Das Kleine-Welt-Phänomen verliert sich in der Stadt

Routing zwischen Wichita und Boston. Bild: János Szüle et al./PLoS One/CC-BY-SA-2.5

Sechs Schritte entfernt soll jeder Mensch weltweit vom anderen entfernt sein, es können auch weniger sein, aber in Städten wird es unübersichtlich

Das Theorem wurde berühmt, dass jeder Mensch von jedem anderen nur sechs Schritte entfernt sein soll. Die Welt ist danach eher ein Dorf. Interessant ist das natürlich auch für die Überwachung oder die Kritik an ihr. Bekanntlich darf die NSA Kontakte bis zur zweiten Ebene - "two degrees of separation" oder "two hops" -, möglicherweise aber auch bis zur dritten Ebene überwachen. Wie weit man dabei kommt, hängt von der Zahl der Kontakte ab, die jemand besitzt.

Das Kleine-Welt-Theorem von den "six degrees of separation" stammt von dem Psychologen Stanley Milgram, der vor allem durch das so genannte Milgram-Experiment bekannt wurde, bei dem die Gehorsamkeit gegenüber Autoritäten getestet wurde. Die Versuchsteilnehmer, die als Lehrer auftraten, sollten "Schüler", die von Schauspielern dargestellt wurden, auch durch schmerzhafte Stromschlägen bei Fehlern bestraften bzw. quälten.

Auch das Kleine-Welt-Phänome wurde von Milgram in zwei Experimenten 1967 bestätigt. Menschen aus den zwei Städten Omaha und Wichita wurden gebeten, Briefe an eine vorher bestimmte, ihnen fremde Person in Boston zu schicken. Sie erhielten den Namen und einige Informationen über diesen. Sie sollten den Brief an eine Person schickten, die sie persönlich kannten und mit Vornamen ansprachen und von der sie annahmen, dass sie die Zielperson am ehesten kennen könnte. Diese sollte ihn dann entsprechend weitersenden. Milgram berichtete, dass im ersten Experiment durchschnittlich nur 5 Schritte notwendig gewesen seien, um den Brief über die Kette an die Zielperson über Tausende von Kilometern zu liefern, im zweiten Experiment von 1969 waren durchschnittlich 5,2 Schritte erforderlich.

Die Anzahl der Päckchen, die die Zielperson erreichten, war allerdings gering. Im ersten Experiment kamen von 160 Briefen 44, im anderen von 296 66 an, die restlichen Ketten brachen ab. Spätere Studien stellten das Theorem in Frage, eine Reihe von Studien bestätigte es aber auch (Die Welt des Internet ist klein: 24163 Email-Ketten können nicht irren). Eine Studie fand etwas heraus, dass jeder Twitter-Nutzer weltweit mit jedem anderen über 5 Schritte verbunden ist. Jure Leskovec und Eric Horvitz untersuchten 30 Milliarden Messages von 240 Millionen Benutzern von Instant Messages während eines Monats im Jahr 2006 und kamen in ihrer 2008 veröffentlichten Studie auf 6 Schritte.

Routing zwischen Wichita und Boston. Bild: János Szüle et al./PLoS One/CC-BY-SA-2.5

Vor kurzem haben János Szüle und vier weitere ungarische Kollegen eine neue Studie vorgelegt, die in PLoS One veröffentlicht wurde. Dabei verwendeten 5,8 Millionen geolokalisierte Tweets, die sie über 16 Monate hinweg gesammelt hatten. Interessiert hat sie vor allem die Verlust- oder Abbruchrate, die bei Milgram sehr hoch war und das Theorem der Kleinen Welt natürlich beeinträchtigt. Sie wählten dabei jeweils zwei Nutzer in weit entfernten Stadtgebieten aus und versuchten mit einem Algorithmus (greedy routing) nur aufgrund der Lokalisierungsdaten eine Route über Tweets an sich wechselseitig folgende "Freunde" zu finden. Der Standort wurde durch das höchste Cluster an Lokalisierungsdaten an einem Ort identifiziert.

Manchmal kann das Ziel schon in einem Schritt erreicht werden, meist werden 3-6 Schritte benötigt, um in das Stadtviertel der Zielperson zu gelangen. Dann aber brach das "greedy routing" zusammen, nur in 20 Prozent der Fälle konnte überhaupt in 100 Schritten ein Pfad zu der Zielperson gefunden werden, obgleich das Netzwerk voll verbunden war. Das könnte heißen, dass zwar Menschen im ländlichen Raum in wenigen Schritten verbunden sein könnten, in dicht besiedelten Stadtgebieten verliert die räumliche Nähe als Suchfaktor fast jede Bedeutung, um eine Person zu finden. In der Stadt leben die Freunde also nicht in räumlicher Nähe. Eine Botschaft, die nur basierend auf räumlicher Nähe eine Zielperson finden soll, würde in einer Stadt verloren gehen. Das sei auch so in Milgrams Experiment gewesen, obgleich es dort mehr Informationen über die Zielperson als nur geografische gab. Die Briefe seien schnell in das Stadtviertel der Zielperson in Boston gekommen, aber seien dort zufällig umhergekreist, bis manche in das Freundesnetzwerk der Zielperson kamen.

Bild: János Szüle et al./PLoS One/CC-BY-SA-2.5

Interessant sind auch kulturelle Unterschiede. Zwischen jeweils verbundenen Städten gibt es große Unterschiede. Die Wissenschaftler untersuchten daher näher die Schritte, die zwischen amerikanischen und zwischen europäischen Städten notwendig sind. In den USA hängen die Schritte vor allem von der Zielstadt ab, während höchsten ein bis zwei Schritte notwendig sind, die Ausgangsstadt zu verlassen. Schritte von mehr als 10 km sind zu Beginn sehr häufig. In Europa sind die Städte aber weiter hinsichtlich des Freundenetzwerks entfernt, Schritte von über 10 km sind sehr viel seltener. So sind etwa von Paris nach Hamburg oder von Athen nach Hamburg zu Beginn deutlich mehr Schritte unter 1 km erforderlich. Die Nähe zwischen Kopenhagen und Paris ist etwas größer und von Athen nach Paris gelangt man viel schneller als von Athen nach Hamburg. Die Wissenschaftler führen das auf die sprachlichen und kulturellen Unterschiede zwischen Großstädten in Europa zurück. Bekanntlich sind die Amerikaner, was Umzüge betrifft, auch mobiler, zudem ist Europa nicht nur sprachlich diversifizierter, so dass vielleicht "hops" über mehrere Sprachen notwendig werden, sondern eben auch ein Staatenverbund und kein Staat. Interessant wäre daher gewesen, wie die Zahl der Schritte etwa in Deutschland im Vergleich zu den USA aussehen würde.

Kommentare lesen (30 Beiträge)
Anzeige