Das Museum im Zeitalter seiner Virtualisierbarkeit

Nach objektiven Kritierien ist die Darstellung der Gemälde nicht hochauflösend. Man kann jedoch so nah heranzoomen, dass kleine Details sichtbar werden. Der Effekt auf das Präsenzgefühl ist groß - als könnte man die Farbe berühren. Screenshot: Mario Donick

Die Form des Virtuellen - Vom Leben zwischen zwei Welten

"Augmented Reality ist der heiße Scheiß der Stunde, Virtual Reality scheint dagegen fast vergessen" - so der Teasertext der letzten #heiseshow. Unabhängig von den konkreten Überlegungen in der Show und auch unabhängig von der Frage, ob sich denn nun Virtual Reality, Augmented Reality, keines von beidem oder etwas ganz anderes in Zukunft durchsetzen wird, bringt der Teasertext gut eine aktuelle Herausforderung auf den Punkt: Wie können wir die Rolle von Medien einschätzen, ohne es dem jeweils aktuellen "Hype" zu erlauben, uns vor sich herzutreiben?

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Den nötigen Abstand zu wahren, ohne neuen medialen Entwicklungen gleich schon kritisch eingestellt zu sein, war freilich schon immer eine Herausforderung in Medien- und Kommunikationsforschung. Spätestens, seit es die Fotografie gibt, macht man sich Gedanken über die Rolle oder sorgt sich um die Wirkung technischer Kommunikationsmedien.

Ein besonders bekanntes Beispiel in dieser Hinsicht ist Walter Benjamins Essay über "Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit" (1936). Benjamin behandelt in dem Essay das Problem, dass Kunst zwar schon immer reproduzierbar war, dass aber technische Formen der Reproduktion ganz neue Auswirkungen haben - ganz besonders in Hinblick auf die Echtheit und damit den besonderen Wert des Kunstwerks.

Während die handwerklich hergestellte Fälschung eines Bildes die Echtheit des Originals eher noch hervorhebt, würde die Fotografie eines Bildes "sein Hier und Jetzt [entwerten]"1. Dies deshalb, weil Fotografie erstens Aspekte hervorheben kann, die erst durch die Linse des Fotoapparats sichtbar werden, und weil sie zweitens ein "Abbild des Originals in Situationen bringen [kann], die dem Original selbst nicht erreichbar sind"2.

Auf einem Foto eines Gemäldes sieht man also einerseits anders und anderes als auf dem Original, und man sieht es zudem losgelöst von seinem ursprünglichen Kontext. Benjamin spricht hier vom Lösen des Kunstwerks von seiner Tradition3. Durch die massenhafte Reproduktion verkümmere die "Aura" des Kunstwerks4.

Achtzig Jahre nach Benjamins Essay haben Fotografie und Film eine Qualität erreicht, die so perfekt ist, dass sie nahezu unwirklich wirkt. Bilder sind hoch aufgelöst und von kristallklarer digitaler Qualität, nach Byung-Chul Han "lebendiger, schöner, besser […] als die mangelhaft wahrgenommene Realität"5). Han kritisiert die Abwesenheit jeder Unschärfe, durch die ein Bild erst interessant werde6.

Nun ist es nicht mehr nur die Aura des Kunstwerks, die im Foto verschwindet, sondern das Besondere des Fotos (das, was Roland Barthes als "punctum" bezeichnet hat), ist nach Han heute ebenfalls verloren: das unintendierte Getroffenwerden durch Bilddetails7, die uns nicht nur kurzzeitig schockieren, sondern innerlich, langfristig berühren, ohne dass dies vom Fotografen beabsichtigt worden wäre. Bilder, denen das punctum fehlt, sieht man sich an und vergisst sie gleich wieder8; sie dienen nur dem interessierten "studium"9.

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