Das Hirngespinst des Gedankenlesens

Bild: John Graner/Walter Reed National Military Medical Center/public domain

Von den Irrwegen der Korrelationsforschung mit funktioneller Magnetresonanztomografie

Von beobachteten körperlichen Merkmalen auf innere (gedankliche) Zustände von Personen zu schließen, ist alltägliche soziale Erfahrung. Demonstrativ verschränkte Arme können etwa Abwehr- oder Erwartungshaltung, Stirnrunzeln des Gegenübers etwa Unverständnis, Irritation anzeigen.

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Der wissenschaftliche Hype um die informative Verknüpfung von indirekt beobachteten körperlichen (hier: neuronalen) Zuständen mit der Gedankenwelt von Probanden erstaunt insofern. Sollte es in Zukunft tatsächlich möglich werden mittels funktioneller Magnetresonanztomografie (fMRT), kombiniert mit computerunterstützten Methoden der Mustererkennung, Gedanken zu lesen? Können die vom fMRT erzeugten Muster den gedanklichen Fluss von Personen tatsächlich differenzierter "wiedergeben", als etwa Zornesfalten die Gedanken von Wut?

Es sind nicht nur kommerzielle, also eher wissenschaftsfern orientierte Unternehmungen und Unternehmer, wie Facebook und Elon Musk, die Hoffnungen in Technologien des Gedankenlesens setzen. Auch renommierte wissenschaftliche Institutionen wie das Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften knüpfen hohe Erwartungen an dieses Forschungsgebiet.

Der dabei oft unkritische Blick auf die fMRT-Korrelationsforschung überrascht umso mehr, wird berücksichtigt, auf welcher referentiellen Ebene sowohl Alltagsbeobachtungen wie Forschung angesiedelt ist. Weder das gewöhnliche "Gedankenlesen" mit Hilfe von körperlichen Merkmalen wie etwa Gestik und Mimik, noch das "Gedankenlesen" mit einem Computertomographen als technischem Hilfsmittel erfolgt in direkter Bezugnahme auf gedankliche Prozesse. Es werden nicht auf der Ebene gedanklicher Systeme (Bewusstsein), sondern vielmehr auf die Ebene sozialer Systeme Informationen erzeugt. Unterscheidungen also, die darauf abzielen, Unterschiede in kommunikativer Hinsicht zu bewirken, aber mit Blick auf gedankliche Operationen unbestimmt bleiben, ohne informativen Wert.1

Ein lächelndes Gesicht etwa, körperlich indiziert durch hochgezogene Mundwinkel, unterscheidet sich, durch Sozialisation gelernt, von einem Gesicht, beherrscht von Zornesfalten. Die Gesichter, unterschiedliche "innere Haltungen" indizierend, bewirken einen Unterschied in sozialer Hinsicht, etwa Achtsamkeit betreffend.

Ebenso macht es einen Unterschied, wenn der bewusste Gedanke an das Heben des Fußes ein anderes Muster im fMRT (bzw. ein anderes Elektroenzephalogramm (EEG)) erzeugt als der Gedanke an das Heben der Hand. Es ist ein Unterschied, der zu einem Unterschied auf der auf der Ebene sozialer, kommunikativ operierender Systeme führen kann und beispielsweise Richtungsunterschiede eines Buchstaben anzielenden Cursors an einem Computerbildschirm bewirkt. Welche Unterscheidung in diesem Zusammenhang in gedanklicher Hinsicht abseits der hier sozial relevanten Unterscheidung (Fuß oder Hand heben) erfolgt, bleibt unbestimmt, ist ohne informativen Wert. Schließlich geht es darum, Informationen in Bezug auf soziale Systeme zu generieren, z.B. geordnete Buchstabenfolgen.

Klar ist jedenfalls, dass es stets um die Erzeugung von Unterschied ausmachenden Unterschieden in sozialer Hinsicht geht, auf - überindividuelle - Kommunikation abgezielt wird und damit gerade die je individuelle Gedankenwelt von Personen außen vor bleibt. Ob Kommunikation an einem Lächeln, am Hochziehen einer Augenbraue, einem Achsel- oder Wangenzucken, einem "tiefen" Blick oder an unterschiedlichen fMRT-Mustern anknüpft, ist deshalb gerade nicht von informativem Wert in dem Sinne, dass hier fallweise an Gedanken angeknüpft würde. Es sind vielmehr unterschiedslos Unterschiede, die offensichtlich Unterschiede in kommunikativer Hinsicht erzeugen können. In gedanklicher Hinsicht bleiben sie jedoch insofern unbestimmt, als sie ausschließlich für ein individuelles gedanklich operierendes Bewusstsein einen informativen Unterschied ausmachen können.

Der Mangel aktueller fMRT-Korrelationsforschung besteht nicht nur darin, dass hier vorschnell, ohne wissenschaftlichen Rückhalt, Indikator (fMRT-Muster) mit Indiziertem (Gedanken) gleichgesetzt wird. Gleichwohl wird davon ausgegangen, dass die gedanklichen Informationen erst durch computerunterstützte Methoden der Mustererkennung "entschlüsselt" werden müssen. Das Problem dabei ist, dass aktueller Forschung, indem sie ihren eigenen referentiellen Standpunkt nicht reflektiert, unbemerkt bleibt, dass sowohl Indikator wie Indiziertes als Konstruktion sozialer, auf der Basis von Kommunikation operierender Systeme zu verstehen ist. Es ist eine Unterscheidung, die in Bezug auf soziale Systeme für soziale Systeme (hier: das System der Wissenschaft2) einen Unterscheid macht (nicht zuletzt im Bewegen von Forschungsgeldern). Für Bewusstsein konstituierende gedankliche Operationen jedoch nur individuell einen informativen Unterschied bewirken kann. Die Privatheit von Gedanken bleibt also unberührt. Die Kehrseite von Ludwig Wittgensteins Argumentation, dass es prinzipiell keine "Privatsprachen"3 gibt, ist, dass es prinzipiell keine "öffentlichen Gedanken" geben kann.

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Im Folgenden soll daher nicht ausgelotet werden, ob die in die fMRT-Korrelationsforschung gesetzten hohen Erwartungen gerechtfertigt sind (Nein!), sondern vielmehr, welche unhinterfragten wissenschaftlichen Prämissen dazu führen, dass diese Forschung mit großen Hoffnungen verknüpft ist. Grund dafür ist im Wesentlichen das Paradigma als Prämisse, welches diese Forschung leitet.

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