Das Gute im Falschen

Eine "Dinner-Speech" für die Ureinwohner der unendlichen Weiten des Web 2.0, wie sie dieser Tage hätte gehalten werden können

Kennen Sie "Lieutenant Barclay"? "Lieutenant Reginald Endicott 'Broccoli' Barclay III" war in mehr als einer Weise als Charakter stilbildend für die Science Fiction Serie "Enterprise - The Next Generation". Die Folgen, in denen er eine Rolle spielte, sind häufig Paradebeispiele, warum die Fernsehserie bei ihren Fans so beliebt ist. Ob es sich dabei um das Auslösen von Genmutationen bei anderen Crew-Mitgliedern1 oder die Simulation der Wirklichkeit innerhalb einer Simulation2 handelt, die Folgen mit "Lieutenant Barclay" sind Klassiker.

Aber im Wesentlichen ist "Lieutenant Barclay" so etwas wie die Versicherung an alle Nerds, dass es ihre Gattung auch in ferner Zukunft geben wird. Der Technikoffizier ist so etwas wie ihr Prototyp: Er hat einen brillanten Verstand, ist gehemmt und soziophobisch, neigt zum Stottern und lebt sich in der virtuellen Realität aus.

Zentral wird die Figur in der Folge Die Reise ins Ungewisse: Das Raumschiff ist wieder einmal unbekannten Gefahren ausgesetzt und "Lieutenant Barclay" rettet die Enterprise, in dem er sich mit dem Zentralrechner verbindet und seine höhere Gehirnfunktionen über neuronale Schnittstellen in den Bordcomputer auslagert. Eine Trennung ist nicht möglich: Seine Identität ist nun unauflösbar mit dem Rechner und seinen schiffsweiten Netzwerk verwoben.

Mario R.

Hier verbindet sich die Figur des "Lieutenant Barclay" mit "Mario R.". "Mario R." ist auch ein literatische Figur bzw. wurde sein Name von der Redaktion des c’t magazins aus dem Heise-Verlag erfunden. Ob er auch ein Nerd ist, wissen wir nicht. Seine Person ist aber auf jeden Fall genauso stilbildend für die erste Generation der Web-2.0-Nutzer wie die des Lieutenant für die Sci-Fi-Serie.

Die reale Person, die in "Mario R." umgetauft wurde, hat eine leitende Position in einem Internet-Unternehmen und hatte sich ursprünglich für ein interessantes Recherche-Experiment zur Verfügung stellen wollen. Die Redakteure Marcus Lindemann und Jan Schneider wollten alle frei und öffentlich im Netz verfügbaren Informationen über "Mario R." sammeln und daraus ein möglichst ausführliches Profil stricken.3 Dieses war am Ende so umfassend und persönlich, dass der Protagonist die Veröffentlichung untersagte. Dabei wurde nur zusammengetragen, was sich verstreut in den verschiedenen Ecken des Netzes mit ganz einfacher Suche und logischer Kombinatorik finden ließ. Kein Hexenwerk, kein CIA-Meisterstück, sondern eher eine Fleißaufgabe.

Dass man sich bereits aus den öffentlichen Wunschlisten bei Amazon seine eigene Rasterfahndung basteln kann, hat Tom Owad schon 2006 gezeigt.4Wie viel weiter müsste es gehen, wenn einem das ganze Internet zur Verfügung steht? "Mario R." ging es dann schon recht bald zu weit: Hochzeitsbilder, Fotos und Daten der Kinder, Adresse und Aufenthaltsorte, die Identität der Gattin bzw. des Bruders - das ganze Leben lag digital ausgebreitet vor den Redakteuren. Dabei ist "Mario R." als Online-Fachmann noch verhältnismäßig vorsichtig. Um so größer sein Schock angesichts der Transparenz.

Unbedarftere tanzen vermutlich metaphorisch oder auch real nackt durchs Leben und durchs Netz. Oder wie es an andere Stelle im Internet heißt: "Blogs und Twitter - die Nacktscanner des Web 2.0" - aber leider geht es hinter der tiefgründigen Überschrift nur recht seicht weiter.

Die Datenschützer und Web-Skeptiker mögen sich nun bestätigt sehen und wir können ihre Unkenrufe nur zu deutlich hören: "Haben wir es nicht gleich gesagt?" fragen sie mit einem allwissenden, sanften Lächeln auf den Lippen: "Man darf dem Netz nichts verraten, denn es behält es für immer! Euer Innerstes wird nach Außen gekehrt und ihr verliert die Kontrolle über eure Daten und euer Leben!"

"Dann nehmen wir uns eben andere Daten und ein anderes Leben - scheint ja alles frei verfügbar zu sein", möchte man da fast schon augenzwinkernd zurückrufen, aber wie alles im Leben sind auch hier die Mechanismen und Abhängigkeiten nicht ganz so eindimensional. Die korrekte Antwort lautet eigentlich:

Meine lieben Pharisäer, ich rufe euch zu: Ohne Männer - und Frauen - wie 'Mario R.', die sich mit offenem Visier und nackter Brust ins virtuelle Getümmel gestürzt haben, gäbe es so etwas wie das Web 2.0 gar nicht.

