"Das Meer ist ein Hund!"

Graffiti im Fischereihafen von Leixões, Matosinhos. Bild: Bernd Schröder

"Der Große Schiffbruch des Jahres 1947" hat sich tief ins Bewusstsein der Fischer Portugals eingebrannt

Unweit der Stelle, an der sich das Wasser des Douro nach dem Durchmessen eines Teils der iberischen Halbinsel mit dem Atlantik vereint, kommen am letzten Novembersonnabend des allmählich ausklingenden Jahres 1947 zwei Fischerboote längsseits - Traineiras, wie sie vor Ort klangvoll genannt werden. Sie sind die typischen Ringwadenfänger, mit denen die Fischer hier der Sardine nachstellen: 20 Meter lange, dampfgetriebene Holzboote mit ausladendem Heck und einem enormen Bedarf an Deckshänden - mitunter sind bis zu 50 Mann auf einer Trainera, denn hydraulische Netzheber gibt es um diese Zeit noch nicht auf den Booten.

Die beiden Skipper haben etwas zu besprechen. Sie sind mit ihrem Fang unzufrieden, der ihnen acht Seemeilen vor Porto in die Netze ging. Sie verabreden, ihr Glück 60 Seemeilen weiter südlich erneut zu versuchen. Dort fangen sie viele große Sardinen und verkaufen sie in Figueira da Foz. Am nächsten Tag fahren sie ins gleiche Fanggebiet, fischen die Boote erneut voll und dampfen zurück in ihren Heimathafen, nach Matosinhos. Der gleich nördlich von Porto gelegene Hafen ist nun schon seit einigen Jahren wichtigster Sardinenumschlagplatz des Landes.

Am 1. Dezember 1947 kommen sie gegen zwei Uhr morgens an. Einige Fischer gehen an Land, um etwas zu essen. Sie müssen mit dem Verkauf der Fische bis sieben Uhr warten, denn erst dann öffnet die Fischauktion. Aufkommende Gerüchte über ihren Fang wecken unterdessen das Interesse anderer Bootsbesatzungen - viele der Traineiras, die im Hafen ankern, haben in den vergangenen Tagen kaum etwas gefangen. Obwohl sich die Anzeichen eines anziehenden Sturms mehren, werden die Boote eilig für eine Fangreise ausgerüstet.

Die ersten stechen bereits gegen drei Uhr morgens in See, im Verlaufe der nächsten Stunden werden es insgesamt 108 Ringwadenfahrzeuge sein, und mit ihnen mehr als 4300 Fischer, die nun unterwegs nach Süden sind. Die angesteuerten Fischgründe sind zwischen 20 Seemeilen (Ovar) und 90 Seemeilen (São Pedro de Moel) entfernt. Der Sturm ist gerade über die Algarve hinweggezogen, hat dort Boote versenkt und fünf Fischer getötet. Die Zeitungen des 1. Dezember 1947 berichten darüber. Doch die Not ist groß um diese Zeit des Jahres, es bleibt kein Platz für Angst. Und trotz der Wetterwarnungen verhindern auch die Eigentümer der Boote ihr Auslaufen nicht. Nur einige gestandene Skipper lassen sich nicht hinreißen - sie haben ein Barometer im Haus und wissen, was auf diejenigen zukommen wird, die eine Ausfahrt riskieren.

Mit dem Hellwerden erreichen die ersten Boote ihr Ziel. Zuerst ist das Wetter gut, die See ist ruhig, doch das ändert sich später dramatisch. Einige Traineiras fliehen noch rechtzeitig vor dem aufziehenden Sturm, doch erst gegen 18 Uhr sind alle Boote auf ihrem Rückweg. Der Wind hat von Süd und Südwest auf Nordnordwest gedreht und verharrt. Er hat enorm an Kraft zugelegt und kommt den heimwärts ziehenden Booten nun von vorn entgegen. Die Luft kühlt sich immer weiter ab. Plötzlich finden sich die Traineiras in einer See mit zehn Meter hohen Wellen wieder. Die Fischer versuchen nun, den rettenden Hafen zu erreichen, während der Sturm die Boote mit Wasser füllt und die Mannschaften von den Decks ins Meer spült.

