Das Fleisch soll Wort werden

Über die Schwierigkeiten, ein Verbrechen zum Medienprodukt zu machen

Die Kriminalgeschichte ist nicht gerade arm an Verbrechern, die, nachdem sie gefasst wurde, aus ihren Taten Kapital zu schlagen versucht haben. Der Fall des „Kannibalen von Rotenburg“ ist vielleicht das jüngste Beispiel in der Kette dieser Bemühungen – und zeigt derzeit recht deutlich, welche Schwierigkeiten damit verbunden sind.

Dass der im Jahre 2005 letztmalig verhandelte Kannibalenfall von Rotenburg eine publizistische Schatztruhe sein würde, ahnte vor allem die Boulevard-Presse sofort. In übergroßen Lettern berichteten sie immer wieder über wirkliche und vermeintliche Neuigkeiten zum Fall, dem Täter, dessen Opfer und dem Gerichtsverfahren.

Aber auch andere Medien haben versucht, sich der Geschichte anzunähern – vor allem Spielfilme: Drei davon sind bislang erschienen. Einer darf in Deutschland nicht gezeigt werden, weil der mittlerweile inhaftierte Täter einerseits eine Persönlichkeitsrechtsverletzung darin sah und er andererseits schon jemand anderem versprochen hatte, „seine“ Geschichte erzählen zu dürfen.

Dieser jemand war der findige Hamburger Geschäftsmann Günter Stampf, ein ehemaliger „Bild“-Zeitungskolumnist und Inhaber der Medienproduktionsgesellschaft „Stampfwerk“. Er hatte sich in Einvernehmen mit dem Täter die Rechte an dessen Fallgeschichte sichern lassen und mittlerweile einen Film und ein Buch veröffentlicht. Die Geschichte des Kannibalen sollte, ja, musste erzählt werden und Stampf sah sich als den bestmöglichen Erzähler für derart Grauenhaftes. Hatte er doch bereits eine Dokumentation über das „Schulmassaker“ von Erfurt pünktlich zum Jahrestag des Geschehens für RTL produziert.

Verbuchung

Das literarische Ergebnis der Kooperation zwischen Stampf und dem Täter konnte man bis vor kurzem in vollem Umfang bewundern: Pünktlich zur Frankfurter Buchmesse ist das Buch „Interview mit einem Kannibalen“ erschienen – ein 360-seitiges Hardcover, das die Handschrift des ehemaligen „Bild“-Schreibers kaum verleugnen kann. In schnödestem Boulevard-Stil, die Halbbildung seines Autoren („Anthropophagus - aus dem Lateinischen ... bedeutet ‚Menschenfresser’“) und dessen nicht enden wollende Faszination an den immerselben sexuellen und kriminalistischen Falldetails überdeutlich ausstellend, ist die Lektüre für halbwegs anspruchsvolle Leser eine ziemliche Qual. Dennoch wird es sein Publikum wohl erreichen.

Jedoch nicht in voller Länge, denn in der vergangenen Woche hat der Täter abermals eine Verfügung erwirkt – dieses Mal gegen das „Interview mit einem Kannibalen“. Denn darin hatte der Autor wohl allzu freimütig Aussagen über den Täter, dessen Kindheit und Familie getroffen und Bilder veröffentlicht, deren Publikation nicht im Interesse seines Interviewpartners gelegen hat. Fast hämisch möchte man meinen: Er wusste wohl nicht, auf wen er sich mit Günter Stampf eingelassen hatte.

Kultur und Verbrechen

Natürlich hat das juristische Hickhack um den Fall auch immer Werbewirkung: Die australische DVD des hierzulande verbotenen Films „Rohtenburg“ verkauft sich prima und das Kaufinteresse am „Interview mit einem Kannibalen“ ist nun noch um einen weiteren Aspekt bereichert. Das ist nichts Neues – die Kriminal- und Mediengeschichte ist nicht arm an Kulturproduktionen um Kapitalverbrechen und nicht wenige davon haben ähnliche Kontroversen wie jetzt der Fall vom „Kannibalen von Rotenburg“ ausgelöst.

1968 etwa hatte der us-amerikanische Regisseur Richard Fleischer einen Film über den „Frauenwürger von Bosten“ gedreht, als der Täter noch gar nicht verurteilt gewesen ist. Fleischer wollte seinen Film, in welchem er auf ästhetisch hochinteressante Weise die Biografie und Psychopathologie seines Protagonisten bebildert, ausdrücklich als Plädoyer für den Serienmörder verstanden wissen. Er vertrat darin die sogar damals schon stark angezweifelte Theorie einer „multiplen Persönlichkeitsspaltung“ und wollte, dass sich die Zuschauer seiner Sichtweise anschließen. Von den Kritikern wurde er jedoch scharf angegriffen, weil er in einen noch laufenden juristischen Fall einzugreifen versucht hatte – sein Film zählt dennoch heute zu den Klassikern des Genres.

„Son of Sam“-Law

Das US-amerikanische Rechtssystem verbietet seit Ende der 1970er Jahre, dass verurteilte Verbrecher finanziellen Gewinn aus ihren Taten schlagen. Das so genannte „Son of Sam“-Law entstand, als der so betitelte New Yorker Serienmörder im Jahre 1977 seine Geschichte an die Medien verkaufen wollte und das als posthume Verhöhnung der Opfer gerichtlich gestoppt wurde. Seither müssen Fallgeschichten von Dritten verwaltet und verkauft werden und erwirtschaftete Gewinne fließen zu einem beträchtlichen Teil an die Opfer. Dass dies jedoch auch nicht immer reibungslos vonstatten geht, zeigt ein jüngerer amerikanischer Fall:

Eine US-amerikanischen Serienmörderin, wollte vom Gefängnis aus, nachdem sie bereits zum Tode verurteilt worden war, den Start eines TV-Films über sich verhindern, weil sie sich darin verleumdet sah. Ihre zunächst als Verschwörungstheorie abgetanen Vorwürfe gegen die Polizei, nach der diese Fall-Details an die Filmproduzenten verkauft hatten, erwiesen sich nach Recherchen eines Dokumentarfilmers als wahr. Dieser Dokumentarfilmer wiederum versuchte später mit seinem eigenen Film dem Anwalt der Verurteilten anzulasten, er habe gar nicht versucht, seine Mandantin vor der Todesstrafe zu bewahren, weil er es nämlich gewesen ist, der sämtliche Film- und Buchrechte verwaltete und nach ihrem Ableben zu Geld machen wollte.

Es ließen sich noch etliche, mehr oder weniger spektakuläre Fälle auflisten, in denen Medien(macher) aus Morden Kapital geschlagen haben und dabei nicht selten an die Grenzen des moralisch Vertretbaren und des jeweiligen Rechtssystems gestoßen sind. Der aktuelle Medien-Fall zum „Kannibalen von Rotenburg“ wird sicherlich nicht der letzte sein – auch wenn es aufgrund der Klagefreude von Tätern und deren Anwälten (Hamburger Pressekammer schützt Schwerverbrecher) mittlerweile schwierig geworden ist, sich medial in diese Richtung zu bewegen. Stampf, so lässt sich annehmen, wird sich durch die Verfügung gegen „Interview mit einem Kannibalen“ kaum den Wind aus den Segeln nehmen lassen. Immerhin hatte er seinerzeit angekündigt, dass wenigstens noch ein 90-minütiger Dokumentarfilm daraus entstehen soll. Wenn der so ausfällt wie die „Exklusiv“-Folge und das Buch befürchten lassen, steht uns sicherlich eine neue spannende juristische Runde ins Haus. (Stefan Höltgen)

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