Das Lean-LAN

Optimales Netzwerk für Schulen?

„Mit der zunehmenden Nutzung interaktiver Internet-Plattformen gehören die etablierten Schul-Netzwerke (LAN) bald der Vergangenheit an. Schlanke Netzwerke (Lean-LAN) sind angesagt, die Server in den Schulen können vom Netz genommen werden. Für Lehrer und Schüler ist es ein Aufbruch in ein neues medienpädagogisches Zeitalter.“ Das jedenfalls behaupten laut einer Veröffentlichung vom Januar 2006 Rüddigkeit und Schlagbauer vom AfL Frankfurt/ALP Dillingen. Wie viel „Lean“ aber ist das Optimum für den praktischen Schul-Netz-Betrieb?

Die PISA-Studien und andere Untersuchungen haben uns die Bildungsrealität in Deutschland vor Augen geführt: Die naturwissenschaftliche Kompetenz deutscher Schüler ist im internationalen Vergleich nur mittelmäßig. Physik, Chemie und Mathe sind die unbeliebtesten Schulfächer in Deutschland.

Professor Dr. Jürgen Kluge, Chef von McKinsey Deutschland

Nur 21 Prozent der Schülerinnen und Schüler in Deutschland berichten 2001 über einen regelmäßigen (d.h. mindestens mehrmals pro Woche stattfindenden) Computereinsatz in der Schule, im OECD-Durchschnitt geben dies 39 Prozent der Jugendlichen an. Bei der Häufigkeit der schulischen Computernutzung im internationalen Vergleich lassen die Ergebnisse für Deutschland eine vergleichsweise geringe Wirksamkeit der Schule bei der Vermittlung computerbezogener Kenntnisse vermuten.

Trotzdem ist seit Beginn der 80er Jahre in Sachen Computerisierung des Unterrichtes in Deutschland viel getan worden. Den Anfang machte die Ausstattung der Unterrichtsräume mit Einzelplatzrechnern. Danach folgte etwa ab den 90er Jahren mit einem beträchtlichen finanziellen und personellen Aufwand die Schaffung von internen Schulnetzen (LAN). Diese erfuhren 10 Jahre später teilweise, initiiert durch die Forderung "Schulen ans Netz", ihre Verknüpfung mit dem Internet. Man versprach sich davon eine Sanierung und die zweifellos notwendige Modernisierung unseres Bildungswesens.

Die Entwicklung der lokalen Schulnetze wurde immer komplexer und aufwändiger und überforderte den Schulbetrieb. Jedoch führte diese hochgerüstete Technisierung der Schule nicht zu gleichermaßen signifikanten Leistungssteigerungen und positiven Verhaltensänderungen der Schüler. Mit anderen Worten: Der Aufwand rechtfertigte nur bedingt den erzielten Nutzen.

Zwänge verschiedenster Art und die rasante Weiterentwicklung der Informations- und Kommunikationstechnik (IKT) gaben Anlass zum Überprüfen des eingeschlagenen Weges. Ein neuer Gedanke, das Lean-LAN wurde geboren. Der Aufbau so genannter „schlanker“ IT-Strukturen stellt im Prinzip keine revolutionäre Neuerung dar. Man benötigt dazu nur die Einsicht, den Willen, einen gut durchdachten Plan und eine zukunftsorientierte Strategie, um mit geringstem materiellen und finanziellen Aufwand die vorhandene lokale IT-Ausrüstung sinnvoll den neuen Möglichkeiten anzupassen. In der Zeit der sich schnell entwickelnden und weltweit vernetzenden Informations- und Kommunikationstechnik gehört dem Lean-LAN, in welcher Ausführung auch immer, in der Bildung die Zukunft.

Wie ließe sich ein „überentwickeltes“, oftmals dadurch sehr nutzerunfreundlich gestaltetes LAN in eine schlankere Struktur, das so genannte Lean-LAN, überführen?

