Das Erbe der MIR

Vor zwanzig Jahren trat die erste Besatzung der bis heute bedeutendsten Raumstation ihren Dienst an

Entgegen den bis dahin üblichen Gepflogenheiten war das sowjetische Fernsehen live dabei, als am Nachmittag des 13. März 1986 eine Sojus-Rakete mit den Kosmonauten Leonid Kizim und Wladimir Solowjew abhob. Es war schließlich ein besonderes Ereignis: Die erste Besatzung startete zur neuen Raumstation Mir, die drei Wochen zuvor in den Orbit gebracht worden war. Sie ist bis heute, fast fünf Jahre nach ihrem gezielten Absturz, die erfolgreichste Raumstation geblieben – als Ergebnis langfristiger Planung wie auch kurzfristiger Improvisationsfähigkeit.

15 Jahre zuvor hatte die Sowjetunion mit Saljut-1 die erste Raumstation in den Orbit gebracht. Sechs weitere Versionen waren gefolgt, die dabei gewonnenen Erfahrungen hatten zum Design der Mir geführt. In den kommenden Jahren wurde das Kernmodul durch fünf weitere Module ergänzt und damit zur ersten multi-modalen Orbitalstation, in der man sich „richtig verlaufen“ konnte, wie der deutsche Astronau Ulf Merbold einmal gesagt hat.

Tatsächlich befand sich die letzte Saljut-Station, Saljut-7, noch im Orbit, als die Mir in Betrieb genommen wurde. Beide Stationen waren zu diesem Zeitpunkt etwa 3.000 Kilometer voneinander entfernt. Nachdem Kizim und Solowjew die Mir in Betrieb genommen hatten, bestiegen sie Anfang Mai wieder ihr Sojus-Raumschiff und flogen zur Saljut-7. Dort beendeten sie wichtige Experimente und beobachteten unter anderem das Wettergeschehen in der Region um Tschernobyl, wo sich am 26. April ein schwerer Kernreaktorunfall ereignet hatte. Dann packten sie so viel Ausrüstung wie möglich in die Sojus und flogen zurück zur Mir, die mittlerweile nur noch 1000 Kilometer entfernt war.

Es war der erste Transfer zwischen zwei Orbitalstationen, der je unternommen wurde. „Die Leichtigkeit, mit der er vollzogen wurde, demonstrierte deutlich, wie sehr das Transportsystem gereift war“, schreibt David M. Harland in seinem Buch „The Story of Space Station Mir“. In kleinen Schritten war die Technologie nach und nach verbessert worden. Der US-amerikanische Space Shuttle mag futuristischer aussehen und größere Lasten transportieren können, aber die Sojus ist, nicht zuletzt aufgrund dieses evolutionären Ansatzes, bis heute das zuverlässigste Raumtransportsystem geblieben.

Etwas über 15 Jahre sollte die Mir in Betrieb bleiben, bis sie am 23. März 2001 gezielt zum Absturz gebracht und im Pazifik versenkt wurde. 88 Kosmonauten und Astronauten hatte sie in dieser Zeit beherbergt und geholfen, einen unschätzbaren Erfahrungsschatz über Langzeitaufenthalte in der Schwerelosigkeit zusammenzutragen.

Dabei lief nicht immer alles so reibungslos wie bei der ersten Mission von Kizim und Solowjew. Der schwerste Unfall ereignete sich am 24. Juni 1997, als ein Versorgungsschiff beim Andocken außer Kontrolle geriet und mit der Mir kollidierte. Ein Modul wurde undicht, die Verbindungsluke zu ihm musste geschlossen werden. Das ging aber nicht, ohne wichtige Stromkabel zu trennen. Erst nach mehreren Stunden konnte das bordeigene Kontrollsystem wieder aktiviert werden. Und auch danach blieb es noch wochenlang unsicher, ob die Station nicht aufgegeben werden müsste.

Solche Krisensituationen und ihre Bewältigung beschreibt Harland ebenso minutiös wie den Forschungsalltag der verschiedenen Besatzungen im Erdorbit. Diese Detailfreude macht die Lektüre über weite Strecken etwas zäh. Dank eines ausführlichen Indexes und eines Glossars lassen sich aber auch gezielt Informationen finden. So ist das Buch zwar nicht unbedingt als erbauliche Urlaubslektüre geeignet, trägt aber gleichwohl dazu bei, dass eine ungemein erfolgreiche Episode der Raumfahrt nicht so schnell in Vergessenheit gerät.

Das Ende der Mir

Die Mir hat gezeigt, wohin ein Raumfahrtprogramm auch in kleinen Schritten führen kann, wenn es von einer klaren Idee geleitet ist. In diesem Fall ging es darum, eine permanente Präsenz im All aufzubauen und Erfahrungen mit Langzeitaufenthalten zu sammeln. Das diente von vornherein ausdrücklich auch der Vorbereitung von bemannten Missionen zu Mond, Mars oder anderen Zielen jenseits des erdnahen Orbits.

Diese klare Zielsetzung ist bei der Internationalen Raumstation (ISS) zunächst verloren gegangen. Das mag der vielleicht wichtigste Grund sein, warum sie sich noch nicht als würdige Nachfolgerin der Mir erwiesen hat. Zwar hat die Nasa erklärt, die ISS fertigstellen zu wollen. Doch das Vertrauen in solche Erklärungen ist angesichts einseitiger Programmentscheidungen der Nasa in den vergangenen Jahren und anhaltender technischer Probleme mit dem Shuttle nachhaltig erschüttert. Erst die kommenden Jahre werden zeigen, ob es gelingt, in internationaler Zusammenarbeit an das reichhaltige Erbe sowjetischer Raumfahrt anzuknüpfen und die Präsenz des Menschen im All auf eine neue Stufe zu heben. Zu wünschen wäre es.

David M. Harland: The Story of Space Station Mir. Springer-Verlag, 424 Seiten, 32,05 Euro (Hans-Arthur Marsiske)

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