Das Massaker

Zur begrenzten Aktualität von My Lai

Am 16. März 1968 begingen Angehörige der US-Armee ein Kriegsverbrechen, indem sie das südvietnamesische Dorf My Lai überfielen, niederbrannten und im Verlauf weniger Stunden etwa 400 bis 500 Zivilisten massakrierten.

Bild: Ron Haeberle

Damit jährt sich in diesen Tagen zum fünfunddreißigsten Mal ein Ereignis, das im Zusammenspiel mit verschiedenen anderen Entwicklungen und Ereignissen auf dem Zenith des Krieges (so z.B. der Tet-Offensive) die Niederlage der USA vorprogrammierte. Die Geschichte des Massakers und seiner Aufdeckung ist aber nicht nur wegen seiner historischen Bedeutsamkeit interessant, sondern auch, weil es sich um ein Lehrstück über die Funktion resp. Nichtfunktion der Medien im modernen Krieg handelt.

Was von Anfang an verwundert, ist die Tatsache, dass der Fotograf, der die entscheidenden Bilder vom Tatort schoss, überhaupt mitgenommen wurde. Ron Haeberle war aber wohl als Fotograf für die Armeezeitung Stars & Stripes so sehr einer der ihren, dass die Soldaten, die zu ihrem geplanten Verbrechen aufbrachen, nicht daran dachten, seine Anwesenheit oder seine Tätigkeit zu bezweifeln. Und ein geplantes Verbrechen war es von Anfang an. Der Tagesbefehl lautete auf verbrannte Erde: Alles niederschießen, was sich bewegt, alles abbrennen, was herumsteht. Niemand konnte ahnen, dass Haeberle sich von dem Schock, der My Lai für ihn bedeutete, nie mehr erholen würde, und dass er mit seinen Bildern quasi zum öffentlichen Kronzeugen der Anklage im Fall My Lai werden würde.

Seinen eigenen Aussagen nach merkte er recht schnell, dass diese Aktion, die er in offizieller Funktion dokumentieren sollte, über die üblichen "Search & Destroy"-Einsätze hinausging. Kaum waren die neun Hubschrauber bei My Lai gelandet, wurde ohne Vorwarnung geschossen.

Ich sah, wie eine Frau tot zusammenbrach und zwischen den Reispflanzen liegen blieb. Die GIs fuhren fort, auf sie zu schießen, zielten immer wieder auf sie. Sie hörten einfach nicht auf. Man konnte sehen, wie ihre Knochen durch die Luft flogen.

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Stück für Stück, Detail für Detail entwickelte sich dann der Alptraum, den der Fotograf in all seinen schrecklichen Aspekten festhielt. Es kam zur Massakrierung von Frauen und Kindern, nur Augenblicke, nachdem er sich mit seiner Kamera abgewandt hatte. Bereits angeschossene Kinder, die sich gegenseitig schützen wollten, wurden aus nächster Nähe hingerichtet. Haeberle wurde auch Zeuge eines sexuellen Übergriffs auf ein etwa fünfzehn Jahre altes Mädchen (nachweisbar fanden während der Aktion Vergewaltigungen statt). Die Gewalt hatte teilweise offen orgiastische und psychopathische Züge, wie sie schlimmer in Apocalpse Now und Full Metal Jacket nicht dargestellt worden sind. Und, das sollte man nicht vergessen, es kam zu überlegten bis panischen Aktionen des Widerstands während des Massakers. Der Aufklärungspilot Hugh Thompson brachte, als er den Charakter des Überfalls erkannte, seinen Hubschrauber zwischen den Soldaten und einigen Zivilisten nieder, und befahl sogar, das Feuer auf die eigenen Leute zu eröffnen, für den Fall, dass "seine" Schützlinge angegriffen werden würden.

Auf diese Weise konnte er zehn Zivilisten das Leben retten. Einige Soldaten, denen befohlen wurde, Vietnamesen in einen Entwässerungsgraben zu werfen und zu erschießen, verweigerten den Befehl. Ein schwarzer Soldat schoss sich während des Massakers absichtlich selbst in den Fuß, um nicht mehr daran teilnehmen zu müssen.

Er war der einzige amerikanische Verwundete nach der Aktion, die Angreifer hatten nicht einen Vietcong in dem Dorf entdeckt. Der Vietcong trat erst in der darauff olgenden Nacht in Erscheinung, um die Toten zu begraben und die Überlebenden zu rekrutieren.

Danach geschah zunächst einmal fast nichts. Oder nur das Übliche in diesen Tagen. Ron Haeberle behielt achtzehn Farbfotos für sich, aber übergab seinen Arbeitgebern vierzig Schwarzweißfotos, die in einem Bericht über die siegreiche Schlacht von My Lai als Bildbelege benutzt wurden. In dem Bericht hieß es, es sei während der Aktion zum Tod von 128 Vietcong-Soldaten gekommen, auf amerikanischer Seite habe es keine Todesopfer gegeben. Da das letztere stimmte, kümmerte sich niemand weiter groß darum. Auch die offizielle Eingabe von Hugh Thompson an seine Vorgesetzten, die sehr wohl von Kriegsverbrechen sprach, konnte daran nicht viel ändern, eine informelle interne Untersuchung wurde schnell niedergeschlagen. Ron Haeberle stellte nach seiner Entlassung aus der Armee seine Farbphotos zu Diavorträgen zusammen, und erntete damit vor allem die Reaktion, dass diese Bilder wohl Vietcong-Fälschungen seien. Schweigen im Walde.

