Das Leben in Zeiten der Alternativlosigkeit

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In den Tag hinein: Noah Baumbachs Film "Frances Ha" ist ein überzeugendes Portrait der Generation Y und sucht die Heiterkeit jenseits des Bruttosozialglücks - Vorbote einer neuen Kinowelle?

Der Hipster spricht von "Mumblecore", und auf dessen offizielles Gründungsdokument, Andrew Bujalskis "Funny Ha Ha", spielt der Titel ganz unsubtil an. "Mumblecore" meint richtig unabhängigen Independent-Film, sowas wie Off-Off-Broadway im Kino. Noch mehr aber meint es East-Coast-POV, also den Blick von oben herab auf Rest-Amerika und die Feier der Witzischkeit des Alltags; einen sehr snobistischen, sehr nerdigigen Blick aufs Leben und die Dinge, die Weltsicht der Digitalen Boheme, der armen reichen Kids, die zuviel wissen, um noch handeln zu können, um nicht in Schreckstarre auf den nächsten Mongolensturm und Untergang des Abendlands zu warten.

Man vertreibt sich die Zeit bis dahin, indem man Retro liebt, Labels feiert, Kennerschaft in puncto Kino, Kunst, Musik vor allem und natürlich Mode an den Tag legt. Man hat also Luxusprobleme und beschäftigt sich mit Luxusthemen, klar - was soll man in einer Luxusgesellschaft auch anderes tun? Die Filme von Wes Anderson, Spike Jonze und Sofia Coppola gehören zum weiteren Rahmen, Woody Allen ist ihr Großonkel. Mit Noah Baumbachs Film "Frances Ha" hat "Mumblecore" jetzt eine neue Stufe erreicht - der Film ist das New Yorker Pendant zum Berliner "Oh Boy" und könnte sich als Vorbote einer neuen "Neuen Welle" entpuppen.

'Was machst du?' ist zwar eine dumme Frage, aber ich stell sie."
"Ich bin Anwalt. Was machst du?"
"Das ist eine ganz dumme Frage... War nur 'nen Scherz. Ehem, das ist schwer zu erklären."
"Weil Du etwas so Kompliziertes machst?"
"Weil ich es strengenommen gar nicht mache. Ich bin Tänzerin... denk' ich."

Dialogausschnitt

Sich treiben lassen, driften, wer will das nicht manchmal gern? Das kann viel Spaß machen, so lange wie keiner, auch man selber nicht, andere Ansprüche hat. Solange man nichts weiter will vom Leben, als eben sich treiben lassen. Frances Ha, die wenig erfolgreiche Tänzerin und Titelfigur dieses Films, ist so eine: Sie lebt in den Tag hinein. Sie trifft Leute, fragt nicht viel, wird nicht viel gefragt. Sie redet eine Menge und findet die Welt um sie herum latent anstrengend. Warum nur müssen alle irgendetwas von einem wollen? Warum muss das so sein?

Damit ist die Hauptfigur Frances eine entfernte New Yorker Seelenverwandte des von Tom Schilling gespielten Oh Boys Niko in Jan-Ole Gersters Berliner Drifterdrama "Oh Boy" - nicht zufällig sind beide Filme im sehr stylischen, aber auch ein bisschen melancholischen Schwarzweiß der frühen Nouvelle Vague gedreht, der vagen Neuen Welle, mit der vor 50 Jahren das Kino noch einmal neu begann. Und vielleicht markieren diese Filme einen heimlichen, verheimlichten Neuanfang des Autorenkinos, das gerade in unseren Tagen alles hinter sich lässt und sich in den Kellern der Metropolen noch einmal neu erfindet?

