Das Leben kehrt zurück nach Kobanê

Neues Gesundheitszentrum von internationalen Freiwilligen erbaut

In die zu 80% vom IS zerstörte Stadt kehrt das Leben zurück. Am 20. November 2015 wurde das von internationalen ehrenamtlichen Aufbauhelfern und Bauarbeitern aus Kobanê gebaute Gesundheitszentrum offiziell der Stadt und dem Betreiber, dem "Kurdischen Roten Halbmond" (Heyva Sor a Kurdistane), übergeben. Ibrahim Haj Khalil, der Ko-Bürgermeister von Kobanê dankte bei Übergabefeier den Brigaden für ihren Einsatz und die große moralische Unterstützung.

Das Gesundheits- und Sozialzentrum ist 600 qm groß und umfasst mehrere ärztliche Behandlungsräume, sowie einen OP- und Röntgenraum. Weitere Räume sollen für eine Apotheke, für medizinische Weiterbildung, Bildungsarbeit sowie für die Jugend- und Frauenförderung zur Verfügung stehen. Bei der Planung waren zahlreiche internationale Fachleute und Architekten beteiligt, die ehrenamtlich den Bau vorbereiteten und begleiteten. Auf Wunsch der Selbstverwaltung wurde das Gebäude zusätzlich unterkellert, um auch als Lager-und Schutzraum dienen zu können. Die Ausstattung soll nach endgültiger Fertigstellung u.a. auch eine Endoskopie-Einheit, ein Röntgengerät und moderne Ultraschalldiagnostik enthalten.

Das Grundstück von mehr als 6000 Quadratmetern stellten die Selbstverwaltungsorgane zur Verfügung. Die Finanzierung des Gesundheitszentrums erfolgte ausschließlich durch Spenden, Eigenleistung, Werkzeug- und Materialspenden und Spenden von medizinischem Gerät. Baumaterial, Diesel und Baumaschinen stellte die Stadt Kobane zur Verfügung. Der Gesamtwert des Projektes liegt bei etwa 1,5 Millionen Euro.

Träger des Baus ist der Solidaritäts- und Förderverein "Gesundheitszentrum Kobanê" in Kooperation mit den Selbstverwaltungsorganen des Kantons und der Stadt Kobanê, sowie den Brigaden von ICOR, der "Internationalen Koordinierung revolutionärer Parteien und Organisationen", die aus Internationalisten, Gewerkschaftern, Anarchisten, Mitgliedern der MLPD, Anhängern der LINKEN oder der Sozialdemokraten bestanden.

Seit Juni 2015 waren insgesamt sieben Solidaritätsbrigaden der ICOR mit mehr aus 170 Teilnehmern aus zehn Ländern - die meisten aus Deutschland - vor Ort im Einsatz. Eine Brigade war jeweils ca. 4 Wochen vor Ort. Die Teilnehmer im Alter von 18-72 Jahren finanzierten die Reisekosten selbst und arbeiteten ehrenamtlich.

Das Gesundheitszentrum wird von anderen Initiativen weiterhin unterstützt, um zu gewährleisten, dass es bald in Betrieb genommen werden kann:

Das Zentrum soll ein Modellprojekt für den ökologischen Wiederaufbau der Region werden. Deswegen sollen traditionelle Baumaterialien in Verbindung mit moderner Technologie zum Einsatz kommen. So wurde z.B. die in der Region fast in Vergessenheit geratene traditionelle Bauweise mit Lehmziegeln als Außenverkleidung wiederbelebt und dafür 7.500 Lehmziegel selbst produziert. Sie dienen wie die Außenbeschattung und die Isolierglasfenster der Wärmeregulierung des Gebäudes.

Eine ökologische Energieversorgung basierend auf Photovoltaik, Wärmepumpen und Batteriespeicher, sowie eine Notstromversorgung ist in Planung. Die Räume sollen mit energiesparender LED-Beleuchtung ausgestattet werden. Eine biologische Abwasseraufbereitung wie auch die Begrünung des Geländes zur Verbesserung der klimatischen Umgebungsbedingungen ist vorgesehen. Die Initiative hat sich das Ziel gesetzt, bis zum 31.12.2015 150.000 Euro dafür zu sammeln.

Die bundesweite Initiative "Medizin für Rojava" mit über 100 Ärzten sowie Apothekern, Krankenschwestern, Beschäftigten und Studierenden des Gesundheitswesens unterstützt das Gesundheitszentrum fachlich und finanziell. Sie wollen die Einrichtung des Zentrums übernehmen, um die Basisversorgung der dort lebenden Menschen sicherzustellen. Schon jetzt haben sie zahlreiche medizinische Geräte, Hilfsgüter und Spenden gesammelt. Ihr Spendenziel sind 200.000 Euro.

Die Initiative "Medizin für Rojava" wird die Patenschaft für gezielte Einsätze und Ausbildungsmaßnahmen übernehmen. Angesichts der Traumatisierung von unzähligen Frauen durch die IS-Terroristen soll dort auch ein Projekt zur Ausbildung von Frauen zur psychologischen Betreuung von traumatisierten Frauen eingerichtet werden.

Die Übergabe des Zentrums wurde auch in zahlreichen deutschen Städten gefeiert. In Berlin kamen ca. 200 Leute in die Räume der HDP in Kreuzberg, um mit anwesenden Brigadisten zu feiern. Sie sahen einen Film der ICOR-Brigaden, der sehr anschaulich zeigte, unter welch schwierigen Bedingungen der Aufbau stattfand: Nachdem die erste Brigade auf abenteuerlichen Wegen in Kobanê angekommen war, gab es gleich am nächsten Tag den großen IS-Anschlag auf Kobanê mit mehr als 200 Ermordeten. Die Brigadisten blieben trotzdem.

Es gab keine Schubkarren, der Schutt musste mit großen Plastikplanen abtransportiert werden. Es war nur eine einzige uralte Betonmischmaschine in Kobanê vorhanden, ein Monster aus vergangenen Zeiten. Weil die Türkei keine Maschinen und Baumaterialien nach Kobanê lässt, kam es immer wieder zu Bauverzögerungen.

Auch die kurdische Autonomieregierung im Nordirak zeigte sich nicht kooperativ: Zur feierlichen Übergabe des Gesundheitszentrums sollten Mitglieder der Brigaden und des Solidaritäts- und Förderverein "Gesundheitszentrum Kobanê" teilnehmen - sie wurden vom der KDP-Regierung nicht über die Grenze gelassen. (Elke Dangeleit)

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