Das Ende des "Goldenen Zeitalters" des Kapitalismus und der Aufstieg des Neoliberalismus

Kurze Geschichte der Weltwirtschaftskrise Teil 1

Die seit über einem Jahr am Abgrund taumelnde, globale Finanzbranche hat einen Schritt nach vorne getan und befindet sich nun im freien Fall. Lehman Brothers, AIG, Northern Rock - wer kann noch all die einstmals mächtigen Finanzkonzerne, Versicherer oder Hypothekenbanken aufzählen, die in immer kürzeren Abständen der Finanzkrise zum Opfer fallen? Angesichts der im atemlosen Tempo voranschreitenden Implosion des in den letzten drei Dekaden errichteten, internationalen Finanzsystems scheint es geboten, die Genese und Entwicklung eben dieser einem Kartenhaus gleich zusammenbrechenden, globalen Architektur der Weltfinanzmärkte nachzuzeichnen. Neben einem erheblichen historischen Erkenntnisgewinn, den ein solches Unterfangen mit sich bringt, dürften hierbei auch die Ursachen der derzeitigen Weltfinanzkrise erhellt werden. Ist es nur nackte, unkontrollierte "Gier" einiger Spekulanten, die für die gegenwärtigen ökonomischen Verwerfungen verantwortlich ist? Ist die mit neoliberaler Deregulierung und Liberalisierung einhergehende Expansion der Finanzmärkte schuld an der Misere? Oder liegen die Ursachen dieser spätkapitalistischen Malaise tiefer - womöglich in der innersten Struktur der kapitalistischen Produktionsweise - verborgen?

Der Aufstieg des neoliberalen, durch die Dominanz der Finanzmärkte geprägten Weltwirtschaftssystems - dessen Finanzüberbau gerade über uns zusammenbricht - resultierte aus der tiefgreifenden, ökonomischen Krise der frühen 70er Jahre, die nahezu alle westlichen Industrieländer erfasste. Diese Krise beendete eine seit den frühen 50ern anhaltende Periode wirtschaftlicher Prosperität in Westeuropa und den USA, für die der Historiker Eric Hobsbawm den Begriff des "Goldenen Zeitalters des Kapitalismus" prägte (Hobsbawm, Zeitalter der Extreme, S. 285 ff.). Die führenden westlichen Wirtschaftsnationen verbuchten zwischen 1950 und 1970 im schnitt ein Wirtschaftswachstum von vier Prozent, das wesentlich zur Vollbeschäftigung, ja zum Arbeitskräftemangel in etlichen Industrienationen beitrug. Es lohnt sich, einen kurzen Blick auf dieses "Goldene Zeitalter" zu werfen, das angesichts der nun heraufziehenden Weltwirtschaftskrise wieder als Modell einer alternativen kapitalistischen Entwicklung in der öffentlichen Diskussion steht.

Wirtschaftswunderland

Es war nicht nur der Wiederaufbau des durch den Weltkrieg verwüsteten (West-) Europa und Japan, der zu dieser einmaligen Konjunktur beitrug. In dieser Periode fand auch eine "innere Expansion" innerhalb der avancierten marktwirtschaftlichen Gesellschaften statt, innerhalb derer weitere, zuvor ausgeklammerte, Gesellschafts- und Lebensbereiche marktwirtschaftlich erschlossen wurden. Zudem trug der immer enger mit der Wirtschaft verflochtene, wissenschaftlich-technische Fortschritt zur Herausbildung neuer Märkte bei. Dank dieser Entwicklungen wurde beispielsweise zwischen 1950 und 1970 die Hausarbeit durch die Haushaltsgeräteindustrie revolutioniert. Die Nahrungsmittelbranche, die Unterhaltungselektronik, der zivile Flugzeugbau, die ersten Einzelhandelskonzerne oder der Massentourismus erlebten ihren wirtschaftlichen Durchbruch. Neue Werkstoffe, wie Kunstfasern oder Plastik, führten zu einer weiteren Umwälzung bereits etablierter Industriezweige.