Man sollte sich bei dieser Fragestellung nur davon leiten lassen, wie die Lehrkraft mit geringstem technischen und organisatorischen Aufwand am effektivsten ihre pädagogische Arbeit verwirklichen kann. Keinesfalls darf man dabei von dem einen Extrem in das nächste verfallen und die bestehenden Netzstrukturen so rigoros verschlanken, dass man die in mühevoller Kleinarbeit geschaffenen pädagogischen Netzstrukturen (LAN) sinngemäß zerschlägt und alles nur noch im Internet abzuwickeln gedenkt.

Daraus ergäben sich für die Veränderung der herkömmlichen, an den meisten Schulen betriebenen LAN, folgende Vorschläge:

  1. Erhalt des Netzservers als Domänen-Controller und „Verwaltungszentrale“ für alle Computer, Benutzer und Ressourcen der Domäne. Alle User dieses Netzwerkes benötigen auf dem zentralen Server ein Anmeldekonto mit Benutzernamen (z.B. Schulname) und Kennwort (z.B. Arbeitsplatz-Nummer). Außerdem ein Profil, welches Zugriffsrechte auf Dateien und Verzeichnisse, sowie sonstige Ressourcen des Servers festlegt. Für alle Rechner in der Domäne muss ein so genanntes Maschinen-Konto angelegt werden, damit sich der User (Schüler/Lehrer) im Netzwerk anmelden und arbeiten kann. Dies ist ein einmaliger Vorgang bei der Erstinstallation des Netzes. Mit dieser Grundkonfiguration ist die ausreichende Basis für eine effektive Nutzung des Netzservers auch in der Funktion als File-Server gegeben.
  2. Reduzierung lokaler Homeverzeichnisse für Lehrerpersonal und Schüler/innen auf ein erforderliches Mindestmaß, damit Unterrichtsmaterialien oder nach Unterbrechung weiterzuführende Arbeiten ablegbar sind. Wenn die Workstations über Festplatten verfügen, kann sowieso jeder Nutzer seiner Station Daten auf ihr ablegen. Mit anzustrebender Verlagerung der bisher lokal gespeicherten Daten auf interaktive Internetplattformen könnten die Netzwerke in den Schulen später radikal vereinfacht und damit noch „schlanker“ gestaltet werden. Man sollte aber dabei die Unterrichtsrealität nie ganz aus den Augen verlieren, denn immer können Ausfälle des Internetzuganges die Wissensvermittlung empfindlich stören. Durch den Erhalt des stabilen herkömmlichen LAN mit ausreichender „Grundkonfiguration“, und bedarfsgerechter Nutzung von entsprechenden Internetplattformen, ließe sich die Sicherheit vor Störungen erhöhen.
  3. Wegfall der Administrierung der lokalen Userverwaltung und, daraus resultierend, Verzicht auf die pädagogischen Kontrollfunktionen im LAN. Die Vorstellung der Lehrkraft mittels einer der etwa 50 professionell erstellten IT-Systemlösungen, der so genannten „Pädagogischen Oberflächen“, den Unterricht völlig von einem Lehrermonitor aus führen zu können, ist wirklichkeitsfremd und nur in der Theorie angesiedelt. Ständig stellen sich bei der Arbeit im Schulbetrieb mit Computern und ihren Peripheriegeräten technische, organisatorische und andere Probleme ein, die nicht vom Lehrertisch aus bereinigt werden können. Das bedeutet, dass die pädagogischen Kontrollfunktionen (Aufsichtspflicht) nach wie vor durch „Laufarbeit“ des Lehrenden realisiert werden müssen und deshalb im Netz einen „Rückbau“ erfahren sollten. Es reicht aus, wenn die „Kommando-Zentrale“ Lehrer-Arbeitsplatz eine für diese Zwecke konfigurierte Workstation ist. Man bedenke: Jede übertriebene administrative Einengung des Schülers im Netz schmälert dessen Kreativität, Freude und Engagement. Es ist nicht notwendig, dass jedem Lernenden oder Lerngruppe, jeder Klasse und jeder Lehrkraft ein Home-Directory zugeordnet wird. Wichtig ist nur, dass jeder Client sicher durch den Server ins Netz eingebunden ist und dessen Nutzer dabei weitestgehende Freiheiten genießt.
