Das Flugzeug als Festung

Ein europäisches Projekt will ein System entwickeln, das Flugzeuge vor Attentätern und allen anderen denkbaren Gefahren schützt und "volles Vertrauen" stiftet

Wie ernst die Gefahr tatsächlich war, dass die in Großbritannien festgenommenen Männer – einer wurde bereits wieder freigelassen – kurz davor standen, in US-Passagiermaschinen auf dem Weg in die USA in Getränken eingeschmuggelten Flüssigsprengstoff zur Explosion zu bringen, ist noch immer nicht viel deutlicher geworden. Seitdem wurden jedenfalls die Kontrollen verstärkt, obgleich die Möglichkeit von Anschlägen mit Flüssigsprengstoff spätestens seit 1995 bekannt waren. Das Mitführen von Flüssigkeiten oder Gels im Handgepäck wurde nun bis auf wenige Ausnahmen verboten. Allerdings dürfen sie weiterhin im Gepäck mitgeführt werden. Die Frage ist, ob Kontrollen, Mitführverbote und immer mehr Scanner tatsächlich für eine ausreichende Sicherheit sorgen können. Die EU hat bereits nach dem 11.9. ein Projekt mitfinanziert, um bis Ende 2007 das ultimativ sichere Flugzeugsystem zu entwickeln, das gegen Gefahren schützt, die von Attentätern und anderen Risiken während des Flugs ausgehen können.

Erst einmal wird die Angst geschürt, dass nach den angeblich vereitelten, auf jeden Fall nicht ausgeführten Anschlägen Flugzeugreisen noch gefährlicher würden: Kann ich jemals wieder ohne Angst in ein Flugzeug steigen?, fragt die Bild („Europa in Terror-Angst“), die wohl Aufmerksamkeit fürs Thema vermutet, als ob die größte Gefahr beim Reisen mit dem Flugzeug von Anschlägen ausginge. Immerhin werden dann einigermaßen nüchtern ausfallende Experten-Statements zitiert.

Das SAFEE-Projekt (Security of Aircraft in the Future European Environment), das Anfang 2004, getragen von 31 Partnern, gestartet wurde, dürfte wieder interessanter werden. Die Absicht ist, langfristig Sicherheitssysteme für Flugzeuge zu entwickeln, um „Gefahren an Bord zuvorzukommen. Das Hauptziel dieser Systeme ist, einen vollständig sicheren Flug, unabhängig von der Art der Gefahr, vom Start bis zum Ziel zu gewährleisten.“

Da man gesehen habe, dass “feindliche Personen durch Flughafenkontrollen und Sicherheitsmaßnahmen gelangen können“, um dann Flugzeuge zu entführen dier Anschläge auszuführen, müsse man das Flugzeug selbst als „letzte Barriere“ konstruieren. Man müsse dazu mehrere aufeinanderfolgende Sicherheitsebenen einbauen und das Flugzeug in eine „Festung“ verwandeln, erklärte zum Start des Projekts Jean-Thierry Audre von SAGEM, Leiter des Konsortiums, dem u.a. Airbus, BAE Systems, Thales und EADS angehören. Verhindert werden sollen durch Onboard-Systeme vor allem klassische Entführungen, Versuche, Passagiermaschinen wie am 11.9. zu übernehmen und sie in ein Ziel zu stürzen, aber auch künftige Gefahren, die beispielsweise mit dem Hacken von Computersystemen oder dem Stören von elektronischen Systemen einhergehen. Man will also auch verhindern, dass dann, wenn Flugzeuge aus der Ferne oder durch ein Onboard-System automatisch gesteuert werden, ein Hacker am Boden oder an Bord es übernehmen könnte. Schließlich gehört zu den Sicherheitsmaßnahmen auch ein System, das im Falle einer Entführung das Flugzeug nicht nur aus der Ferne steuern lässt, sondern es auch automatisch zum nächsten Flughafen bringt. Ganz allgemein würde man schlicht gerne ein System haben, das Crew und Passagiere vor allen möglichen Angriffen schütze, Gefährdungen verhindert, die von der Ladung ausgehen, aber auch solche, die von außen kommen.

