Das Gift des Konformismus

Club der toten Nazis: In "Die Welle" gelingt Dennis Gansel ein Stück unbequemer Publikumserziehung

Der Roman "Die Welle" von Morton Rhue zeigt die Gefahren des Konformismus, wenn er in eine autoritäre Gemeinschaftsideologie mündet. Der deutsche Film zur wahren Geschichte ist von Constantin-Film produziert und von Dennis Gansel gedreht, im Anschluss an "Napola", seinem Internatsmovie vor dem Hintergrund des Nationalsozialismus. Allerdings reicht die Wirklichkeit den deutschen Machern nicht. Der Ruhm und die Aura der "wahren Geschichte" - "Was ist Wahrheit?" fragte schon Pilatus ganz zurecht - genügen anscheinend nicht. Um den Film zielgruppengerecht aufzupeppen, muss dann am Ende noch Blut fließen und der Lehrer in Handschellen abgeführt werden.

Alle Bilder: Constantin

Projektwoche an einer deutschen Schule, irgendwo in einer normalen mittelgroßen, namenslosen Stadt in mittelständischen Verhältnissen. Das Thema: "Staatsformen". Ein Lehrer, engagierter als der Rest, jung und ehrgeizig, und ob seiner ungewöhnlichen Art überaus beliebt, soll "Autokratie" anbieten. Schnell kommt die Diskussion auf die Frage, ob eine NS-Diktatur heute noch möglich sei - und weil die Schüler dies einhellig bestreiten, zugleich auf das Thema mit Ignoranz und Langeweile reagieren, entschließt sich der dynamische Lehrer Rainer Wenger (Jürgen Vogel) spontan zu einem Simulationsexperiment: Durch "learning by doing" sollen die Schüler faschistische Verhaltensformen kennenlernen und die Gefahren der Verführbarkeit.

Die Mittel: Disziplin, Konzentration und Gemeinschaft. "Macht durch Gemeinschaft": Weiße Hemden und dunkle Hosen als "Uniform" sollen die Gruppe zusammenschweißen. Man bewegt sich im Gleichschritt: links, rechts, links, rechts. Man nennt sich "Die Welle", erfindet einen Welle-Gruß, sprayt Welle-Logos in der ganzen Umgebung und bastelt eine Homepage und einen Auftritt bei MySpace. "Macht durch Disziplin": Die Schüler dürfen den Lehrer nicht mehr wie gewohnt duzen, sondern müssen ihn mit "Herr Wenger" ansprechen und bitteschön aufstehen, wenn sie etwas sagen möchten.

Das Experiment gelingt erschreckend gut. Durch diese wenige Veränderungen des Verhaltens hat sich Wengers Klasse binnen einer knappen Woche in einen männerbündischen, latent gewalttätigen und autoritären Kader verwandelt, der Bürgerrechte und Toleranz einem repressiven Klima aus gegenseitiger Überwachung und sozialer Kontrolle opfert und seine Mitglieder gleichschaltet - moderner Faschismus.

Wer bei alldem doch nicht mitmacht, wird gnadenlos ausgegrenzt. Kaum traut sich Karo mit roter Bluse in die Klasse zu kommen, kriselt es in ihrer Beziehung. Ein wenig Schwarzweiß, bzw. Rotweiß ist das schon. Aber die Message ist klar: Dem allgemeinen Individualisierungstrend gegenüber muss man auch eine Neigung zur Gruppe stellen. Wir-Gefühl und Gehorsam mögen schön sein und vermisste Nestwärme bieten - in ihrem innersten Kern lauert der Faschismus.

Auch sonst arbeitet das Script mit vielen Stereotypen wie dem nerdigen Outsider, der dann am Ende auch zum gefährlichen Amokläufer wird, und dem gutaussehenden Sportler. Und ist es wirklich Zufall, dass es ein Mädchen "aus gutem Haus" ist, mit "intakter" Familie und hübsch, die als einzige Zivilcourage entwickelt? Die neue bundesrepublikanische Elitentheorie (vor Zumwinkel!) lässt grüßen.

Ebenso ist es keineswegs Zufall, sondern mindestens Klischee, vielleicht sogar böse Absicht, wenn der Lehrer, der das unglückliche Experiment mit bösen Folgen startet, vorgestellt wird als einer, der sein Abitur erst auf dem zweiten Bildungsweg gemacht hat, vor allem aber als Spät-68er, einer der einst Hausbesetzer war und lieber einen Kurs über "Anarchie" (eine Staatsform?) geben würde. Da sieht man's mal wieder, soll der Zuschauer fühlen und vielleicht auch denken. So reiht sich der Film ein ins derzeit beliebte 68er-Bashing,

"Kann es heute noch Faschismus geben?" Das ist sozusagen die "offizielle Frage" des neuen Films von Dennis Gansel, ausgehend von dem weltberühmten Experiment von Ron Jones an der Cubberley Highschool im kalifornischen Palo Alto aus dem Jahr 1967, das zu dem Jugendbuch "Die Welle" verarbeitet wurde - also keinesfalls pure Fiktion und mittlerweile längst Teil des Lektürekanon im Deutschunterricht. Der Initiator des Experiments, Ron Jones, ist sich sicher:

Das Experiment funktioniert heute immer noch, an jeder Schule! Es funktioniert, weil die meisten von uns einsam sind.

