"Das Exkrement des Teufels"

"Venezuela Saudita": Verstaatlichung (der Bürokratie) der Ölbranche

Mit der ersten Ölpreiskrise 1973 strömten die Öldollars ins Land, und der Traum von Venezuela als künftigem Global Player hielt sich eine Weile. Anfang 1976, zur ersten Amtszeit von Carlos Andrés Pérez, wurde das Zumaque I-Bohrloch Schauplatz einer neuen Epoche. Hier, in Mene Grande, begann die Verstaatlichung des Ölsektors. Es war gleichzeitig die Geburtsstunde der PDVSA (Petróleos de Venezuela S.A.), des staatlichen Mineralölunternehmens Venezuelas.

Alle ausländischen Unternehmen, die zuvor in Venezuela tätig waren, wurden durch venezolanische Unternehmen wie Lagoven (Standard Oil), Llavonen (Mobil) und Maraven (Shell) ausgetauscht. Jeder der früheren Konzessionäre wurde einfach durch eine neue "nationale" Erdölgesellschaft ersetzt, die die Strukturen und Funktionen ihres multinationalen Vorgängers beibehielt. Mit der Verstaatlichung von 1976 wurde so jeder frühere multinationale Betreiber in eine Tochtergesellschaft von PDVSA umgewandelt und in einer Verwaltungsstruktur unter der PDVSA und dem venezolanischen Energieministerium zusammengefasst. Dem war schon 1971 die Verstaatlichung des Gassektors vorangegangen.

Viel hatte sich durch die "Verstaatlichung" nicht geändert: Venezolaner mit führenden Positionen in den multinationalen Unternehmen hatten lediglich die Spitze der jeweiligen neuen Unternehmen übernommen und vertraten damit auch weiterhin ihre alten Interessen am Öl von Venezuela.

1980 kaufte die PDVSA im Rahmen einer neuen Auswärts-Orientierung Raffinerien in den USA und in Europa und wurde zur drittgrößten Ölgesellschaft der Welt. Doch der sich damit einstellende relative Wohlstand war äußerst kurzlebig, wie der OPEC-Mitbegründer Juan Pablo Pérez Alfonzo 1976 prophezeite. Er hatte dem Land 10-20 Jahre gegeben, bevor das "Exkrement des Teufels" den Ruin bringen würde.

Exkurs: Schweröl vom Orinoco

Das Interesse am bituminösen Schweröl des Orinoco-Ölgürtels reicht bis in die 1930er Jahre zurück. Doch die eigentliche Förderung begann erst 1988, in vier Gemeinschaftsprojekten der PDVSA mit internationalen Ölkonzernen.

Das Schweröl vom Orinoco weist einige Besonderheiten auf. Es ist in seiner Beschaffenheit den kanadischen Ölsanden ähnlich. Diese werden im Tagebau gewonnen, doch in Venezuela erlauben die höheren Temperaturen eine Gewinnung per Bohrung.

In den 1980er Jahren fand die Forschungsabteilung der PDVSA zusammen mit BP einen Weg, um das Schweröl vom Orinoco in einer Form auf den Markt zu bringen, die mit Kohle konkurrieren kann: als Emulsion, bestehend aus 70 Prozent Schweröl, 30 Prozent Wasser sowie Zusätzen von Tensiden. Die resultierende "Orimulsion" ließ sich problemlos in Pipelines und Tankern transportieren und in den Dampferzeugern herkömmlicher Dampfkraftwerke verfeuern. Die Orimulsion-Operationen wurden um 2005 eingestellt. Der Technologie wird jedoch ein Zukunftspotential bescheinigt, trotz der hohen Gehalte an Vanadium und Nickel, die bei der Verbrennung in Gasturbinen problematisch sind.

Ein anderes Projekt der PDVSA und Total ging einen anderen Weg und verwandelte das Schweröl im Upgrader in ein schwefelarmes Leichtöl, das sich leichter vermarkten lässt.

"La Apertura": Öffnung des Ölsektors in der Wirtschaftskrise

Ein Rückgang der Ölpreise Mitte der achtziger Jahre löste schließlich eine Wirtschaftskrise in Venezuela aus. Das Land hatte beträchtliche Schulden aufgehäuft. Carlos Andrés Pérez griff in einer zweiten Amtszeit zur Schocktherapie: Anders als bei den Wahlen versprochen, führte er neoliberale Wirtschaftsreformen ein, die ihm vom Internationalen Währungsfonds (IWF) nahegelegt worden waren, jener mächtigen internationalen Finanzinstitution, die hauptsächlich vom US-Finanzministerium kontrolliert wird.

Der umstrittenste Teil des Reformpakets war die Abschaffung der Benzinsubventionen. In der Folge explodierten die Preise an den Zapfsäulen und im öffentlichen Nahverkehr. Gute drei Wochen nach der Amtseinführung von Pérez brachen am 27. Februar 1989 in einem Vorort von Caracas Unruhen aus, die sich schnell auf andere Landesteile ausweiteten und als Caracazo in die Geschichte Venezuelas eingingen. Der Ausnahmezustand wurde verhängt und das Standrecht ausgerufen, hunderte Venezolaner kamen bei den Aufständen ums Leben. Das Klima der politischen Instabilität hatte noch einen Nebeneffekt: Es brachte Hugo Chávez hervor, der nach einem gescheiterten Putsch 1992 schließlich 1998 zum Präsidenten Venezuelas gewählt wurde.

Die schlechte Performance der PDVSA nach der Verstaatlichung führte dazu, dass Venezuela das Unternehmen für die globale Zusammenarbeit mit multinationalen Konzernen öffnete. Von 1993 bis 1998 teilte die PDVSA die Schürfrechte mit mehreren multinationalen Unternehmen. Diese "strategischen Vereinigungen" waren umstritten: Venezuela konnte so zwar Gewinne generieren, doch die waren mit einer milden Besteuerung der multinationalen Unternehmen und dem Verlust der staatlichen Kontrolle über die eigenen Rohstoffe teuer erkauft.