Das NSU-Trio und die seltsamen Spuren eines V-Mannes

Kein Einzelfall

Zumal es kein Einzelfall war. Ein andermal tadelte ihn Burkhardt: "Nicht am Telefon!" Und Starke räumte ein: "Hab ich auch nicht gemeint. Richtig: Treffen!" Mit über 30 war er einer der älteren Skinheads in der Szene, erfahren und in Sachen Konspiration durchaus geübt. Handelte es sich bei dem doppeldeutigen Telekommunikationsverhalten Starkes etwa um Spuren, die er für die Ermittler legte, um verdeckte Hinweise?

In einem anderen SMS-Verkehr vom August 1998, der im thüringer Untersuchungsausschuss zu Sprache kam, tauschten sich Burkhardt, Starke und Mandy Struck, gegen die heute gleichfalls ein Verfahren wegen NSU-Unterstützung läuft, über einen Umzug in eine "neue Wohnung" aus. Dabei hätten die Telefonüberwacher der Polizei derart kryptische Sätze bemerken können, wie: "Könnten wir Waschmaschine, Herd, Tisch für 'unsere neue Wohnung' borgen?" - "Meine Matratzen gehen mit - Max". Auffällig unter anderem: "Unsere neue Wohnung" stand jeweils in Anführungszeichen.

Doch offensichtlich fiel den Fahndern damals nichts Verdächtiges auf. "Ein Umzug war für diese jungen Leute nichts Ungewöhnliches", sagte einer von ihnen, Sven W., zu den Abgeordneten in Erfurt: "Allein mit der Wohnung hätten wir das Trio nicht gehabt."

Heute weiß man, dass Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe im August 1998 tatsächlich von einer Wohnung in eine andere innerhalb von Chemnitz umzogen. Und das unter den Augen einer oder mehrerer V-Personen?

Thomas Starke kann weder von einem parlamentarischen Untersuchungsausschuss noch vom Oberlandesgericht in München befragt werden. Als Person gegen die ermittelt wird, hat er das Recht die Aussage zu verweigern. Das hat er in München auch in Anspruch genommen.

Im Untersuchungsausschuss von Baden-Württemberg erwähnte ein Vertreter des Bundeskriminalamtes (BKA), das Trio habe den Kontakt zu Starke abgebrochen, weil er einmal mit seinem Handy zu einem Treffen mit den dreien erschienen sein soll. Die Angabe stammt von Starke selber und muss nicht unbedingt stimmen. Sie könnte eine Schutzbehauptung sein, - auch im Interesse einer Behörde - um einen tatsächlichen Kontakt zum Trio zu verschleiern. Doch wenn so war, wie es Starke dem BKA erzählte - führte er sein Handy dann bewusst mit sich, als er die drei traf? Verfolgte er einen Zweck damit?

An die Person Thomas Starke, der den Namen seiner Frau angenommen hat und sich heute Thomas Müller nennt, knüpft sich unverändert ein Vielzahl von Fragen.

Starke war langjähriges Mitglied der rechten Skinheadszene von Chemnitz. In den 90er Jahren war er einmal ein paar Monate mit Beate Zschäpe liiert, später lieferte er Sprengstoff nach Jena. Kein Zufall also, dass er im Januar 1998 die erste Anlaufstation der drei Flüchtigen in Chemnitz war.

Im Jahr 2000 war Starke in Herstellung und Vertrieb der letzten Landser-CD "Ran an den Feind" involviert und wurde im Rahmen des Strafverfahrens gegen die Band als V-Person verpflichtet (VP 562). Die Zusammenarbeit dauerte bis zum Auffliegen des NSU im November 2011, elf lange Jahre.