Das Filesharing-Zeitalter hat gerade erst begonnen

Wie sich Peer-to-Peer-Technologien neue Anwendungsgebiete erschließen

Peer-to-Peer-Filesharing gilt für die Musikindustrie als die Wurzel alles Übels. Doch bietet es überhaupt erst die Chance, große Dateien ohne Überlastung der Infrastruktur und horrende Webserver-Traffickosten im Netz zu verteilen.

Filesharing ist böse, und eine Technologie, die den bequemen Tausch von Daten übers Internet ermöglicht, ist Teufelswerk, meint Orrin G. Hatch, konservativer US-Senator, stimmgewaltiger Hobby-Sänger kitschig-patriotischen Liedgutes ("America United") und immer federführend mit dabei, wenn es darum geht, den US-amerikanischen Filesharing-Sumpf mit juristischen Mitteln dauerhaft trockenzulegen.

"Verleitung zu Urheberrechtsverletzungen" heißt der neue Straftatbestand, den Senator Hatch gern zum Gesetz erheben möchte. Wer andere etwa durch das Anbieten von kostenlosen Filesharing-Programmen bewusst zu einer Verletzung von Urheberrechten verleitet, soll nach den Vorstellungen des Senators künftig für die dadurch entstandenen Schäden strafrechtlich verantwortlich sein. Hätte dieser Gesetzentwurf Erfolg, könnte ein faktisches Verbot jeglicher Peer-to-Peer-Software in den USA die Folge sein.

Das von der US-amerikanischen Musik- und Filmindustrie großzügig gesponserte Weltbild des singenden Senators ist gelinde formuliert ein wenig grob gestrickt. Die Technologie, die er gern auf dem Altar der US-amerikanischen Unterhaltungsindustrie geopfert sehen möchte, wird andernorts in einer Art und Weise eingesetzt, die sich der umtriebige Senator offenbar kaum vorstellen kann.

So testet beispielsweise die britische BBC derzeit ein frei zugängliches Online-Archiv, in dem alle Fernsehsendungen sofort nach ihrer Ausstrahlung abgespeichert werden (Internet-TV auf Abruf). Die BBC möchte ihren Zuschauern damit das kostenlose Angebot machen, das gesamte Fernsehprogramm unabhängig von starren Programmtafeln zeitversetzt konsumieren zu können. Wer eine ausgestrahlte Sendung sehen möchte, hat dazu eine Woche lang Gelegenheit.

Der erste Probelauf, in dem zunächst fünfhundert BBC-Mitarbeiter das Online-Archiv testen durften, ist mittlerweile abgeschlossen. In einem zweiten dreimonatigen Testlauf kommen nun eintausend ausgewählte Breitbandkunden der Internetprovider AOL, British Telecom und Tiscali in den Genuss des BBC-Archivs. Über den Interactive Media Player (iMP) der BBC können sie auf alle Fernsehsendungen zugreifen, die im BBC-Programm gelaufen sind.

Wegen der riesigen Datenmengen, des enormen Transfervolumens und der damit verbundenen Kosten wird das BBC-Archiv jedoch nicht über einen zentralen Server, sondern über ein Peer-to-Peer-Netzwerk verbreitet. Das BBC-Team um Ben Lavender, dem Chef-Architekten des Projekts, setzt dabei auf die Leistungsfähigkeit speziell der Bit-Torrent-Filesharing-Technologie. Im Vergleich zu anderen Filesharing-Systemen können über Bit-Torrent gerade besonders große Dateien schnell an möglichst viele Nutzer verteilt werden. Jeder Nutzer, der eine Datei bzw. Teilstücke einer Datei downlädt, muss diese nämlich schon während des Downloadprozesses anderen Nutzern "zwangsweise" zum Upload zur Verfügung stellen.

Die Bit-Torrent-Technologie geht auf den US-Amerikaner Bram Cohen zurück. Frustriert von der Tatsache, dass viele Filesharer zwar gern Dateien saugen, aber ihrerseits nicht bereit sind, Dateien anderen Usern anzubieten, entwickelte Cohen ein System, das fleißiges Uploaden belohnt und die Transfergeschwindigkeit erhöht.

Bit-Torrent besteht aus zwei Teilen: Das Serverprogramm, Tracker genannt, verwaltet Informationen zu einer oder mehreren Dateien. Der herunterladende Client erfährt vom Tracker, wer sonst noch die Datei herunterlädt und verteilt. Das geschwindigkeitshemmende Nadelöhr in jedem Netzwerk sind diejenigen Teilstücke einer Datei, die zu einem gegebenen Zeitpunkt am wenigsten im Netz verbreitet sind. Bit-Torrent sorgt nun dafür, dass beim Download zuerst die seltenen Teilstücke einer Datei heruntergeladen werden. Der Tracker erhält anschließend die Meldung, dass eine weitere Quelle mit diesem seltenen Teilstück zur Verfügung steht und lenkt die nächste Anfrage automatisch an diese Quelle weiter. Der Tracker effektiviert auf diese Weise den Dateitransfer. Für den User tritt dadurch der Effekt ein, dass der Downloadvorgang zunächst langsam beginnt und dann immer schneller wird.

Um eine Datei herunterladen zu können, benötigt der Nutzer eine Torrent-Datei. Diese enthält die Internetadresse des Trackers sowie den Dateinamen, die Größe und die Prüfsummen der zu ladenden Datei. Die Torrent-Datei liegt üblicherweise auf der Homepage des Anbieters zum Download bereit - was der BBC bei ihrem Online-Archiv sehr gelegen kommt. Derzeit ist geplant, das Fernsehprogramm nach seiner Ausstrahlung sieben Tage lang online bereitzustellen. Bit-Torrent macht's problemlos möglich. Wird die Torrent-Datei mit den Dateiinformationen gelöscht, sind Downloads über den Interactive Media Player nicht mehr möglich. Die BBC behält also die volle Kontrolle über ihr offizielles Online-Angebot.