Nicht ganz ein Teufelskreis, aber schon auf dem halben Weg sich zu schließen.

Auf den öffentlichen Privatleben der Generation 1.0 basiert die Erfolgsgeschichte des Web 2.0

Denn was wäre, wenn alle auf die Warnungen hörten und Privates für sich behielten? Das Web 2.0 würden trockengelegt, der Lebenssaft ihm entzogen. Denn das Web 2.0 ist ein symbiotischer Parasit, der sich von Partikeln der Privatheit ernährt. Bleibt sein Futter aus, so stirbt er. Von daher braucht er Freiwillige, die ihr Leben zur Verfügung stellen, damit das Web 2.0 wachsen und gedeihen kann. Wenn Du mit Deinem Tamagochi Spaß haben willst, musst Du es eben füttern.

Daher gilt unser Dank all jenen, die den Weg in eine kommunikative Zukunft mit offenen Seiten aus dem Buch ihres Lebens gepflastert haben, über den nun die scheuen Kulturfolger vorsichtig und abgesichert ins soziale Netz huschen und vor Häme ob der Naivität der Altvorderen feixen. Die Gnade der späten Geburt hat auch hier ihre Geltung.

Es verhält sich tatsächlich so, dass Menschen scheinbar bereit sind, mehr Persönliches von sich Preis zu geben, wenn sie via Computer miteinander verbunden sind, als wenn sie einander gegenübersäßen.5 Dies reflektiert aber häufig auch nur das Offline-Verhalten der Befragten. Offensichtlich gaben bevorzugt die Personen in der Umfrage bereitwillig Auskunft, die sowieso allen - auch ungefragt - alles erzählen.6 Diese Menschen brauchen kein Web 2.0, um sich der Welt zu offenbaren. Dennoch unterscheiden die Befragten zwischen verschiedenen Benutzungssituationen7:

Während einerseits wichtige Gratifikationen der Nutzung des Web 2.0 eng mit der Preisgabe privater Informationen verbunden sind, zeichnet sich in der vorliegende Studie anderseits keineswegs ein Bild der Web 2.0 Nutzer als unreflektierte Exhibistionisten.

Die Autorin der Studie Sabine Trepte spricht daher auch von "Privatheit als Währung des Web 2.0". Diese Metapher ist in sozialen Medien zentral: Die Privatsphäre wird zum Tauschgut im Datenverkehr, ist das Zahlungsmittel zur Teilhabe an den sozialen Plattformen. Wer Geld hat, wird künftig für Diskretion bezahlen können und wer keines hat, zahlt mit seinem Leben - zwar im übertragenden Sinne aber doch recht anschaulich.

Der Tauschwert der persönlichen Daten

Alex Pentland vom MIT will daraus ein festes Prinzip machen, das er als "New Deal on Data" 2009 auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos vorstellte8: Nutzer hinterlegen ihre Daten - am besten anonym - in einer Art Online-Bank und wer diese Einlagen verzinst, darf sie nutzen. Wie jedem anderen Kleinsparer steht es den Nutzern frei, ihre Daten jederzeit wieder von dem Konto zu löschen.

Auch wer glaubt, sein Leben sei keinen Pfifferling wert - sechs Cent gibt es alle Male dafür. Am Beispiel einer Werbebriefsendung mit Gewinnspiel der Deutschen Post hat Fred Wenzel einen Wert von sechs Cent pro persönlichen Datensatz errechnet. Die Formel ist zwar ein bisschen milchmädchenhaft, denn letztendlich tauschen die Antwortenden ihre privaten Daten für die Chance auf den Gewinn eines Tankgutscheines im Wert von 50 Euro, aber sie könnte ein Anhaltspunkt für die Werthaltigkeit bzw. die Verzinsung persönlicher Daten sein. Würden wir im Sinne Pentlands deren Nutzung 100 Firmen überlassen, könnten wir mit der Gutschrift von sechs Euro rechnen. Ich weiß überhaupt nicht, ob es genügend an meinen Daten interessierte Organisationen gäbe, um finanziell reizvolle Dimensionen damit erreichen zu können.

Wer mit seinen Daten nicht handeln will, kann deren Warencharakter gänzlich auflösen: Die Aufgabe des Privateigentums an den persönlichen Daten und deren konsequente Veröffentlichung macht diese wert- und den Datenschutz arbeitslos. Ob dies jedoch die Datensammel-Kraken wie Google, Facebook und Co. beeindruckt und deren Geschäftsmodell gefährdet, ist eher fraglich. Trotzdem folgt die selbsternannte Spackeria dieser Ausgangsargumentation, ruft die "Post-Privacy"-Ära aus und wertet Vorstöße von Datenschützern zur Löschung personenbezogener Daten im Netz als "gewalttätige Versuche, die Struktur des Internets zu beeinflussen". Ob diese "fatalistische Position", die auf der Feststellung, dass Privatsphäre im Internet nicht mehr möglich sei und wir nun damit umgehen müssten, tatsächlich zu mehr als nur der Zitaten- und Stichwortgeberrolle reicht wird sich zeigen müssen - zumindest wird im Netz darüber engagiert diskutiert und dabei eine Fülle großer philosophischer Namen zu Felde geführt, ohne dass sich eine Entwicklung abzeichnet.

