Das Ende des "Fermi Paradoxon" und das Schweigen im Äther

Bild: NASA

Anmerkungen zum Fermi-Paradoxon - Teil 2

Der italienische Kernphysiker und Physik-Nobelpreisträger von 1938, Enrico Fermi (1901-1954), warf im Sommer 1950 im Beisein von drei weiteren Wissenschaftlern während eines Gesprächs in einer Kantine des geheimen US-Atom-Forschungslabor „Los Alamos National Laboratory“ in New Mexiko (USA) beiläufig die simple Frage auf: Wo sind sie? Als Enrico Fermi das Fernbleiben der Aliens als Indiz dafür wertete, dass diese nicht existieren, war das vermeintliche Fermi-Paradoxon geboren. In Wahrheit aber ist dieses alles andere als ein echtes Paradoxon, kann doch das Schweigen im kosmischen Äther die Folge unzähliger Gründe sein …

Teil 1: Warum wir von ihnen nichts hören

Möglicherweise hat die bisherige erfolglose Suche nach künstlichen Signalen aber einen viel profaneren Grund. Wahrscheinlich haben hochstehende außerirdische Lebensformen den Informationsmüll unserer Zivilisation längst aufgefangen, der seit 1906 in Form von Radiowellen unüberhörbar peu à peu ins All wandert. Schlimmstenfalls sind sie dabei auf den TV-Abfall der weltweit verstreuten Privatsender gestoßen, die in der Vergangenheit den meisten geistig-elektromagnetischen deutschen Unrat fabriziert haben. Da diese Daten bekanntlich nicht gerade ein allzu rosiges Psychogramm der Menschheit liefern, könnten einige unserer in Erdnähe lebenden Brüder und Schwestern beim Studieren dieser Signale durchaus einen intellektuellen Kulturschock erlitten haben. Sie hätten allen guten Grund, an unserem Verstand zu zweifeln. Die Visitenkarte, die wir nämlich bislang abgegeben haben, ist alles andere als einladend. Sie ist im Gegenteil sogar höchst ausladend, weil sie von einer streitsüchtigen Spezies stammt, zu der zumindest die friedlich gesinnten Kulturen auf Abstand gehen. „Würden sie uns allein an den Kriegs- und Terrorberichten der TV-Nachrichten messen“, so der deutsche SETI-Experte Sebastian von Hoerner (1919-2003) , „dürften wir uns über ihr Schweigen wohl kaum wundern."

Vielleicht vernebelt unsere anthropozentrische Hybris ja auch nur den Blick auf Lebensformen, die sich eines nichtbiologischen Daseins erfreuen und ein Leben jenseits der DNA und des reaktionsfreudigen Elements Kohlenstoff führen. Schließlich sehen und erkennen Kohlenstoff-Chauvinisten nur das, was sie erwarten. Eventuell haben die Außerirdischen im Gegensatz zu uns eine komplett andere Biochemie oder existieren als reine Geistwesen, als formlose Lebensformen, die aus purer Energie bestehen und logischerweise keine Teleskope besitzen, weil sie zwangsläufig schlechte Handwerker und Ingenieure sind. Gegebenenfalls beherrschen sie aber die Technik der Gedankenübertragung und könnten immerhin mit Telepathie-begabten Aliens Kontakt aufnehmen. Wer weiß, vielleicht sind schon zahlreiche fremde Gedankenströme auf uns niedergeprasselt, ohne dass unser Denkapparat eine reelle Chance gehabt hätte, diese als solche wahrzunehmen und in irdische Gedanken zu übersetzen.

Aber selbst technologisch bewanderte Arten, die auf Radio- und Lichtwellen als interstellaren Informationsträger schwören und über das notwendige Instrumentarium verfügen, müssten nicht automatisch die Frequenzbereiche frequentieren, die irdische SETI-Forscher aus diversen Gründen bevorzugen. Nicht auszuschließen ist, dass fremde Technologien die von uns bevorzugte 21-Zentimeter-Wasserstofflinie, auf der das Element Nr. 1 im Universum emittiert, der Wasserstoff, völlig ignorieren und stattdessen in Wellenbereichen jenseits unserer Vorstellungskraft operieren.

Bei der Jagd nach der intelligenten Grußbotschaft aus einer anderen Welt kommt auch stets der räumlichen und zeitlichen Ebene große Bedeutung zu. Schließlich könnten Licht- und Funksignale aus den Tiefen des Alls unseren Planeten schon vor Millionen Jahren passiert haben – oder erst in ferner Zukunft erreichen. Genauso gut könnte die im Wellenmeer dahin treibende extrasolare Flaschenpost jetzt, just in diesem Moment, ans Erdufer driften, ohne dass wir dies bemerken respektive jemals bemerken werden. Sollten jedoch die Adressanten nur eine einzige Flaschenpost in die Strömung des astralen Ozeans geworfen haben und nicht permanent „nachwerfen“, wäre das Kontakt-Zeitfenster in der Tat ausgesprochen eng. Da Licht- und Funksignale nicht warten, sondern stetig weiterziehen und sich mit zunehmender Distanz über einen immer größeren Radius im Raum verteilen und zeitgleich an Energie verlieren, sind die Chancen ungleich größer, sich zu verpassen als zueinander zu finden. Wer also nicht am richtigen Küstenabschnitt zum rechten Zeitpunkt wartet, um das unbekannte Strandgut aufzufischen, zieht leere Netze ein. Und wer zum falschen Zeitpunkt seine Botschaft auf die Reise schickt, wird keinen Abnehmer finden. So manch Schiffbrüchiger, der einst an einer einsamen pazifischen Insel strandete und dort zwangsläufig seinen Lebensabend verbringen musste, könnte ein Liedchen davon singen, wie gering die Wahrscheinlichkeit ist, eine Flaschenpost erfolgreich dem richtigen Empfänger zuzuführen.

