Das Öl, die Interessen und das Meer

Verharmloser an der Spitze

Zur Ölkatastrophe kam ein katastrophales Krisenmanagement, bei dem sich besonders der BP-Vorstandsvorsitzende Tony Hayward hervortat, der alles klein reden wollte. Er meinte, der Golf von Mexiko sei ja ein großes Meer und versicherte am 18. Mai im Fernsehen der Öffentlichkeit: "Die Folgen der Katastrophe werden sehr, sehr begrenzt sein“ – seit Ende Juni ist er nicht mehr für das Ölpest-Management zuständig.

Der Verharmloser an der Spitze musste die Segel streichen, aber der Imageschaden und der gigantische finanzielle Verlust bleibt – genau wie die Ölpest. Sollte BP allerdings am Ende insolvent sein, hätten nur die konkurrierenden Energiekonzerne etwas davon, Entschädigungen gibt es dann nicht mehr und der Staat bliebe auf der Öllache sitzen.

Und andere Ölmultis produzier(t)en ihre ganz eigenen Katastrophen, auch wenn wie im Fall von Shell und der vehementen Umweltverschmutzung in Nigeria kaum noch öffentlich angeklagt (siehe auch: Video:: Shell Oil - The Awful Truth) wird. Ganz zu schweigen von der hervorragenden Zusammenarbeit von Ölfirmen mit korrupten Politiker auf Kosten der Bevölkerung wie im Nigerdelta (siehe Video: Oil War - Nigeria).

Vorher und Nachher für einen verölten Pelikan im Fort Jackson, LA Oiled Wildlife Center, Foto: International Bird Rescue Research Center. Lizenz: CC-BY-2.0

Site, Links und Facebook

Es ist natürlich im Interesse von BP, die Probleme eher herunterzuspielen und den Eindruck aufrecht zu erhalten, sie hätten alles im Griff. Ihre Versuche, die Öffentlichkeit möglichst das BP-Bild sehen zu lassen, sind entsprechend verständlich.

Neben dem „lockeren“ Auftreten von Tony Hayward setzte der Konzern dabei vor allem auf Informationskontrolle. Dazu gehörte der Kauf von einschlägigen Suchbegriffen wie „Oil Spill“ oder „Deepwater Horizon“ bei den Suchmaschinen Google und Yahoo. Wie eine Sprecherin des Konzerns mitteilte, diente das dazu, den Opfern der Ölpest einen schnellen Zugriff auf Hilfsangebote und Ansprechpartner zu ermöglichen. Kritiker sahen in der Aktion, die möglichst viele User auf die von BP eingerichtete Site Gulf of Mexico response bringen sollte, einen Versuch der Manipulation der öffentlichen Meinung. Die Kosten von ungefähr 10.000 Dollar pro Tag über Wochen hinweg kamen zu den 50 Millionen, die BP seit der Explosion für TV-Spots ausgegeben haben soll.

Das inzwischen eingerichtete Online-Portal Deepwater Horizon Response erweckt den Anschein, unabhängig zu sein (im Impressum steht die US-Küstenwache), in Wirklichkeit wird sie aber von PR-Profis im Auftrag von BP betreut (vgl. auch Gulf Spill Unified Command Communications Powered by PIER). Die entsprechenden, nach Bundesstaaten aufgeteilten lokalen Plattformen wie Florida Gulf Response oder Louisiana Gulf Response sind dagegen klar als BP-Sites gekennzeichnet.

Zudem setzte die Firma mit mäßigem Erfolg auf Twitter und Facebook. Über letztere Plattform vernetzen sich auch die Gegner, darunter mehr als 750.000 BP-Boykott-Unterstützer. Ende Juni war ihre Site plötzlich für mehr als neun Stunden offline. Ein reines Versehen, wie Facebook sofort versicherte (vgl. Admin glaubt nicht an versehentliche Abschaltung.

Viel kritisiert wird die Art wie BP grundsätzlich mit Journalisten umgeht. Manche vergleichen die starken Beschränkungen mit dem Embedded Journalism während des Golfkriegs und sprechen von Zensur. Nur wer sich alles vorher genehmigen lässt, bekommt Zugang zu verschmutzten Stränden oder eine Taucherlaubnis. Das ganze Gebiet sei eine einzige Sperrzone, so sorge BP dafür, dass möglichst wenige kritische Bilder produziert würden und das firmeneigene Material (Fleißige saubere Helfer am Strand, Flugaufnahmen vom blauen Meer, Einbringen von orange leuchtenden Ölsperren vor Schilfinseln etc. – kein Öl weit und breit zu sehen) von den Medien verwendet werde. Und von BP engagierte Ölbekämpfer vor Ort würden jede Auskunft verweigern, weil die Firma mit ihnen Stillschweigen vereinbart habe.