Im Zentrum dieses lang anhaltenden, stürmischen Wachstums, das auf der Erschließung neuer Märkte innerhalb der Industrieländer beruhte (innere Expansion), stand die Massenmotorisierung. Von diesem Industriezweig, von der Autobranche, ging der größte Impuls für die Massenbeschäftigung bis in die 70er aus. Das vorherrschende Produktionsprinzip bei den Fahrzeugherstellern wie auch in vielen anderen Gewerbezweigen war der Fordismus: Mittels Fließbandproduktion und unter massenhaftem Einsatz von Arbeitskraft wie Maschinen wurden Massengüter hergestellt, die - dank relativ hoher Löhne - in ihren Produzenten zugleich ihre Konsumenten fanden. Dieses Produktionsprinzip ist nach dem US-Industriellen Henry Ford benannt, der als erster das Fließband bei der Fahrzeugherstellung einsetzte. Selbstverständlich machten auch zwischen 1950 und 1970 Rationalisierung und technische Innovationen vor den Fabriktoren nicht halt, doch wurden die hierdurch wegfallenden Arbeitsplätze durch die Nachfrage nach Arbeitskräften in anderen, neu entstandenen Wirtschaftszweigen bei weitem übertroffen.

Neben den Millionen Arbeitern, die bspw. an den Fließbändern in Rüsselsheim oder Detroit massenweise Autos montierten, muss auch noch der beschäftigungspolitische Effekt des staatlich finanzierten Aufbaus der gesamten Verkehrsinfrastruktur (Straßen, Brücken, Tunnel, Tankstellennetz, Raffinerien ...) berücksichtigt werden, der zum Großteil in dieser Zeitspanne geleistet wurde. Die massenhafte, "fordistische" Herstellung von Fahrzeugen kann somit getrost als die Schlüsselindustrie dieses "Goldenen Zeitalters des Kapitalismus" bezeichnet werden. Bis in die heutige Zeit hinein bildete der Fahrzeugbau, trotz der ab den 80ern rasant zunehmenden Automatisierung und Rationalisierung, das "Rückgrat" der Industrie - vor allem in Deutschland und Japan.

Dem Fordismus in der Produktion entsprach eine Wirtschaftspolitik, die in Anlehnung an deren Schöpfer, den Ökonomen John Maynard Keynes, als Keynesianismus bezeichnet wurde. Dieser ökonomische Kurs galt als die wirtschaftspolitische Antwort auf die Verheerungen der Weltwirtschaftskrise von 1929, an deren Bewältigung die klassische, liberale Wirtschaftspolitik scheiterte. Im Kern handelte es sich hierbei um einen nachfrageorientierten Politikansatz, der dafür Sorge zu tragen hatte, dass die massenhaft hergestellten Güter auch auf eine massenhafte, kaufkräftige Nachfrage trafen.

Zum einen investierte der Staat selber im großen Umfang (bspw. in die Verkehrsinfrastruktur), um so vermittels staatlicher Nachfrage die Wirtschaft zu stimulieren. Der Staat sollte im Rahmen einer kontrazyklischen Finanzpolitik in Zeiten einer drohenden Rezession mit massiven Konjunkturprogrammen kreditfinanzierte Nachfrage generieren (deficit spending), und während eines Wirtschaftsaufschwungs die so entstandenen Schulden dank höherer Steuereinnahmen abbauen.

Andererseits wurden die Aktivitäten von Gewerkschaften, der Aufbau korporatistischer Strukturen in den Betrieben, politisch gefördert. Arbeitnehmervertreter und Unternehmer sahen sich nicht mehr als "Klassengegner", wie in den Jahrhunderten zuvor, sondern als ein Team, dass an "einem Strang ziehend" und "in einem Boot sitzend" gemeinsam für das Wohl des Unternehmens verantwortlich sein sollte.

Dieser so genannte Korporatismus (in Deutschland "Sozialpartnerschaft" tituliert) hatte eine materielle Grundlage, da die Gewerkschaften tatsächlich bis in die 70er hinein ansehnliche Lohnerhöhungen und Arbeitszeitverkürzungen für die Arbeiterschaft durchsetzen konnten. Somit ging ein erheblicher Teil der durch die enormen Produktivitätsfortschritte gestiegenen Gewinne in Form von Lohnerhöhungen an die Arbeiterschaft, wodurch wiederum die private Nachfrage stimuliert wurde. Der wissenschaftlich-technische Fortschritt führte also nicht zu Massenentlassungen aufgrund von Rationalisierungsmaßnahmen und Automatisierung, sondern - vorerst - zu einer Ausweitung der Massennachfrage.

Der - streng reglementierte - Finanzsektor fungierte damals als eine Quelle von Krediten, die in die industrielle Produktion und gesellschaftliche Infrastruktur flossen. Der Politikwissenschaftler Georg Fülberth fasste die keynesianistische Geld- und Fiskalpolitik folgendermaßen zusammen:

Unternehmen und Staat nehmen Kredite auf, investierten diese und erzeugen damit eine Nachfrage, die mit ihren Angeboten gedeckt wurde. Vollbeschäftigung und hohe Profite sollten dann anschließend für Zins, Tilgung und sogar für die Expansion der Staatsaufgaben ausreichen.

