Punkt gebracht hat, wird in den USA abgesetzt

Am 13. Mai 2005 wird in den USA die letzte Folge von Enterprise ausgestrahlt. Im Laufe der rund hundert Folgen des jüngsten Enterprise-Kapitels über die Crew um Captain Jonathan Archer sind die Zuschauerzahlen in den USA von durchschnittlich 5,9 Millionen Zuschauern bei der ersten Staffel auf 2,9 Millionen während der vierten Staffel gesunken. Nachdem am 2. Februar die Folge "Babel One" nur mehr 2,5 Millionen Trekies vor den Bildschirm lockte, gaben der Sender UPN und die Produktionsfirma Paramount am Tag darauf das Ende der Serie bekannt.

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Die letzte Folge, bei der gerüchteweise die Stars Jonathan Frakes als William T. Ryker und Marina Sirtis als Deanna Troi aus "The Next Generation" Gastauftritte haben, soll von Rick Berman und Brannon Bragga, die diesen Job nach der durchwachsen laufenden dritten Staffel an Manny Coto abgegeben hatten, geschrieben werden.

Zwei Fan-Projekte - SaveEnterprise.com und Enterprise Project - haben sich nach Bekanntgabe der Entscheidung zu EnterpriseFans.com zusammengeschlossen, um die Studiobosse zu einer Umkehr zu bewegen. Neben weltweiten Protestdemonstrationen und einer aufwendigen Werbekampagne in Tageszeitungen wie "USA Today" haben die Trekies sogar eine Online-Spendenaktion ins Leben gerufen, mit der eine Fortsetzung der Serie finanziert werden soll. Insgesamt müsste eine Summe von 32 Millionen Dollar aufgebracht werden, um ein Fortkommen der Serie möglich zu machen, aber durch eine 3 Millionen Dollar Spende von einem schwerreichen Weltraum-Fan sind die Fans mit ihrem schwierigen Vorhaben ein beträchtliches Stück weiter gekommen. Vermutlich würde es sich hierbei um die erste Fernsehserie der Geschichte handeln, die aufgrund von Fan-Spenden produziert wird.

Star Trek begann im Original-Format 1966 mit William Shatner als Captain Kirk der " Enterprise" und Leonard Nimoy als Mr. Spock. Anders als ihr heutiger Kult-Status schließen lässt, war die Serie nur mäßig erfolgreich (sie erreichte mit ihrer ersten Staffel nur Platz 52 in den USA) und wurde 1969 nach 79 Folgen schon wieder abgesetzt. Zwar hatte die "Enterprise" in den Siebzigern als Zeichentrickserie ein Comeback, aber auch diese wurde schon nach zwei Staffeln wieder eingestellt. Massiven Erfolg hatte man hingegen 1979 mit dem Film "Star Trek", dem weitere neun folgten. 1987 wurde mit "Star Trek.The Next Generation" eine neue und dauerhaftere Variante der Reihe aus der Taufe gehoben.

Die Abenteuer der Crew um Captain Picard konnte sich sieben Jahre auf den Bildschirmen halten. Auch wurden mit "Star Trek: Deep Space Nine" und "Star Trek: Voyager" erfolgreich Reihen mit je sieben Staffeln nachgelegt. Entgegen des Trends, jeden neuen Fernsehzyklus weiter in die Zukunft zu verlegen, ist "Star Trek: Enterprise" zeitlich vor der Ära Kirk angesiedelt (die Handlung wurde für das Jahr 2151, einige Jahrzehnte nach dem ersten Kontakt der Erde mit Außerirdischen, konzipiert) und wurde ab September 2001 in den USA und deutschlandweit ab 2003 mit mäßigem Erfolg ausgestrahlt.

