"Das Maß an Unterwerfung, die der Westen jedem Bewohner abverlangt"

30 Jahre nach der Wende finden die Texte der linken DDR-Opposition wieder mehr Beachtung. Das macht deutlich, dass die offizielle Erzählung Risse hat

Nun sind die Feierlichkeiten zum 30ten Jahrestag des Mauerfalls auch schon Geschichte. Es gab natürlich viel Selbstbeweihräucherung der BRD. Doch die Erzählung, dass mit dem 9. November 1989 die Freiheit über die Tyrannei gesiegt hat, bleibt nicht mehr unwidersprochen. Der Aufbruch Ost ist eine Initiative junger Leute, die die offizielle Einheitserzählung hinterfragen.

Auch die Arbeit der Treuhand wird von ihnen kritisch gemustert. Wenn die Initiatoren den Anspruch bekräftigen, die ostdeutsche Debatte nach links verschieben zu wollen und dabei bewusst an die linke DDR-Opposition anknüpfen, dann kann man das nur begrüßen. Allerdings ist es schon verwunderlich, dass die Initiative selbst die Spielregeln des linksliberalen Diskurses so verinnerlicht hat, dass allen der Begriff Klassenkampf tabu zu sein scheint.

So heißt es in der Wochenzeitung Freitag, die in den letzten Wochen eines der zentralen Medien wurde, wenn es um eine andere Erzählung der Ereignisse vor 30 Jahren geht:

"Aufbruch Ost" besteht aus 40 bis 50 aktiven Mitgliedern, überwiegend Studenten. Neben Leipzig hat sich eine weitere Ortsgruppe in Erfurt gegründet. Einige arbeiten 20 Stunden die Woche für das Kollektiv. Mails beantworten, Veranstaltungen organisieren, Interviews geben. Viel unbezahlte Arbeit für wenig Diskursverschiebung.

In Zukunft soll der inhaltliche Fokus noch deutlich breiter werden. "Wir wollen Leute in Ostdeutschland dazu ermutigen, sich wieder zu ermächtigen, für gewerkschaftliche Organisation oder die Gründung von Betriebsräten. Für einen emanzipatorischen Aufbruch von unten, von links", sagt Jette Helberg. Klingt nach Klassenkampf? Helberg lächelt, macht eine kurze Pause. "Mit solchen Begriffen arbeiten wir nicht", sagt sie.

Aus: Wochenzeitung Freitag

Für eine aktive Interessenvertretung der Lohnabhängigen

Es ist zu hoffen, dass die Initiatoren von Aufbruch Ost die Scheu vor dem Begriff Klassenkampf verlieren, wenn sie es ernst meinen mit ihrem löblichen Vorhaben, gewerkschaftliche Initiativen zu fördern. Sie können damit an einen Strang der linken DDR-Opposition anknüpfen, der heute wenig bekannt ist.

Auf der Großdemonstration am 4. November verzichtete der Dramatiker Heiner Müller auf eine eigene Rede und verlas stattdessen einen Aufruf zur Gründung unabhängiger Gewerkschaften, der nicht nur eine vernichtende Kritik an den DDR-Staatsgewerkschaften enthielt. So heißt es in den ersten drei Absätzen:

Was hat der FDGB in 40 Jahren für uns getan? Hat er die Frage der Arbeitszeitverkürzung als ständige Forderung an die Betriebsleitung gerichtet? Warum hat er nicht die 40-Stunden-Woche mit uns erkämpft?
Hat er dafür gesorgt, dass unsere Löhne der schleichenden Inflation angepasst werden? Warum sind nicht ständige Tarifverhandlungen über Lohnerhöhungen geführt worden?
Wo stehen die Funktionäre des FDGB, wenn in unserem Betrieb neue Normen eingeführt werden?
Auf unserer Seite? Verhindern sie die Normen, bevor nicht klar ist, dass wir auch entsprechend bezahlt werden?

Aus dem Aufruf zur Gründung unabhängiger Gewerkschaften

Hier nehmen die Verfasserinnen und Verfasser die Position der Arbeiteropposition in der frühen Sowjetunion ein, die auch für unabhängige Interessenvertretung der Lohnabhängigen beim Aufbau des Sozialismus kämpften und davor warnten, dass Gewerkschaften zum Traditionsriemen einer sich sozialistisch nennenden Staatspartei würden.

Doch im zweiten Teil des kurzen Aufrufs wird betont, wie nötig unabhängige Interessenvertretungen in der Zukunft sein werden.

Die nächsten Jahre werden für uns kein Zuckerschlecken. Die Daumenschrauben sollen angezogen werden. Die Preise werden steigen, die Löhne kaum. Wenn Subventionen wegfallen, trifft vor allem uns. Der Staat fordert Leistung, bald wird er mit Entlassung drohen. Wir sollen die Karre aus dem Dreck ziehen!
Wenn der Lebensstandard für die meisten von uns nicht erheblich sinken soll, brauchen wir eigene Interessenvertretungen.

Aus dem Aufruf zur Gründung unabhängiger Gewerkschaften

Wahrscheinlich war den Verfassern des Aufrufs nicht klar, wie schnell sich ihre Warnungen bewahrheiten würden. Bereits wenige Monate nach dem 4. November 1989 nahm die Treuhand ihre Arbeit auf und sorgte für die Deindustralisierung der DDR, die längst zum Beitrittsgebiet geworden war.

Vieles wurde unrentabel im neuen Kapitalismus, und wo das nicht der Fall war, wie bei den Kaliwerken in Thüringen, sorgte das BRD-Kapital dafür, dass die lästige Konkurrenz verschwand. Die DDR wurde auch vom westdeutschen Kapital bald zum Labor für "ent-garantierte" Beschäftigungsverhältnisse ausersehen. Das war nur möglich, weil eben die eigenen Interessenvertretungen, die im Aufruf gefordert wurden, nicht entstanden sind.

Das zeigt aber auch, welch zentralen Punkt die Verfasser hier angesprochen haben. Hier ging es nicht um utopische Freiheitslyrik, sondern um sehr konkrete materielle Verhältnisse. Trotzdem bekam der Aufruf zur Gründung unabhängiger Gewerkschaften nicht die Aufmerksamkeit, die er verdient hätte. Es gab neben Applaus auch viel Unmut über die Verlesung des Textes. Es stellt sich die Frage, warum die Initiative für Unabhängige Gewerkschaften, die sich ja für die Selbstorganisierung und gegen Stellvertreterpolitik aussprach, die Rede nicht selbst vortrug.

Setzen sie auf den Promifaktor von Müller? Doch, wenn auch schon 1990 klar wurde, dass die Einschätzung der Verfasser des Aufrufs völlig zutraf, sowohl was die Diskreditierung des FDGB betraf, als auch was die Zukunft der Lohnarbeit anbelangt, gelang es nicht, massenhaft unabhängige Gewerkschaften zu gründen.

Wenn nun 30 Jahre später, jüngere reformorientierte Menschen des Aufbruch Ost die Gewerkschaftsarbeit wiederentdeckt haben, bestätigt das nur den Inhalt des Aufrufs vor 30 Jahren.