Fülberth: Kleine Geschichte des Kapitalismus", S. 234, 235

Zudem fand in dieser Periode der staatlich forcierte Ausbau des Bildungswesens und Gesundheitssektors, wie auch die Ausformung des Sozialsystems in den meisten Industrieländern statt. Hier wurde wiederum Beschäftigung generiert. Steigende Löhne, ein umfangreiches Sozialsystem, Vollbeschäftigung und sattes Wirtschaftswachstum - es sind vor allen die sozialdemokratischen Kritiker des Neoliberalismus, die in diesem untergegangenen keynesianistischen "Goldenen Zeitalter" ein Modell für die Zukunft erblicken und beispielsweise hartnäckig Konjunkturprogramme fordern.

Fordismus und Keynesianismus in der Krise

Was führte nun zu der Anfang der 70er ausbrechenden Krise dieses scheinbar perfekten, marktwirtschaftlichen Wirtschaftswunderlandes? Für die nahezu alle westlichen Industrieländer spätestens seit 1973 erfassenden wirtschaftlichen Verwerfungen etablierte sich der Begriff der Stagflation - einer überhand nehmenden Inflation, die mit einer stagnierenden, wenn nicht gar rückläufigen Konjunktur verbunden war. Beide Phänomene standen in einer engen Wechselwirkung.

Die inflationäre Dynamik ist ursächlich auf die fallende Profitrate der Unternehmen zurückzuführen. Seit der zweiten Hälfte der 60er fielen insbesondere in den USA die Gewinne in Relation zu dem von den Unternehmen eingesetzten Kapital - sozusagen die "Verzinsung" des Industriekapitals - immer weiter ab.

An dieser Stelle scheinen ein paar grundsätzliche Erläuterungen angebracht. Der Gewinn ist das entscheidende Prinzip, der innerste Antrieb einer Marktwirtschaft - wenden Unternehmen doch ihr Kapital in der Produktion von Waren ausschließlich zu dessen Vermehrung durch deren Verkauf auf dem Markt auf. Die Produktion von Waren ist somit nur Mittel zum Zweck: zur Vermehrung von Kapital. Dies ist ein ökonomischer Kreislauf, der seit Beginn der kapitalistischen Produktionsweise besteht: Kapital, eingesetzt zur Produktion von Waren, muss nach deren Veräußerung einen Gewinn abwerfen. Der nun um den Gewinn vergrößerte Kapitalbestand wird wiederum in die Produktion von noch mehr Gütern eingesetzt. Die Auswirkungen des Reinvestierens von Gewinnen zwecks Erhöhung der Produktivität (und der Konkurrenzfähigkeit) eines Unternehmens erläuterten die Theoretiker Gerry Gold und Paul Feldman in ihrem Buch A House of Cards:

Durch Kapitalinvestitionen erhöhte Produktivität lässt die Profitrate fallen, da weniger Arbeiter als Quelle des Werts verfügbar sind, in Relation zum totalen Ausmaß der Investitionen. Zur selben Zeit bringt ein erhöhter Ausstoß der Produktion eine Reduktion der Kosten, und folglich auch des Werts, den jede Ware verkörpert, mit sich. Wenn die Preise fallen, müssen immer mehr Waren abgesetzt werden, um die Einkommen aufrecht zu erhalten. Wachstum ist deswegen absolut essentiell, um die Profite aufrecht zu erhalten oder gar zu erhöhen. Das ist der Kernpunkt der Probleme des Kapitalismus.

Gerry Gold und Paul Feldman

Entgegen all dem, was unsere Banker und Finanzberater uns in den letzten Dekaden einzureden versuchten, basiert der reelle Wert von Waren und Dienstleistungen immer noch auf der Verausgabung menschlicher Arbeitskraft. Wichtig ist hierbei auch die gesamtgesellschaftliche Perspektive. Mit der erhöhten Produktivität geht auch die Beschäftigung in den etablierten Industriezweigen zurück. Neue, wiederum durch technischen Fortschritt erschlossene Industriezweige müssen diesen Arbeitskräfteüberschuss aufnehmen können, um die Stabilität des kapitalistischen Systems aufrecht erhalten zu können. Dem Kapitalismus wohnt also gleich in mehrfacher Hinsicht ein Zwang zur permanenten Expansion inne, der sich im öffentlich fetischisierten "Wirtschaftswachstum" äußert, und dessen Kern die gewinnbringende Investition von Kapital, die Kapitalverwertung, bildet.