Nicht nur die BBC, auch Softwarefirmen wie beispielsweise der Computerspieleproduzent Valve ("Half life") greifen zunehmend auf die Bit-Torrent-Technologie zurück, um Updates, Patches oder komplette Programme übers Internet zu versenden. Ein weiteres Beispiel von vielen ist die Firma Linspire, die mit ihrem Linux-basierten Betriebssystem Lindows dem großen Konkurrenten Microsoft Paroli bieten will. Auch hier wird Bit-Torrent benutzt, um die Lindows-Software zu verbreiten.

"P2P erlaubt es uns, mehr Kunden schneller und kostengünstiger bedienen zu können", erklärte Lindows-Chef Michael Robertson gegenüber dem Wissenschaftsmagazin New Scientist (Ausgabe vom 26. Juni 2004, S.28). Die Kostenersparnis gibt die Firma an ihre Kunden weiter: Wer sein Lindows über Bit-Torrent bezieht, zahlt nur noch die Hälfte.

Die Bit-Torrent-Technologie bietet große Vorteile, wenn es wie beim Online-Archiv der BBC darum geht, populäres Material schnell und kostengünstig zu vertreiben. Dateien wie etwa wissenschaftliche Dokumente oder historische Manuskripte, die weltweit möglicherweise nur von ein paar Hundert interessierten Wissenschaftlern nachgefragt werden, hätten wegen der geringen Zahl der potenziellen "Besitzer" bei Verwendung der Bit-Torrent-Technologie aber kaum eine Chance auf effektive Netzverbreitung.

Der britische Mathematiker Ross Anderson arbeitet deshalb zurzeit an einer Peer-to-Peer-Technologie, mit der er die Performance von Peer-to-Peer-Netzen deutlich erhöhen will. Sein Alternativprojekt heißt Chord und bedient sich einer so genannten Distributed Hash Table (DHT).

Mit Hilfe von Hash-Tabellen werden Dateistücke, die eine eindeutige Identifikationsnummer besitzen, zu identifizierbaren Gruppen zusammengefasst. Das sei wie ein simples Ablagesystem, erklärt Frans Kasshoek vom Massachusetts Institute of Technology, ein weiterer Chord-Entwickler, das Grundprinzip. Es sei so, als habe man 26 Ordner, für jeden Buchstaben des Alphabets einen. Benutze man Distributed Hash Tables, dann seien diese 26 Ordner nicht auf einer einzelnen Festplatte, sondern auf 26 verschiedenen Systemen gespeichert.

Gerade bei wissenschaftlichen Projekten, die eine Vielzahl sehr großer Dateien abspeichern müssen, erweise sich die Stückelung der Dateien und deren Speicherung in einem Netzwerk als unschätzbarer Vorteil. Museen und Online-Bibliotheken etwa könnten hochauflösende Scans historischer Dokumente archivieren und anderen zur Verfügung stellen, ohne für Speicherplatz und Traffic astronomische Summen ausgeben zu müssen. Diesen Vorteil möchten Anderson und Kaashoek auch auf das Usenet übertragen.

Das Usenet breche momentan unter der auf die Newsgroups einprasselnden Masse an Spam und Bilddateien zusammen. Auf dem Berliner "Wizards of OS "-Kongress schlug Anderson deshalb kürzlich vor, "die Usenet-Infrastruktur mit Hilfe einer Distributed-Hash-Table deutlich leistungsfähiger und P2P-gerechter zu machen". Das hätte unter anderem den Vorteil, dass die verfügbaren Artikel und Dateien nicht mehr komplett auf zentralen Servern, sondern als Hash gespeichert werden, während die zugehörigen Dateibruchstücke weltweit auf Millionen anderer Systeme lägen. Zentrale Server bräuchte man dann nur noch für die DHT. Auf diese Weise ließen sich laut Anderson 99 Prozent der aktuellen Datenlast im Usenet einsparen.

Peer-to-Peer habe eine große Zukunft, meinte Anderson auf dem Berliner Kongress. An die Adresse von US-Senatoren wie Orrin G. Hatch und anderen Lobbyisten der Unterhaltungsindustrie gerichtet fügte er abschließend hinzu, man möge über Peer-to-Peer doch bitteschön nicht immer nur im Zusammenhang mit illegalen Musikdownloads und Urheberrechtsverletzungen sprechen.

Die Peer-to-Peer-Technologie ist gerade erst fünf Jahre alt. Sie steckt noch in den Kinderschuhen. Peer-to-Peer-Netze kommen und gehen. Hybride Netze mit zentralen Servern, die Napster einst zum Verhängnis wurden, verschwinden. Dezentrale Netze wie Gnutella oder Freenet, die ohne zentrale Server funktionieren und im Falle von Freenet gar einen anonymen Zugriff auf das Netzwerk und seine Inhalte bieten, entstehen. Weitere Systeme kommen hinzu. Neue Anwendungsgebiete abseits der viel geschmähten Musiktauschbörsen erschließen sich. Die Entwicklung ist spannend, weil derzeit völlig offen. Sie ist nicht mehr zu stoppen. Wer Peer-to-Peer-Systeme trotzdem per Gesetz verbieten will, verhält sich ignorant und offenbart im Grunde nur, dass er die Technik und ihre Wirkungen auf den gesellschaftlichen Fortschritt nicht verstanden hat. Das Peer-to-Peer-Zeitalter hat nämlich gerade erst begonnen.

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