Das Mitgefühl der Ratten

Ratten entwickeln offenbar Mitgefühl für ihre Artgenossen - eine Entdeckung, die auch einiges über den Ursprung sozialen Verhaltens beim Menschen verrät

Wer einmal einer Katze beim Spiel mit ihrer Beute zugesehen hat, könnte versucht sein, dem Tier eine gewisse Grausamkeit zuzuschreiben. Dabei handelt es sich um eine menschliche Projektion, die Katze ist ein Raubtier und verhält sich artgerecht, indem sie im Spiel mit der verletzten Maus ihre Fähigkeiten trainiert. So, wie Katzen nicht grausam sind, sind Hunde nicht treu im menschlichen Sinn. Die Wissenschaft lehrt uns schon länger, Tiere nicht zu vermenschlichen - und ist dabei vielleicht sogar ein Stück zu weit gegangen. Denn zu Empathie, meinte man lange Zeit, sind nur der Mensch und seine engsten Verwandten fähig.

Tiere hingegen verhalten sich wie Roboter: Ein Verhalten, das mit einer Belohnung verbunden ist, wird verstärkt, während eine Verhaltensweise, der eine Strafe folgt, seltener ausgeübt wird. Dass die Verknüpfung so simpel nicht ist, haben in letzter Zeit einige Versuche gezeigt. Im Wissenschaftsmagazin Science präsentieren Forscher der University of Chicago jetzt die Ergebnisse eines Versuchs, der auch Ratten empathische Fähigkeiten bescheinigt.

Dazu platzierten die Wissenschaftler je zwei Exemplare in einem Areal, die sich bereits seit zwei Wochen kannten. Eine der beiden Ratten durfte sich frei bewegen, die andere jedoch war in einer kleinen Box gefangen. Diese Box ließ sich nicht von innen, wohl aber von außen öffnen.

Dass die eingesperrte Ratte sich unter diesen Bedingungen unwohl fühlte, ist nachvollziehbar, auch wenn sie den Forschern nichts davon erzählte. Bekannt ist auch, dass solche Gefühle auch bei Tieren ansteckend sind, dass sich Angst also auf Artgenossen überträgt. Es wäre also folgerichtig gewesen, hätte sich die freilaufende Ratte aus dem Staub gemacht. Stattdessen jedoch versuchte sie, ihren eingesperrten Artgenossen zu befreien, was nach einer gewissen Eingewöhnungszeit auch gelang. Was hat die Ratte dazu motiviert?

Eine Ratte versucht, ihrem eingesperrten Artgenossen zu helfen (Bild: Science / AAAS)

Das übliche Belohnungssystem wollten die Forscher bewusst ausschließen. So ließen sie etwa nach erfolgreicher Befreiungsaktion die beiden Tiere nicht gemeinsam im Versuchsgebiet (was für die Gruppentiere eine soziale Belohnung dargestellt hätte). Als zusätzlichen Anreiz für das Schwein in der Ratte brachten die Forscher besonders beliebte Nahrung in das Modell ein - den Befreiungsversuch zu unterlassen, hätte der freien Ratte also als Belohnung eine doppelte Futterportion beschert. Doch die Tiere ließen sich auch auf diese Weise nicht bestechen.

Rattenfrauen halfen eingesperrten Artgenossen deutlich häufiger

Die Forscher meinen, damit echte empathische Regungen bei den Nagern gezeigt zu haben. Reine Neugier als Motivation dieses Verhaltens schließen sie zum Beispiel aus, weil es noch über Wochen anhielt. Auch als zufällige Folge des angstbedingt erhöhten Aktivitätsniveau lassen sich die Befreiungsaktionen nicht interpretieren, dazu handelten die Ratten zu systematisch. Wenn die Wissenschaftler richtig liegen, verschöbe sich der evolutionäre Ursprung der Empathie deutlich weiter in die Urgeschichte.

Gleichzeitig zeigt der Versuch, dass soziales Verhalten beim Menschen auf verschiedenen Ebenen begründet sein könnte: Einerseits über die uns eigenen Spiegelneuronen, andererseits aber auch über physiologische Vorgänge in viel älteren Hirnregionen. Auf dieser Ebene könnte etwa auch die fast unheimlich anmutende Fähigkeit vieler Mütter beruhen, die leisesten Rufe ihrer eigenen Kinder zu hören - ohne sich dabei von fremdem Kindergeschrei ablenken zu lassen.

Eine interessante mögliche Parallele zum Menschen zeigte sich übrigens, als die Forscher das Verhalten weiblicher und männlicher Tiere verglichen: Die Rattenfrauen halfen eingesperrten Artgenossen deutlich häufiger als die männlichen Ratten. (Matthias Gräbner)

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