Das Golfkriegssyndrom wird teuer

Amerika will mögliche Entschädigung überdenken

Viele der Veteranen, die Anfang der 90er Jahre auf alliierter Seite kämpften, um die irakischen Truppen aus Kuwait zu vertreiben, leiden an verschiedenen Krankheitssymptomen, die als Golfkriegssyndrom bezeichnet werden. Bislang weigerten sich die Regierungen der beteiligten Staaten, diese Erkrankung als direkte Folge von Vergiftungen während des Einsatzes anzuerkennen. Die USA überdenken diese Haltung gerade. Die Folge könnten umfassende Rentenansprüche der geschädigten Soldaten sein.

Kürzlich berichtete die New York Times über einen neuen Bericht zum Golfkriegssyndrom, jetzt nimmt sich das Wissenschaftsblatt New Scientist in seiner aktuellen Ausgabe des Themas an.

Desert Storm (Bild: III. Marine Expeditionary Force)

Von Januar bis Juni 1991 fand die Aktion Wüstensturm (Desert Storm) gegen den Irak und zur Befreiung Kuwaits statt, die als erster oder zweiter Golfkrieg in die Geschichte eingegangen ist (vgl. Am Anfang stand die Lüge). Ursprünglich wurde der langjährige Krieg zwischen dem Iran und dem Irak als Golfkrieg bezeichnet. In diesem Krieg in den 80er Jahren unterstützt der Westen Saddam Hussein und versorgte ihn auch mit Material für die Herstellung chemischer und biologischer Waffen (Das schmutzige Geschäft der Politik).

Diese Politik rächte sich später bitter. Der Diktator setzte Giftgas gegen seine eigene Bevölkerung ein und möglicherweise kamen während des zweiten Golfkriegs auch alliierte Soldaten mit C-Waffen in Berührung. Das US-Verteidigungsministerium berichtete zwar 1994 gegenüber einer Untersuchungskommission des US-Senats, dass sich alle 14.000 Alarmsituationen wegen chemischer Waffen während des Krieges als Fehlalarme erwiesen hätten, aber die UN-Waffeninspektoren fanden später heraus, dass verschiedene Waffenschmieden des Iraks, die auch chemische Kampfstoffe produzierten, durch die Luftangriffe der Alliierten beschädigt oder sogar zerstört wurden. Das gilt vor allem für das Munitionslager in Khamisiyah, in dem nachweislich auch Giftgas lagerte und aus dem nach der Bombardierung ein gigantischer Giftpilz in den Himmel stieg. Bis zu 10.000 alliierte Soldaten könnten allein dort nach Schätzungen von Experten mit chemischen Kampfstoffen in Berührung gekommen sein.

In Tierexperimenten hat sich gezeigt, dass selbst geringe Dosen von Nervengiften wie Sarin bei Tieren, die ihnen mehrfach ausgesetzt waren, beträchtliche Hirn- und Nervenschädigungen verursachten.

Beschwerden nach dem Krieg

Während der Operation Desert Storm starben auf alliierter Seite weniger als 200 Soldaten (vgl. The Gulf War Veterans Memorial on the Web). Aber kaum waren die Soldaten wieder zu Hause, begannen sich diverse Beschwerden zu zeigen, diffuse Krankheitsbilder erschienen. Fast 160.000 Militärangehörige berichteten über Konzentrationsstörungen, Leistungsabfall, Durchfall, Hautausschläge, Muskel-, Gelenk- und Kopfschmerzen, plötzliche Schweißausbrüche, Erschöpfungszustände, Schwindel, Ohnmachtsanfälle, Schlaflosigkeit und extremen Stimmungsschwankungen. Es gab sogar Fälle alzheimerähnlicher Erkrankungen, bei denen das Gehirn schwammartige Veränderungen aufwies.

Fälle mit diesen Symptomen wurden aus den am Krieg beteiligten Staaten USA, England, Kanada und Frankreich berichtet. Allerdings zeigt ja schon die Aufzählung der Beschwerden, dass eine Vielzahl von Erkrankungen sie verursachen kann. Die eingesetzten Untersuchungskommissionen und das Militär wiegelten ab, das Golfkriegssyndrom wurde als eine psychologische Stressreaktion gedeutet, eine Form von posttraumatischer Belastungsstörung.