Interagierende Galaxien. Auch in ihnen könnte Leben durchaus überleben. Bild: NASA, ESA, and the Hubble Heritage Team (STScI/AURA)

Das Hauptproblem dürfte die kurze Lebensspanne intelligenter Zivilisationen sein. Denn gemessen am Alter des Weltalls sind selbst lang lebende Kulturen bestenfalls kosmische Eintagsfliegen. So könnte etwa eine intelligente Lebensform in relativer Erdnähe – sagen wir mal in 50 Lichtjahren Entfernung – ihren evolutionären Zenit bereits vor einer Milliarde Jahre überschritten haben und mittlerweise wieder von der kosmischen Bühne abgetreten sein, während für eine andere Zivilisation der Vorhang zum ersten Akt des Lebens erst in einer Milliarde Jahre aufgeht. Schlimmstenfalls könnte eine längst untergegangene Zivilisation eine Nachricht von einer anderen Kultur erhalten, die desgleichen das Zeitliche gesegnet hat. Da sich zwischen dem Absenden und Auffangen einer intergalaktischen Nachricht ungeheure Distanzen und deshalb auch ungeheure Zeiträume erstrecken, ist die Wahrscheinlichkeit überdies extrem hoch, dass das Gros der Hochkulturen im Universum seine gut geschnürten Radio-, und Laserpakete unbemerkt aneinander vorbei funkt und pulst. Es müsste schon viel Glück im Spiel sein, wenn wenigstens einer von beiden die dünne elektromagnetische Nadel im Sternhaufen findet.

Darüber hinaus sollten wir einkalkulieren, dass viele Technologien auf anderen Planeten das Stadium der Laser- und Radioastronomie längst hinter sich gelassen haben könnten und daher bei der Suche nach einem interplanetaren Gesprächspartner auf ganz andere Techniken und Methoden setzen. Sie könnten eine völlig andere, weitaus effizientere Technologie nutzen, die wir noch nicht kennen oder nicht als solche erkennen. Es ist gewiss kein Zufall, dass sich gegenwärtig in SETI-Kreisen die Stimmen mehren, verstärkt ein Auge auf alternative Verfahren zu werfen. Eine Überlegung zielt darauf ab, dass außerirdische Zivilisationen anstelle von Radio- und Lichtwellen ausschließlich hochenergetische Neutrinostrahlen zur Übermittlung von Botschaften anwenden könnten. Tatsächlich durchdringen Neutrinos im Gegensatz zu Radio- oder Lichtsignalen, die auf ihrer Odyssee durchs Universum ständig Gefahr laufen, von Materie abgeblockt zu werden, mit Leichtigkeit jedwede Form von Materie – ohne an Masse zu verlieren. Ein idealer Träger für komplexe Informationen. Eine technisch weit fortgeschrittene fremde Kultur könnte sich diesen Umstand zunutze gemacht und eine auf Neutrinos gestützte exoplanetare Datenleitung errichtet haben. Die von ihnen versandten kryptischen Neutrino-Botschaften könnten dann gleichwohl nur Lebensformen schlüssig entcodieren, die ungefähr das intellektuell-technische Niveau des Absenders haben.

Metaintelligente Zivilisationen würden nur jenen Kulturen die Hand reichen und Aufwartung machen, die ein bestimmtes technisches und geistiges Niveau erreicht haben. Ähnlich der obersten Direktive im "Star-Trek"-Kosmos, der zufolge die Vereinigte Föderation der Planeten nur mit Kulturen einen direkten Umgang pflegt, welche die licht- bzw. überlichtschnelle Raumfahrt beherrschen (WARP-Antrieb), könnten die Außerirdischen im realen Kosmos einem Codex galactica folgen. In ihren galaktischen Club nähmen sie nur die Besten der Besten auf. Nur wer im kosmischen PISA-Test die vorderen Plätze belegt, ist im erlesenen Kreis der galaktischen Elite willkommen. Für Lebewesen auf jungen Welten hingegen, die noch am Anfang ihrer Evolution stehen, gilt das Nichteinmischungsprinzip. Sie bleiben außen vor, damit ihre kulturelle und geistige Entwicklung unabhängig von externen Einflüssen in aller Ruhe vonstatten gehen kann.

Sollten die Aliens uns zu diesen zählen, bräuchten wir uns über ihr Schweigen natürlich nicht zu wundern. Wir wären in deren Augen, sofern vorhanden, vermutlich nicht mehr als ein weiteres Mitglied ihres „galaktischen Zoos“. Wie andere unterwickelte Arten auf vielen Planeten würden sie uns ständig observieren und studieren, teils aus wissenschaftlichen Gründen, teils zur reinen Unterhaltung oder Belustigung. Vielleicht erfreuen sie sich aber auch nur an unserer Welt und erachten sie im Gegensatz zu ihren hiesigen Bewohnern als prachtvolles und farbenfrohes Juwel, als ein Naturschutzgebiet, das unbedingt bewahrt und geschützt werden muss, zur Not auch vor uns.

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