"Das Exkrement des Teufels"

Catatumbo-Gewitter nahe der Mündung des Río Catatumbo in den Maracaibo-See. Bild: Thechemicalengineer, CC BY-SA 3.0

Zur Geschichte der Erdölförderung in Venezuela

Die erste Erdöllieferung Venezuelas soll bereits 1539 erfolgt sein, als ein einzelnes Fass nach Spanien geschickt wurde, um mit seinem Inhalt das Gichtleiden Kaiser Karls V. zu lindern. Zu jener Zeit waren große Teile des heutigen Venezuelas von der hoch verschuldeten spanischen Krone als Klein-Venedig an die Patrizier-Familie derer von Welser aus Augsburg verpachtet worden. Im ersten deutschen Kolonialprojekt spielte Öl jedoch noch keine Rolle - damals war es vor allem der Sklavenhandel, der das Verständnis von lukrativen Geschäften prägte. Darüber hinaus wurde ein beträchtlicher Teil der unternehmerischen Energie darauf verwendet, Eldorado zu finden, das sagenumwobene Goldland.

In Venezuela sind seit jeher Orte bekannt, an denen das Öl aus eigener Kraft an die Oberfläche tritt, zum Beispiel am Guanoco-Asphaltsee, den Alexander von Humboldt als "Quelle des guten Priesters" verewigte.

1875 wurde die kolumbianische Grenzstadt Cúcuta durch ein Anden-Erdbeben innerhalb von einer Minute fast vollständig zerstört. Das Beben brachte im benachbarten venezolanischen Bundesstaat Táchira viskose Wässer ans Tageslicht, bei deren Analyse die Anwesenheit von Öl bestätigt wurde. Diese Beobachtung führte 1878 zur Gründung von Táchira's Petrolia Mining Company, des ersten venezolanischen Ölunternehmens, bescheiden im Umfang und 60 Jahre später schon wieder verschwunden.

Trotz des Wissens um das Vorkommen von Öl sollte es zunächst noch bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts dauern, ehe die kommerzielle Erschließung in großem Umfang in Angriff genommen wurde. Damit verbunden ist der Name von Juan Vicente Gómez, der 1908 über einen Putsch an die Macht kam und das Land bis zu seinem Tod 1935 in einer Militärdiktatur regierte.

Gómez verteilte Ölkonzessionen vor allem unter seinen engsten Freunden, die diese wiederum an ausländische Ölfirmen mit Kapital und Know-How zur Erschließung der Lagerstätten weitergaben. Im Jahr 1912 begann die mit der Royal Dutch Shell verbundene Caribbean Petroleum Company mit der Suche nach Ölvorkommen im Maracaibo-Becken. Die Zumaque I-Bohrung (heute MG-I) wurde ab April 1914 am Fuße des Cerro La Estrella niedergebracht, um am 31. Juli desselben Jahres auf Öl zu stoßen. Mit Mene Grande war das erste bedeutende venezolanische Ölfeld gefunden. Mene bedeutet in der Sprache der ansässigen Ureinwohner Öl, und sie hatten auch noch Beobachtungen zu dessen thermophysikalischen Stoffeigenschaften in petto: Tagsüber zerfließe es in der Hitze der Sonne und nachts erstarre es, um dabei das zufällig am Cerro La Estrella grasende Vieh im frisch gebildeten Asphalt zu fixieren.

1922 wurde Shell wieder fündig, diesmal am Bohrloch Barroso No. 2 in Cabimas, 80 Kilometer von Mene Grande entfernt. Die Ölproduktion wuchs schnell, Mene Grande wurde zur weltweit wichtigsten Förderstätte von Shell.

1931 hatte Exxon auf Konzessionen gesetzt, die im Maracaibo-See selber lagen. Die Erschließung im See ging nach Ende des Zweiten Weltkriegs rasch voran; die Gegend wurde in den 1950er und 1960er Jahren zum weltweit wichtigsten Förderstandort von Exxon.

So war die Ölförderung Venezuelas schon bereits vor dem Zweiten Weltkrieg ein wichtiger Faktor in der Gestaltung der Außenpolitik der Vereinigten Staaten geworden. Die Funde hatten Venezuela aus der Obskurität geholt und auf die internationale Bühne der Weltwirtschaft gehievt.