An Land ahnen sie unterdessen, das sich draußen auf See ein Unglück zusammenbraut. Die Familienangehörigen strömen in den Hafen, zum Kopfende der Südmole. Ihre Blicke suchen den Horizont nach den Navigationslichtern der Boote ihrer Männer, Väter, Söhne oder Brüder ab.

Inzwischen eingelaufene Boote bringen die Kunde von vier in Seenot geratenen Traineiras, auf denen nun die Besatzungen irgendwo zwischen Aguda und der auf einer Klippe gelegenen Kapelle Senhor da Pedra um ihr Überleben kämpfen: D. MANUEL II, ROSA FAUSTINO, S. SALVADOR und MARIA MIGUEL. Von diesen Booten werden insgesamt nur sechs Fischer diese Nacht überleben. Andere Traineiras hatten mit Sirenen-Signalen versucht, sie in sichereres Fahrwasser zu lotsen, doch vergeblich. Diese Boote wiederholen jetzt einen Fehler, der schon beim Schiffbruch von 1892 viele Opfer forderte. Damals kamen 105 Fischer in einer stürmischen Nacht ums Leben, weil viele Boote versucht hatten, die Küste zu erreichen, anstatt den Sturm weiter draußen "abzuwettern".

Gelernte Schleppnetzfischer und die Seebären der sommerlichen Kabeljaukampagnen vor Neufundland und Grönland, die im Herbst auf den Traineiras angeheuert haben, sind kaltblütig genug dafür, sie weisen auch anderen Besatzungen den Weg in Sicherheit, aufs offene Meer hinaus, weg von den Felsenriffen, raus aus der Brandungszone. Ohne diese erfahrenen Seeleute auf den Booten wäre das Unglück vermutlich weitaus schlimmer ausgefallen.

D. MANUEL II strandet gegen 4 Uhr 30 in der Nähe der Douro-Mündung, von den Wellen zerschlagen. Drei Fischer überleben mit schweren Unterkühlungen. Zwei von ihnen haben während des Sturms die Back nicht verlassen, aus Furcht. Erst, als das Boot zerschellt, springen sie ins Wasser und können sich an Land retten. Der dritte war kurz vorher ins Wasser gesprungen und hat dort eine Rettungsweste gefunden, die ihm das Leben bewahrt. Die Bewohner der an der Südseite der Douro-Mündung gelegenen Orte Cabedelo und Lavadores sind zunächst schockiert über den Anblick der Zerstörung, der sich ihnen am Strand bietet. Doch schnell fangen sie sich und holen Hilfe, die die drei Geretteten ins Krankenhaus bringt.

Auf ROSA FAUSTINO sehen sie bereits die Hafeneinfahrt, die Fischer wähnen sich schon fast in Sicherheit. Doch unmittelbar vor dem Castelo do Queijo wird das Boot von einer großen Welle getroffen, die den Skipper Ti'Xico Pinhal und zwei seiner Kameraden von Bord fegt, und mit ihnen das Ruderhaus. Der Maschinenraum füllt sich mit Wasser, die Maschine fällt aus. Sie werfen einen Anker, doch das Boot wird unweigerlich nach Süden gedrückt, nach Lavadores. Eine Riesenwelle schlägt das Boot gut anderthalb Seemeilen vor der felsigen Brandungszone in Stücke. Die Fischer springen in die wild schäumende See und versuchen, den Strand schwimmend zu erreichen. Überall treiben tote Kameraden im Wasser. Nur drei Überlebende erreichen bei der Kapelle Senhor da Pedra das rettende Land.

MARIA MIGUEL wird letztmalig zwischen Aguda und Miramar gesichtet. S. SALVADOR wird vollständig zerstört bei Aguda an Land gespült. Auf beiden Booten gibt es keine Überlebenden. Andere Traineiras, die den Hafen von Matosinhos erreichen können, fallen nach ihrer Ankunft im Hafen buchstäblich auseinander.

