Das Netzwerk wankt, reformpädagogische Leuchttürme stürzen

Nach der Odenwaldschule und der Helene-Lange Schule könnte es auch auf dem "Birklehof" in den Fünfziger Jahren zumindest einen Fall von sexuellem Missbrauch gegeben haben

Irgendwie fühlt man sich mittlerweile an den berühmten Domino-Effekt erinnert. Ein pädagogischer Leuchtturm nach dem anderen wankt und droht mit Karacho einzustürzen. An katholischen Einrichtungen mit ihren autoritären Strukturen und rigiden Erziehungsstilen konnte der eine oder andere sich das ja noch vorstellen. Aber an den reformpädagogischen Einrichtungen, die nicht nur eine andere Schule wollten, eine "freiere", "ganzheitlichere" und von "Notenzwängen" und "starren Unterrichtsformen" befreite, sondern auch einen "neuen Menschen" erziehen wollten, einen mündigeren und selbsttätigen, ganzheitlich gebildeten und selbstbestimmt und selbstverantwortlich handelnden?

So musste vor wenigen Tagen auch die ehemalige Leiterin der Helene-Lange Schule in Wiesbaden, Frau Enja Riegel, einräumen, dass es auch an ihrer Schule 1989 Fälle sexuellen Missbrauchs gegeben hat. Anders als die Verantwortlichen der Odenwaldschule hat sie nicht darauf gewartet, bis eine Zeitung die Fälle aufgedeckt hat, sondern ist selbst an die Öffentlichkeit getreten.

Ob durch eigenen Antrieb oder eher durch öffentlichen Druck, darüber kann nur spekuliert werden. Die Vermutung liegt aber nahe, dass die Pädagogin die Flucht nach vorne angetreten hat, weil auch sie fürchten musste, dass der Vorfall sehr bald ans Licht kommen würde.

Doch mit der ganzen Wahrheit scheint die bundesweit bekannte Reformpädagogin nicht herausgerückt zu sein. Zwar musste der betroffene und inzwischen verstorbene Kunstlehrer seinerzeit die Schule verlassen, danach war er aber noch des Öfteren an der Schule zu Projekten zugegen, weil er, so Frau Riegel, ein exzellenter Fotograf war. Dass der Lehrer später auch an gemeinsamen Buchprojekten mitgearbeitet habe, unter anderem auch mit Gerold Becker, findet Frau Riegel nicht weiter tragisch. Sie habe ihm seine Taten längst vergeben.

Zumindest die Eltern der in der Sauna offenbar befummelten Schüler scheinen das etwas anders zu sehen. "Endlich kommt die Sache die ganze Wahrheit heraus", sagten die Eltern gegenüber der FR.

Pikant scheint an dem Fall, dass auch die Helene-Lange Schule eine höchst eigenwillige Einstellung zum demokratischen Rechtsstaat zeigt. Ausgerechnet von ihr, bei der nach eigener Darstellung "die Wahrung der Menschenwürde" oberstes Gebot ist und die "zu den Werten einer demokratischen Gesellschaft in solidarischer Verantwortung" erziehen will.

Doch auch an dieser mit Preisen hoch dekorierten Schule, die u. a. bei PISA als eine der besten Schulen Deutschlands ausgezeichnet worden ist, mit Ergebnissen, die noch vor den finnischen rangierten, glaubte man ganz offenbar, straffälliges Verhalten unter Umgehung der Behörden in Eigenregie regeln zu können. Die Angst um Image und öffentlichen Ruf der Schule scheint in vielen solchen Fällen größer zu wiegen als das Vertrauen in den Rechtsstaat.

Pikant ist der Fall aber auch deswegen, weil Gerold Becker, ehemaliger Schulleiter der "Odenwaldschule" und als Drahtzieher der dortigen Missbrauchsfälle beschuldigt (Knabenliebe zum pädagogischen Prinzip erhoben), nicht nur ein langjähriger Berater der Schule und pädagogischer Weggefährte der Schulleiterin war, sondern dort auch ein gern und häufig gesehener Gast. (Hier wurde irrtümlich ein Zusammenhang von Becker mit Reinhard Kahl in Zusammenhang mit der Herstellung eines Films gemacht. Daher haben wir den Satz entfernt - die Red.) Und das auch noch nach den massiven Vorwürfen, die gegen Gerold Becker erhoben wurden und die zu einem Verlust einiger seiner Ämter geführt hatten, ehe er dann durch die Unterstützung seiner Freunde wieder an herausragenden und verantwortlichen Stellen seine Ansichten zur "anderen Rolle" des Lehrers, der Schule und des Unterrichts zum Besten geben durfte, auf Symposion und in Fachzeitschriften, im Funk und im Fernsehen.

