Das Ende der Zukunft

Mathias Bröckers' Fragen bleiben

Wenn man versuchen will, sich das vermeintlich Unerklärliche dieses Ereignisses doch zu erklären, ist die viele Teile umfassende "WTC Conspiracy"-Serie, die Mathias Bröckers seit dem 13.09.2001 auf Telepolis schrieb, nach wie vor eine großartige und unüberholte Quelle. Weiterentwickelt wird sie nur durch die Bücher des Autors. Zuletzt erschien Mythos 9/11. Die Bilanz des Jahrhundertverbrechens - 20 Jahre danach.

Die Lektüre von Bröckers' Buch ist mindestens sehr anregend, ein intellektuelles Vergnügen und eine notwendige Korrektur der allzu einfachen Narrative, die auch nach zwanzig Jahren zu 9/11 vorherrschen. Zu vielen einzelnen Fragen muss und kann man ausgehend von Bröckers weiter recherchieren und sich sein eigenes Urteil bilden. Das Buch ist im Grunde ein Kommentar zu seinem bisherigen Büchern vergleichbar hier mit Oliver Stones neuem Film über das Kennedy-Attentat 1963.

Es nützt den Kritikern des Autors nichts, dass sie Matthias Bröckers, den deutsche Mainstreammedien schon vor 20 Jahren als "Verschwörungstheoretiker" bezeichnet haben, neuerdings, seit etwa eineinhalb Jahren, "Verschwörungsideologe" nennen.

Denn die Fragen, die er stellt, und die Merkwürdigkeiten, die er konstatiert, bleiben. Zum Beispiel: Wie kam es zum Zusammenbruch der Hochhäuser, der ein in der Geschichte des Stahlbaus einzigartiges Phänomen war? Bisher gibt es dafür plausible Theorien, aber keine schlüssigen Belege.

Fehlende Daten, unzugängliche Zeugenbefragungen und Vorhörprotokolle

Es gibt eine Fülle von Details, die jedes für sich merkwürdig waren, in ihrer Summe aber deutlichen Anlass zu Zweifeln an der offiziellen Version des Ereignisablaufs geben, zumal diese Fakten im Abschlussbericht der US-Untersuchungskommission von 2009, dem "9/11 Commission Report", konsequent ausgeblendet bleiben. Der Ausschuss habe alles, was nicht ins Bild passte, einfach ignoriert, Bröckers. Hinzukommt: Daten wurden vernichtet. Zeugenbefragungen und Vorhörprotokolle bleiben unzugänglich.

Bröckers stellt, wie auch Franziska Augstein schon vor Jahren in der SZ konstatierte, "gute Fragen". Warum packt ein Attentäter sein Testament in einen Koffer, der in einem Flugzeug befördert werden soll, das ins World Trade Center fliegt? Oder: "Wie kann drei Monate nach der aus Ägypten kommenden Warnung vor einem Anschlag die logistische Meisterleistung gelingen, vier Flugzeuge gleichzeitig zu entführen?" Oder: "Passagiere konnten aus den Maschinen mit ihren Angehörigen telefonieren - aber das Militär, dessen globalem Schnüffelsystem kein Furz eines indischen Reisbauers entgeht, hat nichts mitbekommen?"

Wie kommt es, dass mehrere der von den USA namentlich identifizierten Attentäter in einem Rekrutierungsprogramm der CIA genannt wurden und dort als potentielle Spitzel auftauchen? Dass das der 9/11-Hauptverantwortliche, der saudische Millionärssohn Osama Bin Laden, 15 Jahre zuvor unter dem Namen "Tim Osman" CIA-Agent gewesen sein soll?

Medien schauten weg

Hart kritisiert der Autor die eigene Zunft:

"Die gesamte journalistische Branche schaute nach 9/11 einfach gar nicht hin oder sogar weg. Denn sonst hätte jedem zweiten Kollegen auffallen müssen, dass hier eine lupenreine, vor haarsträubenden Ungereimtheiten, unbewiesenen Behauptungen und irrsinnigen Zufällen nur so strotzende Verschwörungstheorie als offizielle Wahrheit entfaltet wurde."

Er kämpft gegen den Spiegel und andere große Medien. Sie mussten ihre Märchen erzählen, damit ihr altes Weltbild von der freiheitlichen demokratischen Führungsmacht USA nicht zusammenbricht, so sieht es Mathias Bröckers. Er konstatiert eine "Zwickmühle der kognitiven Dissonanz".