Der Lockruf des Öls

Was den ersten Entdeckungen folgte, war eine Flut von Anfragen ausländischer Ölfirmen nach Konzessionen in Venezuela, getrieben vom Bestreben, ebenfalls an den Verheißungen des neuen Ölreichtums beteiligt zu sein. Die Unternehmen brachten eigenes Personal mit, das von Anfang an in abgeschlossenen Wohnanlagen lebte und wenig Kontakt zur einheimischen Bevölkerung pflegte, die die zugereisten Ölarbeiter als "Neue Spanier" wahrnahm.

Um die Zeit der ersten großen Ölfunde hatte Venezuela keine drei Millionen Einwohner. Das Land war geprägt von Landwirtschaft und Schmuggel, von Großgrundbesitzern und Warlords. Eine in Ansätzen vorhandene Industrie wurde von Zigarrenfabriken, Webereien und Gerbereien dominiert. Der überwiegende Teil der Bevölkerung war von Analphabetismus, Armut und Krankheiten betroffen.

Die wichtigste Einnahmequelle des Staates waren bis dato Ausfuhrzölle, die beim Export von gefragten Waren erhoben wurden, wie etwa für Kaffee, Kakao, Holz und Milchsaft des Balatabaums oder Zucker.

Mit den Investitionen der Ölbranche kam eine neue bedeutende Einnahmequelle hinzu. Das Ausmaß wird in einem Gebot von 1920 ersichtlich: Für eine Fläche von zwei Millionen Hektar wurde eine Summe von 1,35 Millionen US-Dollar in Aussicht gestellt, die fast der Hälfte des damaligen jährlichen Budgets des venezolanischen Kriegsministeriums entsprach, ganz ungeachtet der Tatsache, dass sich Juan Vicente Gómez noch einmal so viel Geld in seine eigene Tasche zahlen ließ, um zu Gunsten des Bieters zu entscheiden.

Im Jahr 1928 wurde Venezuela weltweit zum größten Nettoexporteur von Erdöl, mit einer Jahresproduktion von 106 Millionen Barrel. Bei einer kumulierten Produktion von 266 Millionen Barrel Öl über 12 Jahre beliefen sich die mit der Ölförderung verbundenen Einnahmen der venezolanischen Regierung seit 1917 auf lediglich 8 Millionen US-Dollar - oder im Schnitt auf rund 666.000 US-Dollar pro Jahr.

Das blieb auch den Arbeitern nicht verborgen, die aus allen Landesteilen in das Ölzentrum von Mene Grande gezogen waren. Im Lockruf des Öls sahen viele ihre Zukunft, doch die Arbeitsbedingungen vor Ort waren katastrophal. Die Arbeiter litten unter Hitze, Feuchtigkeit, Malaria und anderen Krankheiten. Mene Grande wurde zu einem Zentrum des Arbeitskampfes in Venezuela: Hier wurde 1925 die erste Gewerkschaft des Landes gegründet, und hier wurde gestreikt. Am 14. Dezember 1936 brach unter der Regierung von Eleazar López Contreras der erste große Ölstreik in Mene Grande aus und dauerte bis zum 22. Januar 1937 an. Während des Streiks wurden mehrere Arbeiter erschossen.

Um 1940 war Venezuela der drittgrößte Ölförderer der Welt - nach den USA und der UdSSR. 1943 wurde unter der Regierung von Isaías Medina Angarita ein neues Erdölgesetz verabschiedet, das die in den ersten Konzessionswellen begangenen Fehler beheben sollte. Das Ziel: eine stärkere Beteiligung Venezuelas an den Einnahmen des Ölgeschäfts. Die bestehenden Verträge wurden um 40 Jahre verlängert, im Austausch gegen Nachbesserungen der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen wie Lizenzgebühren und Flächensteuern sowie die Ausdehnung des Geltungsbereichs der venezolanischen Gesetze auch auf ausländische Unternehmen. Außerdem wurde eine Einkommenssteuer eingeführt. Medina wurde zudem der erste amtierende venezolanische Präsident, der überhaupt Auslandsreisen unternahm. Anfang 1944 führte ihn eine Einladung von Franklin Delano Roosevelt in die USA.

1945 war Venezuela bei einer Ölförderung von fast einer Million Barrel pro Tag angelangt. Doch ab Mitte der 1950er strömte Öl neuer Herkunftsländer auf den Weltmarkt: aus dem Nahen und Mittleren Osten. Der resultierende Preisverfall führte 1960 zur Gründung der OPEC. Die Gründungsmitglieder: Iran, Irak, Saudi-Arabien, Kuwait - und Venezuela. Das Hauptziel der Organisation: eine Stabilisierung der internationalen Ölpreise, um die Interessen der Förderländer zu wahren.

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