Das Konto im Oberarm

Eine Diskothek in Barcelona bietet ihren Stammgästen Microchipimplantate an

Zum siebten Jahrestag seines Baja Beach Clubs im spanischen Barcelona wollte Conrad Chase dem Publikum etwas besonderes bieten. Nicht nur eine VIP-Lounge ließ der Clubbetreiber einrichten, passend dazu präsentierte Chase auch ein neues Eintrittssystem. Stammgäste der Diskothek können sich künftig einen Microchip in den Oberarm implantieren lassen. Der Vorteil: Bei Besuchen des Etablissements brauchen die Chipträger künftig weder ihren Ausweis einzustecken, noch ihr Portemonnaie mitzunehmen. Auf dem Microchip werden nicht nur relevante Personendaten gespeichert. Die Träger können Geld einzahlen und auf ihrem "VeriChip" gutschreiben lassen. Im Baja Beach Club ist endlich Schluss mit biergetränkten Euroscheinen und cocktailklebendem Wechselgeld. Wer sich in dem Club an Barcelonas Strandpromenade künftig einen Mai Thai bestellt, dem bucht das Barteam den Rechnungsbetrag gleich vom Oberarm am.

So einfach geht es ...

Der Baja Beach Club ist damit die erste Diskothek weltweit, die auf ein solches System zurückgreift. Für 125 Euro kann man sich seit Mitte März den etwa 2,5 Zentimeter langen Chip subkutan implantieren lassen. Den kurze Eingriff unter lokaler Betäubung wird von medizinischem Personal vor Ort durchgeführt.

Der Eingriff verursacht keine Nebenwirkungen, er kann sofort durchgeführt werden, es entstehen keine Schmerzen. Es kann zwar sein, dass der Chip von dem einen oder anderen Metalldedektor erfasst wird, allerdings enthält er nur ein Zehntel des Metalls eines Jeansknopfes.

Conrad Chase, Direktor des Baja Beach Clubs

Mit dem neuen System will der Clubmanager Trends in der Branche setzen. Die meisten Kollegen würden ohnehin nur bestehende Moden kopieren, meint Chase. "Allein in der Provinz Barcelona sind in den vergangenen Jahren fünf Kopien des Baja Beach Clubs entstanden", erklärte der Manager gegenüber der spanischen Nachrichtenagentur EFE. Gesundheitliche Folgen (und daraus eventuell entstehende Entschädigungsansprüche) erwartet er durch die Implantate nicht. Der Chip sei steril und gesundheitlich völlig unbedenklich.

Entwickelt wurde der "VeriChip" von dem US-Unternehmen Applied Digital Solutions mit Sitz in Palm Beach im US-Bundesstaat Florida, das schon seit Jahren versucht, die implantierbaren Chips richtig vermarkten zu können (Chips für die Familie). Am meisten Geschäft wird mit Tieren gemacht, die Menschen sind hingegen noch zögerlich. Die letzte Idee waren "smart guns" mit Chips, die bei den berechtigten Nutzern implantiert werden (Der ID-Chip muss endlich unter die Haut).

Und schon funktioniert die Identifizierung

Schon mit der Ankündigung von GPS-Implantaten hatte man vor fünf Jahren in den Chips eine "fälschungssichere Methode für Geld- und Kreditkartentransaktionen" gesehen (Die Digitalen Engel kommen). Auf den Markt kam dann aber nur eine bescheidenere Version. 2002 erhielt die Firma dann die Genehmigung für den VeriChip. Nun also soll die Diskothek den Markt erschließen und für den technischen Fortschritt der Chips werben, der darin bestünde, dass herkömmlich Kreditkarten oder andere Smartcards ohne biometrische Daten einfach missbraucht werden könnten und so ein beliebtes Ziel für Diebe darstellten. Jüngst wurde aber auch mit American Capital ein Vertrag abgeschlossen. Das Unternehmen möchte mit dem VeriChip, der allerdings nicht unbedingt implantiert werden soll, den Zugang zum internen Netzwerk sichern.

Wir sind heute das einzige Unternehmen weltweit, das eine Identifikationstechnologie für Menschen zur Implantation anbietet. Wir rechnen uns beachtliche Marktchancen aus, denn begrenzte Erfolge wie in Spanien werden die breite Akzeptanz für unsere Technologie verbessern.

Scott R. Silverman, Geschäftsführer von Applied Digital Solutions in einer Pressemitteilung des Unternehmens

Was in dem US-spanischen Projekt als Trend der Freizeitbranche zumindest lokal starken Anklang findet, hat anderenorts einen durchaus ernsten Hintergrund. Nachdem im vergangenen Sommer in Großbritannien zwei zehnjährige Mädchen entführt und ermordet wurden, kam auch dort die neue Technologie ins Gespräch.

Der britische Biokybernetiker Kevin Warwick von der Universität Reading im Westen Londons forscht seit geraumer Zeit an vergleichbaren Implantaten (Sing the body electric). Nach dem Schock über die Entführungen hätten sich mehrere Eltern bei ihm nach den Mikrochips erkundigt, so Warwick, der in der Fachwelt schon 1998 für Aufsehen sorgte, als er sich einen Transponder in seinen linken Arm subkutan injizierte (Der Forscher als Publicity Stuntman). Willige Kooperationspartner für das fragwürdige Unterfangen fand er im Ehepaar Paul und Wendy Duval, die ihrer 11-jährigen Tochter Danielle aus Angst vor einer Entführung einen Chip einsetzen lassen wollte, um ihre Tochter fortan per Handynetz orten zu können. Das Projekt scheiterte schließlich am Protest von Kinderrechtsorganisationen.

Doch das Ringen um die ethisch umstrittene Überwachungstechnologie ist damit längst nicht entschieden. Das Umfrageinstitut nVision der britischen Future Foundation etwa ging inmitten der Debatte mit den Ergebnissen einer Umfrage an die Öffentlichkeit, der zufolge drei Viertel der britischen Eltern eine solche biometrische Überwachung ihrer Kinder befürworten würden. Scharf kritisiert wurde das Modell hingegen von der Kinderrechtsorganisation Kidscape. Teenager, die nicht überwacht werden wollen, entgegnet Sprecherin Michele Elliott, würden einer Implantation kaum zustimmen. Fragwürdig ist auch, inwiefern die Haltung von Kindern und Jugendlichen von dem Willen ihrer Eltern abhängig wäre.

Das stärkste Argument aber sind die fehlenden Untersuchungen über langfristige gesundheitliche Folgen, die bei den heranwachsenden durch die Signale des implantierten Chips verursacht werden. Solche Fragen spielen bei den spanischen Clubgästen keine Rolle. Es wäre nicht der erste Modetrend, dessen negative Konsequenzen für die Gesundheit sich erst später herausstellen.

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