US-amerikanische, deutsche und japanische Profitrate im produzierenden Gewerbe. Grafik: IMF

Wie aus der Grafik ersichtlich wird, ging seit Ende der 60er bis in die 80er der kapitalistische Super-GAU vor sich, die Profitrate fiel in den USA beständig. Hier wirkte tatsächlich der von Gerry Gold und Paul Feldman im obigen Zitat dargelegte, durch konkurrenzvermittelte Produktivitätssteigerungen ausgelöste, tendenzielle "Fall der Profitrate". Die - in Relation zum eingesetzten Gesamtkapital - sinkenden Gewinne resultieren andrerseits aber auch aus der Erschöpfung der "Inneren Expansion" des Kapitalismus, von der oben die Rede war. Die marktwirtschaftlich neu erschlossenen Lebensbereiche (Haushalt, Unterhaltungsindustrie, Tourismus) und Industriezweige (PKWs, Zivile Luftfahrt, Kunststoffe) erlebten nach einer Phase stürmischer Eroberung eine gewisse Marktsättigung, in der solch hohes Wirtschaftswachstum wie in den 50ern oder 60ern nicht mehr möglich war. Hieraus resultiert gerade die der Inflation beiwohnende, ökonomische Stagnation, die die frühen Siebziger charakterisierte. Die neuen Märkte waren erschlossen, die Infrastruktur aufgebaut und die Kriegsschäden des Zweiten Weltkriegs längst repariert. Es fehlten schlicht weitere Expansionsmöglichkeiten für das anlagefreudige Kapital.

Konfrontiert mit weiterhin erhobenen Gewerkschaftsforderungen nach substanziellen Lohnerhöhungen, gingen die Unternehmen dazu über, die Mehrausgaben für die Gehälter auf die Preise ihrer Waren draufzuschlagen. Eine Art lohnpolitisches, die Inflation antreibendes "Wettrüsten" setzte ein, in dem Gewerkschaften ihre Lohnforderungen an die immer schneller galoppierende Inflation anzupassen trachteten. Hinzu kam 1973 die "Ölkrise", als die OPEC den Preis für Erdöl massiv zu erhöhen versuchte und somit der Teuerung in den Industriestaaten weiteren Auftrieb verschaffte.

Zudem - und diese Entwicklung war und ist bis zum heutigen Tage entscheidend - erwies sich der immer enger mit der Industrie verzahnte, zu höherer Produktivität und somit zu kurzfristigen Wettbewerbsvorteilen führende, wissenschaftlich-technische Fortschritt als ein zweischneidiges Schwert. Konnten Produktivitätssteigerungen und neue Technologien bis in die 70er Jahre zur Erschließung neuartiger Märkte beitragen und immer mehr Arbeitsplätze schaffen, als durch Rationalisierungen in älteren Industrien wegfielen, so kippt diese Entwicklung ab 1973. Ab diesen Zeitpunkt - dem letzten Jahr mit Vollbeschäftigung innerhalb der OECD - kehrt die seit Dekaden nicht mehr in den Industrieländern gekannte Massenarbeitslosigkeit zurück. Die immer schneller um sich greifende Rationalisierung und Automatisierung führte dazu, dass immer mehr Waren in immer kürzerer Zeit durch immer weniger Arbeitskräfte hergestellt werden konnten.

Neue Industriezweige, wie die Mikroelektronik und die IT-Branche, beschleunigten diese Tendenz noch weiter, da die neuen Technologien weitaus weniger Arbeitsplätze schufen, als durch deren gesamtwirtschaftliche Anwendung wegrationalisiert wurde. Diese eigentlich positive Entwicklung - es können mehr Produkte in kürzerer Zeit von weniger Menschen hergestellt werden - trug somit zur Krise der kapitalistischen Volkswirtschaften in den 70ern bei. Mit der zunehmenden Massenarbeitslosigkeit, mit der abnehmenden Menge an Arbeitskraft, die in der Warenproduktion aufgewendet werden muss, untergräbt unsere kapitalistische "Arbeitsgesellschaft" ihr eigenes Fundament. Der Kapitalismus könne sich "an alles anpassen, nur nicht an sich selbst", konstatierte der Krisentheoretiker Robert Kurz.

