Das Modell Rojava

Hierarchische, antidemokratische Männergesellschaften

Die große Gemeinsamkeit aller Staaten im Nahen Osten

Die große Gemeinsamkeit aller Staaten im Nahen Osten ist gekennzeichnet durch hierarchische, antidemokratische Männergesellschaften. Dies ist ein wesentliches Element, warum keine demokratischen Staaten dort entstehen können. Der Hang zur Diktatur, zu narzistischem Machoverhalten, zu Klientelismus und Korruption ist groß.

Frauen sind vom politischen und gesellschaftlichen Leben in diesen Ländern praktisch ausgeschlossen, wie auch vielfach die ethnischen und religiösen Minderheiten. Demokratie bedeutet aber, dass alle gleichberechtigt an der Macht und allen gesellschaftlichen Organen beteiligt sind.

Nach der anfänglichen stalinistischen Ausrichtung der PKK haben sich die Kurden - sicherlich beeinflusst durch die Frauenbewegungen weltweit - dazu durchgerungen der Frauenfrage eine große Bedeutung zuzumessen. Dies hat auch Öcalan schon in den 1990er Jahren erkennen müssen, als immer mehr Frauen in den Organen der PKK Posten belegten.

So war z.B. die am 9. Januar 2013 in Paris ermordete Sakine Cansiz eine der ersten Kommandantinnen der PKK und das erste Mitglied der Frauenpartei, die 1995 nach dem ersten kurdischen Frauenkongress gegründet wurde.

Seit seiner Gefängniszeit befasst sich Öcalan mit verschiedenen Theoretikern und ist deutlich vom Stalinismus abgerückt. Er verfasste verschiedene Schriften, unter anderem auch zur Frauenfrage:

Für eine demokratische Nation ist die Freiheit der Frau von großer Bedeutung, da die freie Frau die befreite Gesellschaft konstituiert…Darüber hinaus ist es von revolutionärer Bedeutung, die Rolle des Mannes umzukehren.

Ob ein Königshaus in Saudi-Arabien oder Diktatoren wie einst Saddam Hussein oder Gaddafi oder wie jetzt ein kurdischer Stammesfürst Barzani - ihre Ökonomie wird grundlegend bestimmt durch die Öldollars und Frauen sind aus dem öffentlichen Leben ausgeschlossen.

Es wird nichts produziert, es fehlt an Bildungsinstitutionen für die Bevölkerung und damit wird Emanzipation verhindert. Nur so kann es sein, dass Frauen bei den politischen Kontrahenten Saudi Arabien und Iran derartig gesellschaftlich ausgegrenzt sind, die Genitalverstümmelung entgegen der gängigen Meinung sich nicht nur auf Afrika beschränkt, sondern auch im Nordirak verbreitet ist.

Rojava stellt die Systemfrage, daher die Gegnerschaft

Alle Staaten im Nahen Osten haben kein Interesse am Gelingen des Experiments Rojava, weil es die Systemfrage stellt. Emanzipationsbewegungen werden weltweit nicht zugelassen und schon immer bekämpft oder diffamiert, weil sie den Kapitalismus in Frage stellen - momentan den Neoliberalismus. Der Neoliberalismus braucht möglichst abhängige Regierungen. Rojava steht dem entgegen, weil es kaum Schnittstellen zum Kapitalismus herstellt und gleichzeitig die reinen Männergesellschaften in Frage stellt.

Rojava ist als Gegenentwurf zu ihrem eigenen Gesellschaftsmodell von allen Regimen im Nahen Osten nicht gewollt. Es ist für den Nahen Osten eine Revolution, die keiner will. Die westliche Wertegemeinschaft setzt auf Demokratie, Menschenrechte, Frauenemanzipation, Rechtsstaatlichkeit und Glaubensfreiheit - aber gerade im Fall Rojavas verstößt sie wieder einmal gegen ihre eigenen Werte, indem sie dieses Experiment verhindert statt unterstützt. Ähnelt die westliche Welt damit ungewollt den diktatorischen Staaten des Orients?

Obama proklamiert in seiner letzten Rede demokratische Werte, aber werden sie dann einmal wie in Rojava eingehalten, zählen sie wegen geopolitischer Interessen plötzlich nicht mehr.

Der Westen hat sich davon verabschiedet, diese Werte als Grundlage des eigenen Handelns zu beachten. Anscheinend werden Werte wie Demokratie und Menschenrechte nur noch instrumentell gebraucht. Damit sind sie allerdings kein Wert mehr, sondern nur noch Mittel zum Zweck und leere Hülle. (Elke Dangeleit)