Viele Geschichten ranken sich um diese danteske Nacht. Zum Beispiel die von der Traineira LEMY, der auf Höhe von Senhor da Pedra zeitweise der Motor ausfällt. Einige Kameraden sind bereits über Bord gegangen. Skipper Grua versucht sechsmal vergebens, einen seiner Männer zurück ins Boot zu holen, den er hilflos gestikulierend im Meer treibend entdeckt hat. Grua beschließt schweren Herzens, diesen Mann aufzugeben, um die an Bord verbliebenen 45 Männer zu retten. Er nimmt Kurs auf Matosinhos. Nun geschieht etwas, das sie später ein Wunder nennen: Eine riesige Welle spült den verunglückten Mann zurück aufs Boot, er bleibt am Leben.

Auch auf anderen Booten versuchen sie zu helfen. So auf RIO CÁVADO, die vor Espinho die Traineira VIDA NOVA sichtet, die schwer angeschlagen zum Spielball der Wellen geworden ist. Sie hören Hilfeschreie und Signalpfiffe. Skipper João de Oliveira Gomes versucht, sein Boot gegen den Willen der eigenen Mannschaft in die Nähe der um ihr Leben kämpfenden Kollegen zu manövrieren. Immer wieder muss er Anlauf nehmen, während seine Männer vor ihm knien und ihn anflehen, von seinem Vorhaben abzulassen. Sie wissen, dass die Skipper beider Boote seit Jahren verfeindet sind, doch das spielt jetzt keine Rolle: Skipper Gomes hat sich in den Kopf gesetzt, die Besatzung der VIDA NOVA zu retten, und diese Feindschaft verleiht ihm dabei zusätzliche Kraft. Endlich sind die Boote nahe genug beieinander, um sie mit einem Abschlepptau zu verbinden. Das erste Tau reißt, sie müssen einen erneuten Anlauf wagen. Dann schaffen sie es, sie können VIDA NOVA in Schlepp nehmen und aus der gefährlichen Brandungszone bringen.

S. JOSÉ 5 wird gegen 19 Uhr auf Höhe von Senhor da Pedra von einer großen Welle getroffen. Das Boot legt sich weit auf die Steuerbord-Seite, fast berühren die Mastspitzen die Wasseroberfläche. Teile des Decks fliegen davon, ebenso das Ruderhaus. Der Skipper steht nun mit den Resten von dem, was einstmals das Ruder war, im Freien und versucht Kurs zu halten. Sie versuchen, ins Meer gespülte Männer zu retten. Die Maschine säuft ab. Der Maschinist bekommt sie nach Stunden wieder flott. Langsam dampfen sie nach Nordwest, an Matosinhos vorbei, bis auf Höhe von Póvoa de Varzim, wenden, kommen zurück und riskieren erst jetzt die Einfahrt. Dort ist man bereits von ihrem Tod überzeugt: Ein über Bord gegangenes Besatzungsmitglied war unterdessen von LEMY aus dem tosenden Atlantik gefischt worden - seiner Meinung nach konnte S. JOSÉ 5 nur untergegangen sein.

Auf NORTE wollen sie zuerst den Küstenabschnitt vor Aveiro befischen, doch der Skipper erfährt vom Gerücht, dass weiter südlich, zwischen Buarcos und Figueira da Foz, Boote aus Matosinhos sehr erfolgreich fischen, manche sind demzufolge schon nach einem Hol voll beladen. Sie verlassen am frühen Nachmittag den Hafen von Matosinhos. Einem erfahrenen Fischer, der sich an Deck die Beine vertritt, fällt ein ungewöhnlicher Gelbschimmer des Wassers an der Douro-Mündung auf, der seiner Meinung nach nur Sturm bedeuten kann. Er bespricht sich mit dem Maschinisten, bevor sie gemeinsam versuchen, den Skipper zu überzeugen, nicht nach Figueira da Foz zu fahren.

