Das Ende des INF-Vertrags und das neue Wettrüsten

9M728-Marschflugkörper. Symbolbild: Mil.ru/CC BY 4.0

Viele alte und neue Kalte Krieger sehen ihre Stunde gekommen

Am 2. Februar 2019 kündigten die USA den INF-Vertrag zum Verbot landgestützter Mittelstreckenraketen (Reichweite 500 bis 5500km) auf. Nach einer sechsmonatigen Übergangsphase ist der Vertrag seit gestern Geschichte und damit zerbröselt auch eine der beiden zentralen Säulen der atomaren Rüstungskontrolle.

Mit einer Selbstverständlichkeit wird dabei aktuell Russland in den Medien die Schuld hierfür in die Schuhe geschoben: Das Land habe den Vertrag durch die Stationierung des Marschflugkörpers 9M729 (NATO-Codename SSC-8) verletzt. Obwohl hier zumindest Zweifel angebracht sind, werden nun - nicht zuletzt auch in Deutschland - auf Grundlage dieser "Gewissheit" umfassende Rüstungsmaßnahmen gefordert, während gleichzeitig das russische Angebot für ein Stationierungsmoratorium in den Wind geschlagen wird.

Neue Raketen - Neue Aufrüstung

Wie üblich hat die westliche Version einige Schönheitsfehler: Erstens argumentiert Russland, die Reichweite des 9M729-Systems liege unter 500 km und nicht, wie von den USA behauptet, bei 2.000 km, weshalb keine Vertragsverletzung vorgelegen hätte; zweitens bot es Vor-Ort-Inspektionen an, um etwaige Bedenken auszuräumen, was allerdings von US-Seite ignoriert wurde; und drittens beschuldigt Russland seinerseits die USA, Teile des in Osteuropa stationierten Raketenabwehrsystems würden gegen den INF-Vertrag verstoßen.

Überraschenderweise stützte ausgerechnet der alles andere als russlandfreundliche Chef der "Bundesakademie für Sicherheitspolitik" (BAKS), Karl-Heinz Kamp, Anfang Juli 2019 die Sichtweise Moskaus, als er bei "Streitkräfte & Strategien" (NDR) mit den Worten zitiert wurde:

Es gibt ja Vorwürfe Russlands, dass die USA in ihren Starterhüllen für das Raketenabwehrsystem ebenfalls Marschflugkörper verbotener Reichweite verschicken könnten. Da sagen die Amerikaner: das geht nicht. Da geht die Software nicht. Das erklärt sich selbst einem Laien, dass man eine Software relativ einfach auswechseln kann.

Karl-Heinz Kamp, BAKS

Das Verhalten der US-Regierung untermauerte wiederum Russlands Verdacht, die USA seien primär darauf erpicht, den Vertrag zu versenken. Im Deutschlandfunk etwa wurde der Verifikationsexperte Wolfgang Richter zitiert, der angab, über die angebotenen Inspektionen hätten sich die Zweifel aus dem Weg räumen lassen:

Das würde zumindest einmal erlauben, das System zu überprüfen, die äußeren Dimensionen zu sehen, und von daher abzuschätzen, handelt es sich um eine Langstreckenwaffe oder nicht. Das Detail, also, wird die Rakete nur eine Reichweise von 480 Kilometern haben oder 520, dazu müsste man dann mehr wissen, beispielsweise das Masseverhältnis zwischen Gefechtskopf und Tank. Aber die unterstellte Abweichung ist eine sehr große, das könnte man alles vor Ort feststellen.

Wolfgang Richter, Verifikationsexperte

Vor diesem Hintergrund äußerte sich der stellvertretende Außenminister Sergej Ryabkow, Russland wolle den Vertrag retten, aber "kürzliche Ereignisse zeigen deutlich, dass gewisse Kräfte in den Vereinigten Staaten nicht daran interessiert sind, uns die Möglichkeit zu geben, ihre fehlerhaften oder gefälschten Informationen zu widerlegen".