Das Blatt wendete sich erst, als Ron Ridenhour, ein 22-Jähriger Soldat, der mit einigen Mitgliedern der ausführenden Einheiten ausgebildet worden war und ihnen nach dem Massaker zufällig wieder begegnete, von der Sache erfuhr. Er hatte einiges schon selbst gesehen und auch an grausamen Taten teilgenommen, was ihm aber hier erzählt wurde, überstieg sein Fassungsvermögen. Als ihm ein Bekannter erklärte, man habe "Pinkville" (der Spitzname für My Lai) schlicht ausradiert und alle Bewohner, die man finden konnte, massakriert, erlebte er seiner eigenen Aussage nach eine Art "Erweckung".

Es ist schwer zu beschreiben, wie ich da reagierte, es ist wirklich schwer, weil die Sprache anscheinend nicht ... ich jedenfalls kann es nicht ganz greifen, aber man könnte vielleicht sagen, es war so was wie eine Erscheinung. Irgendwie wusste ich sofort, und ganz klar, dass das hier zu schrecklich, fast zu schrecklich war, um es zu begreifen, und dass ich kein Teil davon sein wollte. Allein schon, dass ich es wusste, machte mich zu einem Komplizen, wenn ich nicht handelte.

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Nach seiner Entlassung aus dem Militärdienst im Dezember 1968 schrieb er einen Brief an jeden politischen und militärischen Entscheidungsträger, der ihm einfiel, vom US-Präsidenten Nixon abwärts. Dieser Brief setzte einen langen und quälenden internen Untersuchungsprozess des Militärs in Gang, der erst im November 1969 das generelle Publikum erreichte, als verschiedene Medien sich der Angelegenheit annahmen - unter anderem das Life-Magazin, das Haeberles zurückbehaltene Farbphotos veröffentlichte. Der Schock, der daraufhin durch die amerikanische Gesellschaft ging, reichte aus, einige der Hauptverantwortlichen vor Gericht zu bringen, ja sogar den Lieutenant William Calley 1971 zu lebenslanger Haft zu verurteilen:

Auch hat dieser Schock für einen veränderten Blick auf den Vietnamkrieg insgesamt gesorgt, kurzfristig veränderte er Umfragemehrheiten. Zu einer nachhaltigen Tiefenwirkung kam es dennoch nicht. Calley wurde 1974 auf Bewährung aus der Haft entlassen, die er ohnehin nicht im Gefängnis, sondern in Hausarrest verbracht hatte. Bereits zum Zeitpunkt seiner Verurteilung hatte sich der Wind längst wieder gedreht:

So bemerkenswert der Bruch des Jahres 1969 ist, er blieb Episode. Für die Transformation des Schocks in Hysterie und Aggressivität bedurfte es nur weniger Monate. Die "Minneapolis Tribune" stellte bereits im Dezember 1969 bei einer Umfrage unter 600 Personen fest, dass 49 Prozent die Nachricht über My Lai für eine Presselüge hielten. Bei einer in 1600 Haushalten in Auftrag gegebenen Erhebung sahen zwei Drittel der Befragten keinen Grund zur Aufregung. Für sie waren Krieg und Massaker gegen Zivilisten eins. "Time" konstatierte im April 1971 eine "fürchterliche Verwirrung" und eine "erstaunliche, wahrhaft widerliche Entstellung moralischer Sensibilität".

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Natürlich ist die Versuchung groß, in My Lai einen Vorläufer für die Schrecken des Kriegs gegen den Irak zu sehen. Aus vielerlei Gründen wäre das eine unscharfe Sicht der Dinge. Zunächst einmal besteht ein fundamentaler Unterschied in der Natur des Konflikts. Obwohl nach fast zwanzig Jahren Guerillakrieg wenig zum Diskutieren aufgelegt, hatte der Vietcong im Vietnamkrieg eine diskussionswürdige Agenda.

Saddam Hussein hat sie nicht. Was die Kriegsführung angeht, so bleibt festzuhalten, dass der Vietnamkrieg von heute aus fast nicht mehr als moderner Krieg anzusehen ist, so stark haben sich die technischen Voraussetzungen gewandelt. Es ist anzunehmen, dass die zivilen Opfer im kommenden Irakkrieg eher als "Kollateralschäden" von "Präzisionsbombardierungen" und als Folgeopfer der Benutzung von Uranmunition (vg. Tödlicher Staub) auftreten werden (was natürlich kühl kalkulierten Massenmord an gefangenen gegnerischen Soldaten nicht ausschließt).

Und eine Niederlage der USA im kommenden Krieg gegen den Irak ist unwahrscheinlicher, als sie es in Vietnam je war.

Schon gleich gar nicht kann My Lai als Munition für die neuerdings wieder so beliebten Vergleiche der USA mit Nazideutschland herhalten. In Nazideutschland wäre eine öffentliche Debatte über Kriegsverbrechen an der gegnerischen Zivilbevölkerung, gar mit der Tendenz zu grundsätzlichen moralischen Erwägungen, völlig undenkbar gewesen. My Lai mag in der Praxs des Vietnamkriegs keine Ausnahme gewesen sein, in Nazideutschland waren Dinge wie My Lai im Vernichtungsfeldzug gegen die Sowjetunion Teil der Strategie, bevor der Angriff begann.

In einem entscheidenden, wenn auch recht allgemeinen Punkt ist aber My Lai tatsächlich eine Erinnerung an die Zukunft: Die Zivilbervölkerung des Irak wird leiden, dass "die Knochen durch die Luft fliegen". In diesem Sinn hat Ron Haeberle die Fotos, die demnächst im Irak zu machen sein werden, vor fünfunddreißig Jahren in My Lai bereits gemacht. (Marcus Hammerschmitt)

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