Lebhaft diskutiert wurde in diesem Zusammenhang über das Medikament Pyridostigmin, das 400.000 Angehörigen der Streitkräfte vor ihrem Einsatz am persischen Golf verabreicht wurde, weil es bei Nervengas-Angriffen die Überlebenschancen verbessern soll. Bisher gibt es keinen Nachweis, dass der Wirkstoff eine solche Vielzahl von Krankheitssymptomen hervorrufen kann, aber in jedem Fall dienten die Soldaten als Probanden (Die Uniform wird zur Aderpresse, der Soldat zum Versuchskaninchen). Unter Verdacht, der Verursacher des Golfkriegssyndroms zu sein, geriet auch die mit Uran abgereicherte Munition (Krebstest für Irak-Soldaten).

Neue Berichte

Schnell kam bei den Betroffenen der Verdacht auf, Militär und Regierung erkennen die Krankheit nicht als direkte Kriegsfolge an, um keine vollen Renten- oder gar Schadensersatzansprüche erfüllen zu müssen. Schließlich geht es um eine Menge Geld.

Nach dem Vietnam-Krieg klagten Veteranen wegen Gesundheitsschäden gegen die Firmen, die das dioxinhaltige Herbizid Agent Orange hergestellt hatten und einigten sich noch vor einem Prozess auf die stattliche Summe von 180 Millionen Dollar (Der Irak, die USA und die Massenvernichtungswaffen).

Irakische Soldaten mit Gasmasken (Bild: Illinois National Guard)

Jetzt liegen neue Berichte vor, die das Golfkriegssyndrom als eigene körperliche Krankheit bestätigen. In den USA erscheint kommende Woche ein Report des US-Department of Veterans Affairs' Research Advisory Committee on Gulf War Veterans' Illnesses, der schon vor seiner Veröffentlichung dafür sorgt, dass die US-Regierung ihre Haltung überdenkt. Der Bericht erklärt:

Ein substanzieller Anteil der Golfkriegveteranen leidet an einer Krankheit mit verschiedenen Symptomen, die nicht durch kriegsbedingten Stress oder psychiatrische Erkrankungen zu erklären sind.

Ungefähr 30 Prozent der Soldaten, die im Wüstensturm kämpften, leiden laut diesem Papier am Golfkriegssyndrom. Als Ursache werden klar und deutlich Nervengase wie Sarin und die entsprechenden Gegenmittel benannt, sowie Insektizide aus organischen Phosphorverbindungen, die eingesetzt wurden, um in der Wüste Sandfliegen und Moskitos von den Zelten der Soldaten fern zu halten.

Gleichzeitig läuft auch in Großbritannien eine neue Untersuchung unter Leitung von Lord Lloyd of Berwick zum Golfkriegssyndrom, die privat finanziert wurde und laufend die Protokolle ihrer Hearings veröffentlicht (Gulf War Illnesses). Dort ist nachzulesen, dass britische Soldaten potenziell dem gleichen gefährlichen Mix von kleinen Mengen Nervengas plus Insektensprays ausgesetzt waren.

Klares Krankheitsbild

Der Epidemologe Robert Haley von der University of Texas in Dallas findet es skandalös, dass die Existenz des Golfkriegssyndrom als klar definierbare Krankheit so lange verkannt und geleugnet wurde. "Was wir hätten tun sollen, wäre das gewesen, was wir bei jeder neuen Erkrankung machen: eine genaue Falldefinition erstellen," meint er und beklagt, dass die Veteranen unpassenden Schemata folgend befragt wurden, statt zuerst die berichteten Symptome systematisch zusammen zu tragen und dann in größeren Untersuchungsgruppen nach genau diesen Symptomen und den möglichen gemeinsamen Ursachen zu suchen. Mit finanzieller Unterstützung des ehemaligen Präsidentschaftskandidaten Ross Perot hat Haley genau dies getan und dabei drei Unterformen des Golfkriegssyndroms entdeckt (Research on Gulf War-Associated Neurologic Illness).

(Bild: New Scientist)

Die erste, relativ leichte Form enthält Konzentrations-, Wahrnehmungs- und Schlafstörungen; die zweite bringt Symptome wie Schwindel, Verwirrungszustände und Koordinationsstörungen mit sich; die dritte Form Benommenheit und Schmerzen. Dieses Dreistufenmodell konnte durch Han Kang vom Department of Veterans Affairs (VA) in Washington DC bestätigt werden, der in einer breit angelegten Studie 10.000 Golfkrieg-Veteranen und eine fast genauso große Vergleichsgruppe untersuchte. (Andrea Naica-Loebell)