Das durch keynesianistische Wirtschaftspolitik und fordistische Produktionsmethoden gekennzeichnete, kapitalistische Weltsystem befand sich also in den 70ern in einer fundamentalen Krise, die aus der Erschöpfung der "inneren Expansion" und einer fallenden Profitrate resultierte und in unübersehbare Stagnationstendenzen und die aufkommende Massenarbeitslosigkeit mündete. In Kern waren es die selben Kräfte, die zuvor das stürmische Wachstum des Kapitalismus in seinem "Goldenen Zeitalter" befeuerten, die nun auch dessen Krise einleiteten: Die durch die Konkurrenz angetriebene, produktivitätssteigernde Rationalisierung und Automatisierung der Produktion sollte - wie wir noch später genauer sehen werden - ab den späten 80er einen immer größeren Teil der arbeitsfähigen Bevölkerung marginalisieren.

Neoliberale Offensive

Als eine zentrale Voraussetzung des Übergangs vom keynesianischen zum neoliberalen Kapitalismusmodell gilt die Aufhebung der Goldbindung des US-Dollar in 1971. Bis zu diesem Zeitpunkt war der Greenback in seiner Funktion als Weltleitwährung fest an die Goldreserven der USA gekoppelt, während alle anderen Währungen der OECD wiederum in festen Wechselkursen zum Dollar standen. Die US-Regierung garantierte, 35 US-Dollar im zwischenstaatlichen Handel jederzeit in eine Feinunze Gold umzutauschen. Man könnte auch sagen, das bis 1971 das Geld in den westlichen Industrienationen nur ein Symbol für Gold - also für eine Ware - war, mit dem man als Konsument beispielsweise beim Einkauf in "Warentausch" trat. Die Ware Gold spielte, vermittels des US-Dollars und fester Wechselkurse, die Rolle eines allgemeinen Äquivalents, in dem alle anderen Waren ihren Wert ausdrückten.

Doch seit den 60ern ging die US-Regierung dazu über, die ausufernden Kosten des Vietnamkrieges und parallel initiierter Sozialreformen durch eine Inflationierung des Dollars zu decken. Durch die angeworfenen Notenpressen in den USA überstieg schon in den 60ern der Nennwert der US-Dollar im europäischen und japanischen Besitz die US-Goldreserven. Am 17. August 1971 sah sich die Nixon-Administration folglich genötigt, die Goldbindung des US-Dollar aufzuheben. Am 11. März 1973 lösten die führenden Industrienationen wiederum ihre festen Wechselkurse an den US-Dollar und gingen zum freien "Floaten" der Währungen auf den schnell sich etablierenden Devisenmärkten über. Seit diesem schicksalhaften Jahren sind Währungen - diese bunt bedruckten Papierzettel, denen nachzujagen wir genötigt werden - durch nichts substanzielles gedeckt. Geld ist somit eine reine Vertrauenssache.

Die Aufhebung der Goldbindung des US-Dollar führte einerseits zum Wegfall der regulierenden, stabilisierenden Funktion des globalen Systems fester Wechselkurse, und sie beschleunigte andererseits die rasche Ausbreitung und Etablierung der Finanzmärkte, da Währungen nun sehr schnell zu einer Spekulationsware wurden. Zudem war nun die Steuerung der Geldmenge keinen substanziellen Beschränkungen aufgeworfen, sie konnte aus rein wirtschaftspolitischen Erwägungen - vermittels Zinspolitik - potentiell unbegrenzt erhöht werden. Es ist gerade diese Geldpolitische Narrenfreiheit, die Jahrzehnte später wesentlich zu den enormen Dimensionen der gegenwärtigen Finanzkrise beitragen sollte.

Die Gegenbewegung, die den ökonomischen "Gordischen Knoten" der Stagnation der 70er duchzuschneiden trachtete und später unter dem Namen "Neoliberalismus" bekannt werden sollte, konnte ihre ersten, praktischen Schritte ebenfalls 1973 wagen. Nachdem am 11.09.1973 der sozialistische Präsident Chiles Salvador Allende gestürzt und eine bis 1990 andauernde faschistische Diktatur unter General Augusto Pinochet errichtet wurde, fungierte das südamerikanische Land als ein Experimentierfeld neoliberaler Politik. In Pinochets Chile wurden Deregulierung, Privatisierung, Steuersenkungen, Monetarismus und Sozialkahlschlag ausgiebig von den Chicago Boys erprobt, bevor dieser Politikmix unter US-Präsident Ronald Reagan und der britischen "eisernen Lady" Margaret Thatcher in den ersten Industrieländern zur Anwendung gelangte.