Die versteckte, eigentlich noch interessantere Frage lautet aber anders: "Was ist überhaupt Faschismus?" Disziplin, Effizienz, Feier der Gemeinschaft, Stolz auf die eigene Gruppe, Uniformierung, sozialer Druck auf Andersdenkende und -handelnde, unter Umständen Ausgrenzung und Diffamierung - wenn das zusammengenommen schon Faschismus sein soll, dann gibt es tatsächlich viele faschistische Elemente auch in unserer Gesellschaft.

Das Faschismus-Verständnis, das dem Film zugrunde liegt, ist allzu schlicht. Er beraubt ihn aller Inhalte, entkernt ihn und löst ihn von seiner Substanz: dem Massenmord. Insofern muss man Gansels Film Verharmlosung vorwerfen. Nicht weniger schwer wiegt die Behauptung des Films, Jugendliche sehnten sich nach Gleichschaltung und anti-individualistischer Identifikation, und es gäbe "heute nichts, wofür es sich zu engagieren lohnte". Das ist ein Klischee, eine unbewiesene Behauptung. Es übersieht die faktische Trägheit vieler Menschen, die Verantwortung des Einzelnen.

Es gehört zur neuen bundesrepublikanischen Faschismus-Rhetorik auf die Frage "Was wärest Du gewesen, was hättest Du unter den Nazis gemacht?" nicht mehr zu antworten: "Ich wäre Widerständler geworden." Das ist uncool, viel zu politisch korrekt. Besser schon der Tabubruch: "Ich hätte Nazi werden können."

Sofort erschrecktes Aufgucken, und die heiß ersehnte Aufmerksamkeit für den Sprecher: Toll! Wie viel Mut der hat. Aber das geht nur privat. Wenn Kurz Beck sich heute als potentieller SA-Schläger, Guido Westerwelle sich als möglicher SS-Obergruppenführer oder Rupert Polenz sich als eventueller Reichspropagandaminister outen würden, würde das politisch noch nicht wirklich als Ausweis von Ehrlichkeit und Selbsterkenntnis geschätzt. Da passt die Pose des grübelnden Skeptikers viel besser, der sich bewusst ist, dass auch der Mensch "aus krummen Holz geschnitzt" (Immanuel Kant, Helmut Schmidt) ist. Oder, mit Hauptdarsteller Jürgen Vogel gesprochen:

Ich sage es mal so: Man muss immer berücksichtigen, in welcher sozialen Struktur man gerade lebt und wie desillusionierend die Zukunft ist, die vor einem steht. Wenn ich kurz nach der Wende in Hoyerswerda gelebt hätte, als dort ringsherum alles zusammengebrochen ist, ich weiß nicht, ob ich da als Jugendlicher nicht auch 'ne Glatze geworden wäre.

"Wie soll man ohne Nähe den Dingen auf den Grund gehen?", fragt nun der "Filmdienst", ausgerechnet so ziemlich der einzige Ort, wo der Film verteidigt wird. Das ist aber gar nicht der Punkt. Man darf der Nähe nur nicht erliegen, sollte sie irgendwann konterkarieren. Dass der Film genau das nicht tut, ist ihm vorzuwerfen.

Auf versteckte Weise fällt er selbst auf sein Thema herein. Auf der ästhetischen Ebene will er manipulieren, obwohl er doch inhaltlich die Manipulierbarkeit der Menschen angreifen möchte. Er freut sich an der Schwäche der Menschen, stellt Mitläufer ins Zentrum und macht Mitläufertum verständlich, indem er dafür immer neue Entschuldigungen findet. Der Lust am Aufgehen in der Gemeinschaft stellt Gansel allerdings keine Lust an der Freiheit, am Widerstand entgegen.

Mitläufertum – ganz normal? Das muss zum einen nicht stimmen. Aber darüber kann man natürlich streiten. Was der Film aber in jedem Fall wieder einmal belegt, ist, dass es so etwas wie eine neutrale Position nicht gibt. Der Film bebildert also nicht nur das bekannte Experiment, er belegt auch das, was er angeblich voraussetzt: Wir alle können Mitläufer werden. Konformistisch sind nicht nur die Bilder, sondern auch der Rest ist so: Die Wahl der Schauspieler, die Wahl eines Ortes, der ortlos ist. Er hat keinen Namen, ist völlig aus Zusammenhängen gelöst. Es soll überall sein, klar, das war die Idee. Aber sie macht den Film blutleer und unkonkret.

Das Einzige, was wirklich für den Film einnimmt, ist, dass ihm jetzt alle vorwerfen, er sei pädagogisch. Genau gesagt: Dass sie das als Vorwurf meinen. Das ist der Film zwar, aber das verrät nur etwas über die Mehrheits-Filmkritik, die sich als Schutzstaffel des Unterhaltungskinos versteht. Wenn sie im Fall von Gansel das nun verteidigen, indem sie der "Welle" Pädagogik vorwerfen - "das Kino nicht nur als moralische, sondern auch als pädagogische Anstalt" lesen wir -, dann dienen sie einer Industrie, die noch solchen Filmen wie "Die Welle" den letzten Funken Relevanz gern austreiben würde. Und bekommen politisches Engagement kostenlos dazu.

"Die Welle" will das Gift des Konformismus anklagen. Das glauben wir Gansel. Leider nur hat er sich überaus konformistischer Mittel bedient. So kann's nix werden. (Rüdiger Suchsland)

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