Während es so aussieht, als ob sich die Macher der amerikanischen Superhelden-Comics wie "Superman", "Spiderman" oder "Batman" von den bürgerlichen Vertragstheoretikernhätten inspirieren hätten lassen, kann man dem Erfinder von Enterprise, Gene Roddenberry, bei der Konzeption seiner Serie einen Hauch des gattungsorientierten und anthropologischen Ansatzes von Ludwig Feuerbach diagnostizieren:

Die Geschichte der Menschheit besteht in nichts anderm als einer fortgehenden Überwindung von Schranken, die zu einer bestimmten Zeit für Schranken der Menschheit, und darum für absolute, unübersteigliche Schranken gelten. Die Zukunft enthüllt aber immer, daß die angeblichen Schranken der Gattung nur Schranken der Individuen waren.

Der Comic-Superheld muss, um sein von Superschurken, Gangstern, kriminellen Bourgois und korrupten Politkern bedrohtes Gemeinwesen zu retten, quasi als Super-Citoyen bestimmte Fähigkeiten (wie Kraft, Verstand, Schnelligkeit) in seiner Person konzentrieren. Damit stellt er eine Art potenzierte volonté general dar, einen Leviathan im überdimensionierten Comic-Format, der alle Gesetze in seiner Person willentlich vereinigen muss, um Metropolis, Manhattan oder Gotham City zu Recht und Ordnung zu verhelfen. Dagegen ist die jeweilige Mannschaft der Enterprise ein Team, in welchem weniger die Kräfte des Einzelnen gefragt sind als ihr Zusammenspiel. Denn gerade durch die Kombination der individuellen Fähigkeiten der verschiedenen Charaktere ist das Schiff fähig, auf unterschiedliche Situationen jeweils angemessen zu reagieren.

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Hier werden nicht nur Grenzen in einem äußerlichen Sinne überwunden, indem man bislang unbekannte Territorien bereist, sondern auch innere Grenzen werden verschoben, indem die verschieden veranlagten Mitglieder des Raumschiffs durch das flexible Zusammenspiel ihrer Fähigkeiten über ihre Schranken hinauswachsen. Konzentrieren sich also bestimmte Gattungskräfte in die eine Person des Comic-Superhelden, so werden gerade die individuellen Begabungen auf dem Schiff der Enterprise schöpferisch kombiniert und damit auf eine neue Ebene gehoben..

Jede "Star Trek"-Reihe hat auf ihre Art und Weise jeweils ihre Epoche repräsentiert und dabei aktuelle politische und soziale Diskurse aufgegriffen. Vielleicht kann man sogar sagen: "Star Trek" hat jeweils die Debatten um Moral und die Werte des zeitgenössischen Amerika auf den Punkt gebracht. Die Mission der Enterprise von Captain Kirk war eine multiethnische Angelegenheit mit dem weiblichen, schwarzen Nachrichtenoffizier Nyota Uhura (der erste schwarz-weiße Kuss auf den amerikanischen Bildschirmen sorgte 1968 für einen Skandal), dem asiatischen Piloten, Hikaru Sulu, und dem russischen Waffenoffizier, Pavel Chekov, wobei sich allerdings die Kalte-Kriegs-Konstellation bei der Darstellung der Feinde ablesen ließ. Den "Klingonen" wurden sämtliche antisowjetische Klischés zuteil: Mit einem ordentlichen Schuss Samurai-Moral, Kosakentum und Hunnenkultur versehen, wurden sie als aggressiv, emotional und kognitiv einfach gestrickt und infolge einer streng hierarchischen Umwelt bar jeder ernstzunehmender Individualität geschildert. Auf diesen rohen Klotz passte ein roher Keil und folglich ging es bei Kommander Kirk noch ziemlich naßforsch zu.

"Star Trek. The Next Generation", bezeichnenderweise mit einem Franzosen, Captain Picard, als Oberhaupt, war hingegen von der (wenigstens in den USA so wahrgenommenen) Hinwendung Amerikas unter Bush sen. und Bill Clinton zur UNO geprägt und hatte Themen der Diplomatie wie soziale Ausgeglichenheit, Minderheiten-Rechte und philosophische Topoi (wie der Frage über Verbindlichkeit und Zwiespältigkeit moralischer Positionen in komplexen Situationen) zum Inhalt.

