Das Phantom von Bagdad

Saddam Hussein ist wie Bin Ladin von der Bühne verschwunden, über sein Schicksal schießen Vermutungen ins Kraut

Im Afghanistan-Krieg war bekanntlich Bin Ladin untergetaucht. Möglicherweise sei er während der Bombardierung der Höhlen von Tora Bora verletzt oder getötet worden. Seitdem hatte er nur einige mediale Wiederauferstehungen (Warum schweigt bin Laden?). Die Wiederholung, dass die Hauptperson auch im Irak-Krieg verschwindet, ist schon seltsam. Und noch eigenartiger ist, dass Saddam sich nicht einmal in Form eines stellvertretenden Doubles zeigt. Von diesen soll es mehrere geben (Saddam ist nicht einer, sondern viele). Nur noch Texte werden im Fernsehen verlesen, die angeblich von ihm stammen sollen, er selbst trat nicht mehr im Fernsehen auf.

Im Pentagon und bei der US-Regierung hofft man natürlich, dass die ersten Bombardements, die den Zweck hatten, das Regime in Bagdad zu "enthaupten" und dadurch einen schnellen Zusammenbruch einzuleiten, doch Erfolg hatten, auch wenn nicht den erwünschten eines schnelles Zusammenbruchs des Regimes. Angeblich war man sich sicher, dass Hussein mit seinen Söhnen in dem Gebäude sich befand, das man schnell beschießen wollte, wodurch der Krieg eher beginnen musste, als eigentlich vorgesehen war (Saddam war das Ziel der Luftangriffe).

Doch Saddam trat darauf noch einmal im Fernsehen auf, wobei sich allerdings nicht erkennen ließ, ob es sich um eine ältere Aufzeichnung oder um eine Live-Ausstrahlung handelte – und ob es sich hier um Saddam selbst handelte (Was ist mit Saddam Hussein?). Später gab es noch einen Film, der ihn zusammen mit seinen Söhnen zeigte, aber ebenso wenig aussagekräftig war. Seit dem 20. März und dem Beginn des Shock-and-Awe-Krieges also weder ein glaubwürdig auftretender Saddam noch ein täuschender Double, nur Reden oder Aufrufe, die vorgelesen werden und von jedem aus der Führungselite stammen könnten.

"Wie wissen nicht, wie es Saddam heute geht", meinte Präsidentensprecher Ari Fleischer lakonisch, nachdem ein Fernsehauftritt von Saddam Hussein angekündigt, aber dann nur ein Text verlesen wurde. "Wir wissen seit zwei Wochen nicht, wie es ihm geht." Auch der unter Kritik stehende Verteidigungsminister Rumsfeld fragte rhetorisch und in Selbstrechtfertigung, wo die irakischen Regimeführer seien. "Die Nacht, bevor der Bodenkrieg begann, führten wir einen Schlag gegen ein Treffen von hohen Regimemitgliedern ('command and control') durch, und man hat von diesen seitdem nichts mehr gehört. Die Tatsache, dass Saddam Hussein nicht für seine Fernsehansprache auftrat, ist interessant."

Fleischer gab dann auch noch Kriterien dafür an, was Hussein machen müsste, um zu beweisen, dass er noch lebt. Er müsste ganz genau so seine Existenz beweisen, wie Entführer in Audio- oder Videoaufnahmen zeigen, dass ihre Geisel noch lebt:

"The ways that you would know is if you would see him in a live broadcast. If he was alive, if he showed something contemporaneous, if he would speak about an event that just took place that day, or the night before, then you might have information that he is alive and said something contemporaneous. We have not seen that, but we don't know. Proof that he would be dead would be if you saw a body. We don't -- we haven't -- we don't know."

Ganz offenbar ist für die US-Regierung die Regimespitze, allen voran natürlich Hussein, ein primäres Ziel in ihrer Politik, die mediengerecht und komplexitätsreduzierend das Böse personalisiert. Man könnte auch von einer Obsession sprechen, die den Persönlichkeitskult spiegelt, den Hussein selbst praktiziert hat. Fallen die Personen aus, lässt sich die Politik, wie man am Fehlen von Bin Laden und dem kaum mehr medienattraktive Höhen besitzendem Kampf gegen den internationales Terrorismus und dem diffusen Netzwerk sehen kann, nicht mehr so leicht durchsetzen. Mit einem lebendigen Hussein könnte man auch das Bedrohungsszenario aufrechterhalten, dass der Bösewicht, geht es ums eigene Überleben, letztlich doch die Massenvernichtungswaffen anwenden würde, die man in seinem Besitz vermutet. In die Ecke getrieben würde der ansonsten überlebenstaktisch klug agierende Diktator zu den letzten Mitteln greifen.

