Das Leben wurde für ihn nach der Untersuchung sehr schwierig ...

Die Columbia-Universität. Foto: InSapphoWeTrust from Los Angeles, California, USA. Lizenz: CC BY-SA 2.0

Die New Yorker Columbia-Universität hat einen Vergleich mit einem Studenten abgeschlossen, den sie nach einem Vergewaltigungsvorwurf im Stich ließ

"Die Columbia erkennt an, dass Paul N.s universitäres Leben nach Ende der Untersuchung sehr schwierig wurde (...)." Dies ist einer der wenigen Sätze, der aus dem Vergleich, den die New Yorker Columbia Universität mit Paul N. schloss, bekannt sind. Insgesamt sind es nur drei Absätze, die als öffentliche Stellungnahme nach Außen dringen. Insbesondere die finanziellen Aspekte bleiben das Geheimnis der beiden Parteien. Und auch wenn es für Paul letztendlich eine Genugtuung bedeutet, so kommt die Stellungnahme nicht nur (zu) spät, sie wirkt auch geradezu zynisch in ihrem Wortlaut:

(Die Universität) Columbia erkennt an, dass nach dem Ergebnis der Ermittlung, Pauls übrige Zeit an der Columbia sehr schwierig für ihn wurde, was nichts ist, von dem wir möchten, dass es ein Student der Columbia durchleben muss. Columbia wird weiterhin seine Verhaltensrichtlinien und -weisen überprüfen und regelmäßig anpassen um sicherzustellen, dass jeder Student - Beschuldigender oder Beschuldigter, was auch jene wie Paul mit einbezieht, deren Ermittlung zu einem Freispruch führt- mit Respekt und als vollwertiges Mitglied der Columbia-Gemeinschaft behandelt wird.

Um diesen Zynismus zu verstehen, muss noch einmal die gesamte Angelegenheit betrachtet werden. Daher ein Rückblick auf das, was diesem Vergleich voran ging.

2013 wurde Paul darüber informiert, dass er im Verdacht stünde, eine sexuelle Nötigung begangen zu haben. Zeitgleich wurde ihm verboten, in Kontakt mit seiner Exfreundin Emma S., die ihm die sexuelle Nötigung vorwarf, zu treten. Gemäß den Statuten der Universität wurde er angehört, Rechtsbeistände waren bei diesen Anhörungen nicht zugelassen.

Anders als z.B. in Deutschland, sind Universitäten in den USA "kleine Staaten", oder auch schlichtweg Marken, deren guten Namen es zu erhalten gilt. Daher sind die Universitäten, die in den letzten Jahrzehnten zu salopp bis ignorant auf solche Vorwürfe wie die von Emma S. reagierten, nunmehr bestrebt zu zeigen, dass es anders geht. Der berühmt-berüchtigte Title IX samt dem "Dear Colleagues"-Brief ließ eine andere Verhaltensweise auch kaum zu, wurde doch offen damit gedroht, den Universitäten die Bundesmittel zu entziehen, sollten sie bei der Behandlung von Vergewaltigungs- bzw. Nötigungsfällen "nachsichtig" agieren.

Ferner hing in den Fällen, in denen sich die Opfer Uni-intern nicht hinreichend zufriedenstellend behandelt fühlten, eine Untersuchung der Universität wie ein Damoklesschwert über den Verantwortlichen. In Zeiten, in denen die Aussage, dass jede fünfte Studentin in den USA bereits sexuelle Übergriffe erlebt habe, weitergetragen wurde (ohne dass man sie hinterfragt hätte) und in denen die Universitäten sowieso am Pranger standen, eine zusätzliche Gefahr, der sich viele nicht aussetzen wollten, zumal in dem Brief (eigentlich ja eher eine förmliche Benachrichtigung) auch mitgeteilt wurde, dass die Unschuldsvermutung einer "preponderance of evidence" weichen sollte. Einfach gesagt: Sollte es wahrscheinlicher erscheinen, dass die Anschuldigungen zutreffen, als dass sie nicht zutreffen, sei eben davon auszugehen, dass sie tatsächlich zutreffen.

Das Ergebnis ist eine Methodik, die das Pendel zu weit in die andere Richtung schwingen lässt. Fühlten sich vorher diejenigen, die sexuelle Übergriffe meldeten, zu wenig ernst genommen und vertreten, sind es nun die Beschuldigten, die sich von den Universitäten im Stich gelassen fühlen, nicht zuletzt dann, wenn sie bereits im Zuge der Title IX-Ermittlungen als unschuldig galten.

So erging es auch Paul N., dem im November 2013 mitgeteilt wird, dass die Ermittlungen der Universität für ihn zu einem Freispruch führten. "Die Anwürfe sind abgewiesen" wird ihm mitgeteilt. Später werden auch staatsanwaltliche Ermittlungen zu dem Schluss kommen, dass Paul unschuldig ist. Damit hätte die ganze Angelegenheit ihr Ende finden können und auch müssen.