  4. Nutzung des lokalen Servers unter stärkerer Einbeziehung von frei verfügbaren Schulplattformen. Da auch in der Zukunft die Lehrkraft und nicht die modernste Unterrichtsplattform den Weg der Bildung und Erziehung der Schüler lenken wird, stellt eine interaktive Internet-Plattform nur ein Hilfsmittel für den Lern- und Unterrichtsprozess dar. Sie ist, ohne Zweifel, eine sehr gute Erweiterung der Möglichkeiten des herkömmlichen LAN. Mehr darin erkennen zu wollen, erscheint jedoch eher unrealistisch, weil die Unterrichtspraxis in all ihren Facetten die Prämissen setzt. Wegbereiter der Nutzung von Internet-Plattformen sind seit 1999 die bayerischen Landesinstitute ISB in München und ALP in Dillingen mit ihrer für alle Schulen entwickelten Internet-Plattform TEAMLEARN. Sie ermöglicht, wie auch deren Pedant LONET, allen Lehrkräften, virtuelle Teamräume für Schüler, Eltern und Lehrer im Internet einzurichten und darüber hinaus ganze Schulen virtuell im Internet abzubilden. So können Daten gespeichert und ausgetauscht, gemeinsame Teamkalender genutzt und mit integrierten Diensten teamorientierte Chats sowie Audio- und Videokonferenzen durchgeführt werden. Derzeit nutzen bundesweit etwa 300 Schulen mit 4.000 Lehrern und rund 11.000 Schülern TEAMLEARN als interaktive orts- und zeitunabhängige Internet-Plattform.
  5. Verstärkte Einbeziehung privater Notebooks in das LAN Laut Rüddigkeit und Schlagbauer vom ALP Dillingen liegt hier einer der wichtigsten Gründe zur Ablösung der zurzeit genutzten LAN durch die Lean-LAN vor. In einem domainbasierten Netzwerk ist die Einbindung von privaten Notebooks aus technischen und datenschutzrechtlichen Gründen nur schwer realisierbar, so dass hier wirklich das Pro oder Kontra abzuwägen ist. In einem Lean-LAN, das einem einfachen Peer-to-Peer-Netzwerk (ohne Domänkontroller) entspräche und dem damit jegliche pädagogische Kontrolle fehlte, wäre die Notebook-Einbindung jedoch kein Problem. Medienpädagogen fordern bereits seit geraumer Zeit den Einsatz privater, d. h. schülereigener, Notebooks im Unterricht Diese erlaubten eine flexiblere Handhabung von Lern- und Arbeitsphasen über den Unterricht hinaus und bereiten die Schüler besser auf die Herausforderungen der Mediengesellschaft vor. Zu diesem Thema sollte eine breit angelegte Diskussion mit allen Lehrer/Innen, IT-Verantwortlichen und Schulleitungen angeregt werden, denn nur sie können über die Zweckmäßigkeit der Netz-Einbindung von Schüler-Notebooks fundierte Aussagen tätigen. Man sollte nicht vergessen, dass schon die Nutzung der Notebooks im Unterricht als separate „Dateninsel“ vielerlei zusätzliche Probleme in den Schulalltag tragen würde. Mit der Veröffentlichung des ersten von insgesamt drei Berichten stellt sich der Verein Schulen ans Netz mit seinem Projekt IT works - gefördert und unterstützt durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), den Europäischen Sozialfonds (ESF) und die Deutsche Telekomerfolgreich bei der Förderung, Begleitung und Diskussion des bildungspolitischen Prozesses im Hinblick auf den technischen Einsatz neuer Medien im Schulunterricht vor. Diese Berichte könnten eine sehr gute Diskussionsgrundlage für die weitere Orientierung der Gestaltung zukunftsträchtiger IT-Strukturen an den Schulen sein.