Wäre Hussein tot, so würde sich der Rest der Führungsschicht eher auflösen oder würde durch Machtkämpfe innerhalb der herrschenden Clique der Widerstand gegen die Eroberer/Befreier geschwächt werden, vermutet man wohl in der US-Regierung. Fehlt der Kopf, der mit brutaler Macht, aber vielleicht auch deswegen durch Charisma herrscht, so bricht auch die Unterstützung des Regimes in der Bevölkerung zusammen. Zumindest könnte aber auch sein, dass die Führungsschicht weiterhin eisern zusammenhält, weil sie mit dem Sturz des Regimes auch untergehen oder zum Opfer von Rache und Strafe werden würden. Von Auseinandersetzungen innerhalb der Regime-Führung ist bislang nichts zu vernehmen.

Möglicherweise aber versuchen die Regime-Mitglieder, die sich noch den Medien gegenüber zeigen, auch nur die Flucht des Diktators zu decken. Doch gleich, ob Saddam Hussein tot, verletzt oder geflohen wäre, so ist nicht nachzuvollziehen, warum man nicht einen der mehreren Doubles auftreten lässt, wenn es denn solche tatsächlich gibt oder diese sich nicht abgesetzt haben (nach Erkenntnissen des BND soll es freilich gar keine Doppelgänger geben, die Geschichte also selbst nur eine Verwirrungstaktik oder rin Gerücht sein). Vielleicht hat Hussein vom Schicksal oder Verhalten seines Vorgängers gelernt, der ihn kurzzeitig als Weltbösewicht der Zeit nach dem Kalten Krieg ersetzt hat. Man ergibt sich nicht, gibt auch nicht auf, kämpft auch nicht bis zum sicheren Tod, sondern verschwindet einfach, indem man sein Aussehen und seine Identität wechselt, um dann wesentlich unter der Schwelle eines Krieges im eigenen Land einen asymmetrischen Konflikt auszufechten. Das aber würde auch daran hindern, im Fernsehen aufzutreten und sein Aussehen, vielleicht auch seinen Aufenthaltsort preiszugeben.

Faszinierend sind natürlich auch die Vermutungen, wie sich Hussein verstecken könnte. Die Präsidentenpaläste sind zerstört, aber unter Bagdad soll es nicht nur zahlreiche, tiefgelegene und nahezu unzerstörbare Bunker geben, in denen sich Hussein wochen- oder monatelang aufhalten können soll, sondern auch ein geheimes weitverzweigtes Labyrinth an Tunnels, also eine Stadt unter der Stadt, für die es keine Karten gibt. Schon wieder also ein Netzwerk, nur diesmal unter der Erde, mit vielen Ein- und Ausgängen und Verbindungen, die eine Flucht ermöglichen und eine Verfolgung erschweren könnten. Und selbst wenn die Eroberer/Befreier einen Hussein töten oder fangen sollten, möglicherweise könnten sie nie sicher sein, den richtigen erwischt zu haben. Verschwunden, nur für tot erklärt, könnte der Diktator weiterhin eine gefährliche Macht darstellen, weil er – oder ein Double, das seinen Platz einnehmen kann, wenn er wirklich tot wäre - wundererbarerweise aus dem Untergrund als Befreier wieder auftauchen könnte.

Ob mit oder ohne Doubles: über das Phantom von Bagdad ließen sich so schöne und verwegene Spekulationen machen, dass es fast enttäuschend wäre, wenn er sich beweiskräftig noch einmal zeigen würde. Die New York Times zitiert einen "official“ der Bush-Regierung, der sagte, dass die Geheimdienste behaupten, auch manche der irakischen Kommandeure hätten schon länger nichts mehr von ihm gehört: "Und wir wissen es auch nicht. Daher kann man dies eine psychologische Kriegsführung oder die Ausbeutung des größten Geheimnises dort nennen.“ Amerikanische Militärs sagen, dass die meisten der Iraker, denen sie begegnet seien, glauben, Saddam Hussein sei noch am Leben. Das, so meinte ein Geheimdienstmitarbeiter, sei vermutlich auch der Grund, warum es bislang nicht zu Aufständen gekommen sei. Tatsächlich scheinen die Iraker nicht nur zu füchten, dass das Hussein-Regime vielleicht doch nicht gestürzt wird, sondern auch noch in den "befreiten“ Gebieten Angst vor Milizen, Geheimdienst oder Parteimitgliedern zu haben. Wie BBC berichtet, sollen die Menschen Angst haben, sich vor Kameras zu äußern, weil ihr Leben danach in Gefahr ist.

Allerdings weiß man anscheinend im Pentagon auch nicht, wer überhaupt derzeit an der Spitze des Regimes steht und die Truppen koordiniert. Offenbar ist der Irak, die Wiege der Kultur und das Land von Tausend und einer Nacht, doch auch ein perfektes "System von Lug und Trug“, wie Präsident Bush das irakische Regime nannte. (Florian Rötzer)