Vieles spricht somit dafür, dass die USA vor allem auch mit Blick auf China ein Ende des INF-Vertrages gezielt herbeigeführt haben, da Peking seinerseits mit relativ "billigen" Mittelstreckenraketen aufrüstet, ohne an vertragliche Restriktionen gebunden zu sein.

So forderte Thomas G. Mahnken, ein ehemaliger stellvertretender US-Verteidigungsstaatssekretär und heute beim "Center for Strategic and Budgetary Assessments", erst vor wenigen Tagen die Aufstellung konventioneller Mittelstreckenraketen im Indopazifik, um die chinesischen "Vorteile" wieder aufzuholen.

Die Entwicklung dementsprechender Raketensysteme wurde diversen Berichten zufolge jedenfalls bereits in die Wege geleitet. So räumte US-Colonel Michelle Baldanza bereits im März 2019 ein, die USA hätten mit "Fabrikationsaktivitäten begonnen", die "bis zum 2. Februar nicht mit den US-Verpflichtungen unter dem [INF-]Vertrag zu vereinbaren gewesen wären".

"Nachrüstung" in Europa?

Für Europa scheint es ähnliche Pläne zu geben. Glaubt man zumindest den Verlautbarungen aus dem Pentagon, wird, vermutlich aus Sorge vor den zu erwartenden Protesten, die Stationierung konventioneller Mittelstreckenraketen erwogen.

Man habe "nicht die Absicht", atomare Mittelstreckenraketen in Europa zu stationieren, wurde der stellvertretende US-Unterstaatssekretär David Trachtenberg bereits im Februar 2019 zitiert: "Was wir geplant haben und was wir tun, ist […] die Erforschung und Entwicklung konventioneller bewaffneter Systeme mit einer Reichweite, die gegenwärtig vom [INF-]Vertrag verboten ist."

Es hat also den Anschein, als läge die US-Präferenz aktuell "nur" auf der Aufrüstung mit konventionellen Mittelstreckenraketen. Doch zum einen ist das schon schlimm genug und zum anderen sollte man sich darauf auch nicht unbedingt verlassen.

So warnte etwa ein anderer Experte ebenfalls bei "Streitkräfte & Strategien" (NDR): "Ulrich Kühn vom Hamburger Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik rechnet damit, dass schon bald eine Debatte in der NATO über eine sogenannte 'Nachrüstung' mit landgestützten Mittelstreckenraketen in Europa beginnen wird. Dass die USA gegenwärtig nur von einer konventionellen Bewaffnung sprächen, könne auch taktische Gründe haben, glaubt Ulrich Kühn."

Kalte Krieger treten aus dem Schatten

Während zum Beispiel Außenminister Heiko Maas - wenn auch mit reichlich wenig Elan - eine Wiederaufnahme von Gesprächen und eine Rückkehr zur Rüstungskontrolle anmahnt, sehen hierzulande viele alte und neue Kalte Krieger ihre Stunde gekommen.

Wolfgang Ischinger etwa, der Leiter der Münchner Sicherheitskonferenz, oder Carlo Masala von der Bundeswehr-Universität in München werben seit Anfang des Jahres lautstark dafür, sich eine konventionelle oder atomare Aufrüstungsoption unbedingt offenzuhalten.

Auch Christian Mölling, Rüstungsexperte der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP), warb dafür, die NATO müsse nun offiziell auf Angriffsfähigkeiten umschalten: "Das Bündnis sollte im konventionellen Bereich reagieren. Das bedeutet einerseits, es durch bessere Luftabwehr zu ermöglichen, die russischen Raketen zu neutralisieren. Das wird nicht immer klappen, denn die 9M729-Marschflugkörper sind schwer zu lokalisieren. Andererseits braucht es wohl eine Offensivkomponente: also eine Rakete, die russische Kommandozentralen treffen kann."

Zwei weitere "Sicherheitspolitiker" haben sich in jüngster Zeit ganz besonders für entschiedene westliche Rüstungsbemühungen eingesetzt: Der ehemalige hochrangige NATO-Offizier Heinrich Brauß und - wie so häufig - Joachim Krause vom Institut für Sicherheitspolitik an der Universität Kiel (ISPK).

