Das Gehirn unter Strom wird moralisch

Ko-Autor Roy Hamilton beim Anlegen eines Geräts zur minimalinvasiven Gehirnstimulation. Bild: Penn UNiversity

Wissenschaftler glauben, mit Gehirnstimulation die Neigung zur Gewalt reduzieren zu können und diese so zur Entlastung der Gesellschaft biologisch erklären zu können

Wie kann man den Impuls für gewalttätiges Handeln senken oder unterdrücken? Es gab vor Entwicklung der Psychopharmaka seit Ende 1930er Jahre das Versprechen, psychische Störungen, aber eben auch Gewalttäter neurochirurgisch durch Lobotomie behandeln zu können. Propagiert wurde die teilweise Zerstörung des Gewebes zwischen Thalamus und Frontallappen vor allem vom amerikanische Psychiater Walter Freeman, der selbst tausende Menschen operierte. Es war ein Heilsversprechen, das aber den derart Behandelten schweren Schaden zufügte.

Ähnlich wie bei der Elektroschockbehandlung, die etwa zur gleichen Zeit aufkam, wusste man auch gar nicht, warum und wie die Lobotomie den Menschen helfen sollte (Technologie der Unterwerfung). Erst ab Ende der 1960er Jahre ging die Zeit der Lobotomie mit den damals verwendeten Methoden zu Ende. Noch länger praktiziert wurden stereotaktische Eingriffe bei Sexualstraftäter, bei denen Teile des limbischen Systems zerstört wurden. Und auch heute noch werden mitunter solche stereotaktische Ausschaltungsoperationen, genannt Kapsulotomie, bei schweren Zwangsstörungen als letzte therapeutische Option durchgeführt.

Bekannt geworden ist eine andere Methode, die in den 1960er Jahren auch die Geheimdienste umtrieb und zu den berüchtigten Gehirnwäsche-Experimenten der CIA führte. Anthony Burgess hat in seinem 1962 erschienen Buch "Clockwork Orange", das von Stanley Kubrick 1972 verfilmt wurde, die Geschichte eines jungen Mannes, der aus Lust an der Gewalt mit seiner Gang auszog, um Menschen zusammenzuschlagen, zu berauben und Frauen zu vergewaltigen. Die Bande ließ ihn irgendwann seitzen, er wurde inhaftiert, wegen Mord zu einer langen Haftstrafe verurteilt und dann - es war die Zeit von Skinner, der die Methode propagierte und auch zum Thema einer Utopie machte - einer Konditionierung unterzogen wurde, durch die schon der Gedanke an Gewalt bei ihm zur Übelkeit führte. 1962 hat der Neurologe Jose Delgado 1963 eine spektakulären Aktion vorgeführt, wie man einen aggressiven Stier in einer Arena lammfromm machen könnte. Er hatte ihm Elektroden ins Gehirn eingepflanzt und konnte auf Knopfdruck durch Fernsteuerung den auf ihn zustürmenden Stier abbremsen.

Ganz entfernt hat man sich aber von den neurochirurgischen Ideen auch heute nicht. Derzeit wird die Tiefenhirnstimulation für alle möglichen psychischen Störungen und Erkrankungen angepriesen. Jetzt glauben Wissenschaftler, mit der Stimulation eines Gehirnareals Gewaltimpulse unterdrücken zu können. Und das soll auch gleich, ähnlich wie die Konditionierung in Clockwork Orange die Wahrnehmung verstärken, dass Gewalt moralisch falsch ist, was letztlich auch bedeuten würde, dass in diesem Fall "Moral" eine neurobiologisch lokalisierte Funktion der Hemmung wäre.

Für ihre Untersuchung, deren Ergebnisse sie in der Zeitschrift Neuroscience veröffentlichten, führten die Neurowissenschaftler mit 81 gesunden und erwachsenen Versuchspersonen einen Doppelblindversuch durch. Die Versuchspersonen wurden zufällig einer von zwei Gruppen zugeordnet. Bei einer Gruppe wurde 20 Minuten lang der präfrontale Kortex, genauer der dorso-laterale präfrontale Kortex, mit der transkraniellen Gleichstromstimulation (tDCS) stimuliert, bei der zweiten, der Placebo-Gruppe, erhielten sie nur für 30 Sekunden eine schwache Stimulation. Weder die Versuchspersonen noch die Durchführenden wussten, um welche Gruppe es sich handelt. Der dorso-laterale präfrontale Kortex soll eine nachgewiesene Rolle für antisoziales Verhalten bzw. für Impulskontrolle spielen.

Nach der Stimulation wurden die Versuchspersonen mit Beschreibungen von zwei Szenarien körperlicher oder sexueller Gewalt konfrontiert. Sie sollten dann auf einer Skala von 0-10 angeben, ob sie ähnlich wie der Protagonist in dem Szenario handeln und wie sie aggressive Handlungen moralisch einstufen würden. Die Teilnehmer der Stimulationsgruppe gaben an, dass sie im Vergleich zur Kontrollgruppe um 47 Prozent weniger körperliche und um 70 Prozent weniger sexuelle Gewalt anwenden würden. Zu 31 Prozent wäre die moralische Verurteilung von Gewalt an der geringeren Bereitschaft beteiligt.

Die Wissenschaftler sehen damit die These bestätigt, dass eine höhere Aktivität des dorso-lateralen präfrontalen Kortex die Bereitschaft senken kann, aggressiv zu handeln, und die moralische Kontrolle erhöhen kann. Natürlich schlagen sie vor, dass sich daraus künftige Anwendungen für Gewalt- und Straftäter ergeben könnten. Schließlich hätten sie nur 20 Minuten das Gehirnareal stimuliert, wenn man das bei Gewalttätern regelmäßig wiederhole, könne dies dazu führen, dass die Bereitschaft zur Gewalt dauerhaft sinkt. Ob das dann lebenslang oder nur eine bestimmte Zeit gemacht werden müsste, bleibt natürlich ebenso offen wie die Frage, ob das nur das Ergebnis eines fiktiven Szenarios ist oder ob die Menschen bei einem realen Ereignis ebenso weniger Gewalt geneigt wären.

Wichtig scheint den Neurowissenschaftlern zu sein, mit ihrem Experiment einen Beleg für eine biologische Fundierung der Gewalt gefunden zu haben, was zur Folge hätte, diese nicht sozial erklären zu müssen, sondern sie eben biologisch behandeln zu können. Das hätte die Konsequenz, dass gesellschaftliche Verhältnisse gar nicht hinterfragt werden müssten, man muss nur die Gehirne regelmäßig oder dauernd an der richtigen Stelle stimulieren und alles wird gut. Natürlich schlagen die Autoren auch noch begleitende Psychotherapie vor, da ja nur "die Hälfte der Varianz von Gewalt" biologisch erklärt werden könne.

Angespriesen und verteidigt wird der Ansatz so von Ko-Autor Adrian Raine: "Wir versuchen, gutartige biologische Eingriffe zu finden, die die Gesellschaft akzeptiert. Die transkraniellen Gleichstromstimulation hat ein minimales Risiko. Sie ist keine frontale Lobotomie. Wir sagen ganz im Gegenteil, dass der vordere Teil des Gehirns besser mit dem Rest des Gehirns verbunden sein muss." (Florian Rötzer)

Anzeige