An manchen Stellen klingt diese ganze Diskussion ein bisschen nach jugendlichem Sturm und Drang in der Philosophie AG des Kleinstadt-Gymnasiums. Wenn es beim "alltäglichen Web 2.0-Narzissmus" jedoch nicht um Eitelkeiten, sondern um Grundrechte geht, kommt noch eine weitere Dimension ins Spiel, deren Kernfrage darin gipfelt, ob sich Bürger überhaupt ihrer Grundrechte entledigen können.

Heribert Prantl verweist auf den Fachbegriff der "Dereliktion", der die Aufgabe des Eigentums bezeichnet, das dann zur herrenlose Sache werde. Dabei geht es nicht um einen Nichtgebrauch eines Grundrechts, bei dem jedes Grundrecht auch sein Gegenteil umfasst: Wo es Redefreiheit gibt, gibt es auch das Recht, einfach mal die Klappe zu halten. Die Diskussion wird erst sensibel, wenn es um einen "Grundrechtverzicht" geht, denn es ist fraglich, ob man Grundrechte wie den Schutz der Privatsphäre einfach wie einen alten Mantel abstreifen und verrotten lassen darf. Das beginnt bei privaten Daten und endet beim Leben, wenn bei der Sterbehilfe die Option des ultimativen Grundrechtsverzichts gezogen und damit auf das Recht zu leben vollständig und unwiederbringlich verzichtet wird.

Gott sei Dank geht es bei der Datendiskussion nicht gleich um Leben und Tod. Aber kann der Staat tatsächlich für die Art und den Umfang der Ausübung von Freiheitsrechten Einzelner verantwortlich gemacht werden? Darf der Staat den Ausverkauf des eigenen Privatlebens verbieten? Oder muss er die Bürger vor ihrem eigenen Exhibitionismus schützen? Zumindest könne sich der Sicherheitsstaat nach Meinung Heribert Prantls nicht auf das "Fehlverhalten der Bürger berufen", wenn er die Daten aufsammelt, die einfach auf der Straße beziehungsweise im Web liegengelassen werden - das ist ein bisschen so, wie mit verbundenen Augen durchs Schlaraffenland laufen zu müssen. Es liegt daher auch immer an uns, unsere vermeintlichen Beobachter nicht in Versuchung zu führen.

Die Sache mit dem Waschen und dem Wunsch, nicht nass werden zu wollen

Die symbiotische Verschmelzung von Exhibitionismus und Voyeurismus, die bereits seit Start des Privatfernsehens über Hans Meiser bis Frauentausch die TV-Kultur "tiefergelegt" hat, war auch im Web 2.0 notwendig, um dessen Potenziale aufzuzeigen. Das heißt nicht, dass alle Internetnutzer diese öffentliche Form ihres Lebens wählen müssen - es gäbe auch nicht genügend Zeit, Interesse und Aufmerksamkeit um all diese Leben zu verfolgen, obwohl Facebook und Google gerade dies versuchen und ganze Rechnerparks private Informationen fressen und verdauen lassen. Ob hier die digitalen Resultate wertvoller als ihr biologisches Äquivalent sind, wird sich zeigen müssen. Der Finanzmarkt vermutet dies, aber der Finanzmarkt hat sich in jüngerer Zeit und gerade beim Internet schon häufiger geirrt.

Man kann jedoch nicht Spaß im Web 2.0 haben wollen und gleichzeitig vollen Datenschutz fordern. Wer nichts gibt, kann nicht erwarten, etwas zu bekommen. Hier muss jeder die für ihn akzeptablen Grenzen selber ziehen und entscheiden, wie viel Privates er mit der Welt teilen möchte - der Staat kann dies nicht entscheiden, privatwirtschaftliche Unternehmen sollten dies nicht entscheiden. Es sollte auch ein Freiheitsrecht zu sein, die Schnittstellen und Schnittmengen zwischen Privatem und Öffentlichen selber festlegen zu dürfen.

Deswegen sollten wir nicht zu streng zu denen sein, die vielleicht aus heutiger Sicht zu nachlässig waren. Von ihren Erfahrungen können wir nur lernen. Wir sollten ihren Verdienst würdigen und nicht belächeln, auch wenn ihre Art und Weise kein Muster für uns wäre. Ich erhebe daher mein Glas auf "Lieutenant Barclay", "Mario R." und alle anderen da draußen, die sich aufgemacht haben die fernen Universen in den unendlichen Weiten des Web 2.0 zu besiedeln, die aus toten Plattformen belebte Planeten gemacht haben und die bereit waren, ihre Leben auszuverkaufen, ohne Gewinn zu machen. Euch rufe ich den traditionellen Gruss der Vulkanier zu: "Live long and prosper … and public!" (Stefan Balázs)