"Das Leben geht weiter"

Der letzte Propagandafilm der Nazis: Ein Fiasko auf der ganzen Linie, nie ins Kino gelangt und doch lebensrettend - zumindest für die Schauspieler

Im November 1944 wurde ein UFA-Film gedreht, der nie mehr ins Kino kam und verschollen ist. Nun gibt es eine preisgekrönte Dokumentation gleichen Namens auf DVD. Am Münchner "Jour Fixe" diskutierten Regisseur und Produzent darüber mit dem Publikum.

Wie macht man einen spannenden Dokumentarfilm über etwas, das gar nicht (mehr) existiert? Klingt unlösbar, doch dem englischen Regisseur Mark Cairns ist dies gelungen, wobei sicher der Erzähler Dieter Moor, der einst durch Sendungen wie "Canale Grande" auf VOX bekannt wurde, und auch dessen Einbindung ins Geschehen seinen Teil dazu beigetragen haben.

Die Geschichte, die der Film erzählt, ist heute schon fast aus einer anderen Welt: Gegen Ende des zweiten Weltkrieges konnte die Realität der zerbombten deutschen Städte nicht mehr hinter Heile-Welt-Filmen oder platter Kriegspropaganda wie fröhlich tumbe Kampflieder singenden Sturzkampfbomberpiloten versteckt werden. Reichspropagandaminister Josef Goebbels, der mit seinen schiefen und lückenhaften Zähnen immer aussah, als ob er in eine Schlägerei geraten sei und von geschichtlich unbeleckten Zuschauern auch schon mal mit einem seiner KZ-Opfer verwechselt wird, ärgerte sich über die seiner Ansicht nach viel zu platten Filme des Nazi-Regisseurs Ritter. Goebbels Vorbilder waren im Deutschland jener Zeit verbotene Hollywood-Filme wie "Vom Winde verweht", der das im Bürgerkrieg verbrennende Atlanta zeigte und dennoch Mut machte - weit subtiler als die bis dahin üblichen Propaganda-Filme. So etwas wollte er auch für das brennende Deutschland.

Goebbels hatte für das Nazi-Blatt "Das Reich" gerade unter dem Titel "Doch das Leben geht weiter" ein Editorial verfasst, in dem er das unbeirrbar weitergehende Leben in Ruinen beschwor, das sich lediglich "für ein paar Tage" in die nicht ausgebombten Keller verlagerte - ob nun zum Wohnen oder gar zum Einkaufen. Die Wochenschauen jener Tage zeigten ernsthaft elegante Damen, die aus Kellerstiegen empor krochen und stolz ihre schicken, neu erstandenen Schuhe vorzeigten: Auch unter den Nazis war der ungestörte Konsum teurer Markenprodukte offensichtlich wichtiger als das Lösen dringenderer Probleme wie das mutwillige Dezimieren der doch so wertvollen Konsumenten durch Vergasen in Konzentrationslagern einerseits und ihr Verbrennen in Bomben-Feuerstürmen andererseits. Nein, alle Geschäfte liefen ungestört weiter, nur halt vorübergehend im Keller - kein Grund zur Sorge, ein guter Deutscher hält das aus.

Im Nazi-Film glorifiziertes Kellerleben gegen Kriegsende

Goebbels war ein großer Fan multimedialer Berieselung - sein Editorial wurde deshalb auch über das gleichgeschaltete Nazi-Radio verlesen für all die, die "Das Reich" nicht bezogen oder zumindest nicht lasen. Doch er wollte sein Werk auch im Kino sehen - als Spielfilm. Dafür hatte man ja die UFA, die 1917 als Propagandafilmproduzent gegründet und unter den Nazis wieder dieser Aufgabe zugeführt worden war. Und so erging im November 1944 der Auftrag an den Nazi-Regisseur Wolfgang Liebeneiner, mit großem Staraufgebot bis April 1945 einen Spielfilm mit dem Namen "Das Leben geht weiter" zu drehen. Dazu wurde das zerbombte Berlin teils im Studio in Babelsberg nachgestellt. Später mussten die Drehs nach Lüneburg verlegt werden, weil ab Dezember 1944 Bombenangriffe und Stromausfälle das Weiterdrehen auch in Babelsberg unmöglich machten.