In einem nahezu von jedem "Leitmedium" prominent besprochenen Artikel in der aktuellen Ausgabe von Sirius - Zeitschrift für Strategische Analysen fragen beide im Titel "Was will Russland mit den vielen Mittelstreckenwaffen?" Russlands "Aggressionen" in Osteuropa und die - ohne hinlängliche Beweise - als sicher angenommene Verletzung des INF-Vertrages ließen nur einen Schluss zu:

Russland verspricht sich offenkundig entscheidende strategische Vorteile im Sinne einer Eskalationsdominanz gegenüber den USA und der NATO für den Fall eines regionalen Krieges in Europa - eines Krieges, der aller Voraussicht nach nur von Russland ausgehen wurde.

Heinrich Brauß und Joachim Krause

Auch sie werben deshalb, sich die Option für eine Unterstützung der US-Aufrüstungspläne offenzuhalten:

Die USA planen, der auf Europa konzentrierten russischen Nukleardrohung kurzfristig mit seegestützten Raketen mit nuklearen Gefechtsköpfen von begrenzter Sprengkraft entgegenzuwirken. Diese Waffen werden zurzeit produziert. Langfristig ist die Beschaffung von seegestützten Marschflugkörpern (SLCM) geplant.

Darüber hinaus werden offenbar die Entwicklung und Aufstellung landgestützter, zielgenauer Mittelstreckenwaffen mit hochwirksamen konventionellen Gefechtsköpfen in Betracht gezogen, die russische Führungseinrichtungen bedrohen und die militärische Handlungsfähigkeit Russlands lähmen könnten. Generell muss gelten: Alle zielführenden Optionen müssen ergebnisoffen analysiert und die optimale dann ausgewählt werden, keine darf aus kurzsichtigen oder opportunistischen Gründen vorschnell zur Seite gelegt werden. […] Auch die Entwicklung landgestützter nuklearer Mittelstreckenwaffen sollte man nicht von vornherein ausschließen.

Heinrich Brauß und Joachim Krause

Auch auf anderen Ebenen müsse "natürlich" dagegengehalten werden: "Mit Blick auf die baltischen Staaten und Polen muss vor allem der Raum-Kräfte-Zeit-Vorteil Russlands ausgeglichen werden."

Aktuell sind in den drei baltischen Staaten und Polen je ein NATO-Bataillon à 1000 Soldaten (plus zusätzliche US-Soldaten) stationiert, doch diese Truppen sollten "verstärkt werden". Im Sirius-Artikel bleiben die Autoren weitere Details weitgehend schuldig. Im Deutschlandfunk präzisierte Krause aber schon vor einiger Zeit, was er sich konkret darunter vorstellt:

Es ist also eine derzeit symbolische Präsenz [der NATO in Osteuropa], und die muss durch eine reale Präsenz erhöht werden. […] Da müsste man schon in einer Größenordnung von mindestens einer Division pro baltischem Staat und wahrscheinlich auch noch in Polen reden. Das ist sozusagen das Mindeste, was sie brauchen, um dort überhaupt eine Verteidigungsfähigkeit herzustellen. […] Ungefähr 30-, 40.000 Soldaten aus anderen Ländern der NATO, sei es aus Deutschland, aus Frankreich, aus Großbritannien, USA, Holland oder was weiß ich nicht wo, müssten dort stationiert sein.

Joachim Krause

Wie erwähnt, wurden die Ausführungen von Brauß und Krause überaus breit in den Medien rezipiert, fast ausschließlich extrem wohlwollend. Eine der wenigen kritischen Stimmen, die sich in diesem Zusammenhang Gehör verschaffen konnten, war die des ehemaligen Vorsitzenden des Nato-Militärausschusses, Harald Kujat.

Die Ausführungen von Brauß und Krause kritisierte er als "einseitig, unvollständig und einer rationalen Überprüfung nicht standhaltend." Es sei "völlig absurd" vom Ziel eines russischen Angriffs auszugehen:

Putin weiß, dass dies die völlige internationale Isolation zur Folge hätte - mit unübersehbaren politischen und wirtschaftlichen Folgen für das Land.

Harald Kujat