Das Gesicht der Bundesrepublik

Ein charakterfestes System, eine Geschichte, ein Märchen - aber menschenleer.

In den 1970er Jahren prägte die Neue Heimat allmählich eine gewisse Hybris. So wollte man etwa neben der bestehenden Zentrale in Hamburg-Hohenfelde eine weitere errichten, wozu freilich eine Vielzahl eigener Wohngebäude hätten abgerissen werden müssen. Doch die Mieter kämpften verbissen dagegen an; sie wollten ihr citynahes Habitat erhalten. Mit Erfolg, nachdem die Lokalpresse es groß zum Thema machte. Retrospektiv darf man dies als Menetekel werten: Ein Unternehmen, dass sich als Teil der Arbeiterbewegung versteht, agiert gegen seine Klientel - und unterliegt.

So ambitioniert wie ambivalent war auch der Auftritt der einflussreichen Zeitschrift Neue Heimat Monatshefte. Gegründet wurde sie von Ernst May, der nach seiner Rückkehr aus dem Exil zwar die Position des Oberbaudirektors in Hamburg ausschlug, das Angebot, die Planungsabteilung der Neuen Heimat zu leiten, jedoch annahm. Im Rückgriff auf seinen publizistischen Erfolg in den 1920 Jahren mit Das Neue Frankfurt verband er damit grundsätzliche Ambitionen, fühlte sich aber alsbald kujoniert vom Vorstandschef Heinrich Plett und warf nach zwei Jahren das Handtuch - woraufhin das Periodikum im Sinne des Konzerns durchprogrammiert wurde.

Dem Zeitgeist entsprechend, werden neue Wohnanlagen mit Ziffern beschrieben und soziologisch begründet. Alsbald schien darin nicht nur die visuelle, sondern auch die verbale Stadt vollkommen geordnet. Ein charakterfestes System, eine Geschichte, ein Märchen - aber menschenleer. Das ausgeklügelte und bis ins kleinste Detail durchdachte System schafft eine vorbestimmte Welt, in der jeder individuelle Beitrag zu dieser Stadt überflüssig wird. Über Architektur und Gestaltung verliert man besser kein Wort. Was sich freilich, nach einer gründlichen Umgestaltung und neuer Namensgebung zu "Stadt" Anfang der 80er Jahre, änderte.

Uniklinik der RWTH Aachen. Bild: qwesy qwesy / CC-BY-3.0

Mit der dokumenta urbana in Kassel machte man zwar implizit die Baukultur (wieder) zum Thema; ließ sich sogar auf Experimente ein (u.a. mit Hertzberger, Hilmer & Sattler, Baufrösche). Zugleich aber stellte man durch die Gründung von kommerziellen, nicht gemeinnützigen Tochtergesellschaften - die dann etwa das ICC in Berlin oder die Aachener Uniklinik bauten - die Weichen in Richtung Untergang.

Verglichen mit anderen großen, deutschen Wohnungsunternehmen war die gewerkschaftseigene Neue Heimat eine schillernde Erscheinung. Sie wagte sich auf viele fremde Terrains vor und überschätzte dabei die eigenen Möglichkeiten. Doch vor dem Hintergrund der aktuellen Wohnungskrise und Diskussionen über den Neubaubedarf in vielen Großstädten scheint der Zeitpunkt gekommen, um mit anderen Augen auf die Neue Heimat zu schauen, zumal es den Kommunen heute an einem vergleichbaren Instrument fehlt, wie es die Neue Heimat seinerzeit darstellte. Wenn Carlo Levi Recht hat mit seinem Satz: "Erfahrungen sind Maßarbeit. Sie passen nur dem, der sie macht", dann müssen wir uns Stadtplanung und Wohnungsbau aufs Neue aneignen.

Ullrich Schwarz (Hg.)
neue heimat
Das Gesicht der Bundesrepublik.
Bauten und Projekte 1947 - 1985

Schriftenreihe des Hamburgischen Architekturarchivs, Bd. 38
Dölling und Galitz Verlag, München und Hamburg, Februar 2019
808 Seiten, 960 historische und Farbabbildungen
Hardcover mit Fadenheftung und 2 Lesebändchen, Format 23 x 28 cm, 79.00 €
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Michael Mönninger
"Neu Heime als Grundzellen eines gesunden Staates"
Städte- und Wohnungsbau der Nachkriegsmoderne
Die Konzernzeitschrift Neue Heimat Monatshefte 1954-1981

Dom publishers, Berlin 2018
480 S., zahlreiche Abb., 49,- €
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Ausstellung
Die Neue Heimat (1950-1982)
Eine sozialdemokratische Utopie und ihre Bauten

Museum für Hamburgische Geschichte (Holstenwall 24, 20355 Hamburg)
27. Juni bis 6. Oktober 2019

Katalog
Die Neue Heimat (1950-1982)
Eine sozialdemokratische Utopie und ihre Bauten

Hrsg. von Andreas Lepik u. Hilde Strobl
Edition DETAIL, München 2019
236 Seiten mit 235 Abbildungen, Format 20 x 26,5 cm, Hardcover, 29,90 €
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(Robert Kaltenbrunner)