Generation Y: "Und-und" ist das neue "Entweder-oder"

Vielleicht, vielleicht auch nicht. Das Schwarz-Weiß mischt sich in den Herzen zu entschiedenem Grau in Grau, "Und-und " ist das neue "Entweder-oder" - und damit sind beide Filme eben Generationenportraits offenbar von Unzähligen in den Kinosesseln, die versuchen, irgendwo die Zeit festzuhalten, die herumalbern und der unbeschwerten Jugend nachtrauern, die sie nie hatten. Hauptsache in Bewegung bleiben. Sich nicht festlegen. Erfüllt von einer schwelenden Sehnsucht, die auf irgendetwas zielt, das ganz weit in der Ferne liegt.

Es handelt sich bei diesen Mitzwanzigern Francis Ha wie Oh Boy Niko um Angehörige der "Generation Why?" (man schreibt sie einfach mit Ypsilon), wie sie Soziologen und Zeitgeistdiagnostiker längst nennen. Eine Generation, die nach 1980 geboren ist, urban, gut ausgebildet, multikulturell, weltoffen, technologieaffin, aber auch verhätschelt, übervorbereitet, perspektivlos, ernüchtert - eine Generation, die alles zergrübelt, hinterfragt, nicht wirklich arbeiten will, aber auch nicht nur hedonistisch in den Tag hinein leben, sondern mitunter Gutes und Wichtiges tun. Vor allem aber nichts Falsches. Sie wollen alles richtig machen, und, bevor das schief geht, machen sie lieber gar nichts.

Das hat etwas mit der "Work-Life-Balance" zu tun, der sehr gesunden Hemmung, sich von der Arbeit und törichten Chefs, die für weniger Arbeit viel mehr verdienen als man selbst, ausbeuten und aufzehren zu lassen. Auch mit der Sehnsucht, sich einfach mal treiben zu lassen, sich nicht immer gleich festlegen zu wollen - das kommt noch früh genug. Dreißig ist das neue Zwanzig. Wobei: Vielleicht ist Zwanzig auch das neue Dreißig? Und die Probleme und Sorgen, der "Druck" (Oliver Kahn) kommen noch früher. Ganz so neu sind das Dandyhafte, das Driften und das Flanieren ja sowieso nicht. Seit 15 Jahren beschäftigt sich zum Beispiel Sofia Coppola in ihren Filmen mit diesem Lebensgefühl des Vagen.

Was hat die "Generation Why" mit dem Kapitalismus und seiner Krise zu tun?

Man müsste jetzt vielleicht einmal ganz grundsätzlich darüber nachdenken, was diese Figuren und ihre Inaktivität - Passivität ist etwas ganz anderes - über die Gegenwart sagen. Handelt es sich um "Oblomowerei", um einen willensschwachen Charakter, der neurotisch und apathisch ist? Vielleicht ein bisschen. Aber warum ist er das? Die Frage ist die wichtigere, denn wenn man den "Oh Boy"-Niko und das New Yorker Oh-Girl Frances schon verurteilen will, muss man auch die Gesellschaft richten, aus der er stammt. Denn in ihren Haltung steckt viel zuviel Klugheit und Opposition, viel zuviel Gesundheit, um sie als Kranke abzutun.

Was, mit anderen Worten, haben die unpoiltischen Leistungsverweigerer der Generation Y mit dem Kapitalismus und seiner Krise zu tun? Sie sind nicht diese Krise, sie haben sie nur verstanden. Denn wozu arbeiten und sich entscheiden, wenn die Früchte von Arbeit und Entscheidungshysterie immer nur den anderen zugute kommen, und man selber doch mit leeren Händen dasteht? Wenn sich die Welt so schnell verändert, und man zunehmend damit nicht mehr Schritt halten kann, egal wie gut ausgebildet man ist, ist alles egal. Diese Generation ist zu realistisch, um im Beruf an Karriere und im Leben an die Liebe zu glauben, sie wissen, dass sie sich nicht auf den Staat und auch nicht auf sich selbst verlassen können.