Der letzte Nazi-Propagandafilm, der es noch in die Kinos schaffte, war "Kolberg". Doch auch die Kinos fielen in Schutt und Asche. Ebenso war die Stadt Kolberg im Pommern - heute Polen - längst von der russischen Armee eingenommen worden, was die Nazis geheim hielten, weil andernfalls die ganze Durchhaltepropaganda des Kolberg-Films verpufft wäre. Ob "Das Leben geht weiter" noch fertig zu stellen sei, wurde immer fraglicher, es fehlte sogar an Papier für die Drehbücher, doch die Schauspieler klammerten sich an den Film, der ihnen einen Kriegseinsatz an der Front ersparte.

Dann kam die Kapitulation - das Leben ging auch ohne Hitler und Goebbels weiter und der gerade noch fertig gestellte Film wurde versteckt. Ob er später von spielenden Kindern in einer Scheune entdeckt und angezündet wurde, ob er von den Besatzern beschlagnahmt und vernichtet oder ob er vom ostdeutschen Nachfolger der UFA, der DEFA, in neuen Wahlkampf-Propaganda-Filmen verschnitten wurde, um eigene Drehs einzusparen, bleibt im Dunkeln: Als es gelingt, einen Zeitzeugen einmalig zu interviewen, ist ausgerechnet in dem Moment, als er das Versteck des Films verrät, das Band abgelaufen.

Zeitzeugen berichten, sie hätten als Kinder die entdeckten Filmrollen angezündet

Hat die DEFA tatsächlich den ehemaligen Nazi-Film verhackstückt, so wäre dies immerhin nicht weit weg von den Ideen der ursprünglichen Produzenten gewesen, denen der kommende Zusammenbruch des Nazi-Reichs nicht verborgen blieb und die hofften, durch Umschneiden einiger kritischer Szenen mit dem Film im Nachkriegsdeutschland doch noch einen Erfolg landen zu können. Dies zeigt auch, wie beliebig austauschbar Propaganda ist.

Mark Cairns ging als Engländer für unsere Begriffe ungewöhnlich an die Aufgabe heran. Es war zwar ohnehin klar, dass seine Dokumentation nicht über die dürftige Story des eigentlichen Films sondern seine Entstehungsumstände gehen sollte, doch völlig ohne Originalmaterial, nur mit der Buchvorlage von Hans Christoph Blumenberg, und mit dem niedrigen Budget einer arte-Fernsehproduktion war dies schwierig. Es wurden daher viele Szenen im Studio oder an geeigneten Drehorten nachgestellt, so ist das DEFA-Filmlager im Film in Wirklichkeit das Münchner Kirch-Archiv. Der ganze Film wurde in gerade einem Monat gedreht. Auch war klar, dass eine Produktion auf 35-Millimeter-Film zu teuer kam, eine Videoproduktion jedoch nicht die erwünschte Optik eines Filmdrehs erreichen würde. Dieses Problem wurde durch einen Adapter gelöst, der eine echtes 35-mm-Arri-Kameraobjektiv auf eine Mini-DV-Videokamera setzte und so dessen begrenzte Tiefenschärfe zeigt.

Der Erzähler Dieter Moor wird über Rückprojektion in die Filmszenen eingeblendet und auch von der Handlung her eingebunden: Es fällt ihm bei Bombenangriffen schon einmal die Zimmerdecke auf den Kopf. Auf Deutsche wirkt dies wie Slapstick, in England ist es dagegen nichts Ungewöhnliches. Eine rein deutsche Herangehensweise wäre ohnehin nicht sinnvoll gewesen, da arte ja auch in Frankreich gesehen wird und so der Film auch Dinge erklären musste, die Deutschen bekannt sind. Ausgestrahlt wurde "Das Leben geht weiter" dann - leider relativ unbemerkt - am 14. Oktober 2002. Die Dokumentation gewinnt in 2003 den Gold Hugo, den DV Award und den International Emmy Award. Inzwischen ist der Film auch auf DVD erhältlich.

Gaby dos Santos, die in München und demnächst auch in Frankfurt den Künstler- und Medientreff "Jour Fixe" präsentiert, lud im Januar 2004 dann Regisseur Mark Cairns und Produzent Carl Schmitt nach München in das Künstlerhaus am Lenbachpalast, die nach einer Einstimmung mit Chansons aus UFA-Zeiten von Zarah Leander & Co., hervorragend vorgetragen von Andrea Giani und begleitet von Friedrich Rauchbauer am Klavier und der Filmvorführung den Zuschauern und dem Filmjournalisten Adrian Prechtel Frage und Antwort standen. (Wolf-Dieter Roth)

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