Das Ende der Handschrift?

USA: Immer weniger Schüler beherrschen die Kursivschrift

Nur mehr 15 Prozent von 1,5 Millionen amerikanischer Schüler, die sich in diesem Jahr den SAT-Eignungstests für eine höhere Schule unterzogen, beherrschten die Kursivschrift mit der Hand. Der Großteil lieferte die Aufsätze in Druckbuchstaben ab. Es sehe ganz so aus, als ob die Handschrift als Kommunikationsform überholt ist, meldete die Washington Post gestern.

Die genannten College- und Highschool-Aspiranten seien nur die ersten Ausläufer einer Welle von amerikanischen Schülern, denen handschriftliche Fähigkeiten in den Elementarschulen nur mehr in deutlich reduzierter Form beigebracht worden sei. Gerade mal zehn Minuten am Tag, öfter sogar weniger. Viele Lehrer würden das, was man in hierzulande früher „Unterricht in Schönschrift“ genannt hat, als Relikt begreifen.

Die Handschrift sei nur mehr zur Unterschrift nötig, wird ein Lehrer von der Washington Post zitiert. Man habe jetzt andere Prioritäten angesichts straffer Lehrpläne, und das Wichtigste ist demnach, dass die Schüler ihre Tests bestehen und nicht, ob sie dies mit einer schönen, persönlichen Handschrift schaffen. Sie muss leserlich sein, das genügt. In manchen Kindergärten in den USA wird den Kindern die wichtigere Schreib-Technik des 21. Jahrhunderts beigebracht: das Tippen auf einem Keyboard. Und die meisten Schüler würden ihre Notizen ohnehin auf einem Laptop machen und Hausaufgaben auf dem PC zuhause.

Dass mit dem stetigen Abbau der Kulturtechnik „Handschrift“ auch wichtige Lesekompetenzen verloren gehen, beklagen Historiker und Literaturwissenschaftler, für die das Studium von handschriftlichen Quellen wichtig ist. Ein großer Vorteil von handschriftlichen Quellen liege darin, dass deren Authentizität leichter nachzuweisen sei. Funde, wie das bislang unbekannte Gedicht des berühmten amerikanischen Dichters Robert Frost, das kürzlich entdeckt wurde, benötigen Kompetenzen im Lesen von Handschriften.

Doch auch Wissenschaftler aus anderen Disziplinen wollen die handschriftliche Kompetenzen lieber gefördert sehen. Verschiedene Untersuchungen von Schülern hätten ergeben, dass gute handschriftliche Fähigkeiten, die früh erworben wurden, kognitive Fähigkeiten der Schüler und das Ausdrucksvermögen von Schülern deutlich verbessern. So zitiert die Washington Post eine Vanderbilt University-Studie über Schulanfänger, die anfangs nur 10 bis 12 Buchstaben in der Minute schreiben konnten. Dann unterrichtete man die Kinder an drei Tagen in der Woche 15 Minuten lang in Handschrift. Nach neun Wochen hatten sie ihre Schreibgeschwindigkeit verdoppelt und ihre Fähigkeiten im Satzbau deutlich verbessert.

Auch die Aufsätze, die für die SAT-Eignungstest in Kursivschrift und nicht in Blockschrift eingereicht wurden, erzielten im Durchschnitt etwas bessere Noten. (Thomas Pany)