Das Liebeshormon, das auch Angst verstärken kann

In klinischen Tests wird Oxytocin gerade als Mittel gegen Angst geprüft, jetzt konnten Wissenschaftler zeigen, dass es auch Angst induzieren kann

Zunächst einmal galt das Neuropeptid Oxytocin als das Liebeshormon (Der Stoff zum Verlieben) und als der Stoff, der Vertrauen herstellt und Bindungen stärkt(Die Basis des Vertrauens). Es bindet Mutter und Kind aneinander und soll auch bei Verliebten eine Rolle spielen. Zudem soll das Hormon Angst senken, Stress reduzieren und beruhigen (Furcht oder Gelassenheit?, Vertrauen aus der Dose). Es gibt jedoch auch Hinweise auf andere Wirkungen, die sich bei Menschen gezeigt haben. Das Hormon scheint dabei Angst nach erlebten Konfliktsituationen zu steigern. Hirnwissenschaftler der Northwestern University haben nun gezeigt, dass das Liebeshormon tatsächlich auch eine andere Seite hat und "emotionale Schmerzen" verursachen könne.

Das Hormon muss, um Vertrauen und Bindungen herzustellen und zu wahren, mit dem Gedächtnis verknüpft sein. Das könnte der Grund sein, warum durch Oxytocin, das tatsächlich einen Teil des Gedächtnisses aktiviert, nicht nur positive, sondern eben auch negative Erfahrungen im Umgang mit anderen Menschen festgehalten werden, was in der Zukunft Angst und Furcht auslösen kann. Es könnte auch die Bereitschaft für Angstgefühle erhöhen, wenn stressige Situationen anhalten. Da gerade Oxytocin in mehreren klinischen Versuchen als Medikament gegen Angst getestet, könnte das Hormon also durchaus unerwünschte Folgen bei manchen Patienten haben.

Die Wissenschaftler haben für ihre Studie, die in Nature Neuroscience erschienen ist, allerdings keine Menschen, sondern Mäuse untersucht. Sie fanden in einer Gehirnregion, dem lateralen Septum im vorderen Kortex zwischen Hypothalamus und Hippocampus, die größte Zahl des Oxytocin-Rezeptors Oxtr. Das sei auch bei anderen Säugetieren, auch beim Menschen, so, während ansonsten die Variabilität ziemlich groß sei. Für ihre Versuche verwendeten die Wissenschaftler einerseits Mäuse, bei denen die Rezeptoren ausgeschaltet waren, und andererseits solche, die mehr Rezeptoren hatten. Als Kontrollgruppe dienten Mäuse mit einer normalen Zahl an Rezeptoren.

Im ersten Experiment wurden Mitglieder der drei Gruppen einzeln in Käfige mit aggressiven Mäusen gesetzt und erlebten dort eine "soziale Niederlage" bzw. Stress, d.h. die Mäuse erstarrten vor Angst. Eine Kontrollgruppe wurde in einen Käfig gesetzt, wo die Mäuse mit einer durchsichtigen Barriere von ihren aggressiven Nachbarn getrennt waren und daher keinen Stress erlebten. Nach sechs Stunden Erholung wurden sie erneut in die Käfige mit den aggressiven Mäusen gesetzt. Die Mäuse mit der erhöhten Zahl an Rezeptoren zeigten starke Angst und versuchten, den aggressiven Käfiggenossen aus dem Weg zu gehen. Das war ähnlich bei den normalen Mäusen. Die Mäuse, bei denen die Rezeptoren ausgeschaltet waren, schienen die aggressiven Mäuse nicht wieder zu erkennen, jedenfalls zeigten sie weniger Angst und glichen darin den nicht-gestressten Mäusen.. Daraus leiten die Wissenschaftler ab, dass Oxytocin die Erinnerung an stressvolle Situationen verstärkt.

2) oxytocin increases fear and anxiety in future stressful situations. Im zweiten Experiment wurden die Versuchsmäuse erneut aggressiven Mäusen ausgesetzt und durchlebten sozialen Stress. Nach sechs Stunden wurden sie hingegen in einen Käfig gesetzt, in dem ihnen ein Elektroschock verpasst wurde, der deutlich spürbar, aber angeblich nicht schmerzvoll war. 24 Stunden wurden sie erneut in den Käfig gesetzt, erhielten aber keinen Elektroschock mehr. Wieder hatten die Mäuse ohne Ocytocin-Rezeptoren keine Angst, wenn sie wieder in den Käfig gesetzt wurden, während die Mäuse mit vielen Rezeptoren deutlich mehr Angst zeigten und erstarrten. Die von der Kontrollgruppe gezeigte Angst wird als normal geschildert. Mit diesem Experiment sehen die Wissenschaftler ihre Hypothese bestätigt, dass Oxytocin in einer erneuten Stresssituation Angst auslöst bzw. verstärkt.

Sozialer Stress, so die Wissenschaftler, aktiviere die Oxytocin-Aufnahme und führe dadurch zu einer Angstkonditionierung. Dieser Mechanismus könnte auch den entdeckten angstverstärkenden Wirkungen von Oxytocin bei Menschen zugrundeliegen. Vermutlich habe das Oxytocin-System eine modulierende Rolle bei der emotionalen Bewertung von Situationen. Das könne "das kognitive Tuning emotionaler Prozesse verbessern und daher bessere Verhaltensanpassung gewährleisten". Entscheidend für die Modulation ist nach den Wissenschaftlern, dass Oxytocin das Signal-Enzym ERK (Extracellular-signal Regulated Kinases) bei negativen Erlebnissen einige Stunden lang aktiviert, was zur Verstärkung der Angst führt. (Florian Rötzer)

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