Das klingt alles eher nach Science Fiction für ein mit 36 Millionen Euro ausgestattetes Projekt. Man stellt sich viele, bereits existierende Komponenten vor, aus denen ein solches umfassendes Sicherheitssystem zusammengesetzt sein könnte. Natürlich gehören dazu RFID-Chips für Passagiere und Gepäck, um automatisch kontrollieren zu können, ob sich alles an Bord befindet. Mit Überwachungskameras mit biometrischer Gesichtserkennung beim Einchecken und beim Einsteigen ins Flugzeug ließen sich die Kontrollen absichern, die ergänzt würden mit Systemen, die vor dem Einstieg kleinste Spuren von Sprengstoffen erkennen können (aber bislang nicht wirklich gut funktionieren).

Im Flugzeug selbst wäre man natürlich in einem idealen, weil geschlossenen Überwachungsraum, in dem mit zahlreichen Kameras und Mikrofonen alles mit dem Onboard Threat Detection System erfasst und von einem Threat Assessment and Response Management System automatisch nach verdächtigen Zeichen ausgewertet könnte. Die Piloten würden von diesem System gewarnt werden, zudem ließe sich mit biometrischer Identifizierung erkennen, ob die Piloten das Flugzeug steuern. Natürlich würden sich diese in einem gesicherten Cockpit, das zusätzlich zum Öffnen mit einem biometrischen System und einer Kamera vor der Türe ausgestattet ist, um zu erkennen, wenn diese gewaltsam geöffnet werden soll. Dazu sind eben auch Flugsicherungssysteme vorgesehen, die automatisch oder über Fernsteuerung funktionieren. Man sieht auch schon vorher, dass solche Festungsflugzeuge ungeheure Datenmengen produzieren werden, wozu neue Verarbeitungsprogramme notwendig seien.

”SAFEE is a large integrated project designed to restore full confidence in the air transport industry. The overall vision for SAFEE is the construction of an advanced aircraft security system designed to operate during on-board terrorist threat scenarios, which can be detected using advanced audio and video surveillance techniques.” Bild: Computational Vision Group, Reading University

Zum Projekt gehört der Aufbau einer Datenbank mit Verhaltensweisen, die verdächtig sind. Das könnte freilich zahlreiche falsche Alarme auslösen, weswegen man die automatische Erkennung auch an die Gefährdungslage anpassen könne. Wenn Hinweise auf Terrorgefahr vorliegen, würde es feiner eingestellt – und dann womöglich noch zu mehr Panik beitragen, zumal wenn die Menschen eh schon nervös sind. Man will aber auch rechtliche Fragen etwa nach dem Datenschutz abklären. Eine Frage ist wohl auch, ob es allen Passagieren gefallen wird, wenn sie über Stunden beobachtet und belauscht werden, selbst auf der Toilette, und wenn sie wissen, dass jede ihrer Bewegungen und Äußerungen danach überprüft werden, ob sie nicht verdächtig sind.

Das von SAFEE anvisierte „volle Vertrauen“ kann auch schnell in Misstrauen umkippen. Kommt es des öfteren zu einem falschen Alarm, der aber mitunter bedeutet, dass ein Passagier an Bord überprüft und bloßgestellt, vielleicht auch festgenommen und am Flughafen einem Verhör unterzogen wird, möglicherweise auch weiterhin als Verdächtiger gilt, auch wenn ihm nichts nachgewiesen werden kann, dann könnten manche sich überlegen, ob sie in eine Maschine einer Fluggesellschaft steigen, die solche Schutzsysteme besitzt. Und ganz allgemein mag dies, sollten diese Präventions- und Sicherheitssysteme tatsächlich zufrieden stellend funktionieren, dem Schutz von Flugzeugen diesen, was mögliche Missetäter dann eben auch andere, weichere Ziele ausweichen lässt. Möglichkeiten, Anschläge auf größere Menschenmengen durchzuführen, gibt es bekanntlich nicht nur im Flugzeug. (Florian Rötzer)

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