So sind Frances Ha und ihre Freunde, Bekannten und Kollegen die jüngeren Geschwister der Slacker der "Generation X" Mitte der 90er, die heute über 40 sind und über die zum Beispiel Richard Linklater bis heute Filme macht. Das zeigt der Film unverblümt und fängt präzis ein Lebensgefühl ein, die Stimmungslage von Leben in Zeiten der Alternativlosigkeit.

"Frances Ha" ist ein Generationenporträt über junge Stadtneurotiker und wirkt durchaus und nicht nur wegen seines Schauplatzes New York wie eine jüngere Variante der Welt von Woody Allen. Gespielt wird Frances mit ihrem seltsamen, männlichen Gang von Greta Gerwig - neben Brit Marling der aktuelle weibliche Shooting Star von Amerikas Kino.

Was der Film auch zeigt: Urbane Mittzwanziger sind auch für die Älteren nach wie vor eine repräsentative Generation. Denn sie erinnern uns alle an unsere alten Hoffnungen und Träume und ihr Scheitern, an unseren Hedonismus und unsere Bürgerlichkeit, an der wir leiden und die wir doch nicht loswerden. Luxusprobleme? Na klar! Aber was für andere Probleme sollten Luxusgesellschaften auch haben?

Die Agenten der Lebenskunst: Das Glück der Postmoderne

Ein Luxusproblem ist auch die Frage nach dem Glück. Wer weiß schon, was das ist, das Glück. Wer hat es schon wirklich? Wer hätte es nicht gern? Aber die Probleme mit dem Glück beginnen bereits damit, dass keiner so ganz genau sagen kann, woran man das Glück erkennt, wenn man es hat - geschweige denn, wie man es - wüsste man denn nun, was es ist - erreichen kann. Je genauer man das Glück anblickt, um so problematischer wird es, und um so unglücklicher das denkende Bewusstsein - das dann eben zum Unglücklichen wird.

Seit Jahrtausenden haben sich die Philosophen aller Länder bereits mit all diesen Fragen herumgeschlagen; lange hatte man das Glück philosophisch ignoriert oder gar verachtet - als schönen selbstsüchtigen Hedonismus hat man es denunziert, hat sich lustig gemacht über jene angelsächsischen Utilitaristen, die "das größte Glück der größten Zahl" per exakter Formel mathematisch berechnen wollten, oder man hat es gut pessimistisch mit dem antiken Griechen Epikur gehalten, der das größtmögliche Glück nur in der Abwesenheit von allem Unglück sehen konnte.

Dann, in den letzten 20, 30 Jahren wendete sich das Blatt, und das Glück wurde plötzlich rehabilitiert: Im Zeichen der Postmoderne, mit ihrem Verblassen utopischer Höhenflüge und ihrer Aufwertung der Individualität, vor allem aber mit dem Abschied von allen Gewissheiten kam plötzlich das Glück zurück auf die Tagesordnung. Wenn es schon weit und breit keine Wahrheit mehr geben sollte, dann könnte man doch wenigstens glücklich sein - die einen verdienten viel Geld, die anderen ließen sich die Sonne auf den Bauch scheinen und nannten es "mittelmeerisches Denken". Und die Philosophen, denen - nachdem sie zuerst alle Götter für tot und dann alle Ideologien für verabschiedet erklärt hatten - die Arbeitslosigkeit drohte, solange sie nicht im Auftrag einer Privatbank Vorträge über Wirtschaftsethik hielten. Oder sich von Propheten letzter Gewissheiten plötzlich zu Agenten der Lebenskunst und Apologeten des Glücks wandelten ...

Allen voran in Deutschland der Modephilosoph Wilhelm Schmid der Foucault, Nietzsche und mit ihnen deren antike Gewährsleute missbraucht, um eine Volkshochsuppe der "Erotik der Existenz", der "Leichtigkeit des glücklichen Augenblicks" und des "schönen Lebens" zusammenzurühren. Solche gefriergetrocknete geistige Fertignahrung ist das Gegenteil von Baumbachs Film. Seine Heldin Frances Ha dürfte sich, selbst wenn sie irgendwann beschwingt zu David Bowies "Modern Love" durch Brooklyn tanzt, aus guten Gründen kaum Gedanken darüber machen, ob sie nun das schöne Leben erreicht hat.

