Das Kalifat ist besiegt, aber nicht der Islamische Staat

SDF erklären den "territorialen Sieg" über den IS. Bild: SDF

Die syrischen Kurden haben mit der Eroberung von Baghouz Tausende von neuen IS-Kämpfern und ihren Familien in ihren Lagern, die für Verhandlungen als Faustpfand dienen

Die Kurden der SDF haben durch ihren Kampf gegen die letzten Reste des Islamischen Staats, die sich in Baghouz in einem unterirdischen Labyrinth verschanzt hatten, eine belastende, aber wertvolle Beute gemacht. Wenn man den Angaben glauben kann, haben sich dort Zehntausende von Menschen aufgehalten, die während der Angriffe und Bombardierungen über 20 Tage lang nach und nach ihr Heil in der Flucht suchten. Allerdings scheinen noch immer nicht alle IS-Kämpfer die Tunnels verlassen zu haben. Am Sonntag, einen Tag nach der Verkündigung des Endes Kalifats, tauchten Dutzende von IS-Kämpfern aus den Tunnels auf, um sich zu ergeben, in der Nacht wurde weiterhin gekämpft

Die SDF sprechen von 66.000 Flüchtlingen seit Januar, die auf Lager verteilt wurden. Vor allem sollen sie in das für 10.000 Flüchtlinge vorgesehene Lager Al-Hol gebracht worden sein, wo sich bereits über 70.000 Menschen befinden sollen, darunter viele IS-Angehörige mit ihren Familien (Syrien: 70.000 Mitglieder des IS warten auf Abholung).

Versorgt werden die Menschen vom ICRC zusammen mit dem Syrisch-Arabischen Roten Kreuz. Das Rote Kreuz liefert 9000 Mahlzeiten am Tag für die neuen Ankömmlinge, 100.000 Liter sauberes Wasser und Trinkwasser in Flaschen. Fünf mobile Medizinerteams sind vor Ort. Aber es sterben im Lager Menschen, nicht nur schwer Verwundete, sondern auch viele Frauen und Kinder, vor allem an Unternährung, Lungenentzündung oder Durchfallerkrankungen. Über 25.000 Kinder sollen im Lager sein, darunter auch viele Kinder, die ihre Eltern verloren haben. Die Ankommenden seien oft unterernährt, verwundet oder krank, der Transport ins Lager von Baghouz sei besonders für Verletzte, Schwangere und Kinder unangemessen. Im Lager fehlt es an vielem.

In den Lagern finden sich auch viele IS-Kämpfer mit ihren Familien, auch viele Kämpfer aus dem Ausland. Sie haben erst einmal den Kampf aufgegeben, aber das heißt nicht, dass alle die Ideologie hinter sich gelassen haben. Bei passender Gelegenheit würden viele vielleicht wieder zu den Waffen greifen und in den Untergrund gehen. Nicht nur die Männer, wie sich an Videos sehen ließ, sind manche Frauen und Kinder weiter Anhänger des Islamischen Staats. Noch ist vermutlich IS-Führer al-Baghdadi irgendwo untergetaucht, auch in Syrien und im Irak gibt es zahlreiche IS-Zellen, die im Untergrund agieren. Im Irak sind viele Zellen aktiv und beuten die Spannungen zwischen Schiiten und Sunniten aus. In Syrien haben die Kurden als US-Bodentruppen Gebiete erobert, die mehrheitlich von sunnitischen Arabern bewohnt sind, was schon länger zu Spannungen führt. In beiden Ländern kommt der Wiederaufbau der zerstörten Städte nicht voran, was die Unzufriedenheit verstärkt.

Für die Kurden ist es schwer, Flüchtlinge, die unter dem Zwang der IS-Besatzer gelebt haben, von solchen zu unterscheiden, die mit dem IS sympathisiert und kooperiert haben oder Mitglied der blutrünstigen Organisation waren. Ausländische Flüchtlinge sind in der Regel mit dem IS verbunden gewesen. Müssten sie vor Gericht gestellt und mit Gefängnisstrafen belegt werden? Die Kurden haben die Herkunftsländer aufgefordert, ihre IS-Anhänger wieder zurückzunehmen, die Regierungen suchen nach Möglichkeiten, dies zu vermeiden. In den syrischen Lagern sind die IS-Kämpfen und -Anhänger eine Zeitbombe. Die Frage ist, wie gut bewacht die Lager sind, die ja keine Gefängnisse, sondern zunächst Flüchtlingsunterkünfte sind, und ob sich in ihnen die nächste Radikalisierung ausbildet.