"Diffamierungsvokabel" und "Diskurskeule": Verschwörungstheorie

Zu einer konzisen Verschwörungstheorie will Bröckers nicht kommen. Trotzdem wird ihm genau das vorgeworfen:

Wer Verschwörungen und Verschwörungstheorien erforschte, wurde konsequent mit seinem Forschungsgegenstand verwechselt und galt als übler Anstifter und Verbreiter derselben. Besonders taten sich mit Beschimpfungen und Verleumdungen die linksliberalen Medien hervor wie das ehemalige Nachrichtenmagazin Spiegel oder das ARD-Magazin Panorama sowie der ehemalige Investigativjournalist Hans Leyendecker, damals bei der Süddeutschen Zeitung.

Mathias Bröckers, Mythos 9/11

Im Spiegel wurde sein früheres Buch "als 'September Lüge' "konnotativ in die Ecke von Auschwitzlüge" gestellt, wie Bröckers schreibt. Er bezeichnet die Einwände seiner Gegner genau besehen als "recht primitive Standardeinwände von der Stange", die gern gegen sogenannte Verschwörungstheorien erhoben würden, aber nur der persönlichen Diffamierung dienen.

Bröckers Ansatz lautet: "Ein Ausblenden von Verschwörungsrealität kann nicht zu brauchbaren wissenschaftlichen Erkenntnissen über Verschwörungstheorie führen."

Dabei versucht er sich an einer interessanten Pointe: Er nimmt gewissermaßen den Vorwurf seiner Kritiker, die "Diffamierungsvokabel" und "Diskurskeule", auf und dreht ihn um. Verschwörungstheorie treffe eigentlich auf die Amerikaner zu. Bereits "am Morgen" des 11.September, noch bevor er von den Ereignissen in New York erfuhr, habe er Folgendes notiert:

"Verschwörungstheorien haben eine besondere Eigenschaft: Sie reduzieren Komplexität. Komplexe Ursachen von Ereignissen werden auf einen einfachen Sündenbock reduziert. Das macht sie zu einem idealen Werkzeug der Agitation und Propaganda."

Was bleibt sind Auslassungen, Widersprüche und Fehler. "Es braucht ein monströses Ereignis, um einen monströsen Krieg zu erklären", und so wurde der 9/11-Report zwar zu einem Rechtfertigungsprojekt für den Great War on Terror, "die monströsen Terroranschläge aber wurden darin nicht aufgeklärt". Seine allgemeinen Definition und Arbeitshypothesen, mit denen er diesem Phänomen vor 20 Jahren auf die Spur kommen wollte, seien noch immer nicht überholt, so Bröckers. Sein Urteil ist klar: Freispruch aus Mangel an Beweisen. "Das Verbrechen des Jahrhunderts ist bis heute nicht aufgeklärt."

Corona - das neue 9/11?

Gegen Ende seines neuen Buches spricht Bröckers dann auch Corona an. Die Pandemie verstärke den Eindruck, dass im Notfall durchregiert werden muss, keine langwierigen demokratischen Debatten geführt werden können, dass mit solchen Notstandsverordnungen starke Einschränkung der allgemeinen Grundrechte und Freiheiten verbunden sein können. Das verstehe sich "von selbst", "gegen eine solche Außerkraftsetzung der Gewaltenteilung ist überhaupt nichts einzuwenden, solange eine Gefahrenlage gegeben ist".

Im Zuge der Pandemie lasse sich aber ähnliches beobachten wie im Fall von 9/11: Mit dem "Phantomteufel Virus" könne noch viel mehr gemacht werden als mit Terrorakten. Die neuen Gesundheits- und Infektionsschutz-Verordnungen griffen auch sehr viel brachialer in die Grundrechte ein.

Mit der Pandemie hat die Desinfektion des Meinungsspektrums geradezu groteske Formen angenommen und wie die Rodelpolizei im Winter Kinder jagte, die mit dem Schlitten absurde Ausgangssperren ignorierten, wurde nun multimedial an hundertprozentiger Diskurshygiene gearbeitet ... selbst leise Zweifel an der Pandemie-Politik und der Hinweis, dass es darauf ankommt, den Schaden auf ein Minimum zu reduzieren, wurde den missionierten Massen als lebensgefährlicher Verrat eingebläut. ... Auf Fakten kommt es dabei, wie der 9/11-Report gezeigt hat, nicht wirklich an, sondern allein auf eine prosaische Erzählung, die autoritativ verkündet, massenhaft eingetrichtert und als Dogma betoniert wird.

Mathias Bröckers, Mythos 9/11

Und wer dies wieder als Verschwörungstheorie abtun möchte, dem sei das neue Buch von Umberto Eco (posthum erschienen) empfohlen: "Verschwörungen. Eine Suche nach Muster" von 2017. (Rüdiger Suchsland)