Das Internat Birklehof, neben "Salem" und "Wickersdorf" reformpädagogisches Projekt der aus dem Stefan George Kreis stammenden Familien Picht und Becker, scheint bislang von derartigen Fällen verschont gewesen zu sein. Von der "Badischen Zeitung" jüngst auf mögliche Missbrauchsfälle angesprochen, erklärte Schulleiter Christof Laumont, dass ihm keine Fälle bekannt seien.

Als 1999 Missbrauchsvorwürfe an der "Odenwaldschule" laut wurden, habe man eine interne Überprüfung veranlasst. Verdachtsmomente hätten sich damals aber nicht ergeben. Nach den neu bekannt gewordenen Missbrauchsskandalen an anderen Schulen habe man am "Birklehof" zwar abermals eine "äußerst vorsorgliche Überprüfung" vorgenommen, aber wiederum keine Anhaltspunkte dafür gefunden.

Diese Aussage der Schulleitung könnte nach den "Telepolis" vorliegenden Informationen aber falsch sein. Der betreffende Fall liegt allerdings mehr als fünfzig Jahre zurück und stammt aus dem Jahre 1953. Es könnte daher durchaus sein, dass er den Verantwortlichen der Schule gar nicht bekannt ist. Archiviert sind Fall und anwaltlicher Schriftverkehr im Nachlass Hellmut Beckers, Geheimes Preußisches Staatsarchiv; Findbuch Signatur: VI HA NI Becker, H. - Becker, Hellmut, Nr. 1423 "Birklehof".

Der besagte Lehrer hieß Dr. G. Bevor er bis 1953 Latein am "Birklehof" unterrichtete, war er im dortigen Platon-Archiv als "Hauserwachsener", wie das damals hieß, tätig. Der Psychiater, der die Begutachtung führte, ob bei dem Täter oder bei den Opfern ist unklar, hieß Dr. Kütemeyer und war an der Ludolf-Krehl-Klinik in Heidelberg tätig. Dieser war wiederum ein enger Freund Hellmut Beckers und Gegner Alexander Mitscherlichs, der ebenfalls mit Becker gut befreundet war. Die Versicherung, bei der der "Birklehof" damals haftpflichtversichert war, war danach die "Albingia-Versicherung". Namen und Zahl der betroffenen Schüler sind unbekannt.

Warum sich die Notiz ausgerechnet im Nachlass Hellmut Beckers findet und nicht bei Georg Picht, dem damaligen Anstaltsleiter, oder in den Unterlagen der Schule, hat vermutlich einen einfachen Grund. Becker war von Haus aus Jurist und Anwalt und hat offensichtlich die anwaltliche Vertretung des "Birklehofs" in dieser Sache übernommen und sich mit der "Albingia" auseinandergesetzt.

Nach seiner Suspendierung 1953 fand G. scheinbar eine neue Beschäftigung beim "Klett Verlag", den er später auf Veranstaltungen des DGB und anderen Verbänden repräsentierte. Eine Teilnehmerliste, auf der G.'s Teilnahme an einer späteren DGB-Veranstaltung dokumentiert ist, liegt "Telepolis" ebenfalls vor.

Verwunderlich ist die Neuanstellung nicht, zumal nicht nur die Kinder des Verlegers Ernst Klett auf den "Birklehof" gingen, sondern zu der damaligen Zeit auch einer seiner Söhne. Mit den Verhältnissen am "Birklehof" war der Verleger jedenfalls bestens vertraut. In einem Brief an den Internatsleiter Georg Picht beschwerte er sich damals über den seiner Meinung nach etwas losen Umgang mit Symbolen und Disziplin.

Ob es im Falle G's eine Art "Kuhhandel" gegeben hat, wonach die fristlose Kündigung durch ein nachfolgendes Angestelltenverhältnis "kompensiert" wurde, kann aber nur vermutet werden. Jedenfalls findet der betroffene Lehrer, dessen Name "Telepolis" bekannt ist, sich später auf der Lohnliste des Verlages wieder.

Um das Geschehen richtig einordnen zu können, nochmals zur Erinnerung: Den "Birklehof" leitete bis Ende 1955 der Stefan-George-Schüler Georg Picht, enger Freund von Carl Friedrich von Weizsäcker. Hier auf dem "Birklehof", das zunächst als rein humanistisches Gymnasium gegründet wurde, sollte endlich das "andere Deutschland", das sich Stefan George einst ausgemalt hatte, seinen Anfang nehmen.

