Das Murdoch-Spektakel

LulzSec überschrieb die Titelseite der Murdoch-Zeitung "The Sun"

Ein mysteriöser Todesfall, Medienhacking als Aktionskunst und die Ausbreitung des Skandals über den Atlantik

War es ein natürlicher Tod, Selbstmord oder doch Mord? Die Frage dürften sich heute Millionen in aller Welt stellen, die das Spektakel um den Fall Murdoch verfolgen. Der erste Whistleblower, der Mann, der den Abhörskandal ins Rollen brachte, ist tot aufgefunden worden. In einem Alter, in dem man nicht ohne weiteres stirbt, genau zu dem Zeitpunkt, wo der Skandal um den Murdoch-Konzern das britische Parlament erreicht hat und der Medienmogul vielleicht sogar um sein Imperium bangen muss.

Von Drogen- und Alkoholmissbrauch des Whistleblowers war die Rede in der morgendlichen Radionachricht über den Tod und zugleich davon, dass die Polizei keinen Verdacht im Zusammenhang mit dem Tod habe. Solche Mitteilungen, die im Zeitalter von Twitter, SMS und ähnlichen Kurztexten, beim Empfänger innerlich mit einem Grinsen versehen werden, haben natürlich den genau gegenteiligen Effekt: Sie vergrößern den Verdacht, dass hier Schmutz im Spiel ist. Weil schon die ganze Affäre nur im Schmutz herumführt.

Wo selbst die Führung von Scotland Yard, aka Metropolitan Police, ein paar Füße oder Ohren drin hatte. So tief, dass man umstrukturieren musste. Das Vertrauen in die Polizei ist dadurch nicht derart gewachsen, dass man bei einem Todesfall, wo auch gleich der nächste private Schmutz ausgepackt wird, die angebliche Drogen-und Alkoholsucht des Opfers, die Aussage der Kriminaler (in diesem Fall der Hertfordshire Police) für bare Münze nimmt.

Nicht bei diesem Spektakel, wo sich nacheinander die größten Falltüren geöffnet haben. So dass nun auch Premierminister Cameron nicht mehr auf sicherem Boden steht. Als Außenstehender kann man sich nur wundern oder, wie es in Foren bei dergleichen Fortsetzungsgeschichten heißt, Chips holen und Bier kaltstellen.

Höhere Ironie und Spiel

Und schauen, wie Aktionskunst im 21. Jahrhundert aussieht. Wie das geht, dieser in den letzten Jahren politisch sehr verharmlosten Disziplin Frische und tatsächlich auch ein großes Publikum zuzüführen, bewiesen die Neosituationisten von LulzSec mit ihrem Auftritt auf der Webseite des Boulevardblatts "The Sun", wo sie eine hübsche Revolver-Geschichte auftischten, bei der Murdoch in den Garten wankt und tot umfällt, wegen einer Überdosis Palladium. Weil LulzSec für die Performance die Sun-Sicherheitsvorkehrungen ausspielte, dürfte dies auch beim Fachpublikum manche Schadenfreude ausgelöst haben.

LulzSec überschrieb die Titelseite der Murdoch-Zeitung "The Sun"

Und dass LulzSec mit der fingierten News die Wirklichkeit der Boulevard-Nachrichten genauso entstellt darstellt, wie sie ja in Wirklichkeit auch sind - in diesem Fall einmal auf Kosten Murdochs - ist nur eine Spielfläche im großen Game. Theater im Theater. Wie dies auch der Ausschnitt aus der Falschmeldung zeigt:

One detective elaborates.
"Officers on the scene report a broken glass, a box of vintage wine, and what seems to be a family album strewn across the floor, containing images from days gone by; some containing handpainted portraits of Murdoch in his early days, donning a top hat and a monocle (!)."
Another officer reveals that Murdoch was found slumped over a particularly large garden hedge fashioned into a galloping horse. "His favourite", his butler, Davidson, reports.

Es hat natürlich eine bittere Ironie, dass der Mogul Morduch jetzt Hauptfigur einer Erzählform ist, wovon der Boulevard lebt: der Niedergang eines VIPs. Jetzt delektiert sich die Öffentlichkeit am Schmutz dieses Mannes, wie sich Leser der News of the World mit schmutzigen Details aus dem Leben von Prominenten und Hauptfiguren von Nachrichten unterhalten ließen.

Die moralische Vorkommenheit der anderen

Als Beobachter der moralischen Verkommenheit anderer hat man auch eine schöne Position, wie etwa ein Artikel des Nouvel Observateur vorführt, der ein wenig stolz darauf verweist, dass solche Eclats wie die News of the World-Skandal in Frankreich gar nicht vorkommen können. Dafür seien die Mediengesetze zu scharf und die Kultur der französischen Blätter zu weit von solcher Agressivität entfernt, die nötig ist, um die Grenzen des Privatlebens derart zu missachten wie Murdochs Schnüffler.

In den USA versuchte das Wall Street Journal eine Verteidigung ihres Herausgebers und der News of the World. Im Bruch mit der bisherigen Gepflogenheit, nicht über den umstrittenen Verleger kommentierend zu schreiben, um sich den Verdacht allzu großer Nähe zu entziehen, stellte sich ein Meinungsartikel deutlich hinter Murdoch und die News of the World.

Das moralisch glitschige Gelände wurde dabei mit Stiefeln betreten, die alles auf das selbe Niveau runtertrampeln. Es gebe hier keine moralisch überlegenen Konkurrenten, so das Argument des Kommentars, auch der Guardian - der maßgeblich an den Enthüllungen zum Abhörskandal beteiligt war - arbeite mit fragwürdigen Methoden wie alle anderen Zeitungen außerhalb der jetzt angeschwärzten News Corperation auch.

Da das Wall Street Journal-Editorial keine Belege für solche Vorwürfe beisteuerte, die mit der Höhe des gegenwärtigen Skandals mithalten können, gab es bereits die ersten erzürnten Reaktionen von anderen Journalisten. So einfach kann man sichs nicht machen.

Diskussionen und 9/11

Das Editorial könnte, da es sehr grundsätzlich gehalten ist, eine größere Diskussion in den USA nach sich ziehen (schon jetzt gibt es über 600 Kommentare auf der Seite), zumal die Abhörskandalwelle bereits auf der anderen Seite des Atlantik züngelt. Dass das Wall Street Journal möglicherweise Glaubwürdigkeit und Leser verliert, ist nicht das Schlimmste, das Murdoch befürchten muss. Sollte sich herausstellen, dass, wie gemunkelt wurde, auch 9/11-Opfer abgehört wurden, könnten Murdochs Schwierigkeit durchaus das Sommerloch überdauern. Das FBI ermittelt in der Sache bereits seit letzter Woche. (Thomas Pany)

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