Das gelingt ihnen auch, es bleibt beim ursprünglichen Plan, einem Fischzug an der Küste zwischen Ovar und Aveiro. Hier finden sie reichlich Sardinen. Als der Wind merklich auffrischt, sie sind noch beim Einholen. Der Skipper ordnet an, Netz und Beiboot festzuzurren, danach sollen sich die Männer in die Kojen legen. Sie treten die Rückfahrt an. Die nächsten Stunden halten sie sich von der Küste fern. Gegen ein Uhr morgens ankern sie schließlich im Hafenbecken von Matosinhos. Beim Übersetzen von ihrer Traineira an Land werden sie fast noch in ihrem Beiboot versenkt, von der mit voller Geschwindigkeit in den Hafen einlaufenden FERNANDO MÁRIO. Als sie endlich Boden unter den Füßen haben, bekommen sie eine erste Ahnung vom Ausmaß der Katastrophe, die in dieser Nacht über Matosinhos hereinbricht. Die Feuerwehr-Sirenen heulen ununterbrochen, überall sind die Schreie verzweifelter Frauen zu hören.

Graffiti im Fischereihafen von Leixões, Matosinhos. Bild: Bernd Schröder

Auch im zehn Kilometer nördlich von Matosinhos gelegenen und immer wieder schwer geprüften Póvoa de Varzim machen sich die Angehörigen von Fischern große Sorgen. Viele ihrer Söhne verdienen als "Arbeiter des Meeres" auch in dieser Nacht ihren Lebensunterhalt auf den Traineiras von Matosinhos. Doch nun ist Sturm, und es dringen so gut wie keine Nachrichten bis nach Póvoa durch. Viele "Póveiros" machen sich im peitschenden Regen auf den Weg, halten in ihrer Not Lastwagen und andere Fahrzeuge an, die sie nach Matosinhos bringen. Sie wollen der an den Nerven zerrenden Ungewissheit entfliehen und den Ihren nahe sein.

Insgesamt sterben in dieser Nacht 152 Fischer. Sie lassen 71 Witwen und mehr als 100 Waisenkinder zurück, manche Familie verliert vier Söhne, auf einen Schlag. In den nächsten Tagen werden viele der umgekommenen Fischer an die Strände Portos gespült, wo ihre in Schwarz gekleideten Familienangehörigen auf sie warten. Matosinhos ertrinkt in Trauer.

Im Land und außerhalb breitet sich eine Welle der Solidarität aus, Gelder fließen an Hilfseinrichtungen. Doch nicht ein Centavo davon erreicht die Hilfsbedürftigen, das Geld verbleibt in Lissabon. Jeder Überlebende erhält stattdessen eine neue Kluft und ein Paar Gummistiefel. Nach kurzer Zeit ist der Grosse Schiffbruch des Jahres 1947 aus den Medien verschwunden. Es gibt keine Untersuchung zu den Unglücksursachen. Für viele Fischer steht fest: neben Pech und begangenen Fehlern ist die Hauptursache im herrschenden System von sklavereiähnlichen Zuständen und Gier zu suchen.

Die sechzig Fischfabriken von Matosinhos und Umgebung wollen bei jedem Wetter beliefert werden. An anderer Stelle wird dafür gesorgt, dass die dabei entstehenden Kosten im Rahmen bleiben. So gibt es zum Zeitpunkt der Katastrophe kein ausreichend leistungsfähiges Rettungsboot an der Küste, das hätte helfen können. Nun werden Veränderungen gefordert, aber es tut sich nichts: CARVALHO ARAÚJO, das Rettungsboot, das 1947 nicht helfen kann, wird erst 1979 außer Dienst gestellt: für die Fischer ein Zeugnis für die Art des Respekts und der Wertschätzung, die man ihrer Klasse in Portugal entgegenbringt.

Über viele Jahre hinweg kursiert seitdem eine fatalistische Redewendung unter den Fischern. Immer, wenn wieder ein Unglück mit Toten um die selbe Zeit des Jahres zu beklagen ist, heißt es: "Natal tinha que comer" - "Weihnachten brauchte etwas zu essen" - die Verballhornung einer umgangssprachlichen Beschreibung der traditionellen Völlerei zu Weihnachten. (Bernd Schröder)

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