BP argumentiert dagegen mit Sicherheitsbedenken und der Notwendigkeit, dass die Helfer unbehindert arbeiten könnten. Immerhin gab es so viele Proteste von Medien, dass am 1. Juli in einer Pressemitteilung klar gestellt wurde. So erläuterte Manager Doug Suttles:

Ich kann es wirklich nicht oft genug betonen: BP stellt es natürlich allen Beteiligten frei, sich mit Journalisten über ihre persönliche Sichtweise und Erfahrungen auszutauschen, so sie dies tun wollen. BP hat bis jetzt niemanden davon abgehalten und wird dies auch zukünftig nicht tun, über ihre eigenen Erfahrungen zu sprechen oder ihre Meinungen zu äußern.

Eine mit Öl bedeckte Schildkröte wird auf dem Meer, mehr als 30 Kilometer von der Küste entfernt, gerettet und anschließend gereinigt. Bild: NOAA and Georgia Department of Natural Resources

Fische und Tourismus

Tatsächlich ist BP federführend für das Management der Krise und damit auch die Schadensbehebung vor Ort an den Küsten verantwortlich. In den USA ist der Verursacher derjenige, der die Kontrolle über die Koordination aller Maßnahmen hat, der Staat ist nur Überwacher. Die Küstenwache, die staatlichen Institutionen, die Experten vor Ort, alle bezahlten und freiwilligen Helfer, kurz: Alle Beteiligten werden von BP koordiniert. Und dass BP nicht begeistert ist, wenn da jemand die Klappe weit aufreißt, ist allen Beteiligten deutlich. Aber wer sollte der Welt überhaupt die schlimmsten Schäden zeigen wollen?

Die hauptsächlich Betroffenen an den Küsten von Louisiana, Mississippi, Alabama und Florida sind die Fischer, die in großen Teilen des Golfs von Mexiko nichts mehr fangen dürfen (vgl. NOAA Expands Fishing Closed Area in Gulf of Mexico) und somit ihrer Existenzgrundlage beraubt sind, dazu kommen die im Tourismusgewerbe Arbeitenden.

Die Fischer haben selbst ein großes Interesse daran, dass die Ölpest nicht zu grauenhaft dargestellt wird, damit sie bald wieder in ihre Fischereigründe ausfahren können. Außerdem bietet ihnen BP gerade lukrative Jobs in der Ölbeseitigung an. Allerdings sollten sie dafür Verzichtserklärungen bezüglich Entschädigungen unterschreiben, bzw. Pauschalen akzeptieren, was viele wohl bereits taten.

Verölte Algen im Golf von Mexiko. Bild: Georgia Department of Natural Resources

Ähnliches gilt für die lokalen Hoteliers und Gastronomen. Fast 45.000 Helfer hat BP vor Ort angeheuert, sie bringen Ölbarrieren aus und reinigen Strände. Sie haben Entschädigungen beantragt oder bereits bekommen, genau wie alle anderen, die sonst ihr Geld hauptsächlich mit Touristen verdienen wie die Ladenbesitzer, Taxifahrer oder Bootsverleiher. Niemand beißt gerne die Hand, aus der er Geld entgegen nehmen will – und alle vom Tourismus Abhängigen haben vor allem ein Interesse, dass möglichst bald wieder möglichst viele Urlauber kommen. Deshalb liegt ihnen eher daran, die Katastrophe eher klein zu reden, als sie aufzubauschen.

Ein Beispiel dafür ist der beliebte Badeort Pensacola in Florida, dessen Strände regelmäßig zu den schönsten der USA gekürt wurden. Am Unabhängigkeitstag tummeln sich jedes Jahr viele tausend Reiche und Schöne im feinen weißen Sand. Dieses Jahr nicht, draußen auf dem Meer schwimmt ein Ölteppich, die Wellen tragen Teerbatzen und Ölklumpen an den Strand und nur vereinzelte Touristen lassen sich blicken.

Da kann eine extra eingerichtete Website mit ständig aktualisierten Fotos – auf denen garantiert kein bisschen Öl zu sehen ist – noch so sehr zu beruhigen versuchen, längst haben die Touristen in Massen ihre Buchungen storniert. Und private Websites veröffentlichen ganz andere, erschreckende Bilder.

Da mag sich ein Augenzeuge aufregen, wenn BP einfach Sand über die Ölklumpen an einem Strand schütten lässt – die Tourismus-Branche vor Ort wünscht sich vor allem ölfreie Fotos ihrer Küsten-Abschnitte.

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