Aufgrund ihrer herausragenden Bedeutung für die Herausbildung des von den Finanzmärkten dominierten, Globalen Wirtschaftssystems, soll hier die Politik der 1980 ins Amt gewählten Reagan-Administration kurz skizziert werden. Die "Neoliberalen" sahen den Ausweg aus der Stagnation der 70er gewissermaßen in einem Zurück in die Vergangenheit: in Steuerentlastungen für die Vermögenden und die Unternehmen, in einer Deregulierung der Finanzmärkte, in Kürzungen im Sozialbereich und ersten Privatisierungen. In ihrer Essenz zielten die meisten Maßnahmen der "Reaganomics" auf die Erholung der Profitrate ab, und wie wir aus der obigen Graphik ablesen können, zeitigte diese Politik einen gewissen Erfolg. Ab den 80ern erholen sich die Gewinne der US-Unternehmen, auch wenn die hohen Profitraten der 50er und 60er nicht mehr erreicht werden konnten. Der linke Theoretiker Chris Harman bemerkte hierzu:

Wieso erholten sich die Profitraten? Ein wichtiger Faktor war die Erhöhung der Ausbeutungsrate innerhalb der Ökonomie, wie durch den steigenden Anteil des Kapitals - und dem fallenden der Arbeit - am Bruttosozialprodukt ersichtlich wird.

Chris Harman

Ein immer größerer Teil des "volkswirtschaftlichen Kuchens", des erwirtschafteten BSP, ging also an die Unternehmen, der Anteil der Lohnabhängigen am gesellschaftlichen Reichtum nahm ab. So stagnieren seit der Reagan-Ära die realen, inflationsbereinigten Löhne der amerikanischen Bevölkerung. Heute verdienen die Lohnabhängigen der USA de facto weniger als 1973. Ermöglicht wurde dies durch eine gewerkschaftsfeindliche Politik der Reagan-Administration, in deren Gefolge der gewerkschaftliche Organisationsgrad der US-Arbeiterschaft immer weiter sank. Zudem leiteten die Reaganomics die berüchtigte "Deregulierung" des Arbeitsmarktes ein, die die lebenslangen, geregelten Arbeitsverhältnisse des keynesianistischen "Goldenen Zeitalters" massiv zurückdrängte und prekäre Beschäftigung in ganzen Gewerbezweigen etablierte.

Die massiven Steuergeschenke für Spitzenverdiener (Spitzensteuersatz sinkt von 70% auf 28%) wurden im Rahmen der Trickle-Down-Theorie (abgeleitet vom englischen absickern) legitimiert. Demnach würde der massiv zunehmende Reichtum der Obersten Zehntausend durch die Ökonomie hindurch bis zu den Ärmsten "hindurchsickern". Die massive Ungleichheit in der Einkommens- und Vermögensverteilung in den USA findet in den Reaganomics ihren Ursprung.

Daneben bildete sich auch erstmals eine enorme Staatsverschuldung der Vereinigten Staaten innerhalb der Reagan-Ära aus, da die massiven Steuersenkungen, die innerhalb der 80er umgesetzt wurden, mit einer enormen Rüstungsanstrengung Washingtons einher gingen, mit der die Sowjetunion "zu Tode gerüstet" werden sollte. Somit behielten die Neoliberalen ein wichtiges Element keynesianistischer Politik bei: die kreditfinanzierten Konjunkturprogramme, von denen aber diesmal nur der Militärisch-Industrielle-Komplex der USA profitierte.

Die von den US-Neoliberalen postulierte Reduzierung der Ausgaben der Öffentlichen Hand galt somit nicht für den Militärischen Sektor, sondern vor allem für den Sozialstaat. Generell kann bereits der Periode der Reaganomics eine starke Krisenanfälligkeit attestiert werden. Bereits 1981 brach eine schwere Rezession aus, die Arbeitslosenraten von bis zu 10 Prozent in 1982 zur Folge hatte. Eine erneute Rezession, die auf spekulative Exzesse der Reaganomic zurückgeführt werden kann, brach Anfang der 90er Jahre aus und vereitelte die Wiederwahl von Präsident Bush Senior.

Die Finanzmärkte heben ab

Die milliardenschweren Steuererleichterungen für Reiche und Konzerne flossen nicht als Investitionen in die unter geringen Profitraten und gesättigten Märkten leidende Industrie, wie in neoliberaler Ideologie postuliert, sondern auf die deregulierten Finanzmärkte, auf denen weitaus größere Profite winkten.

Seit den 80ern nimmt der Umfang der Aktienmärkte dramatisch zu, etablieren sich Spekulationen auf den Devisen- und Warenterminmärkten (bei Schweinebäuchen und gefrorenen Orangensaft beispielsweise). 1987 erfolgt mit dem "Schwarzen Montag" der erste Warnschuss, die erste spekulative Überhitzung auf dem US-Aktienmarkt seit den 30er Jahren. Nach jahrelangem, stürmischem Wachstum, während dessen der Dow Jones sich zwischen 1985 und 1987 verdoppelte, fiel der US-Leitindex innerhalb eines Tages um 22,6 Prozent. Dies war der größte prozentuale Einbruch des Dow innerhalb eines Tages in dessen Geschichte. Doch schon binnen 15 Monaten waren diese Verluste egalisiert und ernsthafte Rückwirkungen auf die Ökonomie blieben erstmal aus.