Die Kurden haben im Gegensatz zu Donald Trump nicht explizit angedroht, die ausländischen IS-Kämpfer freizulassen. Aber seit Trumps Rückzugsankündigung im Dezember ist das natürlich Thema. Im Februar wiesen die SDF darauf hin, als erst um die 800 oder 1000 IS-Kämpfer und deren Familien in Gefangenschaft waren, noch nicht die große Zahl wie jetzt, dass sie diese nicht auf Dauer gefangen halten können.

Den irakischen Behörden wurden im Februar schon einmal hunderte Kämpfer und deren Familienmitglieder übergeben - auch hier gibt es unterschiedliche Angaben - , klar ist nicht, ob dabei auch Ausländer waren und was der Irak mit den Menschen macht. Im Lager Al-Hol sollen sich etwa 20.000 Iraker befinden, die SDF wollen diese dem Irak übergeben. Allerdings ist der Irak auch bereits überlastet. Die Gefängnisse sind überfüllt, schnell wird die Todesstrafe verhängt, Geständnisse werden mitunter durch Folter erzwungen.

IS-Gefangene als Faustpfand

Obgleich wenn die IS-Kämpfer und deren Familien eine große Belastung für die SDF darstellen, sind sie ein Faustpfand gegenüber den USA, aber auch gegenüber Damaskus und Moskau. Selbst für die Türkei, die länger mit dem IS gegen die Kurden und Assad sympathisierte, mit Dschihadisten paktiert und gerade mit dem früheren al-Qaida-Ableger HTS in Idlib eine Verständigung zu erzielen sucht, dürfte die Aussicht, dass Tausende von IS-Anhängern ins Land kommen und sich dort den bestehenden Zellen anschließen, nicht erfreulich sein. Schon ist die Türkei ein Auffangbecken für IS-Kämpfer und anderen Dschihadisten.

Dass Trump nun doch einige hundert US-Truppen in Syrien belassen will, hat vermutlich auch mit den IS-Kämpfern in der Hand der Kurden zu tun. Die SDF haben in Abstimmung mit den USA mit größeren Opfern und eben Tausenden von Flüchtlingen Baghrouz eingenommen und Trump zu einer Siegesmeldung verholfen. Die Kurden jetzt fallenzulassen, wäre noch mehr als zuvor Verrat und würde dem Ansehen der USA schwer schaden. Allerdings kommt hinzu, dass die USA Rojava nicht der Türkei, aber auch nicht Russland oder Damaskus überlassen wollen, zumal immer deutlicher wird, dass die US-Truppen vermutlich den Irak - nicht aber die kurdischen Gebiete - verlassen müssen, weswegen im strategischen Interesse ein Stützpunkt in Syrien wichtiger wird.

Allerdings verhandeln die Kurden auch mit Damaskus und Moskau, um Rojava als autonome Region zu sichern. Der SDF-Kommandeur Mazlum Kobane hat nun, wie Al-Monitor berichtet, die Bedingungen für eine Versöhnung mit Damaskus erläutert. Er versicherte, die Kurden würden keine Unabhängigkeit anstreben, aber er gab zwei Bedingungen für eine Verständigung an, die von Damaskus kaum akzeptiert werden dürften. Vorstellbar ist noch, dass die autonomen Lokalverwaltungen erhalten bleiben, aber es soll auch die SDF weiter bestehen, also die Miliz oder Armee, die zuständig sein soll für die Sicherheit des Gebiets östlich des Euphrat. Letztlich wäre dann Rojava ein Staat im Staat.

Kobane erklärte die primäre Bereitschaft zu verhandeln, aber er drohte auch, dass die Kurden bis zum Tod kämpfen würden, wenn sie die genannten Bedingungen nicht erhalten. Es gebe aber keine Feindschaft mit der Regierung, daher sei eine Versöhnung möglich. Der syrische Verteidigungsminister Ali Abdallah Ayoub hatte vor wenigen Tagen ebenfalls die Bereitschaft erklärt, eine Versöhnung einzugehen, aber auch gedroht, die Region gegebenenfalls zu "befreien". Verhandlungsmasse dürfte die Macht über die jetzt von der SDF kontrollierten Gebiete südlich von Rojava sein, wo wie in Deir-ez-Zor auch Erdölquellen sind. Aber die USA werden wohl das gesamte Gebiet in ihrer Hand behalten wollen. Und dann sind da eben auch noch die IS-Gefangenen, deren Freilassung Damaskus Sorgen bereiten würde. Jetzt schon sind wieder mehr IS-Kämpfer in Idlib und anderen Gebieten tätig. Verstärkung dürfte nicht erwünscht sein. (Florian Rötzer)

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