Andere dagegen schon. Der neue Glücksboom bildet auch den Hintergrund des Films "What Happiness is" des Österreichers Harald Friedl. Er ist einerseits eine ironische Bestandsaufnahme unserer absurden Glückssehnsucht, andererseits ihr Profiteur. Die Alternative zu allem Westlichen liegt vermeintlich im fernen Osten. Der Film reist ins Königreich Bhutan, und zeigt Beamte eines Glücksministeriums, die das Bruttoinlandsglück ermitteln. - das klingt nicht nur wie ein Science-Fiction-Roman von Orwell oder Huxley mit einem Schuß Nordkorea, sondern ist es wohl auch, wirkt ist aber für Friedl offenbar die Alternative zu 2000 Jahre Philosophiegeschichte und damit mal so eben die Lösung aller Glücksprobleme durch aufgeklärten Absolutismus.

In der Dokumentation erfährt man nicht viel. Friedl zeigt weitgehend unkommentiert wenig Subtantielles, eher geht e ums Fühlen. Und um eine fröhliche Diktatur: In Bhutan ist erst seit einem Jahrzehnt Fernsehen erlaubt - natürlich nur staatliches. Filialen von Fast-Food- und Hotel-Ketten sind verboten, die Einfuhr von Plastikwaren aller Art ist reglementiert.

Dafür ist der Umweltschutz in der (neuen) Verfassung verankert - da freut sich der durch Mülltrennen und 30 Jahre Ökodebatten vom Waldsterben bis zur Klimakatastrophe geschulte Mitteleuropäer. Trotzdem sieht auch eine junge Dorfbewohnerin in Bhutan auf die Frage, was für sie "Glück" bedeute, die Antwort im neuen Handy-Mast". Das Abendland ist zumindest im fernen Osten noch nicht untergegangen, das westliche Leben und damit das Unglück des Wohlstands, des Bruttosozialproduks und der Frage nach dem Glück lassen nicht mehr lange auf sich warten.

So entpuppt sich dieser Film "What Happiness is" am Ende als Bluff. Er ist Teil der westeuropäischen Glückindustrie, die schon immer außerhalb Europas den Ausweg aus allen europäischen Debatten fand - bei Konfuzius und Buddha, bei Hare-Krishna und den Sanyassin, und jetzt eben in Bhutan beim Bruttosozialglück. Dieser Film ist, mit anderen Worten, ein Beispiel für den ganz normalen üblichen Lifestyle-Quatsch.

Ausdruck des Ennui

Noah Baumbachs Film "Frances Ha" hat damit Gottlob nur den Zeitgeist gemein, auf den er reagiert. Ob er Vorbote für eine neuen "Neuen Welle" ist? Die "Nouvelle Vague" war politischer und reagierte auf eine ästhetische wie moralische Unruhe der ganzen Gesellschaft. Sie war ein Akt von Jakobinern, nicht Ausdruck eines Ancien Regime.

Aber "Frances Ha" ist eben auch Ausdruck des Ennui der vermeintlich Bessergestellten dieses Regimes. Ein Zeichen, des Systemverfalls, das alles solches Wahrheit birgt und Hoffnung gibt. Und wenn Greta Gerwig in "Frances Ha" beschwingt zu David Bowies "Modern Love" durch Brooklyn tanzt, ist zumindest der Typus der erwachsenen "Zeitgeist"-Komödie mit Tiefgang fürs erste zurück. Hoffentlich für eine Weile, um nicht zu sagen: Für lange Zeit.

(Rüdiger Suchsland)