Neben Cora von Weizsäcker und Carl Friedrich von Weizsäcker war auch Martha Liegle dort, die Tochter des einstigen Privatlehrers von Georg Picht, der ebenfalls dem George-Kreis entstammte und den damals Neunjährigen auf intime Weise in die Geheimnisse des Kentauren Chiron und seines Schülers Achill einweihte.

In Pichts Erinnerung an den Hauslehrer heißt es: "Ich sehe ihn noch heute vor mir, wie er mir gegenüber am Tisch saß und seine tiefschwarzen Augen unter den dichten Augenbrauen auf mich richtete, Augen, die lächeln, die fragen, die aber auch unheimlich drohen konnten; wenn sie mich ruhig anblickten, waren sie von einer unergründlichen Stille, in der ich zu versinken glaubte wie in einem dunklen Waldsee."

Durch Georg Picht lernte Hellmut Becker die Texte Stefan Georges kennen, und durch ihn wird er auch mit Georges geistiger Welt vertraut gemacht. Was der Philosoph Platon für Picht war, für den er unter dem Dach des "Birklehofs" eigens ein Archiv eingerichtet hatte und manchem Altnazi nach dem Krieg die Chance bot, auf der Schule beruflich tätig zu sein, wurde Stefan George nun für Hellmut Becker zur mythischen Saga. Zusammen riefen die beiden Freunde anno 1964 dann die "deutsche Bildungskatastrophe" aus und avancierten so später mit zum geistigen Ahnherren und Wegbereitern der deutschen Bildungsreform.

Miteinander bekannt waren Georg Picht und Hellmut Becker über ihre Väter Werner und Carl Heinrich. Beide gehörten dem engeren Umkreis des Dichters Stefan George an, der den "pädagogischen Eros" und die "Knabenliebe" zum Lebensprinzip erhoben hatte. Niedergelegt und nachgelesen werden können die Aktivitäten des Dichters und seines Umkreises in den Büchern von Thomas Karlauf und Ulrich Raulff (Rhizome des Geheimen Deutschlands).

Leitete Carl Heinrich Becker vor dem Krieg noch das preußische Kulturministerium, war Werner Picht zu den Nazis übergelaufen. Bestens bekannt war Hellmut Becker auch mit der Familie Weizsäcker. Neben Georg zählte auch Carl Friedrich von Weizsäcker zu seinen besten Freunden.

1953 kommt wiederum auf Empfehlung von Hellmut Becker Hartmut von Hentig 1953 als Lehrer an den "Birklehof", in dem Jahr also, in dem sich der Vorfall ereignet haben könnte. Es könnte also durchaus sein, dass er von den Vorgängen damals gewusst oder zumindest davon gehört hat. Sein Vater Werner Otto von Hentig kannte sowohl die Familien Becker und Picht als auch die Weizsäckers recht gut. Während der Weimarer Zeit war Werner Otto von Hentig wie Ernst von Weizsäcker, der Vater der Weizsäcker Kinder, im Außenministerium Ribbentrops als Botschafter tätig.

Zudem kannten sich Werner Picht und Werner Otto von Hentig aus der Mitarbeit in der Abraham Lincoln-Stiftung, einem "geheimen" Ableger der Rockefeller-Stiftung, deren Präsident wiederum Carl Heinrich Becker war. Folglich kannten sich auch die Kinder recht gut. Hinzu kommt, dass Vater von Hentig auch ein recht guter Bekannter Marion Gräfin Dönhoffs war, die wiederum mit den Weizsäckers in Verbindung stand und laut Ulrich Raulff eine "Georgine" war wie Edgar Salin, bei dem sie in Basel promovierte.

Zehn Jahre später wurde Hartmut von Hentig auch ordentlicher Professor an der Universität Göttingen. Dort lernte er vermutlich Gerold Becker kennen, der später sein Lebenspartner und Liebhaber wurde. Gerold Becker war seinerzeit Assistent am "Pädagogischen Seminar" von Heinrich Roth, der zu den Gründungsmitgliedern der Deutschen Bildungskommission gehörte. Roth war aber "nur" Leiter des Unterausschusses "Begabung, Begabungsförderung, Begabungsauslese" (Becker, H. Bildungsforschung und Bildungsplanung; edition suhrkamp, 1971, S. 75).

In Göttingen studierte damals aber auch Wolfgang Harder, der später auch an der "Odenwaldschule" unterrichtete und 1985 zum Nachfolger von Gerold Becker in die Schulleitung berufen wurde und der heute von den Vorlieben, Neigungen und Missbräuchen seines Mentors und Freundes ebenso wenig gewusst haben will wie Beckers Lebensgefährte Hartmut von Hentig.