Dem war jedoch nicht so. Das Collegeleben konnte sich für Paul auch nicht normalisieren, da Emma, die darauf bestand, vergewaltigt worden zu sein und ihren Protest gegen den ihrer Meinung nach falschen Freispruch dadurch ausdrückte, dass sie die Matratze, auf der sie (wie sie weiterhin mitteilte) von Paul vergewaltigt worden war, mit sich herum trug. "Carry that weight", also "Trage diese Last/Bürde" nannte Emma ihre "Performance", die von diesem Moment an nicht nur an der Columbia-Universität Aufmerksamkeit erregte. Emma und ihre Matratze wurden vielmehr zum Symbol für im Stich gelassene Opfer, für mutige Frauen, die sich gegen die an Universitäten herrschende "Rape Culture" wandten, wie kolportiert wurde. Bis Paul bestraft würde, so Emma, würde sie die Matratze mit sich herumtragen.

Während die Universität der Performance zusah, nichts dagegen tat, dass Paul weiterhin als Serienvergewaltiger bezeichnet wurde (es hatten sich zwei weitere junge Frauen gemeldet und ihn beschuldigt), vor ihm durch Schriften in den Toiletten gewarnt wurde und seine Chancen auf ein normales weiteres Collegeleben stetig sanken (von Verabredungen ganz zu schweigen), stieg Emmas Popularität: Solidaritätskundgebungen mit Matratzen fanden statt, der damalige Präsident Obama lud sie zur Veranstaltung State of the Union ein und Hillary Clinton lobte Emmas Courage:

Eine Studentin der Columbia Universität in New York, eine Überlebende (eines sexuellen Angriffes), begann, ihre Matratze auf dem Campus mit sich zu tragen. Sie hatte es satt, übersehen zu werden, hatte es satt, auf eine Veränderung zu warten und dies war der beste Weg, den sie sich denken konnte, um die Aufmerksamkeit auf die Gefahren, denen weibliche Studenten ausgesetzt sind, zu lenken. Dieses Bild sollte uns alle verfolgen. Und ich bin sehr davon angetan, dass Präsident Obama einen neuen Ansatz, landesweit sexuelle Gewalt an Universitäten anzugehen, unterstützt.

(Hillary Clinton beim DNC Women's Leadership Forum)

Im Jahr 2015 verlässt Paul die Universität mit einem Abschluss, doch die Angelegenheit hat ihre Spuren hinterlassen. Ein vorliegendes Jobangebot wird zurückgezogen. Jetzt, 2017, ist Paul wieder in Deutschland, wo auch seine Eltern leben, er studiert an einer Filmhochschule. Emma gab noch einige Performancevorstellungen, hält sich aber von den Medien fern und reagiert nicht auf Anfragen.

Paul hat jedoch die Title IX-Bestimmungen dafür genutzt, eine Klage gegen die Columbia Universität zu führen. Eine öffentliche Entschuldigung dafür, dass die Universität ihn nicht dagegen geschützt habe, wieder und wieder als Serienvergewaltiger bezeichnet zu werden und sogar die Matratzenaktion noch als Abschlussarbeit für Emma adelte, lehnte die Universität ab. Die Klage war für ihn insofern der beste Weg, um nicht nur finanzielle Kompensation zu erlangen, sondern auch eine offizielle Entschuldigung.

Die Klageschrift beginnt mit den Worten:

(Paul) war ein außergewöhnlicher und talentierter Student. Er brillierte in den ersten zwei Jahren an der Columbia-Universität, bis er Opfer der Mobbingkampagne einer Kommilitonin wurde. Die Universität ließ dies erst zu und unterstützte später diese Kampagne sogar.

Paul wurden wenig Chancen eingeräumt, tatsächlich eine Entschuldigung zu bekommen - doch die Universität hat sich nunmehr im Rahmen eines Vergleiches mit ihm geeinigt. Wie hoch die finanzielle Kompensation ist, bleibt geheim - doch für Paul sind, wie er sagt, die entschuldigenden Worte viel wichtiger. Das Interessante ist, dass sich Paul bei seiner Klage auch auf den Title IX bezog und er wegen Diskriminierung klagte und gewann.

Für diejenigen, die beim Title IX unter die Räder kamen, ist also noch Hoffnung vorhanden, zumindest etwas Entschädigung zu bekommen, auch wenn dies letztendlich für sie kaum aufwiegen wird, wie sich ihr Leben verändert hat. Um alle Studenten gleichermaßen zu schützen wäre es wichtig, nunmehr den Title IX zu überarbeiten und sicherzustellen, dass nicht ein Unrecht mit einem anderen beantwortet wird.

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