Die politischen Inhalte von "Deep Space Nine" wurde in die Sphäre der Religion übersetzt: Die von den Cardassianern unterdrückten Bajoraner sind (wie die Amerikaner) ein religiöses Volk, das Propheten glaubt und demnach wird in der Serie die Wertschätzung des Glaubens über die Logik thematisiert. Mit dem "Raumschiff Voyager" wurde hingegen die "UNO-Mission" aus "Next Generation"-Zeiten fortgesetzt und unter Verwendung sowohl des jüdischen als auch des amerikanischen Gründungsmythos zugespitzt: Verwickelt in den Kampf mit einer Widerstandsgruppe wird die Voyager, ein Schiff, das eine Frau, Kathryn Janeway, zum Kommandanten hat, 75.000 Lichtjahre von der Erde entfernt in den Delta-Quadranten verschlagen und muss sich einen mühsamen und langwierigen Weg nach Hause bahnen. Obgleich die stets von Versorgungsnöten geplagte Voyager sowohl Feinde wie die Marquis und Borg als auch Flüchtlinge in die Crew aufnimmt und erfolgreich integriert, eilt der Voyager ein chronisch schlechter Ruf voraus und die Mannschaft muss angesichts einer feindlich gesinnten Umwelt mit diplomatischem Fingerspitzengefühl ihre Redlichkeit beweisen, wobei Demokratie und Friedensfähigkeit nach Innen und Außen und die Einbeziehung unterschiedlichster Begabungen zu Fragen des unmittelbaren Überlebens werden.

Um einiges gegenwartsbezogener und daher ruppiger geht es in dem bislang letzten Kapitel der Science Fiction-Reihe, der "Enterprise", zu. Mit den technischen Schwierigkeiten (so ist z.B. das bei der verwandten Serie problemlose Beamen von Menschen ein äußerst gefährliches Unterfangen) und dem geringen kulturellen Niveau (die Entscheidungen werden nicht immer auf rationaler Ebene, sondern auch intuitiv und voluntaristisch getroffen) der Menschen sind auch die intergalaktischen Beziehungen der Erde höchst krisenhaft. In dieser Serie (die in den Vereinigten Staaten erstmals im September 2001 ausgestrahlt wurde) wird die Abwendung Amerikas von der internationalen Staatengemeinschaft reflektiert (so gibt es z.B. weder eine "oberste Direktive" welche die Intervention in die Angelegenheiten fremder Völker verbietet noch eine Vereinigte Föderation der Planeten) und findet vor allem seit Beginn der dritten Staffel (vorher schon kämpfte die Enterprise gegen die "Suliban", eine Namensgebung, die wohl nicht umsonst Ähnlichkeiten mit den Taliban) seine Entsprechung. Ein Volk namens Xindi verübt hier einen Anschlag auf die Erde, der sieben Millionen Menschen das Leben kostet.

Die Mission der Enterprise ist es, die Xindi in ihren Raum (der "Ausdehnung") zu verfolgen, um eine noch gefährlichere, sich noch im Entwicklungsstadium befindliche Massenvernichtungswaffe zu zerstören. Nicht zufällig klingen hier Ähnlichkeiten zu der Operation "Enduring Freedom" an und so wird auch in den Folgen verhandelt, ob z.B. Informationsgewinnung aufgrund von Folter oder Gehirnwäsche oder der (für die Mannschaft des anderen Schiffes lebensbedrohliche) Raub einer Warp-Spule unter besonderen Umständen vertretbar sein kann. Man kann also sagen, dass mit der neuen "Enterprise" der Bogen wieder von der Epoche der UNO zurück zu dem gegenwärtigen Isolationismus der USA geschlagen wurde und die Darstellung der Werte der Ära Bush für die Science Fiction-Serie zu einem kommerziellen Desaster geworden ist. (Reinhard Jellen)

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