  6. Einsatz externer mobiler Speichermedien wie USB-Sticks und Festplatten Der ideale Nachfolger der Diskette als mobiles Speichermedium, der noch dazu leicht „bedienbar“, sehr kostengünstig ist und über eine völlig ausreichende Speicherkapazität verfügt, ist mit dem Memory-Stick (USB-Stick) vorhanden. Ein weiterer Vorteil des USB-Sticks als „Home-Directory-Ersatz“ ist eine drastische Verringerung des Netzwerk-Verkehrs, da die Daten direkt vom oder zum PC-Arbeitsplatz übertragen werden und nicht den Weg über das Netzwerk nehmen müssen. Damit der Memory-Stick das Home-Directory auf dem Schulserver ablöst, sollte ein solcher mobiler Speicher zur Grundausstattung eines jeden Schülers gehören. Der sich in der Entwicklung befindliche USB3-Stick würde die Einsatzmöglichkeiten noch erweitern, vorher bedürften aber noch datenschutzrechtliche Fragen ihrer Klärung. Externe Festplatten mit USB-Anschluss stellen für die Lehrkräfte geeignete mobile Speicher dar, so dass auch hier Home-Directories auf dem Server entfallen könnten und die Daten jederzeit in andere Unterrichtsräume oder nach Hause transportierbar wären.
  7. Schulnetz und Internetzugang Ein Ziel für die Zukunft könnte lauten, die vorhandenen Schul-Computer einfach zum reinen ballastfreien Lean-LAN zu vernetzen und dieses mit einem Internetzugang versehen: „Das Schul-Netz findet nun im Internet statt.“ Weshalb sollte man dann noch lokale IT-Strukturen in Gestalt der heutigen LAN einrichten, wenn der Unterricht ins Internet ausgelagert wird! In diesem Fall sind es die derzeitigen Internetzugänge der Schulen oder, besser gesagt, ihre Bandbreite, welche neben den genannten die Probleme liefern. Aufgrund einer Initiative des Vereins „Schulen ans Netz e.V.“ und der Deutschen Telekom verfügen heute alle Schulen überall dort, wo DSL verfügbar ist, über einen kostenlosen Zugang der Deutschen Telekom. Trotzdem ist der Verein „Schulen ans Netz“ erneut aufgerufen, die Interessen der Schulen gegenüber der Telekom zu vertreten und eine Erhöhung der Bandbreite auf das jeweils technisch Machbare zu ermöglichen. Aber selbst Anbindungen mit 16 Mbit/s reichen schon heute für große Schulen nicht aus und es müssen technisch machbare und vor allem finanzierbare Lösungen gefunden werden, die Bandbreite spürbar zu erhöhen. Eine technisch einfach zu realisierende Lösung ist die Bündelung mehrerer DSL-Zugänge – auch von unterschiedlichen Providern – zu einem hochleistungsfähigen Internetzugang. Bündelt man z. B. 4 DSL-Zugänge, erreicht man jetzt schon Bandbreiten bis 24 bzw. 64 Mbit/s und in naher Zukunft sogar bis 100 Mbit/s. In Hessen hat sich z. B. diese Technik in einigen großen Schulen bereits bestens bewährt und soll weiter ausgebaut werden.

In unserer schnelllebigen Zeit, in der der Mensch kaum noch in der Lage ist, alle Entwicklungen vorher auf ihre Auswirkungen hin prüfen zu können, ist es besonders für das Bildungswesen schwer, die richtigen Wege zu erkennen und sie erfolgreich zu beschreiten. Kaum ein anderes Feld ist dabei so umstritten wie die Unterrichtsgestaltung mittels neuer Medien. Vieles ist nicht wissenschaftlich belegt, einige Sachverhalte werden offensichtlich geschönt dargestellt oder driften in ihrer Bewertung weit auseinander. Außerdem brachten fast 30 Jahre Computereinsatz keine messbaren Lernfortschritte.

Notwendig aber ist, dass unsere jungen Menschen durch die Schule gut vorbereitet in das „Medienzeitalter“ entlassen werden können. Die Fragestellung - LAN oder Lean-LAN - wird erst durch die Zukunft beantwortet werden! (Eberhard Schröder)

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