Noch 1999, als die Vorfälle öffentlich wurden, versuchte Harder die Missbräuche klein zu reden und unter den Teppich zu kehren. Angesprochen auf die öffentlich gewordenen Eskapaden seines "Freundes" Becker antwortet er bislang nur ausweichend.

Dem Vorstand der "Odenbachschule" gehörte neben Sabine Richter-Ellermann, Teilhaberin der Tamedia AG, zu der auch der Züricher "Tagesanzeiger" gehört und die mit Dr. Ingo Richter verheiratet ist, dem ehemaligen Leiter des "Deutschen Jugendinstituts" in München und jetzigen Vorsteher der Coninx-Stiftung, die nebenbei auch die "Odenwaldschule" unterstützt, auch Florian Lindemann.

Florian Lindemann war damals nicht nur Mitglied des Vorstandes der "Odenwaldschule", er verteidigte Gerold Becker auch massiv öffentlich. 1999 sprach er gar bezogen auf die Anschuldigungen gegen Gerold Becker von einem "Missbrauch des Missbrauchs" und "profilgierigen Journalisten", die da am Werk seien.

Interessant in diesem Zusammenhang ist, dass Florian Lindemann heute nicht nur Geschäftsführer beim Frankfurter Bezirksverband des Kinderschutzbundes ist. sondern auch der Sohn von Dr. Helmut Lindemann, einem angesehenen Publizisten und gern nachgefragten Kommentatoren, der zusammen mit Georg Picht in den sechziger Jahren gegen den Bildungsnotstand in Deutschland "in die Schlacht zog" (Die kommunikative Klasse als Hoffnungsträgerin), hohe Ämter und Posten in der protestantischen Kirche bekleidete und von 1961 bis 1962 kurzzeitig Schulleiter auf dem "Birklehof" war. Dies geht aus Aufzeichnungen hervor, die Gerbert Hübner 2004 angefertigt hat.

Dazu überredet wurde Helmut Lindemann, und da schließt sich wieder ein Kreis, von Hellmut Becker, der, wie in vielen anderen Landerziehungsheimen auch, im "Birklehof" Vorstandsmitglied des Schulvereins war. Als Hellmut Becker seinen Freund Helmut auf dem Flughafen in Zürich fragte, ob er Schulleiter des "Birklehofs" werden wolle, brauchte es keine lange Überzeugungsarbeit. Helmut Lindemann gab seinen Beruf auf, verließ zusammen mit seiner Familie sein komfortables Haus am Bodensee und wurde Leiter der Internatschule. Sein Versuch, den "Birklehof" politisch links zu verorten, scheiterte allerdings damals am Widerstand von Eltern, Schülern und Lehrern.

Auch Bernhard Bueb, einst Assistent bei von Hentig und von 1972-1974 selbst an der Odenwaldschule als Internatslehrer tätig, bevor er nach "Salem", dem prominenten Ableger des "Birklehof" wechselte, will von den pädophilen Aktivitäten des pädagogischen Leiters Gerold Becker weder etwas gehört, gewusst noch bemerkt haben. Gegenüber dem "Stern" sagte er, dass er die Vorwürfe gegen Gerold Becker "bis heute nicht in Einklang mit der Person bringen könne, die ich ausschließlich als Freund und fürsorglichen Pädagogen kenne."

Auch diese Aussage ist ebenso fragwürdig wie die von Hentig in der SZ am Freitag (Männer, die zu sehr lieben), wo er nicht nur über den "pädagogischen Eros" und die erziehlichen Fähigkeiten seines Freundes philosophierte, sondern kurzerhand den Spieß umdrehte und Opfer und Therapeuten beschuldigte, seinen Lebenspartner Gerold Becker möglicherweise verführt oder ihnen den Missbrauch bloß eingeflüstert zu haben (Demontage eines Denkmals.

Und das, obwohl es ein offenes Geheimnis unter Lehrern wie Schülern der "Odenwaldschule" war, welche "pädagogischen" Absichten Becker noch verfolgt hat (Alle haben es gewusst). Verdrängung, emotionale Abhängigkeit und Realitätsverlust müssen beim einst bewunderten und verehrten Pädagogen demnach gewaltige Ausmaße angenommen haben.

Das kann man auch dem Interview entnehmen, das er in schriftlicher Form dem Spiegel gegeben hat (Voll Neid habe ich auf den Mann geblickt), auch und vor allem, um sein reformpädagogisches Projekt, das jetzt in Trümmern liegt, zu retten. (Rudolf Maresch)

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