Ganz anders verhielt es sich mit der Sparkassenkrise, die Ende der 80er die USA erschütterte und zur besagten Rezession von 1990 bis 1991 beitrug. Die unter der hohen Inflation des ausgehenden Keynesianismus in den 70ern leidenden 3.800 kommunalen US-Sparkassen waren mit erheblichen Einlagenabflüssen an die höhere Verzinsung versprechenden Geldmarktfonds konfrontiert. Die Reagan-Administration reagierte klassisch "neoliberal", indem sie die strikte Regulierung der kommunalen Geldinstitute größtenteils aufhob, die als eine Lehre aus der Depression von 1929 erlassen wurde. Die Sparkassen stürzten sich folglich ins Getümmel der boomenden Finanzmärkte und expandierten in hohem Tempo. Die Anzahl der an angehende Häuslebauer vergebenen Hypotheken nahm rasant zu, da gleichzeitig die Immobilienpreise in den frühen 80ern im Steigen begriffen waren. Zudem gingen die kommunalen Finanzinstitute dazu über, mit risikoreichen Junk Bonds, also mit hochriskanten Unternehmensanleihen, zu spekulieren.

Fallende Immobilienpreise ab 1985 ließen schließlich diese spekulative Blase platzen und die Sparkassen massenweise in die Insolvenz schlittern. 2.412 kommunale Geldhäuser gingen pleite, die Kosten für den US-Steuerzahler sollten sich auf bis zu 326 Milliarden US-Dollar summieren. Mit den Sparkassen brach auch die Konjunktur in den USA ein. Dieser Vorläufer der gegenwärtigen Krise aus den 80ern hatte natürlich weitaus geringere Ausmaße. Die gegenwärtigen "Bailouts" für das US-Finanzkapital bewegen sich bereits im Rahmen mehrerer Billionen US-Dollar.

Aufmerksame Beobachter konnten schon damals die fundamentale Veränderung innerhalb der marktwirtschaftlichen Ökonomie ausmachen, die die "Finanzielle Explosion" der 80er Jahre mit sich brachte. Bereits 1985 beschrieb insbesondere Paul Sweezy die Ursachen der aufkommenden Dominanz der Finanzindustrie, sowie deren Wechselwirkung mir der realen Wirtschaft. Der US-amerikanische Ökonom und Herausgeber des renommierten Theoriezeitschrift Monthly Review (in der u.a. Albert Einstein publizierte), konnte in einem im Dezember 1985 erschienenen und "The Financial Explosion" betitelten Artikel den Zusammenhang zwischen der Stagnation der 70er Jahre und den nun massiv expandierenden Finanzmärkten der 80er herstellen.

Die ab 1970 stagnierende Ökonomie wirkte laut Sweezy als eine "Brutstätte" der finanziellen Explosion während der Reagan-Ära, für die sich schnell im angelsächsischen Raum der Begriff der Financialisation of Capitalism, der Finanzialisierung des Kapitalismus etablierte. Das Finanzkapital unterliegt demselben Wachstumszwang - der oben beschriebenen Notwendigkeit zur Expansion - wie die verarbeitende Industrie. Die Ware der Banken ist das Geld, und der wichtigste Hebel zu einem weiteren Wachstum der Gewinne liegt schlicht in der Ausweitung der Kredite, also in der erfolgreichen Vermarktung weiterer Schulden. Da aber im Zeitalter des Keynesianismus hauptsächlich Kredite an Unternehmen und Staaten vergeben wurden, gerieten die Banken ebenfalls in die Stagnation, sobald die Investitionstätigkeit von Konzernen und Regierungen nachließ

Der Finanzsektor, aufgebläht durch die raschen Kapitalzuflüsse, die der erwähnten Fiskalpolitik der Reagan-Administration geschuldet waren, zeigte sich bei der Erweiterung seiner Märkte, bei der Jagd nach neuen Kreditnehmern, sehr innovativ. Zum einen setzte das Finanzkapital - nach erschöpfter "innerer Expansion" - auf eine "äußere Expansion", indem die größtenteils korrupten, prowestlichen Regimes in der Dritten Welt mit Krediten überschüttet wurden, die die Grundlage für die Schuldenfalle und den Staatsbankrott vieler Entwicklungsländer in den folgenden Jahrzehnten legten.

Die finanzielle Explosion

Auf dem Binnenmarkt wurden die teilweise bereits erwähnten, neuartigen Betätigungsfelder geschaffen, wie die Spekulation auf den Warenterminbörsen und Devisenmärkten, die Zockerei mit Optionen oder auch die durch Banken finanzierten Unternehmensübernahmen - die Geburtsstunde des berüchtigten Investmentbanking. All diese neuen "Märkte" und deren entsprechende Waren und Dienstleistungen gingen mit exzessivem Einsatz von Kredit und daraus resultierender Verschuldung einher, die heute in der Branche als Leverage (Hebelung) verniedlicht wird. Mehr noch, Sweezy erkannte zudem, dass es sich bei dieser finanziellen Explosion, bei der damit einhergehenden Verschuldung, um einen selbstverstärkenden Prozess handelt, der ein enormes Wachstumspotential beinhaltet:

Der Kernpunkt ist, ... dass die Finanzsphäre das Potential hat, sich zu einem autonomen Subsystem der ganzen Ökonomie zu entwickeln, mit einer enormen Kapazität zur Selbstexpansion. Ist der Prozess der Expansion erstmal voll in Gang gesetzt, wie es zwangsläufig im Kontext des Wiederauftretens der Stagnation in der 1970ern passieren musste, tendiert er dazu, aus sich selbst heraus zu wachsen: Wie Krebs, besitzt es keine internen Kontrollmechanismen. Es kann nur durch externe Interventionen unter Kontrolle gebracht werden.

Paul Sweezy

Wieso erfolgte kein externer Eingriff? Wieso griffen alle US-Regierungen nicht ein und wieso gingen sie sogar im Folgenden dazu über, immer weitere Beschränkungen des Finanzsektors aus der Ära des New Deal zu beseitigen? Bei der Beantwortung dieser Fragen benannte Sweezy den wichtigsten Effekt der Finanzialisierung des Kapitalismus auf die reale Ökonomie, der den nun einstürzenden Finanzüberbau über solch eine lange Zeit hat wuchern lassen: Der wild und unkontrolliert expandierende Finanzsektor wirkt stimulierend auf die Konjunktur, er hilft indirekt, zumindest mittelfristig die Effekte der wirtschaftlichen Stagnation zu mildern. Zum einen sind es die in der Finanzbranche entstehenden Arbeitsplätze, sowie der Bedarf an Büros, Ausstattung, Transport oder Kommunikation, die der Konjunktur auf die Beine halfen. Zusätzlich nennt Sweezy noch den enormen Anstieg von Reichtum, der zumindest kurzfristig innerhalb des Finanzsektors generiert wird, und der den Konsum beflügelt. In den folgenden Kapiteln werden diese Mechanismen genauer untersucht werden.

Die "finanzielle Explosion" sei in der Tat eine der "Stagnation entgegentretende Kraft", konstatierte der Harvard-Absolvent und Schumpeter-Schüler. In den kommenden Jahrzehnten werden sich diese Rückwirkungen der spekulativen Blasenbildung auf die reale Ökonomie zusehends verstärkten - mit Hilfe der Wirtschafts- und Geldpolitik. Hier nochmals Sweezys nahezu prophetischen Worte, die den Krisenverlauf der kommenden Dekaden - die Reaktionen der Politik bei jeder künftig platzenden Spekulationsblase - erstaunlich genau vorhersagen:

Wir sehen nun genau wieso, obwohl jeder die zunehmend abscheulicheren Exzesse der finanziellen Explosion bedauert, nichts passiert - oder gar ernsthaft vorgeschlagen wird - um sie unter Kontrolle zu bringen. Das Gegenteil ist der Fall: Jedes mal, wenn eine Katastrophe droht, springen die Autoritäten bei, um das Feuer zu löschen - und verschütten während dessen noch mehr Benzin für das nächste auflodern der Flammen. Der Grund hierfür ist einfach der, dass, wenn die Explosion unter Kontrolle gebracht würde... die gesamte Ökonomie ins Chaos stürzte. Die Metapher von dem Mann, der einen Tiger reitet, trifft diesen Prozess haargenau.Paul Sweezy

In Teil 2. lesen Sie unter anderem einiges über die fundamentalen Widersprüche der neoliberalen Krisenbewältigung. Sie lernen die Kondratjew-Zyklen kennen und erfahren etwas über die "dunklen Seiten" der derzeit hochgelobten Clinton-Ära, die in der Spekulation mit Hightech-Aktien gipfelte.